DIE BESTEN 10 IM JÄNNER

(c) Kiepenheuer & Witsch

1. Julian Barnes (25 Punkte)

"Vom Ende einer Geschichte", Kiepenheuer & Witsch

Wie wir unser Leben per Erinnerung so zurechtbiegen, dass alles einigermaßen nett aussieht und vor allem wir selbst nie als Bösewicht dastehen: Julian Barnes hat darüber mit "Vom Ende einer Geschichte" einen klugen und gleichermaßen melancholischen wie bitterbösen Roman geschrieben.
Im Zentrum steht eine Person, deren Ziel es ist, ohne allzu viel Schmerzen und Störfälle sein Leben bestreiten zu können: Hochzeit, Kind, Scheidung, das komplette Programm. Der 65-jährige Booker-Preisträger Barnes lässt seinen Ich-Erzähler die Geschichte einer Jugendbeziehung aus zwei zeitlich unterschiedlichen Perspektiven erzählen. "Vom Ende einer Geschichte" ist ein literarischer Rückblick, ein Verwirrspiel mit Sprache, Ort und Zeit.

(c) Suhrkamp

2. Thomas Bernhard/ Nicolas Mahler (20 Punkte)

"Alte Meister – gezeichnet von Mahler", Suhrkamp

Drei Männer im Kunsthistorischen Museum: der eine ist Museumswächter, die anderen beiden sind Freunde. Das Treffen vor dem Gemälde von Tintoretto artet in einen typischen Thomas Bernhard´schen Rundumschlag aus – auf die Philosophie und das Theater, die Kunst und die Menschen schlechthin. Der in Wien lebende Zeichner Nicolas Mahler hat den Text komprimiert und eine originell-amüsante Graphic Novel daraus gemacht.

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(c) S. Fischer Verlag

3. Marlene Streeruwitz (14 Punkte)

"Die Schmerzmacherin", S. Fischer

Eine junge, naive Frau in einer unbehaglichen Welt: Sie lässt sich zur Sicherheitsfachkraft ausbilden, obwohl dieser Beruf so gar nicht zu ihr passt, und sie hadert mit rivalisierenden Kolleginnen, mit Männerbeziehungen und der Familie. Gewohnt nüchtern und unsentimental geht Streeruwitz mit dem Sich-Nicht-Geborgen-Fühlens der Hauptfigur Amy um. "Mitleid lässt Streeruwitz nicht zu", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung", "Amy, Amalia, das «Amtscherl» ist nichts als haltlos, hilflos – und bedeutungslos. Genau mit ihr ist Marlene Streeruwitz jedoch eine bedeutende literarische Figur gelungen."

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(c) Zsolnay

4. ex aequo: Friedrich Achleitner (13 Punkte) NEU

"iwahaubbd", Zsolnay

Der aus Oberösterreich stammende, in Wien lebende Architekturkritiker und Literat Friedrich Achleitner ist ein großer Meister der kleinen Form. In diesen kurzen, pointierten lautmalerischen Gedichten, die über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden sind, hat Achleitner den Dialekt und die Diktion seiner ländlichen Heimat aufgegriffen. Das Resultat: amüsante, lakonische, tiefsinnige und wortspielerische Pretiosen.

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(c) Suhrkamp

4. ex aequo: Juri Andruchowytsch (13 Punkte)

"Perversion", Suhrkamp

Ein ukrainischer Künstler wird nach Venedig entführt, um dort an einem Symposion über den "postkarnevalistischen Irrsinn der Welt" teilzunehmen. Er verliebt sich in seine schöne Entführerin, die ihm verfällt und zugleich im Auftrag einer unbekannten Organisation bespitzelt. Der Roman des ukrainischen Autors, der im Original 1999 erschienen ist und erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, ist im wahrsten Sinn dem Karneval verpflichtet, eine literarische Dekonstruktion, ein Spiel mit erzählerischen Formen, Stilen und Traditionen.

(c) Droschl

6. Lydia Davis (12 Punkte)

"Formen der Verstörung", Droschl

In ihrer Heimat gilt der Erzählband der amerikanischen Autorin "Formen der Verstörung" bereits als Klassiker der Moderne, jetzt ist er auf Deutsch erschienen. Lydia Davis, sie war mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet, zählt mittlerweile zu den einflussreichsten Autorinnen in den USA. Knapp und genau erzählt sie Geschichten, die das Besondere im Alltäglichen aufspüren und dabei die Selbstverständlichkeit der Sprache in Frage stellen. Sowohl alltäglich als auch ungemein überraschend sind ihre Erzählungen, unterschiedlichst in der Form: Manche haben nur die Länge eines Satzes. Lydia Davis ist eine Meisterin der kurzen Prosa, gleichermaßen Denk- und Wortakrobatin, deren Texte sich nur scheinbar schnell lesen und in aller Kürze zum Innehalten zwingen.

(c) Zsolnay

7. ex aequo: Mircea Cărtărescu (10 Punkte) NEU

"Der Körper", Zsolnay

Der 55jährige rumänische Autor geht in dem zweiten Teil seiner "Orbitor"-Trilogie zurück ins kommunistische Bukarest der sechziger und siebziger Jahre, das er in überbordenden, halluzinatorischen Bildern beschreibt. Sein Buch ist voll von mythischen und mystischen Szenen und Figuren, Alltagsgeschichten wachsen sich aus zu Alpträumen, Phantasiertes vermischt sich mit Realität. "Ein einzigartiges Erzähl-Universum, so einzigartig (und mit ihnen in einem Atemzug zu nennen) wie Kafka, Joyce, Borges", begeistert sich Cărtărescus deutscher Schriftstellerkollege Uwe Tellkamp.

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(c) Rowohlt

7. ex aequo: William H. Gass (10 Punkte)

"Der Tunnel", Rowohlt

Sechsundzwanzig Jahre hat der 1924 geborene amerikanische Autor William H. Gass an diesem Roman geschrieben, der eine wahrhaft irrwitzige Geschichte erzählt. Im Mittelpunkt des fast 1100 Seiten starken Romans steht ein Historiker, der ein Monumentalwerk über Hitlerdeutschland verfasst hat und sich nun in seiner eigenen Ideologie zu verheddern beginnt. Außerdem macht er sich die Mühe, einen völlig sinnlosen Tunnel unter seinem Haus zu graben. "Eine literarische Herausforderung, die Tabus zerfetzt, provoziert und einen durch alle sicheren Böden brechen lässt", begeistert sich die "Neue Zürcher Zeitung".

(c) Zsolnay

7. ex aequo: Andrzej Stasiuk (10 Punkte)

"Hinter der Blechwand", Suhrkamp

Der Pole Andrzej Stasiuk folgt hier zwei Männer, die mit Second-Hand-Kleidung handeln, in die Ödnis und das Elend der Provinz. Es sind unwirtliche Gegenden, in denen mit chinesischen Händlern konkurriert werden muss, es gibt Gewalt gegen alle Lebewesen, Alkohol, Wut und Kriminalität. Ein schonungslose literarische Aufarbeitung der Tristesse östlicher Randgebiete und einer Männergesellschaft, die von Alkohol und eisernem Überlebenswillen gekennzeichnet ist.

(c) Zsolnay

7. ex aequo: Edmund de Waal (10 Punkte)

"Der Hase mit den Bernsteinaugen", Zsolnay

Eine Sammlung japanischer Figuren, sogenannter "Netsuke", ist der Ausgangspunkt des Romans, der die Familiengeschichte der Ephrussis, einer schillernden jüdischen Dynastie im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, erzählt. Autor Edmund de Waal, Professor für Keramik in London und Nachfahre dieser Bankiersfamilie, hat in ganz Europa recherchiert und seine Nachforschungen in bewegenden wie abenteuerlichen Geschichte niedergeschrieben.

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Der persönliche Tipp von Klaus Kastberger

"Marianne Fritz: Naturgemäß III / Noli me tangere / Rührmichnichtan! (nachgelassenes Typoskript)

Die österreichische Autorin Marianne Fritz (1948–2007) hat sich in ihrem Schreiben auf die ungeheure Tatsache eingelassen, dass im 20. Jahrhundert mitten in Europa Millionen von Menschen getötet und Leben in einem Großraum gelöscht wurde. In ihrem Schreiben versuchte sie, den ganzen Raum zu rekonstruieren. Deshalb mussten es tausende von Figuren sein, tausende von Orten und Jahrtausende, die die Darstellung umspannen. Mitten in all diesen Schichten und durch sie hindurch wachsen im Text die Kräfte der Vernichtung, man kann es förmlich sehen. Mit den 661 Seiten des nachgelassenen Typoskripts "Naturgemäß III" erreicht die Gewalt der Zerstörung ihren Höhepunkt und reicht in einen Zeitraum, den die Autorin in ihrem Werk bis dato ausgespart hatte: Die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Der Suhrkamp-Verlag, in dem das Werk von Marianne Fritz zu Lebzeiten erschien, zeigte sich bislang nicht geneigt, dem Text, der das "Festungs"-Projekt der Autorin beschließt, die Chance einer Leserschaft zu geben. Eine solche findet sich jetzt auf http://www.fritzpunkt.at/, wo "Naturgemäß III" seit kurzem elektronisch verfügbar ist.