DIE BESTEN IM FEBRUAR

Die Reihung im Überblick.

1. Antal Szerb

"Reise im Mondlicht", dtv premium
Ein Meisterwerk der ungarischen Literatur aus den dreißiger Jahren, neu entdeckt. Ein junges Paar auf Hochzeitsreise in Italien: Mihaly, der Bräutigam, verliert seine Braut - aus Versehen" auf einem kleinen Provinzbahnhof. Für ihn beginnt eine andere Reise: eine Schattenreise zu seinem Selbst. Ein Meisterwerk psychologischer Realistik.

2. Jáchym Topol

"Nachtarbeit", Suhrkamp
"Ein großer, ein wild wuchernder Roman", so feierte der Kritiker der "Neuen Zürcher Zeitung" den düsteren Pubertätsroman des 41jährigen Tschechen Jáchym Topol. Der Autor schildert die Erlebnisse zweier Buben, die im August 1968 aufs Land verschickt werden. Während in Prag der Dubceksche
Reformsozialismus von sowjetischen Panzern niedergerollt wird, erleben Ondra und Kamil im Riesengebirge ihre ersten Liebesturbulenzen. Überschattet wird die Abenteuerwelt der Heranwachsenden von rätselhaften Morden in der Gegend...
"Hätte Louis-Ferdinand Celine einen Jugendroman geschrieben, dann wäre vielleicht ein Buch wie Topols ,Nachtarbeit' herausgekommen", urteilte Christoph Bartmann in der Süddeutschen Zeitung.

3. John Updike

"Wie war's wirklich", Rowohlt
Updike auf der Höhe seiner Kunst: zwölf neue Short Stories, prickelnd geschrieben, voller Witz und Gentleman-Charme. Natürlich geht's (fast) immer um das Eine, wie immer bei Updike: Liebe, Sex und Ehebruch. Das sexuelle Paradies der 60er mit Partnertausch und Ehebruch und allen erotischen Finessen wird in diesen Texten ebenso heraufbeschworen wie des Autors
einsame Kindheit in den 30ern. Prädikat: lesenswert.

4. Fjodor Dostojewskij

"Die Brüder Karamasow", Übersetzung Swetlana Geier, Ammann
Fjodor Dostojewskis letzter Roman: eine packende Familiengeschichte aus dem Rußland des 19. Jahrhunderts. Die drei Brüder Karamasow verachten ihren Vater, einen alten lüsternen Trunkenbold, so sehr, daß sie seinen Tod herbeiwünschen. Als der Alte wirklich tot aufgefunden wird, gerät der älteste Bruder unter Verdacht. Die revolutionäre
Neu-Übersetzung von Swetlana Geier wird allenthalben als Bravourleistung gefeiert.

5. Christoph Hein

"Landnahme", Suhrkamp
Der deutsche Autor Christoph Hein erzählt die Lebensgeschichte eines Außenseiters in der deutschen Provinz: Bernhard Haber, Flüchtlingskind aus den "Ostgebieten", wächst im Sächsischen auf, er wird Fluchthelfer und später erfolgreicher Geschäftsmann. Der Protagonist selbst kommt in Heins
Roman nie zu Wort: Fünf verschiedene Erzähler, allesamt mit Haber bekannt, entwerfen sein Porträt. Ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte aufgerollt am Schicksal eines "Durchschnittsmenschen".

6. Jean-Philippe Toussaint

"Sich lieben", Frankfurter Verlagsanstalt
Ein Liebespaar nimmt Abschied - in einem anonymen Hotelhochhaus in Tokio. Zum letzten Mal geben sich die beiden den Ekstasen der Liebe hin. Jean-Philippe Toussaint, in Brüssel lebender Meisterprosaist, hat ein elegantes Buch geschrieben, schwermütig, kunstvoll und gnadenlos präzise in der Beobachtung.

7. Ford Madox Ford

"Manche tun es nicht", Eichborn
Ford Madox Ford steht bis heute im Schatten seiner berühmteren Zeitgenossen: Yeats und Hemingway, Conrad und Joyce haben den britischen Romancier in Sachen Ruhm und Rennomee weit hinter sich gelassen. Zu Unrecht. Daß Ford
Madox Ford ein spannender Erzähler ist, beweist sein Gesellschaftsroman "Manche tun es nicht", erstmals 1924 erschienen.

8. Arnold Stadler

"Eines Tages, vielleicht auch nachts", Jung und Jung
Arnold Stadler wagt den Sprung in die Karibik. Im Zentrum des Geschehens steht ein Österreicher: Der Fotograf Franz Marinelli soll in Havanna den Besuch einer Schriftsteller-Delegation aus Wien vorbereiten. Er verfällt den Reizen einer knackigen Kubaschönheit, die ihn aussackelt nach allen Regeln
der Kunst. Am Ende finden wir Marinelli als Leichnam am Strand der kubanischen Hauptstadt wieder... Ein trauriges Ende.
Arnold Stadler hat eine tragikomische Unglücksposse auf höchstem Niveau geschrieben. Die Moral von der Geschicht: In der Heimat ist es von vornherein schrecklich - in der Ferne erst, wenn man hinfährt.

9. Ex aequo: Karl Corino

"Robert Musil. Eine Biographie", Rowohlt
Dreissig Jahre lang hat der deutsche Literaturwissenschaftler Karl Corino zum Thema Robert Musil geforscht. Jetzt hat der 61jährige im Rowohlt-Verlag DIE Musil-Biographie schlechthin vorgelegt: 2000 Seiten dick, 1,2 Kilo schwer, mit einem 560seitigen Anmerkungsapparat versehen. Ein Standardwerk
schon jetzt.

9. Ex aequo: Stewart O'Nan

"Halloween", Rowohlt
Der US-amerikanische Erzähler Stewart O'Nan auf den Spuren des Horrors: Eine Halloween-Nacht in Connecticut - ein Toyota mit fünf Teenagern rast über den Highway, ein Joint macht die Runde, die Musik im Autoradio läuft auf voller Lautstärke. Eine scharfe Kurve. Ein Baum. Ein Aufprall. Drei Burschen sind
sofort tot, zwei überleben, der eine beinahe unverletzt, der andere mit schweren Gesichts- und Hirnverletzungen. Stewart O'Nan läßt in seinem kunstvollen Zombie-Roman auch die Stimmen der Toten zu Wort kommen; schließlich ist Halloween die "Nacht der lebenden Leichen".

9. Ex aequo: Dane Zajc

"Hinter den Übergängen", Klett-Cotta
In Slowenien ist Dane Zajc ein bekannter Dichter. Hierzulande kennt ihn kaum einer. Das sollte sich ändern. In seinen Gedichten besingt der 75jährige die Kräfte von Eros und Thanatos ebenso kraftvoll wie unsentimental. Das Hauptthema seiner Lyrik: die grausame, gebärende Natur und der gefallene
Mensch. Zajcs Gedichte: ein dunkler Kosmos, bevölkert mit Stieren und Schlangen, Vögeln und Skorpionen.

Der persönliche Tipp von Michael Fleischhacker, Die Presse

Rüdiger Safranski: "Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit", Fischer Taschenbuch
Ein Klassiker der Philosophiegeschichtsschreibung: Zehn Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist Safranskis Heidegger-Biographie immer noch ein Leseerlebnis.