Qualtinger

(c) ORF

Zum 30. Todestag eines Unbequemen: André Hellers Filmporträt des bedeutenden österreichischen Kabarettisten und Satirikers Helmut Qualtinger wirft einen in manchem vertrauten und vielem neuen, auch sehr intimen Blick auf den außergewöhnlichen Menschen und den genialen Schauspieler, der wahrscheinlich auf dem Gebiet der Kunst mehr für die Psychohygiene der 2. Republik im 20 Jahrhundert geleistet hat als jeder andere.

Es lässt auch jene, die Qualtinger nie live erleben konnten, dessen unbändiges Talent erahnen. Hellers Film ist eine Hommage an den Meisterkomödianten, der sich selbst als "Menschenimitator" bezeichnete und dokumentiert die lichten Höhen und tiefen Abgründe eines Künstlerlebens.

André Heller, Helmut Qualtinger (c) ORF/Thomas Sessler Verlag GmbH

"Dies ist der Versuch eines Films über Helmut Qualtinger, einen hochbegabten, in manchem sogar genialen Menschen, den ich sehr mochte und dem ich Dank schulde für die Ermutigung, die er mir, als ich jung war, geschenkt hat. Er war viele Jahre mein verlässlicher Freund, aber, wie ich glaube, allzu selten sein eigener." (André Heller)

Irgendwann in der Mitte des Films erzählt André Heller die Geschichte, als er als junger Mann viele Wochen lang mit einer schweren Gelbsucht im Krankenhaus gelegen und Helmut Qualtinger ihn fast jeden Tag besucht habe. Bepackt mit Büchern, aus denen er ihm lange vorlas. Aber auch mit seinem unvergleichlichem Talent als Menschenimitator. Der junge Heller durfte sich die Besucher, die er an seinem Krankenbett sehen wollte, aussuchen – von Paula Wessely über Winston Churchill bis Charly Chaplin - und Qualtinger spielte sie ihm alle vor. Er war ein Meister der Beobachtung und Verstellung. Und er nütze dieses Talent nicht nur zur Gesundung seiner Freunde, sondern häufig auch zur Verärgerung seiner Kollegen und in zahlreichen, schon zu seinen Lebzeiten legendären "practical jokes", die in Wien bald zu seinem Markenzeichen wurden.

André Heller, Helmut Qualtinger (c) ORF

Diese kurze Erzählung Hellers ist programmatisch für die subtile Auswahl auch der anderen Interview‐ und Gesprächspassagen mit Zeitgenossen und Kollegen, Freunden und Verwandten (komponiert aus Archiv‐ und aktuell gedrehtem Material). Nicht die Prominenz der Gesprächspartner war entscheidend (auch wenn zwangsläufig viele Prominente vorkommen), sondern ob sie sachdienliche Hinweise zur Klärung der Fragen über Kunst und Leben des Porträtierten liefern können. Immer mit dem Ziel, dem Phänomen Qualtinger ein weiteres kleines Stück näher zu kommen.

 Christian Qualtinger (c) ORF/Thomas Sessler Vwerlag GmbH

Christian Qualtinger - Sohn, Schriftsteller & Maler

Vor allem aber lässt der Film Helmut Qualtinger selbst sprechen: In Originaldokumenten als Kabarettist, als Rezitator und als Film‐ und Theaterschauspieler; in TV‐Interviews als Autor und Komödiant, als Vater und Ehemann, als Beobachter und Versteller. Mit dem "Herrn Karl" hat er den Nerv der Österreicher getroffen und viele vergessen, dass er (gemeinsam mit Carl Merz) nicht nur der Schöpfer und als Schauspieler nicht nur der geniale Darsteller des Herrn Karl war, in dem sich die tragische österreichische Seele wie kaum in einem anderen Werk der Nachkriegsliteratur spiegelte, sondern dass das Werk dieses bedeutenden Mannes weit darüber hinaus reicht.

H. Qualtinger (c) ORF

Dass Qualtinger mit seinem Werk auch der radikalste Antipode seiner bekanntesten Figur ist, war vielen, die sich lachwütig mit ihr unterhielten, gar nicht klar. Das aber macht den Nachgeborenen Qualtingers melancholisches Ringen mit dem Erfolg verständlich. Und warum er, wie sein viel jüngerer Kollege Josef Hader an einer anderen Stelle des Films in einer ruhigen, präzisen Analyse erklärt, instinktiv alles vermieden hat, ein Publikumsliebling zu werden: Weil er damit sein Talent geopfert hätte.

(c) ORF/DOR Film

Josef Hader

Hellers Film spürt den vielfältigen Facetten und den unübertroffenen schauspielerischen Qualitäten Qualtingers nach. Passagen, die etwas über Qualtinger erzählen, ergänzen sich mit Dokumenten, die von Qualtinger erzählen, die dem Zuschauer aus Qualtinger heraus dessen eigentümliche Qualitäten sinnlich erfahren lassen und damit auch dessen Methode der politischen Selbsthygiene wach halten.

"Qualtinger" ist eine empathische Hommage, die sich auch kritisch mit den Schwächen dieses außergewöhnlichen Menschen auseinandersetzt, der nicht sorgfältig und wehrhaft genug mit sich selbst umgegangen ist und schließlich an der vorherrschenden Rot‐Weiß‐Roten Ignoranz und an den Abwehrversuchen immerzu lockender, tödlicher Verbrüderungen ermüdet ist. Sie muss auch vom Alkohol erzählen, mit dem er seine Empfindsamkeit vor der Grobheit der Wirklichkeit schützen wollte und der seinen Untergang bereitete.


Idee
André Heller

Regie
Klaus Hundsbichler

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DOKUMENTARFILM IN ÖSTERREICH

dok.at, die Interessensgemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilm, ist der einzige professionelle Filmverband in Österreich, der sich gezielt für den Dokumentarfilm einsetzt.
Die Gruppe umfasst sowohl Regisseure und Regisseurinnen als auch Produktionsfirmen und versteht sich als film- und medienspezifische Lobby der Dokumentarfilmschaffenden in Österreich.

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