Das komplette Interview mit Mag. Brigitte Entner

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Welche Auswirkungen hatte das Plebiszit 1920 auf die Kärntner Slowenen?

Unmittelbar vor dem Plebiszit hatte die Provisorische Kärntner Landesversammlung noch erklärt, dass sie die Rechte der ‚slowenischen Landsleute‘ wahren würde. Doch in der ersten Sitzung der provisorischen Landesversammlung nach dem Plebiszit hatte der Landesverweser Arthur Lemisch davon gesprochen, ‚diese Verführten wieder zu Kärntnern zu machen‘. Gemeint waren damit jene Kärntner und Kärntnerinnen, die für einen Anschluss an den SHS Staat gestimmt hatten. Als ‚Kärntner‘ galt für Arthur Lemisch nur, wer sich der im Land als dominant erachteten deutschen Sprache und Kultur unterwarf.
In der Folge wurden Kärntner Sloweninnen und Slowenen, die sich im Vorfeld prononciert für einen Anschluss an Jugoslawien ausgesprochen und zum Teil auch dafür gekämpft hatten, ökonomisch beeinträchtigt. Beamte wurden in deutschsprachige Gebiete versetzt, Lehrer, die keinen Vertrag hatten, bekamen keine neue Stelle zugewiesen, Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst wurden entlassen. Manche Akademiker mussten das gemischtsprachige Gebiet von Kärnten verlassen, weil sie keine Arbeit mehr bekamen. Ein Beispiel für die Emigration von slowenischsprachigen Akademikern bzw. Intellektuellen ist auch die junge Angela Piskernik. Sie war die erste Kärntnerin, die in Naturwissenschaften promoviert hatte.

Wie ging es nach der Volksabstimmung 1920 für die Kärntner SlowenInnen weiter?

Es gab in der Zwischenkriegszeit starke Bestrebungen, Kärnten zu germanisieren. Das fing auf der schulischen Ebene an, es wurden aber auch Höfe von in ökonomische Schwierigkeiten geratenen Kärntner Sloweninnen und Slowenen aufgekauft und an Deutschsprechende verkauft, um die Gemeinden sprachlich aufzubrechen. Es gab ein breites Netz an Aktivisiten, vor allem im Kärntner Heimatbund kämpften sehr viele für eine Germanisierung des Landes. Als 1938 der Anschluss an das deutsche Reich erfolgte, konnten die neuen Machthaber auf ein dichtes Netz an Aktivisten zurückgreifen. Es gab sehr viele personelle Kontinuitäten, eine dieser Personen war z.B. Maier-Kaibitsch, der als Abwehrkämpfer später für die Propaganda auf Kärntner Seite aktiv war und relativ bald im Kärntner Heimatbund eine führende Rolle übernahm. Er hatte ab 1938 innerhalb kürzester Zeit sämtliche politische und regierungsmäßige Funktionen inne, die mit der Minderheit zu tun hatten. Bis 1941 war es relativ entspannt für die Kärntner Slowenen, weil das deutsche Reich Jugoslawien als politischen Verbündeten gewinnen wollte, deshalb waren die Verfolgungsmaßnahmen relativ gering.

Welche Konsequenzen hatten der Austrofaschismus und der Anschluss Österreichs 1938?

Vom beginnenden Austrofaschismus zuerst unter Dollfuss, dann unter Schuschnigg, erwarteten sich die Kärntner Sloweninnen und Slowenen sehr viel, denn sie waren politisch vor allem konservativ-katholisch organisiert und erhofften sich eine besondere Förderung ihrer Sprache und Kultur. Ihre Hoffnungen wurden aber schwer enttäuscht – die Rechte der Minderheiten waren kein besonderes Ziel der neuen Regierung.
Bei der Abstimmung 1938 gab es viele politische Aufrufe, für einen Anschluss an das Deutsche Reich zu stimmen. Das mag verwundern, doch die politische Führung der Kärntner Slowenen hatte die Hoffnung, dass sie als Sprachgruppe relativ geschützt überleben können, wenn sie den neuen Machthabern gegenüber loyal auftreten. Es gab daher auch im zweisprachigen Gebiet einige Gemeinden, die wirklich zu 100% für einen Anschluss stimmten und die als sogenannte Führergemeinden bezeichnet wurden. Andererseits gab es aber auch schon sehr früh Widerständige, wie zum Beispiel in der Gemeinde Eisenkappel-Vellach/Železna Kapla-Bela, wo ein überraschend hoher Anteil gegen einen Anschluss votierte.
Dieser frühe Widerstand wurde bislang noch nicht ausführlich erforscht, jüngste Studien haben jedoch gezeigt, dass zahlreiche Kärntner Slowenen und auch Sloweninnen in der Frühphase verhaftet und zum Teil sogar mit den ersten Transporten in Konzentrationslager, vorwiegend in die Lager Dachau und Mauthausen, gebracht wurden, wo einige bereits 1938/39 ihr Leben lassen mussten.

Schon in der Zwischenkriegszeit gab es starke Bestrebungen, Kärnten zu germanisieren. Das fing auf der schulischen Ebene an, es wurden aber auch Höfe von in ökonomische Schwierigkeiten geratenen Kärntner Slowenen aufgekauft und an Deutschsprechende, auch an Reichsdeutsche, verkauft, um in den Gemeinden das Slowenische als Kommunikationssprache zum Verschwinden zu bringen.
Es gab ein breites Netz an Aktivisten, die sich vor allem im Kärntner Heimatbund, aber auch in anderen Vereinen, wie beispielsweise dem Deutschen Schulverein Südmark organisierten.
Als 1938 der Anschluss an das Deutsche Reich erfolgte, konnten die neuen Machthaber auf ein dichtes Netz an Aktivisten zurückgreifen. Eine zentrale Figur der Germanisierungspolitik seit den Grenzfindungskonflikten von 1918/19 war Maior Alois Maier-Kaibitsch. Als ehemaliger Abwehrkämpfer und Leiter der Propagandastelle hatte er nach dem Anschluss innerhalb kürzester Zeit sämtliche politischen und Verwaltungsfunktionen inne, die mit der Minderheit zu tun hatten.

Da das Deutsche Reich Jugoslawien als politischen Verbündeten gewinnen wollte, hielt es sich hinsichtlich repressiver Maßnahmen etwas zurück. Dennoch wurden nach dem Anschluss Vertreter der politischen und kulturellen Eliten verhaftet, zum Teil des Landes verwiesen, wie Joško Tischler, der als Gymnasiallehrer nach Vorarlberg versetzt wurde.

Wie ging es nach dem Anschluss für die Volksgruppe weiter?

Im öffentlichen Raum und in den Schulen wurde sehr bald das Slowenische verboten. Doch erst 1941 kam es zu ersten konzertierten Maßnahmen. Zeitgleich mit dem Überfall auf Jugoslawien am 6. April 1941 wurden noch sämtliche in Kärnten verbliebenen zweisprachigen Priester verhaftet. Alle slowenischen Vereine und Organisationen wurden verboten, ihr Vermögen beschlagnahmt, die Genossenschaften aufgelöst oder unter deutsche Verwaltung gestellt. In der Folge wurden Erb-, Übernahme- und Kaufverträge, aber auch Gewerbevergaben unter ‚nationalen‘ Aspekten überprüft und gegebenenfalls nicht bewilligt.

Gesteigert wurden die Verfolgungsmaßnahmen im April 1942, als innerhalb von zwei Tagen 227 Kärntner-slowenische Familien von ihren Höfen abgeholt wurden. Sie hatten meist nur eine halbe Stunde Zeit, ihre Sachen zu packen, mussten den Haustorschlüssel den Einsatztruppen übergeben und wurden dann in ein Sammellager nach Klagenfurt gebracht. Dort wurden ihre Daten aufgenommen und die Haushaltsvorstände mussten einen Vertrag unterschreiben, dass sie ihre gesamten Immobilien dem Deutschen Reich übertragen. Als deutsche Reichsangehörige konnten sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht enteignet werden, dazu brauchte es ein eigenes Papier.
Im Juli 1942 wurden alle zwangsweise Ausgesiedelten von der Gestapo als Volks- und Staatsfeinde bezeichnet. Auf Grund dieses Titels konnte ihr Besitz nun entschädigungslos im Grundbuch dem Deutschen Reich übertragen werden. Die Männer, Frauen, Kinder und Jugendlichen (mehr als die Hälfte der Internierten waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren) wurden nach zwei Tagen in Klagenfurt in spezielle Lager im Raum Nürnberg bzw. nach Rehnitz nahe Stettin gebracht und dort interniert. Ihre Höfe wurden zumeist an Kanaltaler Umsiedler übergeben oder an ‚national verlässliche‘ Deutsch-Kärntner verpachtet.

In den Lagern wurden alle arbeitsfähigen Männer, Frauen und Jugendlichen zu Arbeiten im Lager, in der Rüstungsindustrie, im Gewerbe, in der Landwirtschaft oder in Haushalten herangezogen. Eine qualifizierte Schulbildung wurde den Kindern und Jugendlichen untersagt. Im Laufe des Krieges wurden selbst 13jährige zu Arbeiten außerhalb des Lagers herangezogen. Die Post wurde zensuriert und durfte nur in deutscher Sprache erfolgen. Obwohl als Volks- und Staatsfeinde enteignet, wurden wehrfähige Männer noch aus den Lagern in die Wehrmacht gepresst, viele von ihnen fielen.

Wie entstand die Partisanenbewegung?

Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1939 desertierten bereits erste zur Wehrmacht eingezogene Kärntner Slowenen, weil sie nicht für Hitler und seine Ziele kämpfen wollten. Zu dieser Zeit war die Grenze nach Jugoslawien noch offen und viele dieser Deserteure flohen nach Slowenien, weil sie dort Bekannte und Familienangehörige hatten. Nach dem Überfall auf Jugoslawien im April 1941 wurde die Situation für sie kritisch. Sie mussten sich entweder verstecken oder aber sie schlossen sich dem lokalen Widerstand an. Noch im April 1941 wurde in Ljubljana die Osvobodilna Fronta (Befreiungsfront) gegründet. Sie war ein Zusammenschluss oppositioneller Gruppierungen, darunter befanden sich Bürgerliche ebenso wie Kommunisten. Zu ihren Zielen zählte die Bekämpfung des Nationalsozialismus und des Faschismus ebenso wie die Vereinigung aller Slowenen in einem Staat.
Im Sommer 1942 kamen erste bewaffnete Widerstandsgruppen von Slowenien über die Karawanken nach Kärnten. Unter ihnen befanden sich auch ehemalige Kärntner Deserteure. Sie versuchten über ihre privaten Netzwerke, zum Beispiel Kulturvereine oder Kirchenchöre, in denen sie aktiv gewesen waren, oder über Familienangehörige Kontakt aufzunehmen um Unterstützung für ihren Widerstand zu gewinnen. Das funktionierte sehr gut. Doch im Herbst/Winter 1942/43 kam es zu einer ersten großen Verhaftungswelle. Über 200 Personen, die Hälfte waren Frauen, wurden verhaftet. Gegen 135 von ihnen wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingebracht. Es gab zahlreiche Verurteilungen. 12 Männer und eine Frau wurden hingerichtet, 28 Personen verstarben an den Folgen der Internierung. Zahlreiche Männer und Frauen wurden ohne ein Verfahren in ein Konzentrationslager überstellt.

Warum unterstützten viele Kärntner SlowenInnen die Partisanen?

Die frühen Partisanengruppen fanden auch deshalb rasch Unterstützung, weil den Kärntner Slowenen schließlich bewusst geworden war, dass sie allein aufgrund ihrer Sprache verfolgt werden konnten. Das zeigte ihnen die zwangsweise Aussiedlung. Genau in dieser Zeit der Verunsicherung traten die Partisanengruppen in Kärnten erstmals auf. Die Osvobodilna Fronta war bereit, aktiv gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen und versuchte Perspektiven für die Zeit nach dem Krieg zu entwickeln. In ihr konnte das individuell Widerständige gebündelt und organisiert werden. Sie war die einzige Gruppierung, die den Kärntner Slowenen eine Perspektive für die Zukunft bot, in der sie ihre Sprache und Kultur ohne Diskriminierung leben konnten.

Ein Großteil der zwangsweise ausgesiedelten Familien hatte im April 1942 bereits Angehörige bei der deutschen Wehrmacht. Deren Eingaben um eine Entlassung ihrer Eltern/Frauen, aber auch die befürchtete ‚ungünstige Beeinflussung der Wehrfreudigkeit der Bevölkerung‘ nach der Deportation führten dazu, dass zwei in Kärnten stationierte Offiziere noch im April 1942 gegen diese Maßnahme protestierten. Dem Kommandeur des Wehrbezirkskommandos in Spittal an der Drau, Oberst von Hepke, und dem Leiter des Wehrmeldeamtes in Villach, Major Freiherr von Kress, wurde von ihren Vorgesetzten jedoch beschieden, dass es nicht Aufgabe der Wehrmacht sei, sich in politische Entscheidungen einzumischen.

In der Folge aber beschlossen zahlreiche Männer, die sich auf Heimaturlaub befanden und hier von der Vertreibung ihrer Angehörigen und Freunde erfuhren, nicht mehr zurück zur Wehrmacht zu gehen, sondern zu desertieren und sich den bewaffneten Widerstandsgruppen anzuschließen.

Wie wirkungsvoll war der Widerstand der Kärntner SlowenInnen?

Der Widerstand der Kärntner Sloweninnen und Slowenen war der militärisch effizienteste auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Er dauerte vom Sommer 1942 bis Kriegsende an und bündelte sehr viele Kräfte des Deutschen Reichs in Kärnten, SS-Polizeieinheiten, Soldaten und Sicherheitskräfte, die vor Ort gegen den Widerstand eingesetzt wurden. Die Partisanen sprengten aber auch Telefonleitungen, störten Eisenbahnstrecken und lieferten sich Kämpfe mit den Sicherheitskräften. Ohne die breite Unterstützung der Bevölkerung hätte dieser Widerstand nicht funktioniert, denn die Bevölkerung musste die Infrastruktur für den Widerstand bereitstellen, d.h. sie musste bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln helfen, gelegentlich ein Dach über dem Kopf bieten, Verwundete versorgen und, ganz wichtig, Informationen weitertragen.

Kehrten alle Vertriebenen auf ihre Höfe zurück?

Jüngste Forschungen haben ergeben, dass über 550 Kärntner Sloweninnen und Slowenen im Zuge von Verfolgung und Widerstand während der NS-Zeit ihr Leben lassen mussten. Euthanasieopfer sind in dieser Zahl nicht enthalten, sondern Menschen, die im KZ ums Leben kamen, die als Zivilisten erschossen wurden, weil sie des Widerstands verdächtigt wurden, aber auch aktiv bei den Partisanen gekämpft haben, Menschen, die während des Widerstands gefallen sind, die hingerichtet wurden, darunter sind aber auch 53 zwangsweise Ausgesiedelte.
Diese Opfer kamen zum Teil bei Arbeitseinsätzen ums Leben oder fielen als Soldaten, denn noch aus den Lagern wurden an die 100 Männer zur Wehrmacht gepresst. Zwangsweise Ausgesiedelte wurden aber auch verhaftet und in Konzentrationslager überstellt, wo sie ihr Leben gelassen haben. Einige starben aufgrund von Krankheiten in Krankenhäusern, einige starben nach der Befreiung am 8. Mai, erlebten aber die Heimkehr nach Kärnten nicht mehr.

Anlässlich der Gründungsversammlung des Verbandes der ausgesiedelten Kärntner Slowenen im Februar 1946 ging Mirt Zwitter bei seiner Eröffnungsansprache davon aus, dass mindestens 74 Kärntner Slowenen ihr Leben lassen mussten. Die Liste, auf die er sich damals berief, ist allerdings nicht erhalten geblieben.

Die meisten Kärntner-slowenischen Männer, die in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden, kamen zunächst nach Dachau, die Frauen kamen in das KZ Ravensbrück. 80% aller aus Kärnten stammenden politischen Häftlinge in Ravensbrück waren Kärntner Sloweninnen. Bei den Kärntner Todesopfern lag ihr Anteil gar bei 92%.

Wie erfolgte die Heimkehr der Ausgesiedelten?

Zu Kriegsende war die Freude groß. In den Lagern der Ausgesiedelten machte sich jedoch schon bald auch Enttäuschung breit, weil es keine Transportmöglichkeiten nach Kärnten gab. Erst Mitte Juli wurden zwei große Transporte nach Villach organisiert. Doch am Bahnhof in Villach war zunächst einmal Stopp. Relativ bald machte das Gerücht die Runde, dass die Heimkehrer wieder zurück nach Deutschland gebracht werden sollten. Panik machte sich breit und die Heimkehrenden verließen mit ihrem Gepäck den Zug und ließen sich auf den Bahnsteigen und zum Teil auch auf den Geleisen nieder. Die Briten waren mit der Situation überfordert und rüsteten lokale Hilfskräfte mit Waffen aus, um die Männer, Frauen und Kinder zu zwingen, wieder den Zug zu besteigen. Die Infrastruktur war vor allem in den Städten völlig zusammengebrochen. Auf Grund der zahlreichen Flüchtlinge, Zwangsarbeiter und auch der nach Kärnten drängenden ehemaligen Verbündeten der Wehrmacht befanden sich nach Kriegsende 1945 doppelt so viele Menschen in Kärnten als 1938. Diese Menschen mussten registriert und versorgt werden. Daher wollte die britische Militärregierung keine weiteren Menschen nach Kärnten lassen.

In der Zwischenzeit war es zu Verhandlungen in Klagenfurt gekommen, an der Vertreter der britischen Militärregierung, der provisorischen Kärntner Landesregierung und der Kärntner Slowenen, darunter Joško Tischler, teilnahmen. Nachdem geklärt wurde, um wen es sich handelte, wurden die heimkehrenden Kärntner Slowenen nach Klagenfurt gebracht. Doch dort wurden sie von den Briten neuerlich interniert und für ca. eine Woche in der zerbombten Jesuitenkaserne, in der fürchterliche sanitäre Verhältnisse herrschten, festgehalten. Erst nach dieser Woche wurden sie vereinzelt entlassen und durften in ihre Gemeinden zurückkehren. Vielfach lebten auf ihren Höfen noch die ehemaligen Bewirtschafter bzw. die im Grundbuch ausgezeichneten neuen Besitzer, die die Liegenschaften vom Deutschen Reich erworben hatten. Oder aber ihre Höfe waren völlig devastiert und nicht mehr bewohnbar. Um diese komplexe Situation zu regeln, wurde von der provisorischen Kärntner Landesregierung die sogenannte Hofkommission eingerichtet, die sich aus Beamten von der Landesregierung, aus Vertretern der Kärntner Slowenen, aus Vertretern der jeweiligen Gemeinden und auch dem ehemaligen Besitzer und dem jetzigen Besitzer bzw. Bewirtschafter zusammensetzte. Gemeinsam ging man den Besitz ab und schaute, was fehlte und was eventuell in der Zwischenzeit investiert wurde. Dieses Protokoll wurde von allen unterzeichnet und darin wurde meist auch festgelegt, wann die zwischenzeitlichen Besitzer den Hof zu verlassen hätten, sofern sie ihn nicht schon verlassen hatten.

Da es noch keine rechtliche Grundlage gab, konnten die ehemaligen Besitzer allerdings noch nicht im Grundbuch eingetragen werden. Die britische Besatzungsmacht hatte Angst, dass die sofortige Übertragung der Höfe in den Besitz der ehemaligen Eigentümer zu einem Präzedenzfall auch für die zahlreichen enteigneten Jüdinnen und Juden werden könnte. Daher mussten die Kärntner Slowenen auf das Dritte Rückstellungsgesetz von 1947 warten. Auf dessen Basis konnten sie um eine Rückstellung ihres Besitzes ansuchen. Erst nach einem Verfahren vor der Rückstellungskommission am Landesgericht Klagenfurt konnten sie wieder als Besitzer im Grundbuch eingetragen werden. Danach erst konnten jene Kanaltaler, die den Besitz käuflich erworben hatten, ebenfalls vor der Rückstellungskommission die Rückerstattung des Kaufpreises einklagen. Die Rückerstattung wurde aus den Mitteln des Deutschen Eigentums bestritten.

Seit wann gibt es Slawen in Kärnten?

Im Zuge der Völkerwanderung kamen im späten 6. Jahrhundert slawische Gruppierungen in jenes Gebiet, das wir heute als Kärnten kennen. Sie gründeten das Fürstentum Karantanien und beherrschten das Gebiet mehr als 150 Jahre. Bedrängt durch die vordrängenden Awaren baten die ‚Carantani‘ schließlich die benachbarten Bajuwaren um Hilfe. Die Awaren konnten abgewehrt werden, doch die Karantanen verloren in der Folge schrittweise ihre Unabhängigkeit und wurden unter fränkische Verwaltung gestellt.
Zur Festigung des Machtanspruches begann man mit der Kolonialisierung des Gebietes. Ab diesem Zeitpunkt lebten in Kärnten sowohl germanisch als auch slawisch sprechende Gruppen. Beide Sprachgruppen lebten relativ friedlich nebeneinander. Die sich bildende deutsch-slowenische Sprachengrenze blieb vom 15. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert nahezu unverändert.
Zu einer Änderung des Verhältnisses kam es dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem einsetzenden Differenzierungs- und Demokratisierungsprozess, aber auch mit den ökonomischen Veränderungen im Land. Nach der Revolution von 1848 wurden Gemeinden als kleine demokratische Einheiten gebildet. Ab diesem Zeitpunkt war es wichtig, welcher Sprachgruppe und welcher Kultur man angehörte. Das Staatsgrundgesetz von 1867 erlaubte die Gründung politischer Parteien. In der Folge kam es in Kärnten zu ersten heftigen nationalen Auseinandersetzungen.

Was versteht man unter dem Windischen?

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff ‚Windisch‘ weitgehend wertneutral verwendet. So trug das 1550 in slowenischer Sprache veröffentlichte Buch, vom Theologen und Begründer der slowenischen Schriftsprache Primož Trubar verfasst, den Titel ‚Catechismus in der windischen Sprach‘. Der Begriff ‚Slowenisch‘ wurde erst relativ spät verwendet. Um 1900 begannen deutschnationale Kräfte, den Begriff des ‚Windischen‘ politisch zu instrumentalisieren und ihn als Schimpfwort zu verwenden. Nach dem Plebiszit von 1920 wurde der Begriff umgedeutet und zur Spaltung der Kärntner Sloweninnen und Slowenen verwendet. Er diente auch dazu, um das für alle überraschende Abstimmungsergebnis zu erklären.
Im vorwiegend von Kärntner Slowenen bewohnten Abstimmungsgebiet stimmten am 10. Oktober 1920 59% für einen Verbleib bei Österreich und nur 41% für einen Anschluss an den neugegründeten Staat der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat).
Die Gründe, warum so viele Slowenen für einen Verbleib bei Österreich gestimmt haben, sind vielfältig. Verlockend war für die vielen Arbeiter unter ihnen sicher die Perspektive, in einer Republik leben zu können, in der seit Kriegsende eine Reihe innovativer Sozialgesetze verabschiedet worden waren. Die Alternative dazu war eine konservative Monarchie. Auch ökonomische Gründe sprachen für einen Verbleib bei Österreich, lagen doch die Absatzmärkte der Bauern und Gewerbetreibenden im Kärntner Hinterland. Im Staatsvertrag von St. Germain war der slowenischen Minderheit zudem eine völlige Gleichstellung garantiert und darüber hinaus das Recht auf Verwendung und Pflege der Muttersprache zugebilligt worden.
Als ‚Windische‘ bezeichnete man in der Zwischenkriegszeit also jene Menschen, die bereit waren, sich zu assimilieren, die sich nicht als Teil der großen slowenischen Sprachgruppe verstanden und sich nach außen auch nicht als Slowenen deklarieren wollten, das Slowenische aber sehr wohl in ihrer Alltagskommunikation verwendeten. Die ‚Windischen‘ wurden sozusagen als die ‚guten‘, weil assimilierungswilligen Slowenen dargestellt. Ihnen wurden die ‚Nationalslowenen‘ gegenübergestellt, also jene Kärntner Slowenen, die sich bewusst für ihre Sprache und Kultur einsetzten und auf die Einhaltung der ihnen in internationalen Verträgen zugesicherten Rechte beharrten. Zum Teil waren es auch Menschen, die für eine Vereinigung aller Sprachslowenen in einem Staat kämpften.

Mag. Brigitte Entner ist Historikerin und Autorin zahlreicher Fachpublikationen zur Geschichte der Kärntner Slowenen. Sie hält Lehrveranstaltungen an der Universität Klagenfurt und ist Mitarbeiterin des Slowenischen wissenschaftlichen Instituts Klagenfurt.