Teil 2 der neunteiligen ORF-Zeitgeschichtereihe
„Unser Österreich“

Nach dem ersten Teil „Tirol – Geteilte Heimat“ im Dezember 2015 ist Kärnten das zweite Bundesland, dessen facettenreiche Geschichte am Beispiel eines exemplarischen Familienschicksals in den Mittelpunkt gerückt wird - jenes der Familie Ressmann aus Ledenitzen.

Eine Dokumentation von Robert Schabus mit Spielszenen von Andrina Mračnikar

Mittendrin im Geschehen eines ganzen Jahrhunderts erlebten vier Generationen der slowenischsprachigen Familie Ressmann historische Wendepunkte, politische Konflikte und persönliche Ausgrenzung. Ihr Hof in Ledenitzen am Fuß des Mittagskogels liegt heute im Dreiländereck Österreich/Slowenien/Italien.

© ORF/Graf Film

Die Brüder Josef, Hans und Franc Ressmann erinnern sich lebhaft an ihre persönliche Familiengeschichte

Im Lauf des Jahrhunderts war die Region mehrfach militärisch umstritten. Im Ersten Weltkrieg entstand unweit von hier die Front gegen Italien.

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Mit dem Ende der Monarchie lag der Tratnikhof der Ressmanns in einem Gebiet, das vom neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen beansprucht wurde und erst nach der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 bei Österreich blieb. Kurz danach wurde drei Brüdern der Familie Ressmann ohne Angabe von Gründen gekündigt. Einer wanderte nach Slowenien aus, einer nach Amerika, Franc Ressmann versuchte trotz finanzieller Schwierigkeiten, den Tratnikhof in Ledenitzen weiter zu bewirtschaften.

Nach dem Anschluss 1938 an das Deutsche Reich vermeldete Kärnten als erster NS-Gau die Machtübernahme in allen Gemeinden des Landes - mit fatalen Folgen für mehr als 200 Kärntner slowenische Familien.
1942 wurden auch die Ressmanns vom Tratnikhof vertrieben und in ein Zwangsarbeitslager des NS-Regimes deportiert.

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Während sie im sogenannten Altreich Zwangsarbeit verrichten mussten, wurde ihr Zuhause, der Tratnikhof, von Familie Zelloth aus Camporosso im Kanaltal übernommen. Obwohl fast ausschließlich von Deutschen und Slowenen bewohnt, war das Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen worden. Hitler und Mussolini boten den deutschsprachigen „Altösterreichern“ nun an, Italien zu verlassen und „heim ins Reich“ auf die frei gewordenen Höfe der deportierten Kärntner SlowenInnen zu siedeln.

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Franc Ressmann sen. mit seiner Frau und den 9 Kindern 1942 im Lager Hagenbüchach in der Nähe von Nürnberg

Kurze Zeit nach der Deportation der Kärntner SlowenInnen begann der bewaffnete Widerstand der Partisanen .

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Trotz massiver Gegenmaßnahmen des NS-Regimes konnten die „Aktivisten der Befreiungsfront“ nie unterdrückt werden. Bis heute gilt der Partisanenkampf als der einzige bewaffnete und organisierte Widerstand gegen das NS-Regime auf dem Gebiet des heutigen Österreich.

Nach Kriegsende kehrten alle Mitglieder der Familie Ressmann heim auf ihren Hof. Die Kanaltaler Familie Zelloth ging zurück nach Italien. Die Ressmanns, traumatisiert von Aussiedlung und Lagerhaft, mussten sich im Europa der Nachkriegszeit neu orientieren. Der Konflikt um die slowenische Minderheit in Kärnten schwelte lange und brach im „Ortstafelsturm” 1972 wieder mit Gewalt an die Oberfläche.

Erst Jahrzehnte später wird das Europa ohne Grenzen und das Dreiländereck Kärnten/Slowenien/Friaul als bereichernder, offener Kulturraum erlebt, was Stefan Ressmann und seine Tochter Theresia, zweisprachige Volksschullehrerin, heute mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft Südkärntens blicken lässt.

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Familie Ressmann 2016

„Ein Jahrhundert unterm Mittagskogel / Stoletje pod Jepo“ wurde mit den für „Universum History“ prägenden hochwertigen filmischen Mitteln realisiert – eine packende Mischung aus berührenden Interviews, seltenem Archivmaterial, hochwertigen Dokumentaraufnahmen und aufwendigen Spielszenen, die von der Haneke-Schülerin Andrina Mračnikar umgesetzt wurden.

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Eine der größten Herausforderungen war die Besetzung mit möglichst authentischen SchauspielerInnen, die den kärntnerslowenischen Dialekt beherrschen und den hochemotionalen Szenen gewachsen waren. Hans Ressmann verkörpert seinen eigenen Großvater, die 90jährige Ana Kropiunig stand als Laiendarstellerin zum ersten Mal vor der Kamera. Valentin Cencig spielt den damals 14jährigen Franc Ressmann.

Der Film, der im Zweikanalton (deutsch und slowenisch) ausgestrahlt wird, entstand als Koproduktion von ORF, Graf Film und BMBF, gefördert von Zukunftsfonds der Republik Österreich, Land Kärnten und Carinthia Film Commission.

Alle Folgen der Universum History-Reihe „Unser Österreich“ sind nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und werden auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

Teil 3 des Universum History Schwerpunkts 'Unser Österreich':

Salzburg - Ein Land für sich
Sendetermin: 25.10.2016, 21:05 Uhr, ORF 2

Haben Auch Sie eine Familiengeschichte, die mit der Grenzziehung nach dem 1. Weltkrieg und den Konflikten um Österreichs Grenzen im 20. Jahrhundert zu tun hat? Haben Sie Fotos, Filme oder Dokumente dazu? Dann würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen.

Per e-mail an unseroesterreich@orf.at oder per Post an
ORF
Universum History
Würzburggasse 30
1136 Wien

Redaktion: Andrea Lehner