23:42

VPS 23:25

AUT

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 51min

UT

tv.orf.at/menschenundmaechte

Menschen & Mächte

Die ungleichen Geschwister

Paradeiser gegen Tomate, Gemütlichkeit und Schmäh gegen Ordnung und Disziplin, Ösis gegen Piefkes, ein recht durchwachsenes, kompliziertes Verhältnis. Die Dokumentation „Die ungleichen Geschwister“ von Wolfgang Stickler begibt sich auf einen heiter-ironischen, augenzwinkernden Streifzug durch die ambivalenten Beziehungen zwischen den ungleichen und doch wieder ähnlichen Nachbarn Deutschland und Österreich.

Im Bild: Deutsch-Österreichische Grenze an der Salzach. Rechts: Kirche von Laufen, links: Oberndorf, Foto: ORF

Winzerkönig und Tatortkommissar Harald Krassnitzer erklärt warum er aus Wien regelmäßig Billa Sackerl voller Lebensmittel ins Wuppertaler zu Hause bringt. Die prominente RTL-Moderatorin Katja Burkard übt für ihren Wiener Ehemann den Wiener Dialekt. „Die Bayern sind übrigens keine Piefke“, meint die Kabarettistin Lisa Fitz und fügt gleichzeitig hinzu: „Ihr Österreicher müsst uns Bayern eigentlich dankbar sein, denn wir sind für euch das Bollwerk gegen die Preußen“.

Im Bild: Bergdoktor im deutschen Kohlerevier: Harald Krassnitzer in Wuppertal, Foto: ORF

Das österreichische „Na schau´ma einmal“ steht im klaren Gegensatz zu deutscher Sprachpräzision

Brigitte Ederer erzählt als langjährige Siemens-Managerin in Deutschland aus Erfahrung: „Jeder Österreicher weiß was Na schau´ma einmal bedeutet. In Deutschland habe ich das auch gesagt. Das hat aber große Irritationen hervorgerufen“. Um diese und andere Wortwendung richtig zu verstehen werden in Wien, für zugewanderte Deutsche, Informationsabende über das „österreichische Deutsch“ und die österreichische Mentalität angeboten.

Im Bild: Informationsabend für Deutsche Zuwanderer in Wien: Tipps für den Umgang mit der österreichischen Mentalität, Foto: ORF

Der Gegensatz als künstlerischer Unterhaltungsfaktor in den 1930er Jahren

Ein österreichischer „Nuschler“ und ein stets elegant gestikulierender, scheinbar besser gebildeter Deutscher: Hans Moser und Theo Lingen. Filmdialoge als offensichtliche Bestätigung der normativen Kraft des Faktischen. Jahrzehnte und einen Weltkrieg später setzen Werner Schneyder und Dieter Hildebrandt die ironische Kommunikation der Gegensätze Anfang der 70er Jahre auf der Kabarettbühne und im Fernsehen fort. Heute sind das Dirk Stermann und Christoph Grissemann. Die Kontinuität der Gegensätze ist gleichzeitig auch die Kontinuität der Konkurrenz, das Gefühl besser zu sein als der Andere.

Im Bild: Deutsch-österreichisches Satiriker der Extraklasse: Christoph Grissemann und Dirk Stermann, Foto: ORF

Warum das so ist...

erklärt Wolfgang Stickler mit einem Exkurs in die Geschichte: Im 1. Weltkrieg etwa waren Österreicher und Deutsche Waffenbrüder. 1918, mit der Niederlage und dem Zerfall der Monarchie macht die Proklamation der „Republik Deutsch Österreich“ das Identitätsproblem recht schnell deutlich. Das zum Kleinstaat geschrumpfte Land sieht seine politisch-wirtschaftliche Zukunft vorerst ausschließlich im Anschluss an Deutschland. 20 Jahre später ist es soweit: Durch Einmarsch wird die neu proklamierte Ostmark „Heim ins Reich“ geführt, von einem geborenen Österreicher, mit stark assimiliertem Idiom und Hang zum Massenmord.

Blick vom Balkon der Neuen Burg, Foto: ORF

Hier proklamierte Adolf Hitler am 15. März 1938 die "Heimkehr seiner Heimat in das Deutsche Reich".

„Homo Austriacus“

Abgrenzung wird nun zum wichtigsten Teil nationaler Identitätsfindung. Patriotismus und Selbstbewusstsein in rot-weiß-rot beginnen sich auch an den Unterschieden in Sprache und Mentalität zu schärfen. Größe und Großmachtbewusstsein werden bald nicht mehr durch geographische Daten sondern durch sportliche Leistungen definiert, durch Namen wie Toni Sailer, Karl Schranz oder Franz Klammer. Auch der legendäre 3:2 Sieg über Deutschland in Cordoba 1978 zählt dazu. Eine sportliche Eintagsfliege. Doch bis heute ist sie die prominenteste Untote des Landes. Ein Sieg als nationales Potenzmittel .

Die Meinung der Deutschen über die Österreicher konnten die Sporterfolge aber nicht verändern

Hans Dietrich Genscher, Deutschlands langjähriger Außenminister spricht aus, was unsere Befindlichkeit am Meisten schmerzt: „Deutsche mögen die Art der Österreicher, aber eine nähere Auseinandersetzung mit ihnen findet nicht statt“. Im Klartext: politisch bedeutungslos aber touristisch interessant.

Im Bild: Führung durch ein Heiligtum der Kulturnation Österreich: Deutsche Touristen im Burgtheater, Foto: ORF

Als Gäste kommen die Deutschen seit Jahrzehnten gerne ins Land. Viele arbeiten auch hier schon seit Jahren. So sitzt ein Deutscher aus dem Ruhrpott als Kutscher auf einem Wiener Fiaker. Er besitzt die Exklusiv-Lizenz für Rundfahrten am Wiener Zentralfriedhof – vor wenigen Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit. „Es gibt auch österreichische Touristen, die Schwierigkeiten haben, dass ich ihnen Wien und seine Sehenswürdigkeiten erkläre“, erzählt der Piefke auf dem Kutschbock. Das kann doch im vereinten „deutsch-österreichischen Europa“ kein Problem mehr sein. Oder doch?

Im Bild: Ein Piefke am Kutschbock: Fiaker Frank Ferdinand Wulf aus dem Ruhrpott erklärt Touristen die Sehenswürdigkeiten Wiens, Foto: ORF

Ein Film von Wolfgang Stickler