Kunst und Kultur am Dienstag

Aus dem Rahmen: Augarten Porzellan

Von Kinderstimmen, weißem Gold und imperialem Glanz - der Wiener Augarten erzählt die strahlenden, feinsinnigen und dunklen Seiten Österreichs, wie kaum eine andere Örtlichkeit Wiens. Karl Hohenlohe besucht die Werkstätte und das hauseigene Museum.

Aus dem Rahmen: Augarten Porzellan

Museumsmagazin, 2017

Trailer

Dienstag, 28.11.2017, 20.15 Uhr
Wh. Mi 01.55 Uhr, Sa 05.55 Uhr,
Mo 03.50 Uhr

Augarten. Der Name steht für die älteste barocke Gartenanlage Wiens, die Heimat der Wiener Sängerknaben, beherbergt das Filmarchiv Austria, zwei Flaktürmen aus dem letzten Weltkrieg und einen Konzertsaal - und die gleichnamige Porzellanmanufaktur.

Die Porzellanmanufaktur Augarten führt die 300 jährige Tradition fort, bei der heute wie damals jedes Stück von Hand gefertigt und bemalt wird. Das Wiener Porzellan ist berühmt für seine zarte und anmutige Form, die Reinheit der Linien und die exquisite Ausarbeitung.

Das Museum Augarten illustriert die Geschichte des Wiener Porzellans anhand von repräsentativen historischen Stücken aus den verschiedenen künstlerischen Phasen. Kuratorin Dr. Lehner-Jobst führt durch die Geschichte.

Aus dem Rahmen 
Augarten Porzellan

ORF/Clever Contents/Philipp Maiwald

Moderator Karl Hohenlohe griff selbst zum feinen Pinsel

Erste Formen des edlen Materials Porzellan wurden in China bereits im Jahr 1600 vor Christus angefertigt. Es sollte aber noch weitere 2000 Jahre dauern, bis die Qualität den strengen Kriterien der heutigen Definition von Hartporzellan entsprach.

Durch den venezianischen Händler Marco Polo dürften die Europäer Ende des 13. Jahrhunderts das erste Mal von Porzellan erfahren haben, denn in seinen Reiseberichten beschrieb Marco Polo Gegenstände aus einem weißen edlen Material, das die Chinesen als Tafelgeschirr nutzten. Unwissend glaubte man im Italien des 15. Jahrhunderts noch, Porzellan werde aus den zerstampften gelblichweißen Gehäusen der sogenannten Kaurischnecken hergestellt, welche im italienischen auch Porzellanschnecken genannt werden. So ist das Porzellan zu seinem heutigen Namen gekommen.

Bereits König Philipp II. von Spanien aus dem Haus Habsburg besaß im 16. Jahrhundert eine Porzellansammlung von mehr als 3.000 Objekten und im 17. Jahrhundert wurden von den niederländischen Häfen aus Fürstenhöfe in ganz Europa, insbesondere mit dem beliebten Blau-Weiß-Porzellan, versorgt. Es diente nicht nur als Gebrauchsgeschirr, sondern erfreute sich auch als Kaminaufsatz oder Ausstattung für die sogenannten „Porzellankabinette“ der europäischen Schlösser großer Beliebtheit. Das bekannteste Kabinett der Wiener Porzellanmanufaktur wurde für Gräfin Maria Antonia von Czobor, einer geborenen Fürstin von Liechtenstein in ihrem Brünner Palais eingerichtet. Der Raum enthielt über 1.500 Objekte des weißen Goldes und war damit eine der ersten Zimmerausstattungen mit europäischem Porzellan.

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Augarten Porzellan

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Augarten Porzellan, für viele ein begeehrtes Sammlerstück

Meißen und Wien

Am 15. Januar 1708 gelang es dem deutschen Chemiker Johann Friedrich Böttger in der Festung Dresden das erste europäische Hartporzellan zu erzeugen. Zwei Jahre darauf wurde auf der Albrechtsburg in Meißen die erste europäische Porzellanproduktionsstätte eingerichtet. Alle Produkte aus dieser Produktion tragen seit 1722 die „Gekreuzten Schwerter“, die Herstellung des Meißener Porzellans hätte ein gut gehütetes Geheimnis bleiben sollen. Dem österreichischen Hofkriegsratsagenten Claudius Innocentius du Paquier gelang es jedoch, dieses Produktionsgeheimnis in Erfahrung zu bringen. Auf diplomatischem Weg konnte er einige der Handwerker aus Meißen abwerben und 1718 eine Porzellanmanufaktur in Wien Alsergrund errichten, die zweite ihrer Art in Europa.

Von besonderer Bedeutung war dabei das Engagement des Meißner Porzellan-Chemikers Samuel Stöltzel. Ihm wurden ein Jahresgehalt von 1.000 Gulden, eine freie Wohnung und eine Equipage zugesagt, denn er war für die Porzellanmasse und die Beschaffung der sogenannten „Schnorrschen Erde“, dem Kaolin zuständig, mit dem die Porzellanproduktion erst in Gang gebracht werden konnte. Obwohl er sich für 10 Jahre verpflichtet hatte, floh Stöltzel bald zurück nach Meißen, nicht ohne vorher die Wiener Brennöfen zerstört und die vorhandene Porzellanmasse unbrauchbar gemacht zu haben. Trotz eines Schadens von etwa 15.000 Talern, schaffte es die Manufaktur in Wien die Produktion rasch wieder aufzunehmen.

Mit der Gründung des Porzellanunternehmens unterzeichnete Kaiser Karl VI. ein „Spec(z)ial Privilegium“, das Du Paquiers Manufaktur unter einen 25 Jahre währenden Schutz stellte und ihr ein Monopol auf die Porzellanherstellung innerhalb der Habsburgischen Länder einräumte.

Der Kaiserhof in Wien hatte ein besonderes Interesse an einer heimischen Manufaktur, denn dadurch konnte den chinesischen Importwaren eine eigene Konkurrenz entgegengestellt werden, und ferner verblieb das Kapital im Land. Der spätbarocke Stil der Porzellanmanufaktur wird heute noch die „Du-Paquier-Periode“ genannt.

Wien und Niedergang

Trotz des kaiserlichen Privilegs war der wirtschaftliche Erfolg der Wiener Porzellan Manufaktur von Anfang an nicht zufriedenstellend. Du Paquier sah sich nach 25 Jahren gezwungen, seinen Betrieb zu verkaufen und so wurde die Manufaktur unter Kaiserin Maria Theresia verstaatlicht. Unter ihrer Herrschaft wurde die Verwendung des österreichischen Bindenschildes in blauer Farbe eingeführt, mit dem jedes Stück auf der Unterseite als Fälschungssicherung versehen wird. Dieses Merkmal wird nach dem Auftragen mit dem Rest des Produktes glasiert, sodass es nicht mehr entfernt werden kann.

Da der Manufaktur keine nahe gelegenen Kaolin-Lager zur Verfügung standen und die seltenen Erden von weit her antransportiert werden mussten, waren die Oberflächen der Wiener Porzellane anfangs selten von jenem blendenden Weiß, wie es die Meißener Produkte auszeichnete. Dafür haben sie einen cremefarbenen, milden Glanz.

Die verspielte, plastische Periode des Rokoko bildete die Hochzeit der figuralen Kunst. Die malerische Periode des Klassizismus setzte auf schlichte, gerade Linien, ohne Schnörkel und wenig Zierrat in dezentem Weiß gehalten.

1795 entdeckte der damalige Vorsteher der Malerei Josef Leithner die Porzellanfarbe Kobaltblau, eine der schönsten und haltbarsten. Die seither auch als Leithners Blau bezeichnet wird.

Die Kriege unter Napoleon Bonaparte im frühen 19. Jahrhundert brachten die Manufaktur zwar an den Rand des Ruins, aber die zahlreichen rauschenden Feste des Wiener Kongresses mit ihren internationalen Gästen ließen den Bedarf an hochwertigem Porzellan wieder sprunghaft ansteigen. Das Porzellan wurde häufig als Geschenk weitergereicht und sogar der preußische König Friedrich Wilhelm III., oder Zar Alexander I. besuchten damals die Manufaktur.

Wachsendes Selbstbewusstsein und Wohlstand ließen im Spätbiedermeier auch das Bürgertum nach dem Besitz von Wiener Porzellan streben. In dieser Zeit waren Motive mit Blumen besonders beliebt.

Trotz großer Beliebtheit, höchster Qualität und ihres Status als k.u.k. Hoflieferant konnte die Manufaktur dem Wandel der Zeit nicht standhalten. Mit der zunehmenden Industrialisierung und der billigen Massenproduktion aus Böhmen wuchsen die Unternehmensverluste. 1864 musste die Manufaktur geschlossen werden. Die Gebäude wurden in den darauf folgenden Jahren schwer demoliert. Die 1923 gegründete Porzellanmanufaktur Augarten führt die Tradition der Wiener Porzellanmanufaktur bis heute fort und produziert unter anderem Nachbildungen historischer Entwürfe.

Im Sommer 2017 sorgte eine geplante EU Verordnung betreffend der Bleiinhalte in den Farben des Porzellans auch im Augarten für Aufregung. Aus gesundheitlichen Bedenken sollen die Bleiinhalte um ein vielfaches reduziert werden, was jedoch die markanten Farben des Porzellans drastisch verändern würde – die Produktion in 300jähriger Tradition wäre damit beendet. Über Ausnahmeregelungen oder Warnhinweise wurde bis zuletzt beratschlagt, zu einem Entschluss kam man bis dato nicht.

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Augarten Porzellan

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Karl Hohenlohe lässt sich die einzelnen Prozesse des Modellierens

Museumsmagazin, 2017


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Aus dem Rahmen: 500 Jahre Reformation

    Karl Hohenlohe auf einem Rundgang durch den Wiener Protestantismus. Vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, soll Martin Luther seine 95 Thesen gegen Ablasshandel an die Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben.

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    Karl Hohenlohe auf den Spuren österreichischer Geschichte. Auf einem spannenden Rundgang kann man in der neu eröffneten Ausstellung im Haus der Geschichte in St. Pölten die Vergangenheit hautnah erleben.

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    Karl Hohenlohe auf der Suche nach den Quellen der Inspiration des Jahrhundertkünstlers Gustav Klimt, der 16 Jahre lang seine Sommer in der traumhaften Landschaft des Salzkammerguts verbrachte.

  • Aus dem Rahmen: Kunst, Käse und Kantone - Karl Hohenlohe in der Schweiz

    Kunstexperte Karl Hohenlohe reist in die Schweiz, die mit mehr als 1100 Museen, weltweit einzigartigen Kunstsammlungen und spektakulären Landschaften aufwartet.