zeit.geschichte am Samstag

Arisierung: Der große Raubzug | Die verlorenen Jahre

Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurde die jüdische Kultur in Wien ausgelöscht. Bis dahin war sie fixer Bestandteil - Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft waren - besonders in der Zeit der Jahrhundertwende - von den Wiener Juden geprägt.

zeit.geschichte: „Arisierung“ - Der große Raubzug (1/2)

Dokumentation, 2017

„Arisierung“ - Die verlorenen Jahre (2/2)

Dokumentation, 2017

Trailer

Samstag, 11.11.2017, 20.15 Uhr
Wh. So 09.00 und 23.30 Uhr

Der große Raubzug (1/2)

In den 1930er Jahren waren die Juden ein fester Bestandteil des heimischen Wirtschaftslebens. Kaufhäuser, Industrien, Banken und kleine Gewerbebetriebe wie Schuster oder Bäckereien gehörten zum Wiener Stadtbild. Rund 180.000 Juden lebten vor dem Anschluss 1938 in Wien. Es waren über 50 Prozent der Ärzte, 70 Prozent der Schuster und 85 Prozent der Rechtsanwälte.

Mit dem Anschluss im März 1938 begann in Österreich ein riesiger Raubzug gegen die jüdische Bevölkerung. Unter dem Begriff der „Arisierung“ wurde zuerst ungeordnet und wild, später organisiert von staatlicher Hand, jüdischer Besitz beschlagnahmt, geraubt und an „arische“ Neubesitzer (unter Wert) verkauft. Tausende Österreicher und Österreicherinnen verloren ihre Lebensgrundlage.

"Arisierung" 
Der große Raubzug (1)

ORF/ORF III

Jüdisches Geschäft

Unmittelbar nach dem Anschluss ans Deutsche Reich am 12. März 1938 begannen SS-, SA-Angehörige, Gestapo- und Polizeibeamte in Wohnungen und Geschäfte einzudringen und Vermögensgegenstände zu beschlagnahmen. Beutegierige österreichische Partei- und Volksgenossen schlossen sich an. Es setzte ein regelrechter Wettlauf ein. Nach den anfänglich „wilden Arisierungen“ wurde mit Ende April 1938 die Arisierung dann staatlich kontrolliert und über die neu geschaffene Vermögensverkehrsstelle abgewickelt. Meist fanden die Verkäufe unter erheblichen Zwängen statt, ein angemessener Preis wurde nicht bezahlt. Ein Beispiel ist die Mohrenapotheke in Wien. 1938 war sie im Besitz der Schwestern Edith Solka und Trude Kornwill, beide jüdischer Abstammung. Die Ariseurin Frida Kahls hatte zuvor in der Apotheke gearbeitet, war mit Trude auf die Universität gegangen. Sie beschreibt sich selbst in einem Ansuchen an die Vermögensverkehrsstelle als „aufrechte, treue Parteigenossin“.

Manche Unternehmensführer, wie die Familie Kuffner, Besitzer der Brauerei Ottakringer, wurden von sich aus tätig und suchten selbst für ihre Unternehmen arische Käufer, um so den Repressalien der Nationalsozialisten zuvor zu kommen.

Bei der Arisierung der großen Industrieunternehmen und Konzerne kam den Banken eine zentrale Rolle zu. Sie übernahmen die Anteile der Unternehmen und verkauften sie an arische Besitzer. Eine Hauptrolle spielte die 1938 bei weitem größte österreichische Bank, die Creditanstalt.

"Arisierung" 
Der große Raubzug (1)

ORF/ORF III

Zwischen 1934 und 1938 - Anschlag auf ein jüdisches Haushaltswaren-Geschäft. Bild zeigt zerstörten Eingang des Geschäftes „Hak“.

Die Bilanz der nationalsozialistischen Enteignungspolitik war verheerend: 100 Bankhäuser, 946 Großbetriebe, 33.000 Klein- und Mittelbetriebe und 60.000 Mietwohnungen waren in ganz Österreich von der Arisierung betroffen. Etwa 130.000 Menschen haben bis Mai 1939 das Land, das lange Zeit ihre Heimat war, verlassen. Ihre Existenz war zerstört, sie wurden verhaftet oder ermordet. Heute erinnert im Stadtbild wenig an das geschehene Unrecht. Was bleibt sind lediglich Fragmente eines Wiens wie es hätte sein können, hätte es die Zäsur des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben.

Mit umfangreichem Archivmaterial, Experten- und Zeitzeugeninterviews schildert die Dokumentation „Arisierung - Der große Raubzug“ das Ausmaß dieses systematischen Raubs. Moderiert wird die Dokumentation von Danielle Spera, Leiterin des Jüdischen Museums Wien.

Im Interview erzählt der Künstler Arik Brauer vom Schicksal seines Vaters, seinen Erlebnissen als jüdisches Kind in Wien und von den Nachbarn die zwar antisemitisch waren aber den Herrn Brauer gerne mochten. Zeitzeuge Hans Hacker, dessen Familie ein Silberwarengeschäft besaß, besucht die Stätten seiner Jugend im 1. Bezirk in Wien. Die Historiker Oliver Rathkolb, Hans Safrian und Brigitte Bailer-Galanda erklären die historisch-wissenschaftlichen Hintergründe.

"Arisierung" 
Der große Raubzug (1)

ORF/ORF III

Die Familie von Hans Hacker besaß vor 1938 eine Silberwarenfabrik in Wien.

Film von Ernst Pohn und Sabrina Peer

21.00 Uhr
Wh So 09.45 Uhr, Mo 00.15 Uhr

Die verlorenen Jahre (2/2)

Raub, Flucht, Heimkehr und die Restitution der einstigen Besitztümer - davon handeln die Geschichten der Menschen, die durch den Raubzug der Nationalsozialisten alles verloren haben. Sie stehen im Mittelpunkt dieser Dokumentation von Kurt Mayer.

Unter dem Terminus „Arisierung“ wurden ihnen Betriebe, Wirtschafts- oder Kunstgüter geraubt. Die verlorenen Jahre der Aufarbeitung sind längst noch nicht abgeschlossen. Anhand von Beispielen und Gesprächen mit Zeitzeugen, moderiert von Danielle Spera, skizziert Autor und Regisseur Kurt Mayer Fallstudien des Massenraubs und seine Folgen.

Neben 2.000 Gemeindewohnungen wurden auch 20 Prozent aller in Wien gemeldeten Autos ihren Besitzern weggenommen. In Heidenreichstein im Waldviertel hatte man von erfolgreichen jüdischen Textilunternehmen maßgeblich profitiert. Nach dem Anschluss wurden sämtliche Betriebe beschlagnahmt und heute erinnert nichts mehr an die ursprünglichen Eigentümer.

"Arisierung" 
Der große Raubzug (1)

ORF/ORF III

Die Nürnberger Gesetze

Der Film verfolgt auch die absurden Verstrickungen der handelnden Personen in der Restitution arisierter Betriebe und Vermögen nach dem Krieg. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Jurist Walther Kastner, der eine entscheidende Rolle in der Arisierung der Lenzinger Zellwolle- und Papierfabrik spielte. Zur Rechenschaft wurde er nie gezogen, alle Verfahren gegen ihn wurden eingestellt und er beendete seine Karriere als hochgeachteter Professor an der Universität Wien.

1946 beginnt der bis heute andauernde Prozess der Restitution mit ihren mannigfachen Formen der Verzögerung und Verweigerung. Er war eng verknüpft mit der Identitätsfindung der Zweiten Republik - zwischen Opfermythos und Täterrolle. Die entscheidende Wende erfolgt in den Waldheim-Jahren. Der Satz Kurt Waldheims „Ich habe nur meine Pflicht getan“ wird zum Auslöser des Umdenkens. Eine hochkarätige Historikerkommission wird eingesetzt und 1995 übernimmt der Nationalfonds die Aufgabe der Restitution.

Das vorläufig letzte Kapitel stellt der spektakuläre Fall der Rückforderung von Klimts „Goldener Adele“ durch die rechtmäßige Erbin Maria Altmann dar, der schließlich sogar verfilmt wurde.

Film von Kurz Mayer
Dokumentation, 2017


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Vom Weltkrieg zum Kalten Krieg: Die Konferenz von Jalta | Ein neues Zeitalter

    ORF III zeigt in deutschsprachiger Erstausstrahlung den Doku-Zweiteiler von Emilie Lançon, der sich mit der Entstehungsgeschichte des Kalten Krieges beschäftigt.

  • Varian Fry - Der Retter von Marseille

    Er hatte weder die Ausbildung noch das Profil eines Geheimagenten. Aber Varian Fry lernte schnell. Und seine Mission wurde zur persönlichen Herausforderung: er ist entschlossen, so viele Menschen wie nur möglich vor den Nazis zu retten. Künstler wie Marc Chagall, Franz Werfel oder Max Ophüls verdanken ihm ihr Leben.

  • Stille Helden - Zivilcourage im Zweiten Weltkrieg

    Über Widerstand im ländlichen Raum wurde bis dato wenig berichtet. Diese Dokumentation erzählt von vier Menschen, die ihr Leben riskierten um andere zu retten: Anna Strasser, Anna Rohrhofer, Franz Lederer und Anton Posch.

  • Gerechte unter den Völkern: Ella Lingens

    Weil sie jüdische Familien versteckt, deportieren die Nazis Ella Lingens ins KZ Ausschwitz. Dort rettet sie als Ärztin unzähligen Inhaftierten das Leben.