zeit.geschichte am Samstag

Anklage Massenmord - Der Nürnberger Prozess

Ohne Nürnberger Prozess gäbe es keine Erklärung der Menschenrechte, keine Gründung der UNO, kein Srebrenica- oder Ruanda-Tribunal. Und kein ständiger internationaler Strafgerichtshof in Den Haag, der seit 2002 die Prinzipien des Nürnberger Prozesses fortführt.

zeit.geschichte: Anklage Massenmord - Der Nürnberger Prozess

Dokumentation, 2015

Trailer: zeit.geschichte (13.5.2017)

Samstag, 13.5.2017, 20.15 Uhr
Wh. So 01.15, 08.35 und 22.40 Uhr

„Ich bekenne mich nicht schuldig!“ Arthur Seyß-Inquart (1892-1946) leugnete jede Mitschuld an den Verbrechen des „Dritten Reiches“, genauso wie alle anderen 20 Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess von Nürnberg. Mit seinen Urteilen machte das Nürnberger Tribunal Geschichte und wurde zu einem Meilenstein auf dem Weg zu Frieden und Menschenrechten.

„Wir haben die Lektion von Nürnberg gelernt!“ Siegfried Ramler ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Nürnberger Prozesses. Als Kind einer Wiener jüdischen Familie musste er 1938 in einem Kindertransport nach London flüchten. Nach Kriegsende war er Dolmetscher beim Nürnberger Prozess. Heute lebt er in Hawaii. Erstmals erzählt er in diesem Film über seine Erlebnisse in Nürnberg von 1945 bis 1949: „Ich musste damals dabei sein und alles übersetzen. Heute macht mich das stolz, weil seit damals jeder Politiker die Prinzipien von Völkerrecht und Menschlichkeit beachten muss.“

Anklage Massenmord Der Nürnberger Prozess

ORF III

vorne v.li. Wilhelm Keitel, Ernst Kaltenbrunner, Alfred Rosenberg; hinten: v.li. Baldur von Schirach, Fritz Sauckel

Arthur Seyß-Inquart glaubte noch, niemals für seine Mitwirkung am „Anschluss“ und vor allem für seine Verbrechen als Reichskommissar der Niederlande zur Verantwortung gezogen zu werden. „An seinen Händen klebte zwar kein Blut, aber er war mitverantwortlich für die Deportation der Juden, für die Unterdrückung des Widerstandes, für die Erschießung von Geiseln und Ähnliches“, sagt Andreas Mix, wissenschaftlicher Leiter des „Memorium Nürnberger Prozesse“, das heute in Nürnberg die Geschichte des Prozesses dokumentiert und aufarbeitet.

„Mein Mann hat sich verpflichtet gefühlt, seine Kameraden, die man getötet hat, in Nürnberg zu rechtfertigen“, meint die Witwe des wichtigsten Zeugen der Anklage: Generalmajor der Wehrmacht Erwin Lahousen (1897-1955). Erwin Lahousens Zeugenaussagen belegen die Verantwortung der politischen und der militärischen Führung für die Verbrechen auf den Kriegsschauplätzen in ganz Europa. „Lahousen ist ein kleines Ruhmesblatt für Österreich! Österreich hat nicht nur Kriegsverbrecher für Nürnberg geliefert! Österreich hat auch einen Lahousen geliefert!“, meint der Zeitzeuge und Wissenschaftsjournalist Hellmut Butterweck.

Auf den Hauptkriegsverbrecherprozess folgen in Nürnberg 12 Nachfolgeprozesse; parallel dazu werden in ganz Europa NS-Verbrecher vor Gericht gestellt. In Österreich folgt auf die Phase der Volksgerichtsprozesse eine Zeit der Verdrängung und des Vergessens. Gleichzeitig kommt es weltweit zu neuen Verbrechen: Vietnam, Afghanistan, Jugoslawien, Ruanda, Syrien. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit, die Täter werden nur selten verurteilt. Hellmut Butterweck: „Natürlich hofft man, dass die Weltgeschichte ein Weg aufwärts ist. Aber die Hoffnung von 1945, dass das jetzt schon so weit ist, war leider verfrüht.“

Ohne Nürnberger Prozess gäbe es keine Erklärung der Menschenrechte, keine Gründung der UNO, kein Srebrenica- oder Ruanda-Tribunal. Und kein ständiger internationaler Strafgerichtshof in Den Haag, der seit 2002 die Prinzipien des Nürnberger Prozesses fortführt. Jurist und Rechtshistoriker Klaus Kastner: „Der Strafgerichtshof in Den Haag heute wäre nicht vorstellbar ohne die Entwicklungen in Nürnberg der Jahre 1945 bis 1949.“

Dokumentation, 2015