Mythos Geschichte

Österreich damals: Unsere Sexualität

Wie war das mit dem Sex in den vergangenen Jahrhunderten? Und warum taten Männer Jahrhunderte lang alles, um ihre Frauen nicht zum Höhepunkt zu bringen? Eine Geschichte über Tabus und Zwänge in der Sexualität.

Dienstag, 24.10.2017, 23.20 Uhr
Wh. Mi 01.30 Uhr, Fr 09.00 Uhr,
Mo 02.25 Uhr

Wie war das eigentlich damals mit dem Sex? Wie schafften es unsere Ahnen, sich angesichts prüder Moral und brutaler Geschlechterbilder überhaupt zu vermehren? Der neue Doku-Dreiteiler von ORF III geht dem Leben „Damals in Österreich“ auf den Grund: zur Liebe, zum Essen und zur Kleidung. In der ersten Folge widmet sich Regisseurin Patrice Fuchs der körperlichen Liebe in den vergangenen Jahrhunderten.

Österreich damals 
Unsere Sexualität

ORF/familie rockt media

Züchtigung mit der Peitsche

Lange Zeit glaubte man, dass der weibliche Orgasmus die Voraussetzung für eine Schwangerschaft wäre; über Jahrhunderte taten die Männer also alles, um ihre Frauen nicht zum Höhepunkt zu bringen. Überhaupt war Sexualität stets männerdominiert. Die Kirche verbot nicht nur außerehelichen Sex, sie reglementierte auch den ehelichen. Den ersten Schritt zur Enttabuisierung und Entdämonisierung der Sexualität machte Sigmund Freud (1856-1939).

Sex und Armut

Wer arm ist, hat auch wenig Sex. Früher waren viel mehr Menschen arm, trotzdem hatten sie mehr Geschlechtskrankheiten und Kinder. Warum das so war, erklärt Christian Fiala, er leitet das Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Und er hat nicht viel Schönes zu berichten. „Das Leben war ein Jammertal“, meint er und legt es nachvollziehbar dar. Wenn fast jede Familie zu viele Kinder bekommt, als sie erhalten kann, dann ist sie gezwungen, Nachzügler absichtlich weniger gut zu verpflegen, damit sie versterben und die anderen Kinder eine größere Chance haben, zu überleben.

Sex und Ehe

Die Oberschicht konnte sich viele Kinder leisten, doch heiraten durften sie nicht, wen sie liebten oder attraktiv fanden, es wurde nach Räson geheiratet. Und der Sexakt war demnach ein wenig romantisches und sehr schambesetztes Stelldichein.

Sex und die Aufklärung

Um die Jahrhundertwende wirkt die Aufklärung bis in die österreichische Gesellschaft hinein. Frauen lesen erotische Romane, Männer reden offen über Sexualität. Der Feminismus hat die Gesellschaft noch nicht stark genug beeinflusst, dass die Frau, wenn es um Sexualität geht, auch eine eigene Rolle spielt. Die Männer sind gegen sexuelle Tabus; ob ihre Vorstellungen vom Sex auch von den Frauen ersehnt wird, interessiert sie nicht. Dabei haben Frauen damals natürlich auch schon sexuelle Gefühle. Es gibt sogar Auflegevibratoren, die teilweise von Ärzten an den Frauen angewendet werden um sie von Verspannungen zu befreien.

Sex und der Jugendstil

Um die Jahrhundertwende werden Kinder und Jugendliche verherrlicht. Alles was neu und modern und frisch ist, gilt als erstrebenswert. Viele Künstler und Intellektuelle legen dieses Prinzip auch auf ihre Sexualität um und finden möglichst junge Mädchen attraktiv. Karl Kraus, Stefan Zweig, Peter Altenberg, Alfred Loos und viele mehr stellen armen Arbeitermädchen nach und viele vergreifen sich auch an ihnen - ohne Schuldgefühle.

Sex und die Prostitution

Um 1850 sind die Hälfte der Wiener Prostituierten unter 12 Jahre alt. In Frankreich muss zeitgleich eine Sexarbeiterin mindestens 21 Jahre alt sein. Es werden Jungfrauen an pädophile Männer verkuppelt und vergewaltigte und daher gekündigte Dienstmädchen können nur mehr mit Prostitution ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wien ist auch die Hauptstadt des Mädchenhandels und bald kann man in der Hauptstadt als Mann kaum auf die Straße gehen, ohne von einer Sexarbeiterin angesprochen zu werden.

Alma Mahler Werfel und Hugo Bettauer

Alma Mahler Werfel gehört noch zu den Frauen, die ihre eigenen Talente für das der Ehemänner zurückstecken bzw. glaubt, es zu müssen. Sie gehört auch zu jenen, die sich mit Charme und Sexappeal versuchen eine Bedeutung zu geben. Aber sie gehört auch zu jenen wenigen Frauen, die es sich nicht nehmen lassen, ihr Liebesleben selber zu gestalten und sie lässt ihre Männer nach ihrer Kulturmanagerinnenpfeife tanzen. Für ihre Zeit bemerkenswert frei und sehr klassenbewusst.

Hugo Bettauer hingegen, gehört zu den wirklichen Erneuerern. Er brescht mit seinen Aufklärungszeitungen vor und gibt den Österreicherinnen und Österreichern, was sie dringend brauchen: Informationen über Sexualität und Verhütung. Seine Zeitung ist emanzipiert, liberal und erreicht höchste Auflagen. Auch Homosexuelle annoncieren bei ihm um Partner zu finden. Seine Geschichte endet mit einem Anschlag. Er wird von einem Nationalsozialisten in den 30er Jahren erschossen und ist somit das erste prominente Opfer der Nazis.

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Hugo Bettauer; Bettauers Wochenschrift

Michaela Lindinger aus dem Wien Museum hat jahrelang zum Thema Sexualität um die Jahrhundertwende recherchiert und führt durch die Geschichte.

Albine Ruprich und Peter Altenberg

Es wurde schon viel geschrieben über Peter Altenberg und seine pädophilen Neigungen. Er stellte jungen Mädchen auf dem Schulweg nach, schickte 10jährigen Kindern Liebesbriefe und fotografierte Arbeitermädchen in erotischen Posen. Wer waren diese Mädchen? Niemand scherte sich um sie. Mit ihnen konnte er fast alles anstellen, ohne das Gesetz fürchten zu müssen.

Alpine Ruprich lernt er kennen, als sie 11 Jahre alt ist. Er kleidet sie neu ein, formt sie nach seinem Geschmack. Er fotografiert sie und fordert totale Hörigkeit von ihr. Als sie 15 Jahre alt ist trennt er sich von ihr. Sie ist todunglücklich. Was wurde aus ihr? Wir haben versucht Alpine Ruprich zu finden.

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ORF/familie rockt media

Dokumentation, 2017


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Der wilde Wald der Kaiserin

    Der Film von Thomas Rilk berichtet von einem verträumten „Jagdschlössl“ im Wald nahe dem Stadtgebiet von Wien. Park und Schloss – heute das Areal des Lainzer Tiergartens – waren ein Geschenk von Kaiser Franz Josef I. an Kaiserin Elisabeth.

  • Das weiße Ballett | Radetzkys berühmte Nachbarn

    Zwei Dokumentationen zeigen das Bundesgestüt Piber, die Ausbildungsstätte am Niederösterreichischen Heldenberg, die historischen Stallungen der Hofburg in Wien und die Alltagsarbeit der Pferde und ihrer Bereiter.

  • Lebensraum: Burgtheater

    „Theater muss auch verführerisch sein“ meint Michael Heltau. Für Peter Simonischek muss es „ein Ort der Turbulenzen“ sein. Die ORF III-Dokumentation portraitiert das Haus am Ring von seiner Entstehung unter Architekt Gottfried Semper bis in die Gegenwart unter der Leitung von Karin Bergmann.

  • Vieler Herren Häuser: Das Bundeskanzleramt

    In der „Mythos Geschichte”-Reihe „Vieler Herren Häuser” führt Karl Hohenlohe in „Das Bundeskanzleramt”.