zeit.geschichte am Samstag

Der selige Kaiser - Kaiser Karl I. von Österreich

Eine Dokumentation über den letzten, den vergessenen, Kaiser und den Untergang eines 650 Jahre alten Reiches - ein Film über einen Mann, der vieles richtig gesehen, vieles begonnen, und kaum etwas erreicht hat.

Samstag, 30.12.2017, 23.50 Uhr
Wh. Mi 05.35 Uhr, Do 04.25 Uhr

Kaiser Karl I. (1887-1922) ist am 1. April 1922 in Funchal auf der Insel Madeira im Exil gestorben. Während seine Gemahlin, Kaiserin Zita, in einem prunkvollen Staatsbegräbnis in der Kapuzinergruft beigesetzt wurde, ruht der letzte Habsburger-Kaiser noch heute in einer kleinen Seitenkapelle in der Kirche „Nossa Senhora do Monte“ auf einer Atlantikinsel. 82 Jahre nach dem Tod von Kaiser Karl ist seine Geschichte, die ja europäische Geschichte ist, beinahe vollendet. Mit der Erweiterung der Europäischen Union ist heute jener mitteleuropäische Wirtschaftsraum wiederhergestellt, der durch den Zerfall der Habsburger Monarchie verloren gegangen ist. Und um dessen Erhaltung sich Kaiser Karl auch noch im Schweizer Exil bemüht hat.

Der selige Kaiser 
Kaiser Karl I. von Österreich

Westlicht

Kaiser Karl I.

Der Film von Gerhard Jelinek und Kurt Schmutzer folgt den Spuren des Habsburger-Kaisers in der Gegenwart. Auf der portugiesischen Blumeninsel Madeira ist es dem ORF-Team gelungen, zwei Zeitzeugen zu interviewen, die über die letzten Tage Karls im Exil Auskunft geben können. In einem Fotomuseum in Funchal entdecken sie bisher noch nicht gezeigte Fotos. Im Londoner Public Record Office konnten die Logbücher jener zwei Schiffe gefilmt werden, auf denen der Kaiser und seine Frau über die Donau und das Mittelmeer ins Exil gebracht wurden. Die beiden gescheiterten Restaurationsversuche in Ungarn werden an den Originalschauplätzen nachvollzogen.

Kaiser-Sohn Otto Habsburg erinnert sich im Interview an die letzten Tage der Monarchie im November 1918 und an das Sterben des Kaisers. Die Historiker Manfried Rauchensteiner und Brigitte Hamann analysieren die Rolle des jungen Kaisers im Untergang des Vielvölkerstaats, sein gespanntes Verhältnis zum Deutschen Reich und sie beschreiben seine letztlich gescheiterten Versuche, die Doppelmonarchie aus der Umklammerung mit dem Deutschen Reich zu lösen und den Zerfall der Monarchie zu stoppen. Der Historiker Oliver Rathkolb analysiert das Verhältnis der Sozialdemokratie zum Kaiser und zur Monarchie. Die Theologen Paul Zulehner und Franz Xaver Brandmayer erklären, dass Erfolg keine Voraussetzung für ein „heiligenmäßiges“ Leben sein muss.

Die letzte Schlacht

An der italienischen Piave haben sich Gerhard Jelinek und Kurt Schmutzer außerdem auf die Suche nach den Spuren von Österreichs letzter und größter Schlacht gemacht. Im Hinterland von Venedig kämpften 1,3 Millionen Soldaten - Österreicher, Ungarn, Tschechen und Bosnier gegen Italiener, Franzosen, Engländer und Amerikaner. In dieser Schlacht verbluteten Zehntausende, starb die Vielvölker-Monarchie.

Der selige Kaiser 
Kaiser Karl I. von Österreich

Westlicht

Kaiser Karl beobachtet die Kämpfe an der Isonzofront 1917

Der selige Kaiser 
Kaiser Karl I. von Österreich

Westlicht

In den letzten Stunden vor dem Waffenstillstand geraten fast 300.000 österreichische Soldaten in italienische Kriegsgefangenschaft. Der militärischen Niederlage folgt das politische Auseinanderbrechen der Doppelmonarchie.

Seligsprechung

Am 3. Oktober 2004 wurde der letzte Kaiser von Österreich in Rom von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) selig gesprochen. Das Verfahren zur Seligsprechung des letzten österreichischen Kaisers Karl I. (als ungarischer König Karl IV.) ist schon seit fünfzig Jahren im Gang. Die Entscheidung, den letzten Habsburger auf dem Kaiserthron zur „Ehre der Altäre“ zu erheben, kam dennoch überraschend und stieß innerhalb der katholischen Kirche auf Kritik.

Im April 2003 bestätigte die Heiligsprechungskongregation, dass Karl I. ein „vorbildlicher Christ, Ehemann, Familienvater und Herrscher“ gewesen sei und tugendhaft gelebt habe. Er habe stets das Gute seines Volkes gesucht und sich an der Soziallehre der katholischen Kirche orientiert. Auch das Friedensengagement des Kaisers während des Ersten Weltkrieges wurde gewürdigt. Praktisch als einziges Staatsoberhaupt der Krieg führenden Mächte hatte sich Karl I. die Bewertung des Ersten Weltkriegs durch Papst Benedikt XV. (1854-1922) („unnützes Blutbad“) zu Eigen gemacht. Auch das Verhalten des exilierten Monarchen in seiner letzten Lebensphase auf Madeira wurde positiv bewertet.

Der selige Kaiser 
Kaiser Karl I. von Österreich

Westlicht

Hochzeit von Karl und Zita auf Schloss Schwarzau, 20. Oktober 1911.

Der selige Kaiser 
Kaiser Karl I. von Österreich

Westlicht

Das Kaiserpaar Karl I. und Zita auf Madeira.

Auf Madeira spielt die Gestalt des jung verstorbenen Kaisers in der Volksfrömmigkeit eine große Rolle. Im Vorjahr erkannte der Vatikan offiziell ein Wunder an, das der Anrufung Karls I. zugeschrieben wird.

Die sterbliche Hülle Kaiser Karls I. ruht in der Kirche Nossa Senhora do Monte in Funchal. Der Bischof von Funchal, Teodoro de Faria, hat bei der Seligsprechungsmesse in Rom an den Papst die „Bitte“ gerichtet, Kaiser Karl selig zu sprechen. Für die Katholiken Madeiras habe Karl I. immer als „heilig mäßig“ gegolten. Karl I. ist in Österreich ein fast vergessener Kaiser. Beinahe 70 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher wissen nicht, dass Karl I. der letzte Habsburger auf dem österreichischen Thron war.

Dokumentation, 2004


Weitere Sendungen dieser Reihe: