Aus dem Burgtheater: Die letzten Zeugen

„Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet.“ So begründet Rudolf Gelbard (83) sein Engagement für die Theaterproduktion, die in ihrer Einfachheit und Ehrlichkeit das Publikum zutiefst erschütterte. 75 Jahre nach dem Novemberprogrom 1938 ließen Matthias Hartmann und Doron Rabinovici 7 Zeitzeugen des Holocaust auf der Bühne zu Wort kommen.

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ORF III zeigt die berührende, mit Standing Ovations gefeierte Aufführung am Freitag, 28. November, 21.50 Uhr.
Wh. Sa 02.45 Uhr
Die Sendung im Internet: tvthek.orf.at

Die Bühne als Boden über dem Abgrund

Hinter einer weiß schimmernden Leinwand sitzen die Zeitzeugen. Sie sind zwischen 82 und 101 Jahre alt und konfrontieren das Publikum mit ihrer unmittelbaren Präsenz, während ihre persönlichen Berichte von Angst, Vertreibung und dem Grauen der Konzentrationslager von Ensemble-Mitgliedern vorgetragen werden. Während sich die Jungen ihre Sätze aneignen, sieht man die gefassten Gesichter der Zeitzeugen großflächig auf die weiße Leinwand projiziert. Eine Frau schreibt auf einer großen Papierrolle mit: Alles wird protokolliert, kein Name darf vergessen werden.

Die letzten Zeugen Aus dem Burgtheater: Die letzten Zeugen

ORF/Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner

Marko Feingold. Sechs Zeitzeugen und vier Schauspieler bringen das Grauen des Genozids von damals auf die Bühne.

Gegen Ende des Abends tritt jeder der Zeitzeugen aus der Tiefe der Bühne hervor und ergreift selbst das Wort. Die große Last der Erinnerung an den Nazi-Terror wird schmerzhaft spürbar. „Die Bühne wird der Boden über diesem Abgrund“, schreibt Autor Doron Rabinovici. Das Stück bietet keinen Platz zum Fabulieren, die Bühne gehört den Zeugen und ihren Botschaften, die es gilt, über ihren Tod hinaus am Leben zu erhalten.

Die letzten Zeugen Aus dem Burgtheater: Die letzten Zeugen

ORF/Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner

v.li.: Suzanne-Lucienne Rabinovici, Ari Rath, Vilma Neuwirth, Rudolf Gelbard, Lucia Heilman, Marko Feingold.

Die letzten Zeugen

Unter der Regie von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann werden die Erinnerungen der Zeitzeugen Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Ceija Stojka, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath in kurzen Szenen von den vier Burgschauspielerinnen und -schauspielern Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Laurence Rupp vorgetragen.

Die Geschichten

Lucia Heilmann überlebt die Nazizeit als „U-Boot“. Ihr Überleben verdankt sie Reinhold Duschka, der sie all die Jahre unter Lebensgefahr in seinem Atelier versteckte und dem sie ihren Text auch widmet.

Vilma Neuwirth wächst im Kosmos des kleinbürgerlich-proletarischen Milieus im zweiten Wiener Gemeindesbezirk auf und erlebt, wie nachbarschaftliche Solidarität in Hass und still genährten Antisemitismus umschlagen.

Suzanne-Lucienne Rabinovici erzählt, wie ein Vater das eigene Baby erstickt, damit es mit seinen Schreien nicht die SS auf die Menschen in einem Ghetto-Versteck in Wilna aufmerksam macht. Die Mutter des Theaterautors überlebt die Deportation aus dem Wilnaer Ghetto, zwei Konzentrationslager und einen Todesmarsch nach Tauentzin.

Marko Feingold wird 1913 in Neusohl, damals K.& K. Österr.-Ungarische Monarchie, heute Slowakei, geboren, überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und steht heute der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg vor.

Rudolf Gelbard erlebt die Befreiung des Konzentrationslagers Theresienstadt, muss aber nach seiner Rückkehr nach Wien erkennen, dass die Ideen des Nationalsozialismus in Österreich nicht über Nacht verschwunden sind.

Fast 14 Jahre in der Wiener Porzellangasse aufgewachsen, emigriert Ari Rath wenige Tage vor den Pogromen 1938 nach Palästina. 1948 kehrt er erstmals in seine Geburtsstadt zurück, mit der er sich nie versöhnt hat: „Ich bin am Westbahnhof ausgestiegen, und es war, als wäre man auf einem Friedhof gelandet. Ganz Europa war ein Friedhof.“

Der Stuhl der siebten Zeitzeugin bleibt leer: Ceija Stojka verstarb noch vor der Premiere des Stücks - ihre Geschichte der Roma-Verfolgung im Nationalsozialismus wird trotzdem erzählt.

Die Zeitzeugen wenden sich nicht allein gegen Vergangenes, sondern gegen das Fortwirken dessen, was einst nach Auschwitz führte.