zeit.geschichte am Samstag

Grenzenlos - Wo der Vorhang fiel

„Und plötzlich war es soweit: All unsere Träume würden sich jetzt erfüllen. Wir waren frei.“ Der Film von Kurt Langbein und Judith E. Innerhofer schaut, was 25 Jahre nach der Öffnung der Ost-Grenzen in den Grenzgebieten passiert ist.

Samstag, 22.11.2014, 21.45 Uhr
Wh. So 05.00 und 10.15 Uhr, Mo 01.00 Uhr und Di 15.25 Uhr
Die Sendung im Internet: tvthek.orf.at

Vielen sind die Bilder noch in Erinnerung, als vor 25 Jahren, in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989, Kolonnen von ostdeutschen „Trabis“ samt jubelnden Insassen, von Ungarn kommend über den Grenzübergang Nickelsdorf nach Österreich kamen. Das Ende des Eisernen Vorhanges war gekommen.

Grenzenlos - Wo der Vorhang fiel

ORF/Langbein & Partner

Margret und Hermann Pfitzenreiter an der ungarisch-österreichischen Grenze: vor 25 Jahren ging hier der Traum der Freiheit in Erfüllung.

„Und plötzlich war es soweit: All unsere Träume würden sich jetzt erfüllen. Wir waren frei.“ Seit 25 Jahren öffnen Margret und Hermann Pfitzenreiter die Sektflasche an jenem Tag in ihrem Leben, der für die Familie aus der ehemaligen DDR ebenso wie für die ganze Welt den Beginn einer neuen Ära bedeutete. Anfangs nur für die vielen DDR-Bürger, die hinter dem Stacheldraht auf einen Weg nach Österreich, in den freien Westen, gewartet hatten. Damit begann eine Kettenreaktion, die zum Fall der Berliner Mauer, dem Zerfall der UdSSR bis hin zum EU-Beitritt ehemaliger Ostblock-Staaten führte.

Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989: ein Jahrhundertereignis, geprägt von Freudentränen, Aufbruchsstimmung, Hoffnungen auf ein besseres Leben und Glauben an wirtschaftliche Prosperität. Österreich, so frohlockten damals Reporter und Politiker, liegt nun nicht mehr am Rand der Welt. Politiker und Kamerateams eilten an Stacheldrahtzäune und Grenzbalken, um das neuerliche Zusammenwachsen von Nachbarn zu dokumentieren, deren Geschichte vor dem Kalten Krieg so oft und lange eine gemeinsame war.

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Grenz-Öffnung: in Eberau, Burgenland. Hier wird auf ungarisch und deutsch unterrichtet.

Nach 25 Jahren

Zwischen der grenzenlosen Euphorie von damals und den Grenzregionen von heute liegen 25 Jahre. Was hat das Vierteljahrhundert der offenen Grenzen dort bewirkt, wo sie einst so verschlossen waren? Wer kann profitieren, warum gelingt es anderswo nicht? Und vor allem: Wird es gelingen, ein Vierteljahrhundert nach dem Durchschneiden der Stacheldrähte auch alle menschlichen Barrieren abzubauen?

Diesen Fragen gehen Kurt Langbein und Judith E. Innerhofer für diesen Film nach und finden Antworten bei kleinen und großen Akteuren, bei Gewinnern und Verlierern, bei grenzenlosen Denkern und Beschwörern der Grenzen.

„Ich hoffe, dass auch meine Kinder nicht in Ungarn bleiben“, sagt Dora Gáspár, die ihre vier Kinder allein zurücklassen musste, um in Österreich als Pflegerin deren Überleben zu finanzieren. „Ohne die Öffnung wären wir heute noch ein Kleinbetrieb“, weiß hingegen der burgenländische Konzernchef Michael Leier, der das Geschäft im Osten früh für sich zu nutzen wusste. „Und wir können dort sicher noch weiter wachsen, denn Aufholbedarf ist dort noch immer da.“

Kriminalität und Bürgerwehr

So emotional und euphorisch der Zusammenbruch des Ostblocks damals gefeiert wurde, 25 Jahre später ist die Euphorie vielerorts verflogen. Offene Grenzen werden als Sicherheitsrisiko empfunden, etwa bei vielen Einwohnern von Deutschkreutz, die gegen die Kriminalität aus dem Osten eine Art Bürgerwehr gegründet haben. „Veränderungen lösen im Menschen Unsicherheit aus. Und der Fall des Vorhangs bedeutet nun einmal eine enorme historische Veränderung“, so der Soziologe Christoph Reinprecht. Er analysiert, was hinter Schlagworten wie „Ostbanden“ oder „Überschwemmung des Arbeitsmarktes“ steckt.

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Soziologe Christoph Reinprecht an der ungarisch –österreichischen Grenze.

Schranken im Kopf

„Mit solchen Reaktionen habe ich nicht gerechnet“, erzählt Steinmetz Norbert Happl über die Verachtung, die ihm und vor allem seiner aus Tschechien stammenden Frau Hana im Waldviertel entgegen schlug. Ressentiments, die auf allen Seiten weit in die Geschichte zurückreichen, wie der Schriftsteller Josef Haslinger und sein guter Freund Abbé Libansky reflektieren, der einst als tschechischer Dissident in Wien als Held gefeiert wurde. Was und wer hingegen dazu beitragen kann, damit die Schranken irgendwann auch im Kopf verschwinden, wird in einem kleinen Grenzdorf sichtbar: Neues Leben ist in Bildein eingekehrt - auch dank angeworbener Jungfamilien aus Ungarn wie Andrea Siklèr und Balàzs Horvàth. Grenze? „Die gibt es für uns nicht.“

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Schriftsteller Josef Haslinger an der tschechisch-österreichischen Grenze.

Film von Kurt Langbein und Judith E. Innerhofer
Dokumentation, 2014


Weitere Sendungen dieser Reihe:

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