Facebook hat 500 Millionen User weltweit, die ihr Privatleben online stellen. Zwei Millionen Österreicher kommunizieren global und teilen ihre Vorlieben und Erlebnisse. Eine Erfindung von Mark Zuckerberg, der übrigens Privatsphäre für ein überholtes Konzept hält - und so präsentiert sich die soziale Plattform auch:

Georg Markus Kainz, Datenschutzexperte, Quintessenz: „Man hat zwar das Gefühl, dass man in seinem Wohnzimmer oder Schlafzimmer ist, aber defacto ist es so, als ob man am Hauptplatz säße. Das heißt, man muss aufpassen, alles was man kund tut über sich selbst in Facebook etc. Es ist heute so, als ob man am Hauptplatz gesessen wäre, jeder der vorbei kommt, kann zuschauen und weiß, was man gesagt hat."

Die Anonymität in sozialen Netzen entpuppt sich als Täuschung, das wachsame Auge von - bei Facebook sagen wir Mark Zuckerberg - schaut immer mit. Zuckerberg soll es selbst nicht so genau genommen haben mit den Rechten und Daten anderer: Der Facebook-Gründer als Cybermobber?

Ausschnitt aus dem Kinofilm „The Social Network“

Lukas Feiler, Experte für Internetrecht: "Eine derartige Beschimpfung erfüllt zweifellos den Tatbestand der strafrechtlich relevanten Beleidigung, insofern - nach österreichischem Recht - könnte der Beleidigte eine strafrechtliche Klage einbringen, darüber hinaus ist auch strafbar, von jemanden anderen fälschlich zu behaupten, er hätte eine Straftat begangen. Für eine solche Verleumdung gibt es Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren in den schwersten Fällen."

Jeder zweite Jugendliche gibt an, im Internet bereits unangenehme Erfahrungen gemacht zu haben. "Cybermobbing" - Anonyme Attacken, Verbreitung von Gerüchten, Veröffentlichung peinlicher Fotos. Es gibt sogar Webseiten, die sich darauf spezialisiert haben, Leute anonym und öffentlich zu beschimpfen.

Elke Prohazka, Psychologin, „Rat auf Draht“: "Das sind schon Sachen, die massiv Angst machen. Und wenn ich über Wochen und Monate in der Schule fertig gemacht werde und dann auch noch im Internet, wo es jeder sehen kann - nicht nur die Kollegen sondern die ganze Schule, dann hat das massive Auswirkungen."

Cybermobbing - die feigen Attacken aus dem Netz haben Opfer schon in den Selbstmord getrieben. Hilflos steht man den Verleumdungen, Beleidigungen, oder der Veröffentlichung intimer Details gegenüber.

Elke Prohazka, Psychologin, „Rat auf Draht“: "In Wahrheit sind diejenigen, die mobben sehr schwach vom Selbstwert her."

Cybermobbingopfer: „Wir waren vor einem Jahr mit der Schule schwimmen. Die Klassenkameraden haben mich schon immer nicht leiden können, weil ich dunkler bin. Weil ich halbe Serbin und halbe Roma bin. Dadurch ist der Hass auf mich gewachsen. Ich hab versucht, mit ihnen klar zu kommen. Es hat nicht funktioniert. Im Bad waren dann ein paar total neben der Spur. Zuerst blöde Sprüche, dann haben sie mich unter Wasser gedrückt. Dann waren es fünf, die mich unter Wasser gedrückt haben. Eine Mitschülerin hat mit einer Unterwasserkamera ein Foto gemacht. Das hat sie ins Internet gestellt. Da wurde weitergemobbt. Auf Facebook, Netlog, MSN, Skype. In jedem Chat, den es gab, war das Foto zu finden. Die Kommentare waren: ‚Ha, ha! Du Opfer! Du Loser! Du schaffst nichts. Du schaffst es nicht, dich gegen fünf zu wehren.’ Das war ein schlimmer Alptraum.“

Elke Prohazka, Psychologin, „Rat auf Draht“: "Also wenn es um Cybermobbing geht, ist es mal ganz klar, dass man versucht, wenn das in einem sozialen Netzwerk ist, denjenigen sofort zu melden, das ist möglich. Wenn es um Eltern geht, die sich da vielleicht unsicher sind, die sollen sich an Beratungsstellen wenden, man kann einfach bei uns anrufen und fragen, wie sie das machen können. Ich kann den Täter sperren - genauso wenn es um Bilder geht die veröffentlicht werden, was rechtlich sehr oft nicht ok ist, dass man sich da erkundigt: Ist das jetzt ein Bild, das schon verboten ist, dann kann ich entweder eine Anzeige machen im Extremfall oder ich kann denjenigen ansprechen und sagen, du, nach Paragraph soundso ist das einfach verboten, nimm das Bild bitte runter."

In nahezu allen europäischen Ländern werden Selbsthilfegruppen für Opfer, zumeist Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrer eingerichtet. In Spots und Trailern wird versucht ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Cybermobbing Menschen zerstören kann:

Ausschnitt aus dem Spot „klicksafe.de“

Jeder Facebook-User hat durchschnittlich 130 Freunde. Nur mit einem beschränktem Freundeskreis zu kommunizieren - und hier liegt einer der größten Irrtümer - schützt vor Strafe nicht. Wer negatives über andere postet - tut dies öffentlich.

Lukas Feiler, Experte für Internetrecht: "Sehr viele rechtliche Strafbestände kennen das Merkmal der Öffentlichkeit, also dass eine bestimmte Aussage strafrechtlich nur relevant ist, wenn sie öffentlich getätigt wird. Die Tatsache, dass kein Facebook-User nur mit seinen engsten Familienangehörigen befreundet ist, sondern mit 100 Personen, ist dieser Kreis so groß, dass man rechtlich wird sagen müssen, dass es sich hierbei um eine Öffentlichkeit handelt - man kann also sagen - alles was auf Facebook ist, ist auch öffentlich."

Dinge, die besser geheim bleiben sollten, haben in sozialen Netzwerken nichts verloren. Facebook auf dem Weg in unsere Schlafzimmer. Jede Nachricht, jedes Posting, wird abgespeichert. Und - einer liest immer mit - und verkauft diese ausgespähten Informationen - Facebook.

Georg Markus Kainz, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Dadurch dass man in der Früh sein Gerät einschaltet und postet, wird der gesamte Lebensablauf mittlerweile kontrolliert und bewacht. Daraus kann man ableiten, was man als nächstes macht, was die Vorlieben und Hobbys sind. Diese Daten stehen weltweit allen Firmen zur Verfügung, die mit Facebook einen Vertrag haben."

500 Millionen Freunde wollen unterhalten werden, beispielsweise mit den beliebten Apps. Phrases, Farmville, ZyngaPoker - Wer auf den Button drückt und spielt akzeptiert, dass seine Daten an dritte weitergegeben werden. Alter, Herkunft, Geschlecht, Internetverhalten, Freunde, Vorlieben - all dies stellt der User bereitwillig zur Verfügung. Während er spielt, erfolgt der Datentransfer. Die persönliche User-ID-Nummer wird an externe Empfänger weitergesandt. Dadurch können Werbefirmen den Namen des Accounts erschließen und verfolgen die Online-Aktivität.

Georg Markus Kainz, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Viele dieser Applikationen haben den einzigen Zweck an unsere Daten heranzukommen. Das heißt, es wird vordergründig ein Funfaktor angeboten, wie bei diesem Spiel. Das Spiel hat den einzigen Grund an unsere Daten zu gelangen. Mittels Apps ist es einfach möglich, dass die Informationen, die auf Facebook gespeichert sind, auch an Drittfirmen übergeben werden."

Alle der zehn beliebtesten Facebook-Anwendungen haben die Daten der Spieler an externe Firmen verschickt, allein Zynga, der Anbieter von Farmville - Daten von 60 Millionen Usern.
Mark Zuckerberg und Facebook versprechen Besserung.

Im Kinofilm "The Social Network" kommt Zuckerberg auch nicht besonders gut weg, wenn es um Datenschutz geht.

Ausschnitt aus dem Kinofilm „The Social Network“

Lukas Feiler, Experte f. Internetrecht: "Dadurch, dass er sich in Computer hineingehackt hat um die Fotos von anderen Studenten zu bekommen, müsste man sagen nach österreichischem Strafrecht, dass er sich rechtswidrig zu einem fremden Computersystem Zugriff verschafft hat, was mit einer Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten zu bestrafen wäre."

Ausschnitt aus dem Kinofilm „The Social Network“

Lukas Feiler, Experte f. Internetrecht: "Darüber hinaus ist die Beschaffung der Fotos, bei denen es sich um personenbezogene Daten handelt, eine Verletzung des österreichischen Datenschutzgesetzes, die mit einer Verwaltungsstrafe zu ahnden wäre. Schließlich wäre auch die Veröffentlichung dieser Fotos ohne Zustimmung der Betroffenen ein Eingriff in das Recht am eigenen Bild der Betroffenen, was Schadenersatzansprüche zur Folge hätte. Nachdem es sich um viele Personen gehandelt hat, wären die finanziellen Folgen erheblich."

Ausschnitt aus dem Kinofilm „The Social Network“

Salopper Umgang mit den Daten der User und deren Privatsphäre bringen Zuckerberg und Facebook immer wieder ins Visier von Datenschützern. Die Hälfte der Facebook-User ändert ihre Privatsphäre-Einstellungen nicht - und präsentiert damit ihr Privatleben wie ein offenes Buch. Wer seine Daten schützen will, muss schon ein echter Nerd sein.

Christian Jeitler, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Wenige Autofahrer wissen, wie sie ihren Vergaser einstellen, genauso verhält es sich mit den Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook. Ich muss mich intensiv und sehr genau damit auseinander setzen, brauche großes Hintergrundwissen, um überhaupt imstande zu sein, das so einzustellen, dass ein Minimum an Privatsphäre gewahrt wird."

Auf der Newton-Website sind die zehn wichtigsten Privatsphäre-Einstellungen - die jeder kennen sollte - nachzulesen.

Wie leicht es ist, an die Daten wildfremder Social-Network-User zu kommen, haben Informatiker der TU Wien bewiesen. Ziel der Attacke war Facebook. Die Hacker im Dienste des Datenschutzes konnten an die e-Mail-Adressen von 1,2 Millionen Facebook-Nutzern herankommen - samt privater Daten, die in diesen Accounts gespeichert waren.

Gilbert Wondracek, Informatiker, TU Wien: "Wir haben es geschafft bis zu 500.000 Adressen am Tag auszulesen - mit bescheidenen Ressourcen. Ein realistischer Angreifer könnte diese Zahl durchaus noch erhöhen."

Privatsphäre und Datensicherheit in sozialen Netzwerken - offenbar ein Widerspruch.

Gilbert Wondracek, Informatiker, TU Wien. "Das ist eine Lücke die leider typisch ist für soziale Netzwerke. Es wird nicht an die Nebeneffekte von diversen Funktionen gedacht. Mit etwas Kreativität und geringem Aufwand kann ein Angreifer das ausnutzen um an private Daten zu kommen, die doch Einblick geben in die Intimsphäre der Nutzer."

Die Anonymität im Netz ist eine Illusion. Wer glaubt, dass sein Surfverhalten im Internet - vor allem in sozialen Netzwerken - geheim ist, irrt. Ein wachsames Auge surft immer mit...

Gilbert Wondracek, Informatiker, TU Wien: "Zusätzlich haben wir herausgefunden, dass soziale Netzwerke Spuren im Browser des Users hinterlassen. Diese Spuren können von einer bösartigen Website dazu verwendet werden, um für jeden aktuellen Surfer auf der Website das soziale Profil zu finden. Das heißt aus einem vollkommen anonymen Websurfer wird jemand, der wie auf einem großen Schild die Identität vor sich herträgt mit allen Daten, die auch im sozialen Netzwerk eingetragen sind. Die Website muss keine Verbindung zum sozialen Netzwerk haben und das ganze passiert unsichtbar für den Anwender."

Wer kennt ihn nicht - den "Like-Button". "Gefällt mir" oder auch nicht - schon das Klicken des Buttons verrät den User, ohne dass er dies merkt.

Georg Markus Kainz, Datenschutzexperte, Quintessenz:
"Wenn ich bei Facebook eingeloggt bin und dann auf eine Webseite gehe, auf der dieser "Like"-Button drauf ist, so weiß Facebook, dass ich diese Seite besucht habe. Damit wird ganz einfach mein Leseverhalten, mein Nutzungsverhalten vom Internet transparent, auch auf Seiten, die außerhalb von Facebook liegen. Das heißt da geht es wirklich Richtung Überwachung total."

Datenhandel, Ausspähen von Usern, Überwachung und Kontrolle - ist dies der Preis den wir für die schier grenzenlose Kommunikationsfreiheit in sozialen Netzwerken zahlen?

Christian Jeitler, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Facebook ist nicht kostenlos - Facebook ist irrsinnig teuer. Was wir hinein werfen in die Waagschale ist unsere Privatsphäre, unsere intimen Details, unsere Geschichten, unsere Bilder, unsere Fotos - die werfen wir hinein, damit wir es benützen dürfen und das wird dann verkauft. Der Wert von dem ist ungleich höher als die sogenannte Convenience eine soziale Plattform nützen zu können."

Sollten sich Facebook und Skype, wie vermutet in naher Zukunft zusammentun, werden die Daten von einer Milliarde Menschen vernetzt und eingesehen werden können. Welche Folgen könnte dies vor allem in Hinblick auf Datenschutz und Überwachung haben?

Christian Jeitler, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Die Verbindung von Skype und Facebook ist eine interessante. Skype einerseits eine Firma die eine Telefonfirma ist, also in irgendeiner Form Abhörmöglichkeiten bieten muss für die Behörden. Facebook auf der anderen Seite eine soziale Plattform, mehr oder weniger gibt es eine enorme Anzahl von Personen, die problemlos überwachbar ist, deren Tagesablauf problemlos nachvollzogen werden kann, deren Kommunikationspartner nachvollzogen werden können - das ist sozusagen die globale Totalüberwachung."

Das Internet hat einen immer währenden Speicher. Neigt der Mensch dazu, zu vergessen - merkt sich das Netz alles. Nicht nur, was man selbst ins Netz gestellt hat - sondern auch alle Formen von Mobbing, Beleidigungen, Gerüchte, die andere gepostet haben. Dies kann dazu führen, dass sich das echte Abbild des Menschen gänzlich von dem unterscheidet, was das Netz als Identität ausspuckt. Der Versuch sein virtuelles Zerrbild zu recht zu rücken, scheitert meist.

Georg Markus Kainz, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Das Gedächtnis des Internet ist unbeschränkt und auf Dauer da, mir hängen meine Jugendsünden sozusagen in 30 Jahren nach. Wenn man mit 15 oder 16 irgendeinen Blödsinn macht, der halt zu der Zeit lustig ist, wenn man sich dann zehn Jahre später um einen Job bewirbt oder halt dann Bankdirektor ist, sind die lustigen Späße, die man mit 16 gemacht hat, halt nicht mehr so lustig."

Christian Jeitler, Datenschutzexperte, Quintessenz: "Web.2.0. heißt, der User ist die Ware, der User produziert den Inhalt, den andere verkaufen und die privaten Daten, die der User ins Internet stellt, sind die Handelsware mit denen dann gehandelt wird."

Soziale Netzwerke bieten große Chancen und sind der Trend der Zeit. Genießen kann man dies alles aber am besten, wenn man das Einmaleins des Internetverhaltens kennt und sich an die goldene Regel hält: Erst denken, dann klicken...