Pansy, der Schimpanse, der Englisch versteht

Frühmorgens in Atlanta, Georgia. John Kelly der Manager des Sprachforschungszentrums an der Universität Georgia macht Kaffee - für seine Arbeitskollegen. Die Getränke sind aber nicht für menschliche Mitarbeiter, sondern für eine Gruppe von Schimpansen um die sich John seit 18 Jahren kümmert.

John: „Das ist Lana, sie ist 38 Jahre alt und der erste Schimpanse in diesem Sprachforschungsprojekt.“

Während Lana ihren Cafe genießt, bevorzugt der 35-jährige Sherman morgendliches Fitnesstraining. Der kleine Mercury ist morgens noch etwas schlecht gelaunt. Der eigentliche Star ist aber die 23-jährige Schimpansin Pansy.

John: „Pansy ist etwas Besonderes. Wir haben sie wie eine Prinzessin aufgezogen. Möchtest du ein paar Erdbeeren? Das sehen die anderen Schimpansen natürlich. Aber bei ihr lassen wir mehr durchgehen."

Pansy hat eine künstlerische Ader und steht auf Designerbrillen.

John: „Sehr 'cool'"

Am liebsten setzt sie sich aber Masken auf, um John und ihre Kameraden zu erschrecken. Aber natürlich verbringt Pansy nicht ihre gesamte Zeit mit solchen Tollereien. Sie ist ein ganz spezieller Schimpanse, mit erstaunlichen sprachlichen Fähigkeiten.

Dr. Mike Beran, ein Primatensprachwissenschafter arbeitet seit über 13 Jahren mit Pansy. Er weiß ganz genau wie brillant die Fähigkeiten von Pansy sind.

Dr. Michael J. Beran, LRC, George State University: „Pansy ist mit Sicherheit der intelligenteste Schimpanse, den man zurzeit treffen kann. Sie verfügt über einzigartige Fähigkeiten, die man bei nicht menschlichen Lebewesen so noch nicht beobachtet hat."

Von allem Anfang an hat Pansy immer wieder den Kontakt zu Menschen gesucht. Besonders zu den Forschern.

John: „Roll mal deine Zunge. Pansy hat ein besonderes Naheverhältnis zu den Leuten mit denen sie arbeitet. Setz dich mal da drüben hin. Ich denke es ist nicht möglich mit Affen auf diese Weise zu arbeiten und die Verbindung zwischen Mensch und Tier dabei zu ignorieren."

Trotz dieser engen Bindung geht Mike aber nicht mehr direkt in das Gehege der Schimpansen.

Mike: „Im Gegensatz zu Menschen sind Schimpansen sehr, sehr stark - und manchmal, wenn sie übermütig werden, vergessen sie oft wie stark sie wirklich sind. Und wir tragen dann schlimmere Verletzungen davon als sie die Affen haben würden.“

Wegen dieser engen Bindung ist es Pansy möglich, Mike zu zeigen, dass sie Englisch besser als jeder andere Schimpanse weltweit verstehen kann. Um dieses unglaubliche Talent zu demonstrieren hat Mike einen Vokabeltest für den Schimpansen entworfen.

Mike: „Gut, Pansy, bist du bereit? Machen wir unseren Test."

Pansy ist sehr schlau, sie kann ganz selbstständig den Computer benutzen.

Mike: „Sie nimmt einfach den Joystick und bewegt ihn so, dass sie den Cursor auf dem Bildschirm lenken kann - bis sie einen Ton hört... ungefähr so:"

Computer: „Zahnbürste."

Mike: „Dann sieht sie am Bildschirm vier Symbole. Sie muss dem Wort, das sie gerade hört das passende Bild zuordnen."

Computer: „Zahnbürste"
Mike: „Korrekt."
Computer: „Zündkerze."
Mike: „Mach noch eins."
Computer: „Brot."
Mike: „Noch eins."
Computer: „Kartoffel."

Pansys Vokabular beschränkt sich nicht nur auf einfache Alltagsgegenstände.

Computer: „Überraschung."

Sie kennt viele andere Wörter - wie Plätze, Menschen und Verben.

Computer: „Kreuz und quer."

In Wahrheit, weiß selbst Mike gar nicht genau, wie viele englische Worte Pansy beherrscht.

Mike: „Das ist ein bisschen schwierig: Denn es kann immer Worte geben, die sie kennt, von denen wir aber nichts wissen. Ich schätze mal, dass sie einen Wortschatz von ca. 150 Wörtern hat."

Pansys Sprachfähigkeiten sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung mit Schimpansen. Ihrem Erfolg gingen mehr als 50 eher schwierige Jahre voraus.
Das früheste und ambitionierteste Projekt begann in den 1940ger Jahren. Nach drei Jahren intensiver Arbeit verkündeten die Forscher stolz, dass sie dem Schimpansen Vicky beigebracht hätten zu sprechen.

Forscher: „Durch Nachahmung hat Vicky gelernt zwei dieser Klänge in geflüsterte Varianten von Papa und Cup einzubauen."

Dr. Michael Owren, LRC, George State University: „Keith und Kathy Hayes haben Vicky von klein auf erzogen als wäre sie ihr eigenes Kind. Die beiden hofften dass Vicky die erste von vielen sprechenden Schimpansen sein könnte.“

In Wahrheit schlug das Experiment derart fehl, dass es nie mehr wiederholt werden sollte.

Michael: „Nach 2 - 3 Jahren Training waren die beiden überzeugt, dass Vicky die Worte Cup, Mama und Papa gelernt hat. Aber wenn sie genau hinhören ist es für mich nicht offensichtlich, dass sie das voll unter Kontrolle hat."

Die Wissenschafter waren nicht sonderlich überzeugt von Vicky's Fähigkeiten.
Daran waren nicht die Methoden der Hayes schuld, sondern die Erkenntnis, dass Schimpansen physisch keine Sprache produzieren können. Der Kehlkopf der Schimpansen ist im Gegensatz zu uns Menschen für Sprache zu wenig flexibel. Das Ende des Traumes vom sprechenden Schimpansen. Ermutigt durch die technischen Möglichkeiten des Weltraumzeitalters der 70er Jahre, machten die Wissenschafter einen neuen Anlauf. Die neuen Computer sollten den Durchbruch ermöglichen.

Die 38jährige Lana, die heute noch immer mit Pansy lebt, sollte die erste in diesem kühnen Experiment sein. Im Jahr 1973 haben Forscher der zweieinhalb Jahre alten Lana gezeigt wie sie mit Wortsymbolen mit einem Computer kommunizieren kann.

Mike Beran: „Lana war der erste Schimpanse, dem man diese Wortsymbole gezeigt hat. In ihrem Fall hat man das auch sehr systematisch gemacht."

Die Forscher hofften, dass Lana aus den einzelnen Wörtern selbständig Sätze formen würde.

Mike: „Sie musste Symbole aneinanderreihen um bestimmte Ziele zu erreichen, so musste sie etwa sagen: bitte Maschine gibt mir ein Stück Brot, wenn sie Brot wollte. Die ersten Versuche ihr das beizubringen waren nicht sehr effektiv."

Anfangs zweifelten die Forscher an der Fähigkeit der Schimpansen, logisch und sinnvoll zu kommunizieren.

Mike: „Lana wurde deutlich kommunikativer als sie mit einem menschlichen Partner zusammenarbeiten konnte. Auf diesem Weg lernte sie sehr rasch und von da an ging dann alles sehr schnell."

Schnell war klar, dass nicht die trockenen Lektionen, sondern erst der direkte Kontakt mit dem Forscher erfolgreiches Lernen ermöglicht. Seit ihrer Geburt, wurde Pansy immer möglichst in der Nähe von Menschen erzogen.

Mike: „Sie wurde eigentlich wie ein menschliches Baby aufgezogen - und genau das dürfte der Grund für ihre Talente sein."

Einfach durch Zuhören und Imitieren hat sich Pansy ein erstaunlich reiches Vokabular angeeignet.

Forscherin: „Hey Pansy - möchtest du das Namenspiel spielen?"

23 Jahre später kann Pansy heute nicht nur eine ganze Menge Englisch verstehen - auch die Symbole hat sie im Vergleich zu Lana besser im Griff.

Pansy‘s unglaubliches Talent zeigt den Forschern, dass Schimpansen unsere Sprache grundsätzlich verstehen können. Doch während wir Jahrzehnte damit verbracht haben, Schimpansen menschliche Kommunikation beizubringen, haben wir wenig darauf geachtet wie Schimpansen in freier Wildbahn untereinander kommunizieren. Für die Primatologin Katja Liebal haben Schimpansen ihre ganz eigene Sprache: Eine Sprache aus Gesten und Grimasse, die die Forscher erst nach und nach zu verstehen lernen.

Pansy‘s außergewöhnliche Fähigkeiten haben die Konzentration der Forscher nun auf die Kommunikation der Schimpansen untereinander gelenkt. Im Twykross Zoo analysiert die Primatologin die Kommunikationsstrategien der Schimpansen. Auch wenn Schimpansen keine Worte sprechen können, verwenden sie eine Reihe von Gesten und Ausdrücken um miteinander zu kommunizieren.

Dr. Katja Liebal, University of Portsmouth: „Schimpansen brauchen in der freien Wildbahn keine Sprache, da sie mit einem sehr komplexen, nicht verbalen System kommunizieren."

Durch Beobachtung hofft die Primatologin, bald genug Material für das erste Schimpansen-Wörterbuch zu haben. Die Twycross-Schimpansen sind dafür bestens geeignet. Es gibt hier einen andauernden Machtkampf zwischen dem dominanten Kipp und dem jungen Peter. Kämpfe zwischen den beiden stehen an der Tagesordnung:

Die Spannung sorgt für ein breites Kommunikationsspektrum in der gesamten Gruppe. Die erste Geste, die der Primatologin sofort auffällt ist ein direktes Resultat des Kampfes: Peter's Maul signalisiert Angst.

Katja: „Die Mundwinkel sind weit zurückgezogen und sie können die Zähne sehen."

Das machen sie auch wenn sie schreien. Mit ihrem Gesicht signalisieren sie auch Spiellaune.

Katja: „Der Mund ist offen aber die Lippen bedecken immer noch ihre Zähne. Ungefähr so - das wäre dann das Spielgesicht. Hier sehen wir Kipp und William beim Herumtollen. Und sie sehen an Williams Gesicht, dass es reines Spiel ist. Die Gesten sind jedoch viel komplexer, als einfache Gesichtsausdrücke.

Unmittelbar nach dem Kampf tapst Peter, Kipp auf die Schulter: Das ist eine Art Schimpansen-Entschuldigung.

Katja: „Wer den Kampf verliert geht zum Gewinner und wird mit seinem Arm um Entschuldigung bitten - ein Zeichen von Unterwürfigkeit."

Solche Kommunikationsstrategien machen natürlich auch klar, wer der Boss ist. Ein Schmollmund kann zum Beispiel bedeuten: Gib mir von deinem Futter. Körperpflege bedeutet: Ich bin dein Freund und Partner. Ein freundschaftlicher Biss heißt ganz einfach: ich spiele gerne mit dir. Alle diese Verhaltensmuster stärken den sozialen Zusammenhalt, kommunizieren Gefühle und machen klar, wer das Sagen hat. Bei manchen Handlungen wirken sie äußerst menschlich. Weil die Laute fehlen, erfinden die Schimpansen einfach neue Gesten, die sie miteinander austauschen.

Katja: „Eine Theorie besagt, dass sie Gesten untereinander imitieren. Sie lernen durch Interaktion."

Die Theorie, dass Schimpansen von den Gesten der anderen lernen, hat Primatologen auf den Gedanken gebracht, dass das auch bei den frühen Menschen so gewesen sein könnte. Vielleicht eine Wurzel für unsere heutige Sprache.

Katja: „Es ist viel wahrscheinlicher, dass Gesten auch in der menschlichen Sprachentwicklung eine wichtige Rolle gespielt haben. Vielleicht liegt es daran, dass Gesten heute immer noch so wichtig sind. Auch wenn wir verbal sprechen, gestikulieren wir die ganze Zeit. Kinder etwa, bevor sie etwas sagen, zeigen sie auf die Objekte."

Um die Fülle an Gesten zu analysieren, beobachtet die Primatologin eine Kindergruppe: Ganz wie unsere verwandten Schimpansen, machen Kinder untereinander sehr schnell deutlich wer das Sagen hat:

Katja: „Zu Beginn war nicht zu übersehen, dass sich ein kleiner Bub hervortun wollte, indem er versuchte, den anderen einfach wegzustoßen. Mit seinen Gesten signalisierte er, dass der andere aufhören sollte zu reden."

Wie bei Schimpansen fühlen sich auch hier Individuen ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: Das Gesicht des kleinen Jungen sagt uns alles, was wir über seine Gefühle wissen müssen: Ähnlich wie bei Affen haben auch Kinder ihre Spielgesichter - zufällige Gesten schauen sie voneinander ab. Die Kinder holen sich auch ihre Bestätigung von den anderen - eine menschliche Variante des Kraulens und Berührens bei den Schimpansen. Eine der wichtigsten Beobachtungen war es aber zu sehen, dass Kinder mit anderen teilen.

Katja: „Ich denke, Teilen und Zusammenarbeiten ist bei Menschen im Vergleich zu Affen stärker ausgebildet. Kinder teilen häufiger als Schimpansen - und manchmal machen sie es einfach aus Nächstenliebe. Sie teilen, weil sie teilen wollen und haben Freude daran."

Lange war man der Meinung, dass Teilen und Austauschen ein speziell menschliches Verhaltensmuster wäre. Pansy wird uns aber gleich zeigen, dass sie - obwohl sie nicht sprechen kann - ökonomische Grundsätze durchaus verstehen kann:

Dr. Michael J. Beran, LRC, George State University: „Wir werden Pansy jetzt in eine Situation bringen, wo sie zuerst einen Teller voller Leckereien sieht und dann erkennt, dass sie Spielsteine dafür eintauschen muss."

Dr. Sarah Brosnan, LRC, George State University: „Wir haben hier eine Wand voll Spielsteine. Pansy hat nun die Möglichkeit hierher zu kommen, einen zu nehmen und ihn bei Mike gegen Futter zu tauschen."

Die Futterauswahl reicht von Pansy's Lieblingsobst Orangen und Bananen bis zum weniger schmackhaften Brot und Karotten. Dieser Test ist das modernste was es bei Intelligenzforschung an Schimpansen zurzeit gibt.

Mike: „Kannst du mir den passenden Stein geben? Hol dir einen Stein bei Sarah!"

Wenn Pansy versteht, dass sie für die Spielsteine bestimmtes Futter bekommt, sollte sie Orangen und Bananen zuerst kaufen. Das wäre ein Beweis, dass sie das Konzept von Wert und Währung versteht.

Mike: „Eine Orange, bitte sehr!"
Forscherin: „Welche möchtest du denn Pansy?"
Mike: „Das bedeutet Banane - richtig!"

Hat Pansy ihr Lieblingsessen verdrückt, sieht sie sehr schnell, dass es keinen Sinn macht die gleichen Spielsteine erneut auszugeben.

Mike: „M&M, M&M - siehst du was noch übrig ist?"

Am Ende des Experiments hat Pansy erfolgreich ihr Lieblingsessen gekauft. Was übrig ist, schmeckt ihr nicht.

MIKE: „Brot, genau - Brot!"

Pansys erstaunliche Fähigkeit, ökonomisch zu denken hat die Forscher zu einer interessanten Frage gebracht: Teilen und handeln Schimpansen vielleicht sogar untereinander? Im Twycross Zoo beobachtet die Primatologin, dass die Schimpansin Samantha ihrer Freundin Jolly eine Mango gibt: vielleicht ist das eine weitreichende Konsequenz für die Schimpansen-Intelligenzforschung.

Katja: „Wenn Schimpansen teilen, dann machen sie das mit Absicht - etwa um etwas dafür zu bekommen - einen Vorteil daraus zu ziehen."

Hinter dieser unscheinbaren Geste sieht die Forscherin eine Investition der Schimpansin in die Zukunft: Dank Pansy haben die Forscher entdeckt, dass Schimpansen doch etwas komplexer sind als man dachte. Und vielleicht ist Pansys ökonomisches Talent der Grundstein für die erste Schimpansen-Ökonomie.

Sarah: „Vielleicht erfindet Pansy gerade eine Schimpansen-Ökonomie, wo sie untereinander zu verhandeln lernen. Mal sehen."

Pansy hat uns gezeigt, wie nahe Mensch und Schimpanse einander sind.

Sarah: „Vielleicht sind Schimpansen und Menschen doch nicht so weit voneinander entfernt. Wir sind ihnen vielleicht ähnlicher oder sie uns - als wir manchmal glauben."

Pansy hat uns das Potential der Schimpansen-Intelligenz gezeigt und uns mehr Verständnis für das Verhalten der Tiere in der freien Wildbahn gegeben.

Mike: „Pansy hat eine Fülle an Möglichkeiten eröffnet. Sie ist ein außergewöhnliches Tier."

Eines ist sicher: Pansy wird uns in den kommenden Jahren noch viele Lektionen erteilen.