Wir und die Krise

Unter dem Motto „united for global change“ gingen am 15.Oktober in 82 Ländern die Menschen für einen positiven Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems auf die Straße - zugleich macht sich aber Angst breit: Angst vor der Zukunft.

Was, wenn sich unser gewohnter Alltag fundamental verändert? Bricht Chaos aus oder friedliche Vernetzung? Können wir unser Verhalten in Extremsituationen überhaupt einschätzen? Was sagt die Wissenschaft über den Mensch in Ausnahmezuständen, und was glauben wir von uns selbst zu wissen?

Straßenbefragung:

Frau: Ja, es wird Panik ausbrechen und es wird sehr viel Gewalt geben und es wird noch mehr Korruption geben. Die Menschen werden sich wortwörtlich teilweise bestimmt auch umbringen fürs Essen.

Mann: Also ich glaub daran, dass wir Menschen so intelligent sind und so mitfühlend sind, dass wir es nicht dazu kommen lassen würden.

Mann: Der Mensch wär - glaube ich - erst einmal ziemlich in Panik - schätz ich, ich glaub der Mensch wüsste nicht, was er genau machen sollte.

Frau: Ich glaub, dass es sehr menschabhängig ist, es gibt sicher die einen, die netzwerken und sich zusammenschließen und ich glaub, dass es andere gibt, die zu Macht greifen, zu Gewalt. Also ich glaub nicht, dass man das über einen Kamm scheren kann.

Mann: Ich glaube, der Mensch ist ein kooperatives Wesen und so wie die Gesellschaft derzeit organisiert ist, besteht die Gefahr, Menschen gegeneinander auszuspielen, zu teilen. Man muss versuchen, diese Spaltungsversuche zu überwinden, Menschen zusammenzubringen, dann glaub ich kann das Kooperative im Menschen siegen.

Mann: In Krisensituationen oder in Paniksituationen glaub ich, kommt der Egoismus ganz stark durch - auch bei mir.

Mann: Aber es muss nicht sein, wir müssen nicht in einen Bürgerkrieg ausarten und das glaub ich auch gar nicht, dass es so weit kommt, sondern ich glaub, dass wir mit diesem Bewusstseinswandel, dem Wertewechsel, den wir jetzt vollziehen, eine große Chance, eine neue Aufklärung finden, um das umzusetzen, das wir jetzt schon längst wissen, was die Wissenschaft schon längst entdeckt und für uns erarbeitet hat, aber die Politik noch nicht umgesetzt hat.

Der deutsche Philosoph Hans-Jürgen Krahl hat schon in den späten 70er Jahren behauptet, dass globale Krisen vorhersehbar sind, besonders in den Großstädten.

Ulrike Davis-Sulikowski, Sozialanthropologin: „Wo wir jetzt schon die ersten Ansätze sehen, London im Sommer - das sind Verteilungskämpfe zwischen Zentrum und zur Peripherie gemachter Region oder Gruppe und es wird ein Charakteristikum werden noch mehr als es bereits ist, dass es zu Verteilungskämpfen in den Metropolen kommen wird.“

Doch selbst, wenn wir vorhaben im Krisenfall unsere Wertvorstellungen unter keinen Umständen aufzugeben - können wir diesen Anspruch wirklich erfüllen?

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „Ganz einfach, wir können beispielsweise von uns das Bild haben, dass wir nie aus einem Supermarkt etwas mitnehmen würden, ohne dass wir es bezahlen würden. Jetzt entsteht aber in einer Krise beispielsweise eine Art Massenbewegung und es wird geplündert, dann findet man ganz schnell, dass sich die Menschen dem auch anschließen, sie folgen eigentlich dem Anderen. Sie machen das nicht nur in diesem negativen Fall, sie machen das auch im positiven Fall das heißt, wenn in einer Krise so ein Klima entsteht, ‚ich helfe dem Anderen‘ und das machen viele, dann folgt man auch dem, das heißt in einer Krise ist die Orientierung an den anderen sehr stark.“

Das ist doch keine schlechte Nachricht. Wir bestimmen also durch unser eigenes Verhalten mit, woran sich andere orientieren und ob sich Netzwerken oder Ellenbogentaktik durchsetzen. Doch wie gehen wir mit der Krise um? Die einen ignorieren, die anderen demonstrieren und wieder andere kapseln sich ab. So wie Alexandra zum Beispiel: Sie hat beschlossen dem System, dem sie die Schuld für die Krise gibt, den Rücken zu kehren, in dem sie ihre Lebensmittelversorgung selbst in die Hand nimmt. Neben dem Gemüsegarten möchte sie noch ein paar Tiere halten - dafür baut sie ihnen erst mal ein Zuhause.

Alexandra: „So, also das wird der Stall, für die Ziegen und für die Hühner. Also die Hühner sind drüben im anderen Raum. Das ist so ein Hochbett oder ein Hochplateau für die Ziegen weil die schlafen gern oben, da kommt noch ein kleines Podest hin, dass sie raufkommen, das heißt, dass wird dann mit Stroh aufgebettet. Es kommt eine trächtige Ziege. Wenn die Jungen kriegt und die Jungen fertig getrunken haben, werde ich sie weitermelken und die Milch dann halt verarbeiten zu Käse, Frischkäse, alles Mögliche Topfen und so weiter. Alles für den Eigenbedarf dann.“

Was Alexandra übrigens nicht vorhat, ist, ihre Tiere zu essen: Milch und Eier sind Leistung genug. Doch wie kommt Alexandra dazu ihr Leben so fundamental umzukrempeln? Sich neue Wege zu suchen, fernab bestehender Strukturen?

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „Eine solche soziale Bewegung entsteht dann eher, wenn es beispielsweise so eine klare Unterscheidung zwischen uns und den anderen gibt oder so ein Denken wie „wir“ und „ihr“ so dass wir klare Konfliktgrenzen haben, so dass wir klare Schuldige haben, die tatsächlich auch Emotionen auslösen wie Ärger und denen man die Schuld für diese Situation zuschiebt. Wenn es die nicht gibt, dann wird es auch soziale Bewegungen nicht geben. Das heißt, um es einfach auszudrücken, eine soziale Bewegung braucht immer einen Feind.“

Auch bei Alexandra geht es nicht um Bauernromantik am Land. Sie ist ganz einfach der Meinung, dass das System, das unsere Gesellschaft bestimmt, nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Alexandra: „Ein nicht unwesentlicher Grund ist auch die Beschäftigung oder die jahrelange Beschäftigung mit Agrarwirtschaft und Politik, Weltwirtschaft, Pharmazie und so weiter, das hat mich einfach in die Richtung gebracht, dass ich mir gedacht hab, ich will das nicht unterstützen, oder zumindest soweit es mir möglich ist nicht unterstützen. Und deswegen versuch ich die ganzen Sachen, einfach, was mir möglich ist, selber herzustellen, ob's jetzt im Alternativbereich ist aus der Medizin, also Tinkturen und so weiter. Die Energiewirtschaft will ich so auch nicht unterstützen, deswegen hab ich auch die Photovoltaik. Ja das sind viele Komponenten und ich glaub, dass das auch nicht so weitergehen wird wie es weitergeht. Und das betrifft auch sehr stark die Agrokonzerne. Also ich will das auch nicht unterstützen, ich will weder Genmanipulation unterstützen noch diese Saatgutwirtschaft, die betrieben wird, dass man alles patentieren lässt, alles umarbeitet, genmanipuliert, dass es nicht mehr fortpflanzungsfähig ist und so weiter.“

Alles was hier konsumiert wird, ist auf Umweltverträglichkeit überprüft. Was die Natur nicht selber abbauen kann, wird auch nicht verwendet. Vom Spülmittel bis zu den Heilmitteln ist hier alles biologisch abbaubar und, wenn man bei Alexandra überraschend Plastik auf dem Komposthaufen findet, kann man davon ausgehen, dass es sich um aus Pflanzen gewonnenen Kunststoff handelt, der vollständig verrottet.

Ganz ohne Geld kann aber auch sie nicht leben - noch nicht. Ihren Job hat sie immer noch - auch wenn das zeitlich einiges abverlangt. Denn fast autark zu leben ist eine Menge Arbeit. Es gehört einiges Zeitmanagementtalent dazu, wenn der Sauerteig genug Zeit zum Gären haben soll, die Photovoltaikanlage nur untertags den Stromverbrauch zu 100 Prozent abdeckt, und man Samen zur richtigen Zeit säen und ernten möchte.

Alexandra: „Also, Saatguterzeugung mach ich aus dem Grund, weil immer mehr Saatgut quasi als Hybrid endet, das heißt nicht mehr fortpflanzungsfähig ist und da möcht ich mir ganz einfach ein Lager anlegen. Angefangen von Wildkräutern, Gemüse, Obst und so weiter.“

Geheizt wird mit Holz aus dem Wald. Nicht von Bäumen die geschlagen werden, sondern jenem Holz, das am Boden herumliegt.

Da sie Atomstrom ablehnt, hat sie sich eine Photovoltaikanlage auf das Dach montieren lassen. Damit ist sie zwar derzeit nur am Tag energieautark, doch irgendwann will sie sich eine Langzeitbatterie für die Überschussproduktion zulegen.

Alexandra: „Ich fahr quasi dreiphasig, das heißt, die Produktion findet zuerst für mich statt, also ich nehme alles was ich an Strom brauch und den Rest schick ich raus.“

Ach ja -Alexandra hat sich auch noch eine Kläranlage gebaut. Die Anlage produziert Bakterien aus den Fäkalien. Die Werte muss sie selber regelmäßig kontrollieren. Trinkwasser ist das Resultat der Aufbereitung.

Alexandra: „Also da findet jetzt die Überprüfung des Abwassers statt, das muss ich einmal im Monat machen, da kann überprüft werden. Da unten haben wir das Pflanzenbeet, das ist dann die nächste Stufe, wo dann das Abwasser komplett geklärt wird, also es sollte dann nahezu Trinkwasserqualität haben.“

Bis Alexandra das Ziel der völligen Unabhängigkeit erreicht hat, verdient sie sich noch ein wenig Geld in ihrem eigenen Tattoo- und Piercingstudio. Ist ihr Traum vom unabhängigen Leben doch nicht so einfach möglich?

Alexandra: „Na vorrangig, es macht Spaß - außerdem hab ich Angestellte, die müssen auch gefüttert werden - naja.. Autarkes leben in Österreich, meiner Meinung nach, wenn man nicht auf Almosen angewiesen sein will vom Staat, ist ohne Geld nicht möglich. Deswegen muss ich auch noch einen Gutteil dazuverdienen, also ich würd sagen 80 - 90 Prozent würde ich autark schaffen aber es wollen meine Katzen versorgt sein, ich muss Futter kaufen, man muss im Winter unter Umständen Holz dazukaufen, wenn's der Wald nicht hergibt - es sind Grundsteuer zu zahlen also es ist einiges noch zu finanzieren.“

Wie viele Menschen würden in der Krise so handeln wie Alexandra? Sind wir alle gleich oder reagieren wir ganz unterschiedlich? Lässt sich das vorhersagen?

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „In einer solchen Situation der Unsicherheit werden die grundlegenden kulturellen Werte verstärkt. Das heißt, das was eigentlich den Unterschied ausmacht, wird noch stärker. Wenn man jetzt eben beispielsweise sagt in Asien ist man gleich sehr auf die Gruppe bezogen, gleich sehr kollektiv, dann ist man in Österreich vielleicht etwas individualistischer, wenn auch vielleicht nicht so wie in den USA. Dann werden diese Unterschiede einfach etwas stärker und etwas grösser werden und man macht das, was man vielleicht sonst von der Kultur übernommen hat in einer gewissen Weise stärker, es sei denn das ist genau die Bewegung gegen die sich die Krise richtet, dann sieht das ganze anders aus.“

Interview Markus Mooslechner mit Claudius Stein, Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien:

Gibt es Beispiele, wo man sagen kann: DAMALS war es so, das könnte man auf JETZT umlegen?

Claudius Stein: Die jetzige Situation ist mit damals bei weitem nicht vergleichbar. In den 30er Jahren kam es zur Massen-Arbeitslosigkeits-Verarmung. Sozialwissenschaftler haben dazu eine Studie gemacht. Sie untersuchten eine Bevölkerungsgruppe in Mariental. Da schloss die Textilfabrik. 50 % der Bevölkerung wurden arbeitslos. 75 % der Familien waren betroffen. Sie fragten: Schließen sich die Leute zusammen und rebellieren? Oder resignieren sie? Ernüchternd war: Die Mehrzahl hat resigniert. Das öffentliche Leben ist erlahmt. Es war von Elend und Massen-Arbeitslosigkeit bestimmt.
Aber auch damals gab es einige, die aktiv wurden, und die sich dem gestellt haben. Vergleichbar mit der "Occupy-Bewegung". Wo Menschen aufstehen und sagen: Wir nehmen nicht alles hin. Man kann aber keine Voraussagen machen. Die Reaktionen hängen von vielen komplexen Faktoren ab. Das ist nicht vorhersehbar.

Vielen Dank für das Gespräch. Es gibt also den Rückzug. Es gibt aber auch Menschen, die Sicherheit und die Lösung in der Krise suchen. Auch dafür gibt es aktuelle Beispiele.

Und zwar so wie bei dem Projekt, "united creations". Hier versuchen Menschen aus unterschiedlichsten Berufen ein Ökodorf in der Stadt zu errichten. Gegärtnert wird überall wo es ungenutzten Boden gibt.

Ulrike Davis-Sulikowski, Sozialanthropologin: „In Zeiten der Krise funktioniert immer das, was in Zeiten der Normalität als illegal oder kriminell oder als Grauzone wahrgenommen wird, zwischen legal und illegal. Aus dem Grund, weil das bereits organisiert ist, in Abgrenzung zum etablierten Normsystem gibt’s quasi eine Gegenorganisation. Am Krisenmoment wo bestehende Strukturen zusammenbrechen, bezieht man sich sofort auf irgendeine andere Struktur, die einen in was einbindet. Also es werden Kenntnisse, Fähigkeiten, Wissen und Produkte getauscht und Arbeitskraft und Arbeitszeit, aber eben auf freiwilliger Basis und unabhängig von dem formalen Gesamtsystem.“

Auch das hier gehört zu "united creations".

David Marek, „United Creations“ Projektmanager: "Ihr seht‘s wir haben da so mal eine Holzkonstruktion gebaut. Das wird dann bald mit Stroh aufgefüllt. Und der Grundzweck ist, dass wir demonstrieren wollen, wenn man gemeinsam eine Intention teilt, dass man dann relativ schnell und rasch sich zum Beispiel selbst ein Haus bauen kann und das noch dazu ökologisch einwandfrei und auf eine Art und Weise dass, wenn wir da wieder weg müssen, weil das ist jetzt nur Experimentalfläche, dass man das ohne weiteres auch wieder kompostieren kann und abbauen kann und anderweitig nutzen kann.“

Für das Bauprojekt am Wiener Stadtrand haben sie inzwischen Unterstützer gefunden, der größte ist wohl die Stadt Wien. Den Initiatoren ist wichtig, nicht als Parallelgesellschaft verstanden zu werden, sondern vielleicht auch spätere EU-Projekte damit zu inspirieren.

Leon Indigo „United Creations“ Projektmanager: „Die Möglichkeit, die ich für das Land Österreich sehe, ist dadurch, dass der materielle und der geistige Wohlstand sehr groß ist und auch die Bereitschaft etwas zu tun. Studien beweisen 90 Prozent der Jugendlichen wollen politisch aktiv sein, aber nicht parteipolitisch, das quasi ein Angebot geschaffen wird. Es gibt irrsinnig viele Menschen die nur drauf warten was tun zu dürfen, aber das Angebot fehlt.“

David Marek, „United Creations“-Projektmanager: „Es geht darum zu demonstrieren, dass wir einfach unsere Grundbedürfnisse sehr leicht befriedigen können und dass wir eine Alternative dazu leben können, dass wir uns im Rahmen unserer Hamsterräder irgendwie versklaven. Dass wir, wenn wir uns in Gemeinschaften zusammentun und jeder genau das tut, was er wirklich tun möchte. Das erstens einmal so was wie eine Grundzufriedenheit entsteht bei den Leuten und nebenbei erschaffen wir unsere Lebensgrundlage damit. Das heißt wir bauen Häuser, wir bauen Dörfer, wir bauen Gärten wir bauen unsere eigene Nahrung an, wir entwickeln neue Produkte und machen uns dadurch auch wirtschaftlich unabhängig. Also das ist eine sehr befriedigende Art, sein Dasein zu fristen.“

Großzügiges Teilen und Helfen hat aber noch andere Ursachen als reine Nächstenliebe. Es sind nicht immer nur die Anderen, denen wir damit einen Gefallen tun.

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „Wenn ich anderen helfe, dann zeig ich dadurch auch, dass ich einen hohen Status habe, dadurch werde ich attraktiv in der Gesellschaft und so sieht man das beispielsweise sogar bei Spendern, bei großen Spenden, die gemacht werden, wenn sie denn gemacht werden, in dem Sinn, dass sie öffentlich kundgetan werden, das hebt sozusagen die Bewertung der anderen in der Gesellschaft und auch deswegen helfen wir manchmal anderen Menschen und auch deswegen unterstützen wir manchmal andere Personen.“

Doch wie wird aus einer kleinen Gruppe von Idealisten jemals eine Massenbewegung? Warum stehen in einigen Ländern viele Tausende auf der Straße und bei uns oft nur ein paar Hundert?

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „Dabei gilt die einfache Regel, am Anfang sind die Gruppen klein, dann passiert meistens nicht viel. Aber, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben, dann wird die Gruppe quasi zur Norm, das heißt es wird schon fast erwartet, dass sie teilhaben an dieser Bewegung und dann werden diese Gruppen natürlich sehr sehr stark werden.“

Oftmals haben wir eine übertrieben negative Vorstellung davon, was in einer Krise passiert und blenden damit positive Lebensaspekte aus die uns helfen könnten.

Arnd Florack, Sozialpsychologe: „Das heißt, Sie fokussieren eigentlich viel zu sehr auf die Krise selber und vergessen, dass daneben noch viele Dinge passieren. Ein ganz einfaches Beispiel, an dem man das sehr gut sieht ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden. Wenn man Menschen fragt, wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben, dann sagen sie oft, ja ich hab ein gutes Einkommen, ich bin einigermaßen zufrieden. Wenn man aber sie fragt „haben Sie gestern gelacht, haben Sie gestern positive Sachen erlebt und schaut, was bestimmt eigentlich, wie diese positiven Sachen erlebt wurden, dann hängt das gar nicht so sehr vom Einkommen ab, sondern von vielen anderen Dingen. Und das hat man in zahlreichen Studien gezeigt, dass da beispielsweise eben auch soziale Aspekte viel wichtiger sind und wenn wir an Krisen denken dann vernachlässigen wir, dass wir beispielsweise diesen sozialen Kontext immer noch haben.“

Wie wir gesellschaftliche Umbrüche erleben, hängt also teilweise von der selbstgewählten Perspektive ab. Wir neigen dazu, unseren Einfluss zu unterschätzen und folglich auch unsere Verantwortung. Die Frage, ob aus der Krise eine Chance wird, liegt nicht ausschließlich in der Hand von Politikern und Bankenchefs, sondern letztlich auch an uns selber. Die Probleme der aktuellen Finanzpolitik sind allgegenwärtig, doch ob der globale Protest der Menschen für mehr Demokratie, gerechtere Verteilungspolitik und ökologische Verantwortung als Chaos oder friedlicher Neuanfang in die Geschichte eingeht, liegt an den Protestierenden - es liegt an uns.