Charles Clover, Journalist: "Mein erster Lachs war der größte, den ich je gefangen habe. In einem walisischen Fluss, zehn Kilo schwer, ich war überglücklich. - eine Riesenflosse! Ich war noch nie so stolz auf mich. Es war für lange Zeit der Letzte, den man in dem Revier gefangen hat. Niemand hat jemals wieder einen so Großen erwischt. Seither fühlte ich mich als Sieger und gleichzeitig schuldig, denn es war eine der letzten Frühjahrswanderungen überhaupt. Warum kommen weniger zurück? Ich wusste es nicht und wollte es herausfinden. Das veranlaßte mich zu meiner Reise, zu dem Versuch herauszufinden, was mit den Fischen im Meer passierte.
Als Journalist änderte sich meine Meinung über das Meer, als ich 1990 in Den Haag bei der falschen Pressekonferenz landete. Es war für mich der erste Vortrag über die Auswirkungen der Trawler-Fischerei auf den Meeresboden und die Meeresbewohner. Sie sagten, dass der Einsatz von Grundschleppnetzen so wäre, als würde man ein Feld sieben Mal im Jahr pflügen. Ich bin der Sohn eines Bauern und fragte mich: Wie groß wäre die Ernte, wenn du das Feld siebenmal im Jahr pflügst? - Eindeutig gering. Das änderte all meine Ansichten über das Meer."

Früher dachten wir immer das Meer ist riesig und unerschöpflich. Wir haben nie darüber nachgedacht, wo unser Fisch herkommt. Das haben wir zum ersten Mal am Beispiel Neufundland schmerzlich begriffen. Über Jahrhunderte wimmelte es in den Gewässern vor Nordkanada von unglaublichen Mengen Kabeljau. Angeblich konnte man auf ihren Rücken über das Wasser laufen. Ganze Städte florierten dank der Kabeljaufischerei. Mit den Jahren verbesserte sich die Fangtechnik. Die Boote wurden größer, und die Fangmengen wuchsen. Das Wachstum schien grenzenlos. 1992 geschah das Undenkbare: Die einst größte Kabeljau-Population der Welt war verschwunden.

John Crosbie, kanadischer Fischereiminister, 1992: "Ich habe entschieden, ab Mitternacht gilt ein Fangverbot von Kabeljau bis zum Frühjahr 1994."

Brian Mulroney, Kanadischer Premierminister, 1992: "Entweder wir kooperieren, oder es gibt für niemanden mehr Fisch, nicht für die Europäer, nicht für die Kanadier, und wir haben eine ökologische Katastrophe. "

Über Nacht wurden 40.000 kanadische Fischer arbeitslos. Sie gingen auf die Straße und hofften, dass der Kabeljau eines Tages zurückkehren würde.

Charles Clover, Journalist: "Die ganze Problematik wurde vielen erst viel später bewußt."

Callum Roberts, York University, UK: "Heute gibt es so wenige, dass er in Kanada als gefährdet gilt. Trotz des Fangverbot hat sich der Bestand seit 1992 nicht wieder erholt."

Obwohl der regionale Fischfang fast überall zurückging, stellten die Forscher im Jahr 2001 erstaunt fest, dass die Fangmenge insgesamt immer weiter zunahm. Das passte nicht zusammen. Der bekannte Fischereiexperte Daniel Pauly wurde von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN beauftragt, dieses Rätsel zu lösen.

Als Pauly und seine Mitarbeiter sich die Fangmeldungen aus China ansahen, hatten sie die Antwort gefunden.

Charles Clover, Journalist: "Für jeden Teil der Welt stimmten die Auswertungen, außer für die chinesischen Gewässer.

Boris Worm, Dalhousie University, Kanada: "Als Daniel Pauly ins Institut kam, sagte er: 'Ich glaube, sie liegen falsch.' Ich fragte, was er damit meint. 'Es kann nicht sein, dass China so viel fängt.' "

Charles Clover, Journalist: "Biologisch betrachtet und mit unseren Erkenntnissen aus anderen Gegenden verglichen, können die chinesischen Angaben nicht stimmen. Erfunden von kommunistischen Funktionären, die nur dann befördert werden, wenn die Kurven ansteigen. Deshalb wiesen die Kurven immer nach oben, weil sie einfach die Zahlen fälschten. Es war ein erschütternder Moment."

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Wir schlossen daraus, dass sie so geschönt waren, dass bei einer Korrektur die weltweite Fangmenge nicht stieg, sondern sank."

In Kanada hat der Wissenschaftler Boris Worm versucht herauszufinden, wie viele Thunfische und andere große Fische noch im Meer zu finden sind.

Boris Worm, Dalhousie University, Kanada: "Wir fragten uns einfach, wo wir verglichen mit der Ausgangslage von 1950 stehen. Denn da begann in etwa der industrielle Fischfang.
1952 finden sich um Japan herum bereits die blauen Flecken. Das heißt, die Fänge waren sehr gering, etwa ein Fisch auf einhundert Haken. In neuen Fanggebieten - hier rot - war die Ausbeute zehnmal so hoch: mehr als zehn Fische auf hundert Haken."

Boris Worm nutzt die Daten der japanischen Fischereiflotte. Dort hatte man registriert, wie viele Fische mit einhundert ausgebrachten Haken gefangen wurden.

Boris Worm, Dalhousie University, Kanada: "Zum ersten Mal gab es industrielle Langleinenfischerei auf offener See mit verheerenden Auswirkungen auf das ganze Ökosystem. Hier der weltweite Fischfang: Die blauen Bereichen zeigen, hier ist der Bestand an großen Fischen etwa um 90 Prozent gesunken. Das wurde oft bezweifelt. Viele Studien sollen diese Berichte untergraben."

Ray Hilborn, University of Washington: "Das ist komplett falsch! Keine Frage!"

Einige Fischereiexperten bemängeln, dass Worms Ergebnisse nicht die regionalen Unterschiede berücksichtige. Andere meinen, dass es unmöglich ist, herauszufinden, wie viele große Fische es überhaupt noch in den Ozeanen gibt.

Doch Worms Erkenntnisse spiegeln sich auch in den offiziellen Zahlen wieder: Eine Fischart nach der anderen ist verschwunden.

Heute bringen weltweit industrielle High-Tech-Schiffe jede bekannte Art von Speisefisch zur Strecke.

Ray Hilborn, University of Washington: "Das Hauptproblem der Fischerei sind zu viele Schiffe. "

Charles Clover, Journalist: "Zu viel Kapazität für zu wenig Fisch."

Die weltweite Fischereikapazität könnte die Fangmenge vierfach überfischen. Die Langleinenfischindustrie bringt jährlich 1,4 Milliarden Haken aus. Mit den zusammengehängten Leinen könnte man die Erde 550-mal umwickeln. In das größte Grundschleppnetz passen 13 Jumbo-Jets.

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Wir führen Krieg gegen die Fische, wir setzen unsere Industrie ein und wir gewinnen. So gehen wir mit ihnen um! Wir kämpfen gegen sie!"

Callum Roberts, York University, UK: "Wir sind einfach zu gut. Technisch hat kein gejagtes Tier auf der Erde eine Chance. "

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Diese Schiffe sind mit so viel Elektronik ausgestattet, dass die Fische einfach nicht entkommen können. Der Kapitän weiß genau, wo der Fisch ist, wo er sich verstecken könnte, egal ob unter einem Felsen oder in einem Schiffswrack, ein Rückzugsort für Fische."

Callum Roberts, York University, UK: "Man zieht Netze über den Meeresboden und zerschneidet dabei die Tiere, die dort leben. Korallen, Seefächer und Schwämme - diese Zeichen der Zerstörung landen dann an Deck - da würde sogar ein Engel weinen."

Der Blauflossen-Thunfisch hat heutzutage Kultstatus erlangt. Durch seinen hydrodynamischen Körperbau und die Fähigkeit, sein Blut zu erhitzen, ist er schneller als ein Sportwagen. Sein köstliches Fleisch ist das teuerste und begehrteste der Welt. In der Römerzeit hat er Legionen auf dem Schlachtfeld ernährt. Heute wird er gerne von den Gästen der weltweit boomenden Sushi-Restaurants bestellt.

In Luxemburg treffen sich EU-Minister, um über das Schicksal des Fisches und der Fischindustrie, zu entscheiden. Fischfang sollte eigentlich durch international anerkannte Fangquoten kontrolliert werden. Diese werden von Wissenschaftlern empfohlen. Geht es nach den Thunfisch-Experten, sollten jährlich nicht mehr als 15.000 Tonnen gefangen werden, um die Ausrottung zu verhindern. Damit sich der Bestand wieder erholen kann, sollten nur 10.000 Tonnen erlaubt werden. Entgegen aller Empfehlungen beschliessen die Minister sogar eine doppelte so hohe Fangquote.

Roberto Mielgo Bregazzi, Thunfisch-Experte: "Das ist das Zentrum des Blauflossen-Thunfisch-Universums: Malta."

Roberto Mielgo-Bregazzi kam nach Malta, um herauszufinden, ob die Thunfisch-Industrie mehr fängt, als die Quote erlaubt. Trotz der wissenschaftlichen Empfehlung einer jährlichen Fangmenge von 15.000 Tonnen und den von Politikern bestimmten rund 30.000 Tonnen, weisen offizielle Zahlen darauf hin, dass die Blauflossenthunfisch-Industrie im Mittelmeer die Bestimmungen einfach ignoriert und 61.000
Tonnen fängt. Das ist ein Drittel der gesamten Population.

Fischer, die die Gesetze nicht einhalten, sind eines der größten Probleme der Ozeane. Durch illegalen und nicht registrierten Fischfang entsteht jährlich ein Schaden von bis zu 17 Milliarden Euro.

Tokio - Hauptsitz des größten Player im Thunfisch-Geschäft: der multinationale Mitsubishi-Konzern, der Autos und Elektronikartikel herstellt. Er fängt den Fisch nicht, er kauft ihn.

Roberto Mielgo Bregazzi, Thunfisch-Experte: "Ich schätze, dass Mitsubishi über 60 Prozent des gesamten Blauflossen-Thunfisch-Bestands im Atlantik und dem Mittelmeer verfügt."

Mitsubishi behauptet, weniger als 40 Prozent des Blauflossen-Importmarkts zu bestreiten. Mielgo glaubt jedoch, dass Mitsubishi und andere Händler tiefgefrorene Vorräte anlegen, deren Wert steigt, wenn der Fischbestand noch weiter schrumpft. Der Konzern beharrt darauf, dass er den Thunfisch für zukünftige Generationen erhalten will und unterstützt Einschnitte bei den Fangquoten. Das Schicksal des Fisches zeigt, was multinationale Konzerne, internationale Fischereipolitik und die Nachfrage der Kunden mit einer Tierart anrichten können.

Für 1,2 Milliarden Menschen ist Fisch das Hauptnahrungsmittel. Westafrika verfügte mit über die reichsten Fischgründe der Erde. Die Bestände sind in den letzten 50 Jahren allerdings rapide eingebrochen.

Rashid Sumaila, University of British Columbia, Kanada: "Die Küstenbewohner sind abhängig davon und sogar den Leuten im Landesinneren geht es bei Dürre ohne Fisch schlecht. Es ist also für die Menschen sehr wichtig, dass es weiter geht. Wenn der Fisch verschwindet, häufen sich an der westafrikanischen Küste die Probleme. Das können wir uns nicht erlauben."

Unterdessen wird an der selben Küste vor Senegal viel Geld verdient. Die Regierungen vieler Entwicklungsländer verkaufen den Industrienationen die Fangrechte. Die Steuerzahler der westlichen Ländern finanzieren so die größten Fischerboote der Erde. Supertrawler fischen in entlegenen Gewässern. Dagegen haben die Einheimischen mit ihren einfachen Holzfischerbooten keine Chance.

Fischerei gehört zu den unwirtschaftlichsten Geschäftszweigen der Welt. Denn jährlich werden bis zu 39 Millionen Tonnen Beifang wieder über Bord geworfen. Darunter Hunderttausende tote Meeresschildkröten, Haie und Delfine.

An der Ostküste Amerikas wird deutlich, was passieren kann, wenn man das natürliche Gleichgewicht des Meeres stört. Bei Chesapeake Bay häuften sich die Meldungen über eine Plage gigantischen Ausmaßes. Der bisher wenig bekannte Kuhnasenrochen vermehrte sich sprunghaft.

Pete Peterson, University of North Carolina: "Auf dieser Grafik sieht man, wie sich die Zahl der Rochen an dieser Küste vermehrt hat und wie sich gleichzeitig die Zahl der Haie verändert hat. Es fällt sofort ins Auge."

Boris Worm, Dalhousie University, Kanada: "Wenn große Raubfische derartig dezimiert werden, hat das große Auswirkungen auf das Ökosystem. Es kann zu Dominoeffekten kommen - mit vielen überraschenden, unvorhergesehenen Folgen."

Auf der ganzen Welt finden sich Beweise für solche Kettenreaktionen. Vor Neufundland explodiert die Zahl der Hummer.

Jeffrey Hutchings, Dalhousie University, Kanada: "Der Kabeljau und andere Meeresbodenbewohner verschwinden und gleichzeitig gibt es in anderen Bereichen einen Anstieg. In diesem Teil des Atlantiks hatten wir viele Hummer, jetzt gibt es noch mehr. Daraus ergibt sich, dass der Rückgang beim Kabeljau und bei anderen Raubfischen zu einem Anstieg bei den Tieren geführt hat, die der Kabeljau gefressen hat."

Das Geschäft mit dem Hummer ist eine Goldgrube für die Fischer. Doch wie lange noch?

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Das passiert überall, wo wir den großen Fisch beseitigt haben. An vielen Orten haben sich die Garnelen stark vermehrt. Garnelen sind gut und bringen gutes Geld. Wenn wir die leerfischen, was passiert dann?"

Callum Roberts, York University, UK: "Am Ende sind auch die Garnelen und Muscheln verschwunden. Dann haben wir nur noch ein sehr einfaches Ökosystem aus Schlamm und Würmern."

Quallen-Plagen nehmen zu. Strände können kaum mehr betreten werden.

Unsere Meere waren einst voller großer Fische. Nun füllen sie sich mit Algen, Plankton und Würmern.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wächst die Zahl der verschwundenen Fischarten von Jahr zu Jahr. Boris Worm und andere Wissenschaftler haben berechnet, dass bei anhaltendem Trend die Speisefischbestände in der Mitte dieses Jahrhunderts zusammenbrechen werden.

Steve Palumbi, Stanford University, USA: "Wann ist der Punkt erreicht, dass der normale Fischfang nicht mehr möglich sein wird? Die Kurven fallen und werden etwa um 2048 Null erreichen."

Seit Generationen fischt der Mensch im Meer. Seit Generationen isst der Mensch Fisch. Was kann unsere Generation tun, damit das auch in Zukunft möglich ist?

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Oft fragen die Leute: 'Wo sind die ganzen Fische? 90 Prozent sind weg, wo sind sie?' - Wir haben sie aufgegessen, ganz einfach aufgegessen!"

Charles Clover, Journalist: "Wenn wir uns den Fisch auf dem Teller anschauen, was wissen wir darüber? Wir wissen, dass er uns gut tut, er hat Omega-3-Fettsäuren, die unser Körper braucht. Doch was wissen wir noch? Wissen wir, welche Fischart das ist? Wissen wir, ob der Fisch legal oder illegal gefangen wurde? Oder in Gewässern eines fernen Landes, dessen Bevölkerung ihn lieber selber gefangen hätte?"

Alaska setzt sich sehr für die Rettung des Fisches ein und überwacht seine Küsten streng.

Küstenwache-Beamtin: "Sie fischen in einer anderen Zone, als sie zuerst angegeben haben."

Alaskas Fischereipolitik ist nicht perfekt, die Zahl der Fischerboote und Trawler wird jedoch genau kontrolliert. Die Behörden können deren Fangmenge überprüfen.

Start frei für die Fischer - hier haben sie nur begrenzt Zeit um ihre Quote zu erfüllen.

Matthew Moir, Fischer, Alaska: "Natürlich ist es ein Opfer für mich. Insgesamt betrachtet, muss man den Fischfang begrenzen. Man akzeptiert das, weil es dann in ein paar Jahren vielleicht eine bessere Saison gibt."

Charles Clover, Journalist: "Ein Teil der Fischindustrie versucht alles richtig zu machen, aber wird nicht genügend unterstützt. Die Leute erkennen nämlich nicht den Unterschied zwischen ihnen und denen, die rücksichtslos die Meere plündern. Ich meine, wir sollten diesen Teil der Fischindustrie mehr fördern."

Die Konsumenten können sich vor dem Einkauf informieren. Es gibt verschiedene Gütesiegel, die nachhaltigen Fischfang bescheinigen. Eines von ihnen ist das "Marine Stewardship Council“, kurz MSC, dass auch in Österreich vergeben wird.

Heutzutage wird immer mehr Fisch gezüchtet. Für viele ist das die Antwort auf die wachsende Problematik der Überfischung. Doch Fischzucht ist nicht das Maß aller Dinge.

Hier landet der Wildfisch als Futter im Zuchtbecken - all diese Sardellen werden zu Fischmehl verarbeitet.

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Man wandelt in den Fischfarmen Fisch von einer Art in eine andere um. Im Endeffekt produziert man so aber nicht mehr Fisch."

Durchschnittlich ergeben fünf Kilogramm Sardellen nur ein Kilogramm Lachs.

Eine weitere Möglichkeit zur Rettung der Meeresbewohner sind Meeresschutzgebiete. Hier ist kommerzieller Fischfang verboten. Eine atemberaubende Unterwasserwelt.

Callum Roberts, York University, UK: "Ich habe Meeresschutzgebiete in der Karibik untersucht. Dort haben die Einheimischen 1995 vier solche Zonen eingerichtet. Mit der Zeit erkennt man eine Wiederbevölkerung des Riffs. Die Unterwasserwelt wurde vielfältiger. Nach sieben Jahren Schutz sahen wir drei-, vier- fünf Mal so viel Fische wie zuvor."

Daniel Pauly, University of British Columbia: "Meeresreservate sind unverzichtbar, und wir brauchen viele davon."

Doch Meeresschutzgebiete alleine werden unsere Ozeane nicht wieder auffüllen und wiederbeleben können.