Mutations-Sprung: Vom Mutbürger zum Wutbürger

Die entfesselte Gesellschaft
Es ist erst sieben Jahre her, als der damals 93-jährige ehemalige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel die europäische Zivilgesellschaft aufrüttelte.

In seiner nur 14 Seiten umfassenden Streitschrift "Empört euch!" machte er seinem Zorn auf den kannibalistischen Turbokapitalismus Luft und setzte sich für Pazifismus ein. Der Mutbürger war geboren.

Seither fluten unzählige Anleitungen zum Aufruhr den Markt – und mit ihnen kam es zum Mutationssprung. Denn nunmehr ist es der Wutbürger, der medienwirksam vor sich hin wuchert und die sozialen Medien vor Ressentiments überkochen lässt. Immer mehr zeigt er seine hässliche Fratze - Stichwort "Pegida" und "Reichsbürger" - und hat in den USA wohl auch die Wahl Donald Trumps wesentlich mitentschieden.

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Der kultur.montag versucht die Ursachen dieser Entwicklung zu ergründen: "It's economy, stupid!", meint der prominente Ökonom Branko Milanovic und verweist auf den Bedeutungsverlust der Mittelschicht. Die Folge: unser demokratisches System entwickelt sich immer mehr in Richtung Plutokratie und Populismus.

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Ähnlich sieht das auch der Demokratie-Forscher Ivan Krastev. Das Vertrauen in politische Entscheidungsträger ist dahin, vertraut wird nur noch dem eigenen Misstrauen: "In misstrust we trust".

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Zu Wort kommt aber auch der österreichische Star-Karikaturist Gerhard Haderer. Er hat seinen Vertrag mit einem renommierten deutschen Magazin zu Jahresende auslaufen lassen, um sich verstärkt seinem Heimatland zuzuwenden. Haderer plant eine "Schule des Ungehorsams".

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Bleibt die Frage: welche Art des Ungehorsams braucht es eigentlich, um Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen und demokratische Umgangsformen in Einklang zu bringen?

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Und warum scheinen Begriffe wie "Mäßigung" und "Respekt" längst seltsam anachronistisch? Fehlt es an moralischen Instanzen, die dem Wüten Einhalt gebieten?

Der kultur.montag befragt auch die Schriftstellerinnen Marlene Streeruwitz und Julya Rabinowich zu unserer Gesellschaft in Schieflage.


Gäste im Studio dazu sind die Journalistin und Feministin Sibylle Hamann und der Philosoph Konrad Paul Liessmann.


TV-Beitrag: Wolfgang Beyer, Sandra Krieger

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