Emotion als Triebfeder - Hyper-Moral

Die neue Lust der Empörung
Ob durch die #metoo-Initiative oder durch geschmacklose Präsidenten-Tweets.

Ob durch Österreichs Raucher-Debatte oder durch Burschenschafter, die Nazi-Lieder singen - das Netz verfällt in Schnappatmung.

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Der deutsche Philosoph
Alexander Grau ortet in der westlichen Gesellschaft etwas Genüssliches an dem neuen Phänomen der kollektiven "Hypermoral". Ein Begriff, der heute wieder hoch im Kurs zu stehen scheint.

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Schon 1969 sorgte der Leipziger Philosoph Arnold Gehlen mit seinem Opus "Moral und Hypermoral" für Aufregung. Darin begründete der konservative Gegenspieler Theodor W. Adornos nicht nur eine pluralistische Ethik, sondern setzte sich durchaus polemisch mit der Gesellschaft seiner Zeit auseinander. Eine Gesellschaft, die von einem "Humanitarismus" geprägt war, die sich eine "unterschiedslose Menschenliebe" zur Pflicht machte.

"Allein der Glaube an das Gute scheint die letzte Gewissheit all jener zu sein, die ansonsten an gar nichts mehr glauben", schreibt Grau in seinem Essay "Hypermoral - Die neue Lust an der Empörung". Wer dem vom Internet beförderten "Diktat der totalen moralischen Empfindsamkeit" nicht entspreche, gelte rasch als "Bad Guy". In der Posting-und Twitter-Community bekommen viel ihr Fett ab.

Dieser "Hypermoralismus", meint der deutsche Philosoph, sei zu einer neuen Leitideologie, zum meinungsbildenden Monopol geworden. Ein moralischer Diskurs, der über ein enormes Emotionalisierungspotenzial verfüge und vom wirklichen Nachdenken abhält. Im Netz stellt Grau einen "diffusen Humanismus" fest. Doch sollte es in unserer westlichen Gesellschaft nicht statt um ständige Erregung wieder mehr um Argumente gehen?

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Wird nicht mit einer Politik der Emotionen von den wirklichen Aufgaben abgelenkt? Führt der grassierende Moralismus nicht zu einer intellektuellen Vereinfachung und somit zu einer extremen Ideologisierung? Inwiefern haben sich Gefühle der Angst und Wut als politische Triebfeder im Netz zur Quelle ihrer eigenen Rechtfertigung gemausert? Und zielt der Konsum von Kurznachrichten nicht nur allein auf unsere niederen Instinkte ab?

Der deutsche Philosoph Alexander Grau ist live zu Gast im Studio.

TV-Beitrag: Imogena Doderer & Katja Gasser

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