Der Beste im Februar 2018: Arno Geiger

Der Vorarlberger Arno Geiger zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit seinem Buch "Der alte König in seinem Exil" über seinen an Alzheimer erkrankten Vater hat er vor sieben Jahren die Bestsellerlisten gestürmt. 2005 war er als erster mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden - für seinen historischen Familienroman "Es geht uns gut". Und um österreichische Zeitgeschichte geht es auch in seinem neuen Roman "Unter der Drachenwand", einer Geschichte vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs.

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Mondsee 1944
Mondsee anno 1944, die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs. Der Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, in Russland schwer verwundet, ist auf Genesungsurlaub in der kleinen Gemeinde St. Lorenz am Westufer des Sees, "vom Naturell her ein eingefleischter Zivilist, der im besten Sinn eigensinnig ist", so charakterisiert Arno Geiger seinen Helden. - "Wie weit die Verzerrung des eigenen Wesens schon vorangeschritten ist, merkt man erst, wenn man wieder unter normale Menschen kommt", notiert Veit Kolbe in seinem Tagebuch.

Schwarzindien
In seiner düster-kalten Dachkammer schreibt er über seine Alpträume und seinen Alltag, über Luftangriffe und Latrinengerüchte, Sirenen und Stromausfälle und über die Menschen im Ort: Da ist die zänkisch-boshafte Zimmerwirtin, dem Führer treu ergeben, die Nachbarin Margot, die später Veits Geliebte wird, die Lehrerin Margarete aus dem nahen Kinderlandverschickungslager Schwarzindien und da ist die Geschichte von der verschwundenen 13-jährigen Nanni. Das Lager stand auch am Beginn seines Romanprojekts, erzählt Arno Geiger. Die Korrespondenz aus "Schwarzindien" sei ihm zugefallen. "Das hat mich einerseits emotional sehr berührt und gepackt und andererseits hatte ich sofort ein Gefühl für die Szenerie."

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Wie hat sich das angefühlt?
Mehr als zehn Jahre hat Arno Geiger dann dieses Projekt mit sich herumgetragen, er hat Dokumente aus dieser Zeit gelesen und sich an seine Protagonisten herangetastet. Die Frage war: Was hat die Menschen beschäftigt, wie bewegt man sich in dieser permanenten Ungewissheit, wie hat sich das im Moment angefühlt?

Aus fiktiven Tagebuchnotizen und Briefen hat Geiger schließlich diesen Roman komponiert, atmosphärisch dicht, eindringlich und ohne Pathos, unmittelbar in der Sprachwelt seiner Figuren angesiedelt. "Dieses Von-oben-herab-erzählen, das ist total uninteressant", meint Arno Geiger und neben Veit Kolbe lässt er hier auch andere Stimmen zu Wort kommen: in Briefen wird vom Überlebenskampf einer jüdischen Familie berichtet oder auch vom Kriegsalltag in Darmstadt und Wien.

Ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern
"Man kann sich das so vorstellen wie ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern und echtem Geschirr in den Schränken. Ich habe mich sehr intensiv mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigt, wie das funktioniert, warum das im Vergleich zum fiktionalen Schreiben so etwas Zupackendes hat, und ich habe mich gefragt, ob man dieses Unmittelbare nicht die Fiktion herüberholen kann."

Arno Geiger kann das. Und subtil verbindet er das Private mit historischem Geschehen, die Geschichten mit der Geschichte. "Das ist wie bei einem Spiegel", erklärt Arno Geiger, "ein Spiegel braucht den dunklen Hintergrund, damit man etwas darin sieht."

"Unter der Drachenwand" - das ist ein großartiger und in jeder Zeile überzeugender Roman.

Text: Kristina Pfoser, Ö1

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Arno Geiger: Unter der Drachenwand

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