Der Beste im Oktober 2012: Clemens J. Setz

Mit seinem zweiten Roman, "Die Frequenzen", schaffte er es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Für seinen Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" erhielt er im Vorjahr den Preis der Leipziger Buchmesse.

Clemens Setz (c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER

Auch mit seinem vierten Buch, "Indigo", ist der 29-jährige Grazer Clemens J. Setz bestens unterwegs und wurde für den Deutschen Buchpreis ebenso nominiert wie für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

"Indigo" ist nicht nur ein blauer Farbstoff, sondern dient auch, ausgehend von der angeblich blauen Aura bestimmter Menschen, zur Bezeichnung eines wissenschaftlich nicht gesicherten Phänomens. "Als Indigo-Kinder bezeichnen Anhänger esoterischer Ideen jene Kinder, denen sie ganz besondere psychische und spirituelle Eigenschaften und Fähigkeiten zuschreiben", heißt es im Online-Lexikon Wikipedia. "Der Begriff wird nicht durch Erkenntnisse der Psychologie, Kinder-und Jugendpsychiatrie oder Pädagogik gestützt, und fand im wissenschaftlichen Diskurs so gut wie keine Resonanz."

Genau das Richtige also für einen Autor mit Fantasie und viel Lust auf dunkle Andeutungen. Setz lässt die Welt mit einem um sich greifenden Phänomen konfrontieren: Immer mehr Kinder verursachen bei Menschen, die ihnen zu nahe kommen, heftige körperliche Abwehrreaktionen. Der Radius dieser rätselhaften Fernwirkung ist variabel. Betroffene Eltern, die Wissenschaft und die Gesellschaft stehen im Umgang mit den salopp "Dingos" genannten "I-Kindern" vor einer Herausforderung. "Indigo" ist ein Geisterroman ohne Geister, nimmt motivisch Anleihen beim Horror- und beim Krimi-Genre, verwendet Versatzstücke des Erziehungsromans und gliedert sich wie eine akribische wissenschaftliche Materialsammlung, in die in unterschiedlicher Typographie Befunde und Literaturzitate ebenso eingebaut werden wie Briefe, Fallgeschichten oder Fotos.

Clemens Setz hat große Freude am Auslegen von Fährten und Spuren. Dazu gehört, dass er der Hauptfigur, einem jungen Mathematiklehrer, der in einem eigens für die Indigo-Kinder eingerichteten steirischen Internat, dem "Proximity Awareness and Learning Center" Helianau am Semmering, ein Praktikum absolvierte, seinen Namen gibt - schließlich hat auch der Autor Mathematik-Lehramt studiert. Dieser Clemens Setz stößt in der seltsamen Schule, in der Lehrer und Schüler voneinander Abstand halten müssen, auf eigenartige Vorgänge und einen Begriff, den ihm niemand so recht erklären kann, der aber offenbar mit dem von allerlei Mummenschanz begleiteten Verschwinden von I-Kindern zusammenhängt: Relokation. Nach seinem Rauswurf aus der Schule besucht er ehemalige Schüler und deren Eltern, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Doch auch der Protagonist gibt seiner Umgebung (und den Lesern) Rätsel auf, denn Jahre später (der Roman spielt teilweise im Jahr 2021) wird er plötzlich Gegenstand von reißerischen Zeitungsberichten: Er sei vom Vorwurf freigesprochen worden, einen Tierquäler durch das Abziehen seiner Haut brutal ermordet zu haben. Dazu passt, dass Clemens Setz, der Romanheld, offenbar eine Phobie gegen Tierbilder und -erzählungen hat und Clemens Setz, der Autor Ende August bei einer ersten Lesung zusammenfasste: "'Indigo' handelt im Geheimen fast nur von Tieren."

Tatsächlich finden sich etwa die Lab-Ohr-Maus des Harvard-Forschers Jay Vacanti ebenso wie gequälte Versuchstiere oder Weltraum-Hund Laika in dem Buch. Das ist aber in der Verflechtung verschiedener Erzählstränge (unter denen das Leben des "ausgebrannten" ehemaligen I-Kinds Robert Tätzel die größte Rolle spielt) auch prall gefüllt mit anderen Verweisen quer durch die moderne Kulturgeschichte. Man begegnet Batman und Robin dabei ebenso wie J.F. Kennedy, Arvo Pärt ebenso wie Star Trek. Literatur und Film, Raumfahrt und Wissenschaft - alles wird in den Erzählstrudel hineingezogen. "Indigo" ist unheimlich und uferlos.

Gegen Ende des fast 500-seitigen Buches kommt es zu einer Begegnung zwischen Robert Tätzel und Clemens Setz. Keine wirklich aufbauende Sache. "Robert stellte sich vor, wie der Lehrer Setz sich selbst die Schädeldecke abschraubte und mit der Hand in seinen Kopf fasste, der mit einer schwarzen, körnig-trockenen Substanz gefüllt war. Er holte eine ganze Faust voll davon hervor und steckte sie sich in den Mund. Kaute. Schluckte.Schüttelte den Kopf und murmelte: Auch nicht besser."

Text: Wolfgang Huber-Lang, APA

(c) Suhrkamp

Clemens J. Setz: "Indigo", Suhrkamp