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DER BESTE IM FEBRUAR: JULIAN BARNES

Es ist der bisher beste Roman des Briten und der unangenehmste. Es geht darum, wie man sich die Vergangenheit zurechtbiegt, um ein netter Mensch zu sein.
 
Erinnerungen und Lügen
Julian Barnes (c) Ellen Warner
Nichts Besseres kann passieren, als dass jener Mensch, mit dem man dieses verstörende, böse, traurige Buch lang zusammenlebt, unsympathisch ist.

Tony Websters besonderes Kennzeichen ist das Mittelmaß. Mit dem fiebert man nicht mit. Ob der noch etwas dazulernen kann im Alter, ist einem herzlich egal. Wenn es dem Pensionisten jetzt leid tut, dass er seinerzeit an einer Gabelung den falschen Weg betreten hat ... sein Problem.

Die Londoner Romanfigur Tony Webster, die "Vom Ende der Geschichte" erzählt, wird niemanden davon ablenken, beim Lesen ständig an sich selbst und die eigene Vergangenheit zu denken.

Erinnerungen haben selten eine Bestätigung beigeheftet. Man lügt sich etwas zusammen, redet sich eine Version ein – mit den Jahren gibt es immer weniger Leute, die das Ganze infrage stellen könnten.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es wird zu etwas Neuem, wenn sich der 65-jährige Julian Barnes darum kümmert. Ende Oktober hat der frankophile Engländer damit den Booker-Preis 2011 gewonnen.
Beschönigen
Im ersten Teil berichtet Tony Webster von seiner Schulzeit. Adrian war sein Freund. Ein genialer Kopf. Und Veronica war kurz seine Freundin. Eine geheimnisvolle Frau. Webster hat später etwas Gegensätzliches geheiratet, eine "Frau von Klarheit".

Sein Bericht beschönigt: Er habe Veronica damals stehen lassen, und als Adrian dann mit ihr etwas angefangen hat – naja, selber schuld, der Kerl. Jedenfalls "alles okay, altes Haus!".

Adrian hat sich bald darauf umgebracht – er war halt ein Philosoph, so von der Art: Dass ich am Leben bin, war als Geschenk gedacht, aber nein, danke, ich nehme das Geschenk nicht an.
Schnitt.

Was im zweiten Teil auf uns zukommt (und hier, mit einer Ausnahme, nicht verraten wird), hat die zusätzliche Qualität eines Thrillers.

Der alte Webster erbt nämlich nach 40 Jahren das Tagebuch des einstigen Freundes. Und sieht sich mit dem eigenen Brief konfrontiert, in dem er die Verliebten – also Veronica und Adrian – verflucht hat, in der Hoffnung "auf bleibende Schäden" für beide. So schaut es aus, wenn man einen Beleg hat.

Realismus ist nur eine Manier, den Dingen aus dem Weg zu gehen; und wer sich verantwortungsbewusst nennt, ist vielleicht bloß zu feig ... auf 170 Seiten türmen sich Wahrheiten.

Und große Gefühle, die mit den Jahren verloren gehen. Wenn man sich erinnert, ist es erregend. Wenn man sich richtig erinnert, ist es – ernüchternd?

Text: Peter Pisa, Kurier
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Buchtipp:
Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte
Kiepenheuer & Witsch
Julian Barnes - Website

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