Die besten 10 im Dezember 2017

(c) Suhrkamp

1. Peter Handke (32 Punkte) NEU

"Die Obstdiebin", Suhrkamp

Peter Handke beginnt sein jüngstes Epos "Die Obstdiebin", das kurz vor seinem 75. Geburtstag erscheint, in der "Niemandsbucht", einer Vorortgegend von Paris, die der Autor auch selbst bewohnt. Der Erzähler verlässt Haus und Obstgarten, um einer jungen, unbekannten Obstdiebin in die nordfranzösische Region Picardie zu folgen. Die Obstdiebin wiederum, eine Figur zwischen Mensch und Phantasma, ist auf der Suche nach ihrer Mutter, und verliebt sich im weiteren Verlauf in einen lebensmüden Pizzaboten. Doch nicht das Ereignishafte steht bei Handke im Vordergrund. Es sind die "allegorischen Bewusstseinsabenteuer" (Stuttgarter Nachrichten) und der Blick des Betrachters, der das Betrachtete und damit das Poetische zum Leben erweckt. Peter Handke verbanne alles aus seinem Erzählprogramm, was die klassische Romanliteratur kennzeichnet, schreibt die Zeit: "Figurenpsychologie, einen benennbaren Konflikt, Handlung, Spannung und Entwicklungslinien." Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Handke als den "Meister der Prosa des Augenblicks", und "Verwandlung" als das Schlüsselwort seines Projekts eines neuen epischen Erzählens.

(c) Suhrkamp

2. Attila Bartis (29 Punkte) NEU

"Das Ende", Suhrkamp

Lange hat sich Attila Bartis Zeit gelassen für sein neues Buch – 15 Jahre hat der ungarische Autor an seinem großen Entwicklungsroman "Das Ende" gearbeitet. Ein Fotograf Mitte 50 erinnert sich an die Jahre seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsungarn zurück. Vom Trauma der Revolution 1956, mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen, bis zur Wende 1989 spannt Bartis den Erzählbogen und schildert in realistischem, fast lapidarem Ton, wie politische Gewaltverhältnisse das Leben Einzelner prägen. Der Vater kehrt als gebrochener Mann aus dem Gefängnis zurück, die Mutter stirbt, eine Liebesaffäre mit einer Pianistin zerbricht. Bartis gelingt es "experimentelle Blickwinkel auf Erzählen und Erinnerung mit erotischer Aufladung und atemloser Spannung zu verbinden". (Ö1)

(c) Rowohlt

3. Daniel Kehlmann (26 Punkte)

"Tyll", Rowohlt

Daniel Kehlmanns 2005 erschienener Roman Die Vermessung der Welt erzählt anhand einer fiktiven Doppelbiografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt von der Entstehung der modernen Wissenschaft im 19. Jahrhundert. In seinem neuen Buch Tyll hat sich Kehlmann erneut einen historischen Stoff vorgenommen: darin schildert er das Leben des wohl bekanntesten Vaganten, Schaustellers und Provokateurs Tyll Ulenspiegel und verhandelt zudem Hexenjagd, Dreißigjährigen Krieg sowie die langwierigen Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven. So kommt das exilierte Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen ebenso zu Wort, wie der sprechende Esel Origines oder aber der universalgelehrte Jesuit und Magier Athanasius Kircher. Im Zentrum steht jedoch Tyll, jener rätselhafte Gaukler, der durch die Welt zieht und eines Tages beschließt, nie zu sterben.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Jung und Jung

4. Olga Flor (18 Punkte) NEU

"Klartraum", Jung und Jung

Olga Flor zählt zu den profiliertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Mehrfach ausgezeichnet lebt die studierte Physikerin und Autorin in Graz und Wien. Mit ihrem Roman "Klartraum" schaffte sie es auf die diesjährige Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Im Mittelpunkt steht eine leidenschaftliche außereheliche Beziehung, ein Beziehungsviereck in einer Gesellschaft, die sich der Selbstoptimierung verschrieben hat. Eine Geschichte also, in der sich Glücksmomente und Seelenschmerzen lange die Waage halten. Olga Flor analysiert akribisch das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Frau, konzentriert sich dennoch immer auch auf die Gesellschaft und das Politische. "Das erste, was Menschen verlieren, ist die Würde." heißt es an einer Stelle. Das große Ganze wird nie aus den Augen verloren. In präziser Sprache entwirft Olga Flor gekonnt ein Zeitpanorama der Gegenwart.

(c) Otto Müller Verlag

5. Karin Peschka (17 Punkte)

"Autolyse Wien", Otto Müller

Wie lebt man weiter, nach der großen Katastrophe? Dieser Frage geht Karin Peschka in ihrem neuen Buch "Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende" nach. Für einen Auszug aus dem postapokalyptischen Stadtportrait wurde die Oberösterreicherin heuer mit dem Publikumspreis beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt prämiert. "Jedes Schreiben", so die Autorin, "ist ein Heranwagen an eine neue Grenze. Wenn ich mutig genug bin, dass ich mich darüber hinaustraue, dann ist das gut." In ihrem dritten Buch geht es um die ultimative Grenzüberschreitung: dem Kampf gegen den Tod. In 41 Kurzgeschichten erzählt Peschka aus unterschiedlichen Figurenperspektiven vom Überleben in einer völlig zerstörten Großstadt. In reduzierter, durchkomponierter Sprache entwirft Peschka ein bildgewaltiges Endzeitszenario.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Edition Anna Jeller

6. ex aequo: Maureen Daly (14 Punkte) NEU

"Siebzehnter Sommer", Edition Anna Jeller

Bereits im Alter von 17 verfasste die 1921 in Irland geborene und in die USA ausgewanderte Schriftstellerin Maureen Daly den Roman "Siebzehnter Sommer", der das Coming-of-Age-Genre begründete und zum Bestseller wurde. Das Buch ist jetzt neu auf Deutsch erschienen. Die erste Liebe und der erste große Abschied der 17jährigen Angie wird in klarer, unprätentiöser Sprache beschrieben. Schauplatz der Handlung ist eine Kleinstadt in Wisconsin, in der die heile amerikanische Welt der 1940er-Jahre versinnbildlicht wird. Gerade der attraktivste junge Mann der Stadt, Jack, verliebt sich in die Ich-Erzählerin, doch diese weiß, dass sie ihr Zuhause nach dem Sommer verlassen wird, um in Chicago das College zu besuchen. In "Siebzehnter Sommer" heißt es: "Ich schämte mich so, dass das Glück des ganzen heißen, leuchtenden Nachmittags geradewegs verdorrte und ich spürte, wie ich nach und nach begann, Jack zu hassen."

(c) Droschl

6. ex aequo: Lydia Davis (14 Punkte)

"Samuel Johnson ist ungehalten", Droschl)

16 Jahre nach Erscheinen des englischsprachigen Originals ist der Erzählband "Samuel Johnson ist ungehalten" von Lydia Davis jetzt auch auf Deutsch erschienen. Davis, "Einer der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur heute" (The New Yorker), und eine Meisterin der Kurz- und Kürzestprosa, versammelt darin kleine Dramen aus dem Ehe-Alltag, eine Familienzusammenführungsgeschichte, verstörende Reflexionen über die Ungleichbehandlung von Kindern und Wörterbüchern und andere Zumutungen des Lebens. Einige der 55 Prosastücke sind nur wenige Zeilen lang, und ermöglichen dennoch sehr präzise, humorvoll und pointiert einen Blick in die menschlichen Abgründe. Lydia Davis "steht zwar quer zum Mainstream – aber sie verfasst ideale Lesekost für’s 21. Jahrhundert." (NZZ)

(c) Rowohlt

8. Péter Nádas (13 Punkte)

"Aufleuchtende Details", Rowohlt

Seit vielen Jahren wird er als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt: der ungarische Autor Péter Nádas. Einer seiner interessantesten Zeitbefunde: wir Europäer leben seit dem durch russische Panzer niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956 gefangen in einem 'utopielosen Pragmatismus.' Das Scheitern eines 'Kommunismus mit menschlichem Antlitz' habe für uns alle gravierende Folgen. Péter Nádas hat Bespitzelung und Publikationsverbot während der kommunistischen Diktatur in seiner Heimat erlebt, heute zählt er abermals zur oppositionellen Minderheit in Ungarn. Vor kurzem ist sein jüngstes literarisches Monumentalprojekt erschienen, an dem er 10 Jahre gearbeitet hat: "Aufleuchtende Details". Darin versucht er die Mehrdeutigkeit und Komplexität der menschlichen Existenz zu beschreiben und diese auch zu verstehen. Die eigene Geschichte und die Geschichte seiner Familie dienen ihm als Beispiel für die Abgründe und Höhenflüge des 20. Jahrhunderts.

(c) Antje Kunstmann

9. David Constantine (12 Punkte) NEU

"Wie es ist und war", Antje Kunstmann

Eine Auswahl von Erzählungen des britischen Autors und Übersetzers David Constantine ist nun unter dem Titel "Wie es ist und war" auf Deutsch erschienen. Die mächtigen Landschaften Nordwales mit seinen Hochmooren und Wasserfällen ist wiederkehrender Ort des Geschehens, die Figuren sind vielfach Menschen fortgeschrittenen Alters, die zurückblicken auf Verluste, vereinsamt sind oder sich im falschen Leben wähnen. So handelt die Eingangsgeschichte "In einem anderen Land", Constantines bekannteste Erzählung, von einem gealterten Ehepaar, dessen über fünfzigjähriges Zusammenleben erschüttert wird, vom Auftauchen des Leichnams der ersten Liebe des Mannes, die ein halbes Jahrhundert zuvor in einer Gletscherspalte verunglückt ist. "Die Vergangenheit ragt leise und mitunter bedrückend in die Gegenwart hinein. Entziehen kann man sich ihr so wenig wie diesen subtilen Studien über das Lebensbilanz-Ziehen." (SWR)

(c) Suhrkamp

10. ex aequo: Marion Poschmann (10 Punkte)

"Die Kieferninseln", Suhrkamp

Mit der Intensität eines Haikus setzt Marion Poschmann ein unvergessliches Figurenpaar in die literarische Landschaft. Wie die beiden mit Matsuo Bashō und Selbstmordanleitung den Großstadttrubel und mythische Gefilde durchstreifen, ist pure Lesefreude!" So die Jury über Marion Poschmanns jüngsten Roman "Die Kieferninseln", der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Bereits vor vier Jahren war die 1969 geborene Schriftstellerin, die vor allem für ihre Lyrik bekannt ist, mit ihrem Roman "Die Sonnenposition" für den Deutschen Buchpreis nominiert. Poschmann hat einige Zeit in Japan gelebt und ihre Erfahrungen bereits im gefeierten Gedichtband "Geliehene Landschaften" zu Papier gebracht. In "Die Kieferninseln" begibt sie sich abermals nach Japan und lässt zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufeinander treffen. Virtuos, nachdenklich und dabei mit viel Witz erzählt Poschmann vom Leben und Sterben, von Japans Licht und Schatten, den dunklen Göttern des Shintoismus und der Frage, ob das Leben letztendlich nicht nur ein großer Traum sei.

(c) Diogenes

10. ex aequo: Viktorija Tokarjewa (10 Punkte) NEU

"Meine Männer", Diogenes

Die 1937 im ehemaligen Leningrad geborene und heute in Moskau lebende Schriftstellerin und Drehbuchautorin Viktorija Tokarjewa zählt zu den bekanntesten literarischen Stimmen Russlands. Ihre Erzählungen wurden zur Klassiker der Sowjetliteratur. Viele davon handeln von Frauenschicksalen, alltäglichen Sehnsüchten und Träumen und den vielseitigen Wechselbeziehungen zwischen Männern und Frauen. Ihr jüngstes Buch "Meine Männer" ist eine sehr persönliche Verneigung vor jenen Männern, die Tokarjewas Leben und Schreiben maßgeblich geprägt und begleitet haben. Von Schriftstellerkollegen, Liebesbeziehungen, und sogar von Michail Gorbatschow, der der Autorin und ihrer Literatur das Reisen ermöglichte, handelt das Buch. In einem angehängten Essay mit dem Titel "Mein Tschechow" schreibt Tokarjewa über die Beschäftigung mit ihrem literarischen Vorbild und sinniert über Moral, Liebe, Schicksal und Lebensweisheiten.