Die besten 10 im November 2017

(c) Rowohlt

1. Daniel Kehlmann (60 Punkte) NEU

"Tyll", Rowohlt

Daniel Kehlmanns 2005 erschienener Roman Die Vermessung der Welt erzählt anhand einer fiktiven Doppelbiografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt von der Entstehung der modernen Wissenschaft im 19. Jahrhundert. In seinem neuen Buch Tyll hat sich Kehlmann erneut einen historischen Stoff vorgenommen: darin schildert er das Leben des wohl bekanntesten Vaganten, Schaustellers und Provokateurs Tyll Ulenspiegel und verhandelt zudem Hexenjagd, Dreißigjährigen Krieg sowie die langwierigen Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven. So kommt das exilierte Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen ebenso zu Wort, wie der sprechende Esel Origines oder aber der universalgelehrte Jesuit und Magier Athanasius Kircher. Im Zentrum steht jedoch Tyll, jener rätselhafte Gaukler, der durch die Welt zieht und eines Tages beschließt, nie zu sterben.

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(c) Suhrkamp

2. Robert Menasse (26 Punkte)

"Die Hauptstadt", Suhrkamp

Als scharfsinniger Romancier und streitbarer Essayist ist Robert Menasse bekannt. Mit seinem neuen Roman "Die Hauptstadt" ist er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Darin beschreibt er, wie in Brüssel – einer Stadt, die aus EU-Institutionen besteht – "die Epoche der Scham zu Ende geht". Ausgerechnet ein Schwein, das durch die Brüsseler Innenstadt rennt, sorgt für allgemeine Verunsicherung und verbindet die Lebensläufe ganz unterschiedlicher Charaktere miteinander. Große Gefühle treffen auf kleinkarierte Bürokratie und Robert Menasse präsentiert sich abermals als grandioser Erzähler, der mit knappen Skizzierungen konturenscharfe Bilder entwirft.

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(c) S. Fischer Verlag

3. Gerhard Roth (20 Punkte)

"Die Irrfahrt des Michael Aldrian", S. Fischer

Die Frage, wozu der Mensch fähig ist, das beschäftigt Gerhard Roth seit jeher - so auch in seinem neuen Roman "Die Irrfahrten des Michael Aldrian". Schauplatz ist Venedig, eine Stadt, die für Roth seit vielen Jahren Rückzugsort, aber auch Inspiration ist. Michael Aldrian, der Held seines neuen Romans, reist in die Lagunenstadt, um seinen dort lebenden Bruder zu besuchen. Der aber scheint mitsamt seiner Frau spurlos verschwunden zu sein. Auf der Suche nach ihm gerät er zusehends in immer dubiosere Verstrickungen, wird mit Morddrohungen konfrontiert und ist sich nicht mehr sicher, ob er oder die Welt um ihn herum wahnsinnig geworden ist. "Man hat Venedig oft genug als eine Märchenstadt bezeichnet. Das stimmt nur insofern, als es nicht nur verklärende, sondern auch grausame Märchen gibt", so Gerhard Roth über den ersten Teil seiner Trilogie, der Venedig und dem Verbrechen verschrieben ist.

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(c) Otto Müller Verlag

4. ex aequo: Karin Peschka (17 Punkte)

"Autolyse Wien", Otto Müller)

Wie lebt man weiter, nach der großen Katastrophe? Dieser Frage geht Karin Peschka in ihrem neuen Buch "Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende" nach. Für einen Auszug aus dem postapokalyptischen Stadtportrait wurde die Oberösterreicherin heuer mit dem Publikumspreis beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt prämiert. "Jedes Schreiben", so die Autorin, "ist ein Heranwagen an eine neue Grenze. Wenn ich mutig genug bin, dass ich mich darüber hinaustraue, dann ist das gut." In ihrem dritten Buch geht es um die ultimative Grenzüberschreitung: dem Kampf gegen den Tod. In 41 Kurzgeschichten erzählt Peschka aus unterschiedlichen Figurenperspektiven vom Überleben in einer völlig zerstörten Großstadt. In reduzierter, durchkomponierter Sprache entwirft Peschka ein bildgewaltiges Endzeitszenario.

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(c) Rowohlt

4. ex aequo: Péter Nádas (17 Punkte) NEU

"Aufleuchtende Details", Rowohlt

Seit vielen Jahren wird er als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt: der ungarische Autor Péter Nádas. Einer seiner interessantesten Zeitbefunde: wir Europäer leben seit dem durch russische Panzer niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956 gefangen in einem 'utopielosen Pragmatismus.' Das Scheitern eines 'Kommunismus mit menschlichem Antlitz' habe für uns alle gravierende Folgen. Péter Nádas hat Bespitzelung und Publikationsverbot während der kommunistischen Diktatur in seiner Heimat erlebt, heute zählt er abermals zur oppositionellen Minderheit in Ungarn. Vor kurzem ist sein jüngstes literarisches Monumentalprojekt erschienen, an dem er 10 Jahre gearbeitet hat: "Aufleuchtende Details". Darin versucht er die Mehrdeutigkeit und Komplexität der menschlichen Existenz zu beschreiben und diese auch zu verstehen. Die eigene Geschichte und die Geschichte seiner Familie dienen ihm als Beispiel für die Abgründe und Höhenflüge des 20. Jahrhunderts.

(c) Droschl

6. Lydia Davis (14 Punkte)

"Samuel Johnson ist ungehalten", Droschl)

16 Jahre nach Erscheinen des englischsprachigen Originals ist der Erzählband "Samuel Johnson ist ungehalten" von Lydia Davis jetzt auch auf Deutsch erschienen. Davis, "Einer der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur heute" (The New Yorker), und eine Meisterin der Kurz- und Kürzestprosa, versammelt darin kleine Dramen aus dem Ehe-Alltag, eine Familienzusammenführungsgeschichte, verstörende Reflexionen über die Ungleichbehandlung von Kindern und Wörterbüchern und andere Zumutungen des Lebens. Einige der 55 Prosastücke sind nur wenige Zeilen lang, und ermöglichen dennoch sehr präzise, humorvoll und pointiert einen Blick in die menschlichen Abgründe. Lydia Davis "steht zwar quer zum Mainstream – aber sie verfasst ideale Lesekost für’s 21. Jahrhundert." (NZZ)

(c) Wallstein

7. ex aequo: Anna Baar (13 Punkte)

"Als ob sie träumend gingen", Wallstein

Anna Baar hat als Ghostwriterin lange nur im Namen anderer geschrieben. Vor zwei Jahren wurde die Kärntnerin mit kroatischen Wurzeln dann beim Bachmannpreis erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Ihr Debütroman "Die Farbe des Granatapfels" war ein weitreichender Erfolg. Jetzt ist ihr zweites Buch mit dem Titel "Als ob sie träumend gingen" erschienen. Schreiben ist für sie wie ein Traumzustand und wie die meisten Träume beruht auch ihr neuer Roman auf Bruchstücken der Realität, zum Teil Familienerinnerungen, die sie zu sprachlich kunstvoller Fiktion montiert. Im Krankenbett lässt ein Mann sein Leben Revue passieren. Ein Krieg, der ihn um sich selbst gebracht hat und eine verpasste Liebe holen ihn wieder ein. Dass die Staunenden weiser seien als die Wissenden, heißt es einmal im Roman und bereitwillig lässt man sich bei Anna Baar auf das Staunen ein.

(c) Suhrkamp

7. ex aequo: Marion Poschmann (13 Punkte) NEU

"Die Kieferninseln", Suhrkamp

Mit der Intensität eines Haikus setzt Marion Poschmann ein unvergessliches Figurenpaar in die literarische Landschaft. Wie die beiden mit Matsuo Bashō und Selbstmordanleitung den Großstadttrubel und mythische Gefilde durchstreifen, ist pure Lesefreude!" So die Jury über Marion Poschmanns jüngsten Roman "Die Kieferninseln", der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Bereits vor vier Jahren war die 1969 geborene Schriftstellerin, die vor allem für ihre Lyrik bekannt ist, mit ihrem Roman "Die Sonnenposition" für den Deutschen Buchpreis nominiert. Poschmann hat einige Zeit in Japan gelebt und ihre Erfahrungen bereits im gefeierten Gedichtband "Geliehene Landschaften" zu Papier gebracht. In "Die Kieferninseln" begibt sie sich abermals nach Japan und lässt zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufeinander treffen. Virtuos, nachdenklich und dabei mit viel Witz erzählt Poschmann vom Leben und Sterben, von Japans Licht und Schatten, den dunklen Göttern des Shintoismus und der Frage, ob das Leben letztendlich nicht nur ein großer Traum sei.

(c) Ullstein

9. Robert Prosser (10 Punkte)

"Phantome", Ullstein

Mit seinem zweiten Roman "Phantome" ist der gebürtige Tiroler Autor Robert Prosser auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet. Der Jugoslawienkrieg und die Flüchtlingswelle der 1990er-Jahre stehen im Fokus des Buchs, das in mehrjähriger Recherchearbeit entstanden ist. "Phantome ist das Ergebnis meiner Versuche, mir ein Land und dessen jüngere Vergangenheit und Gegenwart zu erschreiben", so Prosser, der zu den vielversprechendsten literarischen Stimmen in Österreich zählt. Auf zwei Zeitebenen, wechselnd zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1992, erzählt der Autor von Fluchtschicksalen, thematisiert die generationenübergreifende Suche nach einer eigenen Identität und schildert die unfassbaren Gräuel der Kriegsschauplätze und ihre weitreichenden Folgen. "Es ist ein zorniger, politischer Roman geworden, den Robert Prosser geschrieben hat, über die großen Verwundungen, über das Halt- und Bodenlose, eben über die Folgen eines kaum aufgearbeiteten Krieges, dessen Verletzungen noch lange nachwirken." (Deutschlandfunk)

(c) Kiepenheuer & Witsch

10. ex aequo: Joachim Meyerhoff (8 Punkte) NEU

"Die Zweisamkeit der Einzelgänger", Kiepenheuer & Witsch

Joachim Meyerhoff ist einer der profiliertesten Schauspieler seiner Generation - und einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der letzten Jahre. Seine Romane basieren auf seiner Lebensgeschichte. Aufgewachsen als Sohn des Direktors einer psychiatrischen Anstalt, ging er in jungen Jahren nach Amerika und absolvierte nach seiner Rückkehr eine bekannte Schauspielschule. "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" heißt der neue und vierte Teil seiner Autobiografie. Darin berichtet der Burgtheaterschauspieler auf gewohnt tragikomische Weise von seinem Leben nach der Münchner Schauspielschule und den beruflichen Anfängen in einer deutschen Theaterprovinz. Doch weder Provinz noch Theater machen ihm zu schaffen, sondern einzig und allein die Liebe. Um genau zu sein: Hanna, Franka und Ilse. Einmal mehr beweist Meyerhoff zartes Feingefühl im Beschreiben von Personen und Situationen und glänzt mit seiner Fähigkeit, im scheinbar Alltäglichen das Besondere zu beobachten.

(c) Suhrkamp

10. ex aequo: Jürgen Becker (8 Punkte) NEU

"Graugänse über Toronto", Suhrkamp

Mit Hörspielen und Prosa hat sich Jürgen Becker einen Namen gemacht, vor allem aber ist er ein Meister der Lyrik. Für sein Werk hat er 2014 den Büchner-Preis bekommen. Nach seinen "Journalsätzen", "Journalgeschichten" und "Journalromanen" veröffentlicht Becker jetzt sein "Journalgedicht": "Graugänse über Toronto". Gekonnt spannt er den literarischen Bogen von uralten Ängsten bis zu den Sicherheitslücken im digitalen Zeitalter und verbindet Landschaft und Geschichte mit der Chronik des eigenen Lebens. Dabei zeigt sich vor allem eines: Zeitgeschichte lässt sich nicht von Familiengeschichte, das Private nicht vom Öffentlichen und die Vergangenheit nicht von der Gegenwart trennen. Präzise und lakonisch hält der 85jährige Rückschau, erinnert sich und bleibt dabei dennoch Zeitgenosse.