Die besten 10 im August 2017

(c) Suhrkamp

1. Oswald Egger (21 Punkte)

"Val di Non", Suhrkamp

Er ist Autor spielerischer und gleichzeitig hochkomplexer Lyrik und Lehrender für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel: Oswald Egger. "Val di non" heißt der neue Prosaband des gebürtigen Südtirolers, der Nachdenken über Dichtung und zugleich Dichtung selbst vereint. Bei dem titelgebenden Tal handelt es sich um das Südtiroler Nonstal, das Oswald Egger literarisch durchstreift. Blick für Blick nimmt er die Landschaft seiner Kindheit ins Visier: Sandmaserungen und Strudellöcher, Moospolster der Tobel und die Totholz-Gestrüppe werden auf vielschichtige Weise erlebbar. Zugleich begleiten zarte Zeichnungen des Autors den Text. Zeigen und Verbergen, Auftauchen und Verschwinden – Oswald Egger entwirft sprachmächtig und detailgenau eine Landschaft, die zuweilen wirklicher als die Wirklichkeit selbst erscheint.

(c) Deuticke Verlag

2. Paulus Hochgatterer (20 Punkte) NEU

"Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war", Deuticke

"Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht.", so die Ich-Erzählerin im neuen Buch des österreichischen Autors und Kinder- und Jugendpsychiaters Paulus Hochgatterer mit dem Titel „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“. Die 13jährige Nelli kommt im Kriegsjahr 1944 auf einen niederösterreichischen Bauernhof, ohne Erinnerung und ohne Geschichte. Aus ihrer Perspektive erzählt Hochgatterer von einer Begegnung mit einem russischen Kriegsgefangenen, der eine rätselhafte Leinwandrolle mit sich führt. Von der Bedeutung von Kunst im Dritten Reich, von den traumatischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, die Generationen prägen, und von der Unmöglichkeit einer objektiven Wahrheitssuche handelt die Erzählung, die ihren Blick, wie so oft bei Hochgatterer, auf die Kinder, die Randständigen und Grenzgänger lenkt.

(c) S. Fischer Verlag

3. Lize Spit (14 Punkte) NEU

"Und es schmilzt", S. Fischer

In den Niederlanden wurde der Debütroman der jungen belgischen Autorin Lize Spit schnell zum Erfolg. Rezensenten verglichen sie mit internationalen Schriftstellergrößen wie Ian McEwan, das Buch verkaufte sich schon nach wenigen Wochen über 20 000 Mal, und Spit wurde zum Medienliebling. "Ich hoffe aber, dass das Buch besser ist als der Hype", so die Autorin über ihren 480-Seiten-Erstling, den sie in nur einem Jahr geschrieben hat. Im Fokus der Geschichte steht Eva, die in einem kleinen flämischen Dorf aufwächst, und mit zwei gleichaltrigen Buben ihre Tage verlebt. In die Pubertät gekommen, entwickeln sich die drei jedoch auseinander und Eva wird zur Zielscheibe grausamer Spiele. Als Erwachsene kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück, um mit ihrer Vergangenheit abzurechnen. Lize Spit versteht es, bewegend über Einsamkeit und Trostlosigkeit im dörflichen Umfeld zu erzählen, eine atmosphärische Dichte zu kreieren, und den Spannungsbogen bis zum Ende zu halten.

(c) C.H. Beck

4. ex aequo: José Eduardo Agualusa (13 Punkte) NEU

"Eine allgemeine Theorie des Vergessens", C.H. Beck

Für seinen neuesten Roman "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" wurde der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa, der zu den bekanntesten der portugiesischsprachigen Literatur zählt, für den "Man Booker International Prize" nominiert, und gewann den hochdotierten "International Dublin Literary Award". Protagonistin im Buch ist die portugiesische Auswanderin Ludovica, die sich vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges in Angola, das sich 1975 von der Kolonialmacht Portugal befreite, in ihrer eigenen Wohnung einmauert. Fast drei Jahrzehnte verlässt sie das Haus nicht, während draußen Bürgerkrieg, Gewalt und Korruption toben. Mittels einer fiktionalen Begebenheit, verankert in einem zeitgeschichtlichen Setting, versucht Agualusa seinem Herkunftsland auf die Spur zu kommen, das im Kalten Krieg zum Spielball zwischen dem Ostblock und den Westmächten wurde, und eine Transformation vom marxistisch-leninistischen Staat zu einer der am schnellsten wachsenden Ökonomien weltweit durchlebte.

(c) Folio Verlag

4. ex aequo: Zoran Ferić: (13 Punkte) NEU

"In der Einsamkeit nahe dem Meer", Folio

Zoran Ferić zählt zu den starken literarischen Stimmen Kroatiens. In seinem neuen Roman hat der Autor die kroatische Urlaubsinsel Rab zum Schauplatz gemacht. Er lotet Randzonen partnerschaftlicher Beziehungen aus und zeichnet wie nebenher ein Bild der kroatischen Gesellschaft im Jugoslawien der 1970er- und 80er-Jahre. Touristinnen aus dem Norden sind auf der Suche nach Sexabenteuern mit jungen dalmatinischen Männern, die sich als Frauenverführer versuchen. Die sommerliche Insel wird zum Mikrokosmos, in dem unterschiedliche Kulturverständnisse aufeinanderprallen, Katholizismus auf sexuelle Revolution, und Sozialismus auf Kapitalismus trifft. "In der Einsamkeit nahe dem Meer" ist ein intelligent gestrickter Roman von hohem Unterhaltungswert.

(c) S. Fischer Verlag

6. ex aequo: Ilija Trojanow: (12 Punkte)

"Nach der Flucht", S. Fischer

Der in Bulgarien geborene Ilija Trojanow gehört zu den bekanntesten und engagiertesten Schriftstellern unseres Landes. Immer wieder mischt er sich mit Romanen und Essays in politische Debatten ein. So auch mit seinem neuen Buch "Nach der Flucht". Darin erzählt Trojanow von seinen eigenen Erfahrungen mit Heimatverlust und dem Gefühl des Fremdseins, versucht Begriffen wie Heimat und Heimatlosigkeit auf den Grund zu gehen und zu erkunden, was den Fremden erst zum Fremden macht und ab wann er nicht mehr fremd ist? "Nach der Flucht" ist ein vielschichtiges Plädoyer für einen anderen, unvoreingenommenen Blick auf die brisante Thematik und ein kluges Buch gegen eingefahrene Vorurteile.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Aufbau Verlag

6. ex aequo: Artjom Wesjoly (12 Punkte) NEU

"Blut und Feuer", Aufbau

Zum 100. Jahrestag der Oktober-Revolution erlebt der epochale Roman "Blut und Feuer" des russischen Schriftstellers Artjom Wesjoly eine deutschsprachige, ergänzte Wiederveröffentlichung. Wesjoly, der sich 1917 den Bolschewiki anschloss, im russischen Bürgerkrieg kämpfte, und unter Stalin, mit dem Vorwurf, die Revolution in ein schlechtes Licht gerückt zu haben, hingerichtet wurde, hat aus eigenem Erleben geschildert. "Blut und Feuer" erzählt schonungslos, wie der Glaube an eine bessere Welt im Chaos der Revolution Zerstörungswut, Gewalt und Terror weichen muss. Schauplatz ist die russische Provinz, verhandelt wird die Geschichte aus der vielstimmigen Perspektive der Erniedrigten und Geknechteten. "Artjom Wesjoly holt den Lärm der Zeit und die Dramatik der Ereignisse ins Buch. Auch Sprache und Roman erleben dabei eine Revolution" (Bayerischer Rundfunk) – kurzum: ein sprachmächtiger, fordernder Antikriegsroman.

(c) Droschl

8. ex aequo: Elfriede Gerstl (10 Punkte) NEU

"Das vorläufig Bleibende", Droschl

Zum 85. Geburtstag der 2009 verstorbenen Wiener Autorin Elfriede Gerstl erscheint nun der fünfte und letzte Band ihrer Werkausgabe. "Das vorläufig Bleibende" versammelt Prosaminiaturen, Gedichte, Interviews und Traumnotizen aus rund fünf Jahrzehnten, darunter viele bisher unveröffentlichte Texte. Die NS-Zeit hat Gerstl als Tochter jüdischer Eltern in Wohnungs-Verstecken überlebt, eine Erfahrung, die ihr Werk grundiert.
Mit "undogmatischer Skepsis" (Franz Schuh), Selbstironie und einer spitzen Feder hat sich die Dichterin, die zeitlebens als Außenseiterin des Literaturbetriebs galt, einen Namen gemacht. Bekannt war die "Meisterin der Untertreibung" und "Verkleinerungsspezialistin", wie Gerstl immer wieder genannt wurde, vor allem für ihre "Denkkrümel", poetische Aphorismen, ebenfalls in "Das vorläufig Bleibende" zu finden, die auch als sogenannte Textansichtskarten erhältlich sind.

(c) Luchterhand Literaturverlag

8. ex aequo: Karl Ove Knausgård (10 Punkte)

"Kämpfen", Luchterhand

Mit "Kämpfen" schließt der norwegische Bestsellerautor Karl Ove Knausgård seine sechsteilige autobiographische Romansaga ab, die im Original "Min Kamp", also „Mein Kampf“ heißt. Als "gigantisches Projekt der Selbsterforschung und Selbstenthüllung", als "Schriftstellertum, das sich radikal aufs Autobiographische wirft" wurde der Zyklus bezeichnet. (Die Zeit)
Mit fast 1300 Seiten ist der letzte Band der monumentalste, in dem der Autor die Auswirkungen seines wirklichkeitsnahen Schreibens auf sein Umfeld, vor allem auf seine Familie auslotet. Sein Credo "die Wirklichkeit schildern, wie sie war", habe immer wieder zu schmerzenden Sozialübertretungen geführt, wie Knausgård meint. "Kämpfen" erzählt aber nicht nur vom Konflikt mit dem Onkel, der gegen die Darstellung des alkoholkranken Bruders vor Gericht ziehen will, vom Familienalltag mit drei Kindern und der manisch-depressiven Erkrankung seiner Frau, der Autor streut auch essayistische Passagen ein, beschäftigt sich mit Hitlers Programmschrift "Mein Kampf", die zum Anlass wurde, dem eigenen Kampf nachzuspüren, setzt sich mit dem Holocaust und Fragen des Menschlichen und Unmenschlichen auseinander, und sucht Antworten bei Ernst Jünger, Martin Heidegger oder Giorgio Agamben.

(c) Suhrkamp

8. ex aequo: Doron Rabinovici (10 Punkte) NEU

"Die Außerirdischen", Suhrkamp

Was viele befürchten und manche ersehnen, in Doron Rabinovicis neuem Roman scheint es wahr zu werden: "Die Außerirdischen" statten der Erde einen Besuch ab. Zunächst breitet sich Panik aus, das öffentliche Leben versinkt im Chaos, brave Bürger mutieren zu Barbaren. Doch bald stellt sich eine seltsame Euphorie ein: die Aliens würden mithilfe bisher völlig unbekannter Technologien den Planeten von Hunger und Krankheit zu erlösen, ewiger Friede und Wohlstand würden einkehren. Die Sache hat nur einen Haken: die Gäste aus dem All benötigten freiwillige Menschenopfer. Die allgemeine moralische Empörung ob dieser inhumanen Forderung weicht schon bald praktischen Überlegungen: eine weltumspannende Casting Show wird initiiert, deren Sieger als "Champs" gefeiert - und deren Verlierer als "Märtyrer" geopfert - werden.
Der israelisch-österreichische Schriftsteller benützt das Science Fiction-Genre, um die Möglichkeiten eines (gar nicht so) neuen Faschismus literarisch auszuloten.
Sol, der Ich-Erzähler, der vom Profiteur zum Opfer des totalitären Systems wird, zieht gegen Ende des Buches das zeitlose Fazit: "Dass so wenige gegen das Schlachten aufbegehrten, liegt nicht daran, dass nicht genug von den Ungerechtigkeiten zu hören war. Die Fakten hätten zu jedem Zeitpunkt ausreichen müssen. Es fehlte an Mut, an Solidarität und an Empathie."