Die besten 10 im Juli 2017

(c) Luchterhand

1. Karl Ove Knausgård (27 Punkte)

"Kämpfen", Luchterhand

Mit "Kämpfen" schließt der norwegische Bestsellerautor Karl Ove Knausgård seine sechsteilige autobiographische Romansaga ab, die im Original "Min Kamp", also „Mein Kampf“ heißt. Als "gigantisches Projekt der Selbsterforschung und Selbstenthüllung", als "Schriftstellertum, das sich radikal aufs Autobiographische wirft" wurde der Zyklus bezeichnet. (Die Zeit)
Mit fast 1300 Seiten ist der letzte Band der monumentalste, in dem der Autor die Auswirkungen seines wirklichkeitsnahen Schreibens auf sein Umfeld, vor allem auf seine Familie auslotet. Sein Credo "die Wirklichkeit schildern, wie sie war", habe immer wieder zu schmerzenden Sozialübertretungen geführt, wie Knausgård meint. "Kämpfen" erzählt aber nicht nur vom Konflikt mit dem Onkel, der gegen die Darstellung des alkoholkranken Bruders vor Gericht ziehen will, vom Familienalltag mit drei Kindern und der manisch-depressiven Erkrankung seiner Frau, der Autor streut auch essayistische Passagen ein, beschäftigt sich mit Hitlers Programmschrift "Mein Kampf", die zum Anlass wurde, dem eigenen Kampf nachzuspüren, setzt sich mit dem Holocaust und Fragen des Menschlichen und Unmenschlichen auseinander, und sucht Antworten bei Ernst Jünger, Martin Heidegger oder Giorgio Agamben.

(c) Suhrkamp

2. Oswald Egger (22 Punkte) NEU

"Val di Non", Suhrkamp

Er ist Autor spielerischer und gleichzeitig hochkomplexer Lyrik und Lehrender für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel: Oswald Egger. "Val di non" heißt der neue Prosaband des gebürtigen Südtirolers, der Nachdenken über Dichtung und zugleich Dichtung selbst vereint. Bei dem titelgebenden Tal handelt es sich um das Südtiroler Nonstal, das Oswald Egger literarisch durchstreift. Blick für Blick nimmt er die Landschaft seiner Kindheit ins Visier: Sandmaserungen und Strudellöcher, Moospolster der Tobel und die Totholz-Gestrüppe werden auf vielschichtige Weise erlebbar. Zugleich begleiten zarte Zeichnungen des Autors den Text. Zeigen und Verbergen, Auftauchen und Verschwinden – Oswald Egger entwirft sprachmächtig und detailgenau eine Landschaft, die zuweilen wirklicher als die Wirklichkeit selbst erscheint.

(c) Jung und Jung

3. Franz Grillparzer (20 Punkte) NEU

"Selbstbiographie", Jung und Jung

"In mir nämlich leben zwei völlig abgesonderte Wesen. Ein Dichter von der übergreifendsten, ja sich überstürzenden Phantasie und ein Verstandesmensch der kältesten und zähesten Art,“ so Franz Grillparzer über sich selbst. Nicht weniger als dreimal hat die Akademie der Wissenschaften in Wien den österreichischen Schriftsteller aufgefordert, etwas über sein Leben zu schreiben – jedes Mal vergeblich. Und dennoch gibt es Aufzeichnungen von ihm, datiert aus dem Jahr 1853. Grillparzer erzählt darin von seiner Kindheit, seinen Eltern, seiner Lesebegeisterung, von Erfolgen und herben Niederlagen, seiner Existenz als Beamter, die ihm täglich widerlicher wurde, von seiner Begegnung mit Papst und Goethe und Momenten des Glücks. Jetzt erscheint die neu aufgelegte, aus seinem Nachlass stammende, fast 20 Jahre vor seinem Tod verfasste Selbstbiographie im Jung und Jung Verlag, herausgegeben von Arno Dusini, Kira Kaufmann und Felix Reinstadler.

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(c) Droschl

4. Julien Gracq (14 Punkte) NEU

"Das Abendreich", Droschl

Wer Julien Garcq kennt, weiß, dass er ein Meister der Verschränkungen von Phantastik, surrealen Welten und Mythen ist. So auch in seinem unvollendeten Roman "Das Abendreich". Es ist ein mystisches Land, in dem der Held und Ich-Erzähler zu Hause ist: ein Königreich mit strengen Regeln und einprägsamen Landschaften. Momentan herrscht noch Wohlstand, aber der Held und seine Freunde wissen um die Bedrohung durch barbarische Horden Bescheid und beschließen, entgegen strenger Verbote, ihre Heimat zu verlassen und in den Kampf zu ziehen.
Julien Gracqs "Abendreich" aus den frühen 1950er Jahren wurde nie zur Veröffentlichung freigegeben. Jetzt ist das bislang unveröffentlichte Romanfragment im Droschl Verlag erschienen.

(c) dtv

5. Graham Swift (13 Punkte) NEU

"Ein Festtag", dtv

1996 wurde Graham Swift für seinen Roman Letzte Runde mit dem Booker Prize ausgezeichnet, seitdem ist der englische Schriftsteller auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Ein Festtag heißt sein jüngster Roman und erzählt von einem einzigen Tag des Jahres 1924, der alles verändert und für ein englisches Dienstmädchen der Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere wird. Das Waisenkind Jane Fairchild kommt 15-jährig als Dienstmädchen ins Haus der Nivens und hat bald ein Liebesverhältnis mit dem Upper-Class-Jungen Paul aus der Nachbarschaft. Nach Jahren der heimlichen Begegnungen und Annäherungen lädt er sie eines Tages in sein Haus. Es ist Muttertag, die Familie ist ausgeflogen, das Dienstpersonal hat frei. Einen Tag lang verbringen sie gemeinsam – es ist sowohl ein Festtag als auch ein Schicksalstag, der für Jane unvergesslich bleibt und für ihr Leben weitreichende Folgen hat. Virtuos verschränkt Swift Gegenwart und Vergangenheit, verknüpft Liebe, Tod und Literatur und erzählt atmosphärisch dicht ein Leben und ein ganzes Jahrhundert.

(c) Suhrkamp

6. Szilárd Borbély (12 Punkte)

"Kafkas Sohn", Suhrkamp

Seit im Herbst 2014 der Roman "Die Mittellosen" in deutscher Übersetzung publiziert wurde, gilt sein Autor, der Ungar Szilárd Borbély, auch international als eine der wichtigsten literarischen Stimmen seines Landes. Den durchschlagenden Erfolg hat der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler allerdings nicht mehr erlebt, denn Anfang 2014 nahm sich Borbély, der unter Depressionen litt, das Leben. Ein Buchfragment über Franz Kafka, das der Autor hinterlassen hat, ist nun unter dem Titel "Kafkas Sohn" erschienen. In mehreren Prosastücken greift Borbély, der Kafka als einen seiner großen Referenzautoren bezeichnete, vor allem die vieldiskutierte Vaterbeziehung des Prager Jahrhundertschriftstellers auf, seine Weltschmerzfähigkeit, seine Poesie des Scheiterns und seine Rettung im Schreiben. "Die Heimatlosigkeit, Verlorenheit darin, die ich so gut kannte, riss mich fort." so der Autor Szilárd Borbély über sein Kafka-Erweckungserlebnis. Die Übersetzerinnen dieser eindrücklichen Erzähltext-Bruchstücke, Heike Flemming und Lacy Kornitzer, haben dem deutschsprachigen Publikum mit der Übertragung des Prosafragments "Kafkas Sohn" "ein hochinteressantes Romanexperiment" zugänglich gemacht. (Deutschlandradiokultur)

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(c) Otto Müller

7. Iris Wolff (11 Punkte) NEU

"So tun, als ob es regnet", Otto Müller

„Wie ein gutes Gedicht immer etwas offen lässt und sich nicht erschöpft, so erklären sich auch Figuren nie völlig. Das, was einen anderen Menschen zu seinen Worten und Taten antreibt, ist immer größer als unsere Versuche, seine Handlungen zu deuten“, so die Schriftstellerin Iris Wolff. Das Auserzählen ist ihre Sache nicht, viel lieber sind Iris Wolff subtile Andeutungen, Leerstellen und Lücken, die es zu füllen gilt. 1977 in Siebenbürgen geboren, ist die Umgebung ihrer Kindheit Thema all ihrer Romane – so auch in ihrem neuen Buch So tun als ob es regnet. Über vier Generationen des 20. Jahrhunderts und vier Ländergrenzen hinweg erzählt Wolff davon, wie historische Ereignisse die Lebenswege von Einzelnen prägen. Zwischen Freiheit und Anpassung, Zufall und freiem Willen erfahren ihre Protagonisten: Es gibt Dinge, die zu uns gehören, ohne dass wir wüssten, woher sie kommen.

(c) Matthes & Seitz

8. Emmanuel Carrère (10 Punkte) NEU

"Ein russischer Roman", Matthes & Seitz

Bereits 2008 im französischen Original erschienen, ist Emmanuel Carrères "Ein russischer Roman" jetzt auch auf Deutsch erhältlich. Darin begibt sich Carrère auf die Suche nach seinen russischen Wurzeln und durchlebt gleichzeitig ein Beziehungsdrama, das mit der Herkunftssuche auf vertrackte Weise verwoben ist. "Ein russischer Roman" sei zwar wie ein Roman komponiert, aber von all seinen Büchern der Autofiktion am nächsten, so Emmanuel Carrère über sein eigenes Buch. Generell gilt bei ihm: ganz gleich worüber er schreibt, immer ist er selbst mit seinem Leben, seinen Gedanken und Gefühlen anwesend und dennoch sind seine Bücher keine Memoiren, vielmehr versucht Carrère schreibend Grundlegendes über die Welt herauszufinden.

(c) DuMont

9. ex aequo: Richard Russo (8 Punkte) NEU

"Ein Mann der Tat", DuMont

Lange hat es gedauert, bis Richard Russo auch hierzulande einem breiten Publikum bekannt wurde. 2016 erschien unter dem Titel „Diese gottverdammten Träume“ die Übersetzung seines 2002 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten und hochgelobten Romans „Empire Falls“, und sein neues Buch „Ein Mann der Tat“ beweist abermals, warum John Irving seinen Kollegen einen „begnadeten Erzähler“ nannte. Chief Raymer, der Leiter der Polizeidirektion, kollabiert auf einer Beerdigung, fällt ins offene Grab und verliert dabei das einzige Beweisstück dafür, dass seine Frau ihn betrogen hat. Die Wand eines Gebäudes, das der impotente Bauunternehmer Carl errichtet hat, stürzt ein und sein ehemaliger Kontrahent Sully hat alle Hände voll damit zu tun, eine schwere Krankheit vor den Menschen, die er liebt, zu verheimlichen. Ein einziges Mai-Wochenende rund um einen extrem heißen Memorial Day reicht aus, um ein gutes Dutzend schräger Charaktere in all ihren emotionalen Verstrickungen auftreten zu lassen und ihre Geschichten mit der Ödnis einer fiktiven Kleinstadt im Bundesstaat New York zu verknüpfen.

(c) Kiepenheuer & Witsch

9. ex aequo: Eva Menasse (8 Punkte)

"Tiere für Fortgeschrittene", Kiepenheuer & Witsch

Es sind kuriose Tiermeldungen, die im Zentrum von Eva Menasses neuem Buch "Tiere für Fortgeschrittene" stehen. Jahrelang hat sie diese gesammelt, die ihr, wie umgekehrte Fabeln, etwas über menschliche Verhaltensweisen zu verraten schienen. So haben all diese Erzählungen bei näherer Betrachtung mehr mit der Gattung Mensch zu tun, als dies auf den ersten Blick vermuten ließe und lassen mal absurde, mal melancholische Zusammenhänge zwischen Mensch und Tier sichtbar werden. Wie schon in ihrem ersten Erzählband "Lässliche Todsünden", so studiert Menasse abermals ihre Untersuchungsobjekte mit ebenso scharfsinnigem wie liebevollem Blick und erzählt dabei mehr, als nur von Raupen, die sich ihr eigenes Grab schaufeln, Haie, die künstlich beatmet werden und Schafen, die ihre Wolle von selbst abwerfen.

(c) S. Fischer

9. ex aequo: Ilija Trojanow (8 Punkte) NEU

"Nach der Flucht", S. Fischer

Der in Bulgarien geborene Ilija Trojanow gehört zu den bekanntesten und engagiertesten Schriftstellern unseres Landes. Immer wieder mischt er sich mit Romanen und Essays in politische Debatten ein. So auch mit seinem neuen Buch "Nach der Flucht". Darin erzählt Trojanow von seinen eigenen Erfahrungen mit Heimatverlust und dem Gefühl des Fremdseins, versucht Begriffen wie Heimat und Heimatlosigkeit auf den Grund zu gehen und zu erkunden, was den Fremden erst zum Fremden macht und ab wann er nicht mehr fremd ist? "Nach der Flucht" ist ein vielschichtiges Plädoyer für einen anderen, unvoreingenommenen Blick auf die brisante Thematik und ein kluges Buch gegen eingefahrene Vorurteile.

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