Die besten 10 im Juni 2017

(c) Matthes & Seitz Berlin

Brigitta Falkner (33 Punkte)

"Strategien der Wirtsfindung", Matthes & Seitz Berlin

Brigitta Falkner ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin und Zeichnerin. In ihren hybriden Text- und Bildwelten beschäftigt sich die Wienerin bereits seit längerem mit parasitären Lebensformen. Nun sind ihre künstlerischen Auseinandersetzungen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen auf über 200 Seiten in Buchform erschienen. In "Strategien der Wirtsfindung" geht es um Milben, Zecken, fleischfressende Pflanzen und andere Parasiten und ihr faszinierendes Spiel von Camouflage und Mimikry, das Falkner in poetische Sequenzen und Elemente der Graphic Novel verwandelt. "Eine hintersinnige, poetisch angewandte Naturkunde über die Welt der Schmarotzer." (Daniela Strigl)

(c) Zsolnay

2. Franz Schuh: Fortuna (27 Punkte)

"Fortuna", Zsolnay

Um das Glück in den unterschiedlichsten Spielarten und seine Kehrseiten geht es in Franz Schuhs neuem Buch "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks", das zum 70. Geburtstag des Autors, Essayisten und Philosophen erschienen ist. "Hier erfährt keiner, wie er glücklich wird, das muss ein jeder selber wissen. Und wer’s nicht weiß, kann’s eh vergessen" stellt Schuh darin fest. Von der Kindheit im Gemeindebau, Süchten und Sehnsüchten, der Alzheimererkrankung der Mutter, von Udo Jürgens und Oliver Hardy, aber auch von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, Bertold Brecht und Friedrich Nietzsche ist darin die Rede. Hoch- und Trivialkultur finden, wie immer bei Schuh, nebeneinander Platz. Als einer der "wirkmächtigsten zeitgenössischen Beobachter des österreichischen Alltags" (NZZ) changiert Schuh zwischen Selbstbefragungen, Beobachtungen und Gedichten, stets mit scharfsinnigem Blick und heiterem Ton.

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(c) Schöffling & Co

3. Miljenko Jergović (20 Punkte)

"Die unerhörte Geschichte meiner Familie", Schöffling & Co.

Miljenko Jergović gilt als einer der renommiertesten und meistgelesenen Schriftsteller im ehemaligen Jugoslawien. Zugleich wurde der bosnisch-kroatische Autor und Journalist mit seiner unermüdlichen Kritik an nationalistischen Tendenzen in seiner Heimat auch immer wieder zur Zielscheibe von Medienkampagnen. Sein neuer Roman mit dem Titel "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" hat die kroatische Kritik begeistert: "auf diesen Roman hat man jahrzehntelang gewartet" und "ein großer, klassischer, geschichtlich-psychologischer kroatischer Roman" hieß es etwa. Und über die deutschsprachige Ausgabe schreibt der Falter "mehr als ein Roman", und der MDR urteilt "großartiges Erzählmaterial".
Die letzten Gespräche mit seiner Mutter am Sterbebett wurden zum Ausgangspunkt des über 1000-Seiten starken Mammutprojekts des Autors. "Ich hab sie nie so gut verstanden wie nach ihrem Tod, nach ihrer Beerdigung", schreibt Miljenko Jergović über seine Mutter. Jergović portraitiert nicht nur die eigenen Vorfahren bis in die vierte Generation zurück, sondern erzählt auch von den großen Katastrophen und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis zum Zerfall Jugoslawiens und darüber hinaus. Nicht klassisch chronologisch, sondern reflektierend episodenhaft ist der Roman strukturiert, der Zeit-, Literatur- und Lebensgeschichtliches kunstvoll zusammenfügt – eine, um mit den Worten des Autors zu enden: "Reportage gegen das Vergessen".

(c) C.H. Beck

4. Adolf Muschg (18 Punkte)

"Der weiße Freitag", C.H. Beck

Ein Treppensturz ist für Adolf Muschg der Ausgangspunkt für sein neues Buch Der weiße Freitag. Ins Spital nimmt er eine alte Goethe-Ausgabe mit, in der auch Goethes zweite Reise in die Schweiz enthalten ist. "Der weiße Freitag", das ist der 12. November 1779, als Goethe im Gotthard-Gebiet ein Abenteuer erlebt: gemeinsam mit seinem Dienstherrn und Freund Herzog Carl August überquert er im hohen Neuschnee den Furkapass – allen Warnungen der Einheimischen zum Trotz. Diese Reise wird mitten im Winter zum Abenteuer auf Leben und Tod. Der Schweizer Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg rekonstruiert die Ereignisse des Jahres 1779 und verknüpft sie mit seiner eigenen Geschichte als alternder Autor, der sich erneut mit einer Krebsdiagnose und damit verbunden mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert sieht.

(c) Suhrkamp

5. ex aequo: Szilárd Borbély (12 Punkte) NEU

"Kafkas Sohn", Suhrkamp

Seit im Herbst 2014 der Roman "Die Mittellosen" in deutscher Übersetzung publiziert wurde, gilt sein Autor, der Ungar Szilárd Borbély, auch international als eine der wichtigsten literarischen Stimmen seines Landes. Den durchschlagenden Erfolg hat der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler allerdings nicht mehr erlebt, denn Anfang 2014 nahm sich Borbély, der unter Depressionen litt, das Leben. Ein Buchfragment über Franz Kafka, das der Autor hinterlassen hat, ist nun unter dem Titel "Kafkas Sohn" erschienen. In mehreren Prosastücken greift Borbély, der Kafka als einen seiner großen Referenzautoren bezeichnete, vor allem die vieldiskutierte Vaterbeziehung des Prager Jahrhundertschriftstellers auf, seine Weltschmerzfähigkeit, seine Poesie des Scheiterns und seine Rettung im Schreiben. "Die Heimatlosigkeit, Verlorenheit darin, die ich so gut kannte, riss mich fort." so der Autor Szilárd Borbély über sein Kafka-Erweckungserlebnis. Die Übersetzerinnen dieser eindrücklichen Erzähltext-Bruchstücke, Heike Flemming und Lacy Kornitzer, haben dem deutschsprachigen Publikum mit der Übertragung des Prosafragments "Kafkas Sohn" "ein hochinteressantes Romanexperiment" zugänglich gemacht. (Deutschlandradiokultur)

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(c) Wallstein

5. ex aequo: Lukas Bärfuss (12 Punkte)

"Hagard", Wallstein

Mit seinem Stück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" ist der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss einem breiten Publikum bekannt geworden. Jetzt legt er mit "Hagard" seinen neuen Roman vor und inszeniert darin einen sehnsuchtsgetriebenen Weltuntergang in 36 Stunden. Mit "Hagard", so Bärfuss, bezeichne man in der Jägersprache abgerichtete Falken, die sich nie vollständig zähmen lassen. Und ein Wildling, der am Zustand unserer Gesellschaft leidet und in ein Jenseits der Zivilisation flüchten will, ist auch der Held seines neuen Romans. Dreh-und Angelpunkt ist darin obsessives Begehren, das gleichsam aus dem Nichts kommt und in kürzester Zeit dem wohlsituierten Immobilienmakler Philipp den Boden unter den Füßen entzieht. Eineinhalb Tage verfolgt er getrieben in einer namenlosen Stadt eine namen- und gesichtslose Frau. Er ist ihr rettungslos verfallen, ohne sie zu kennen oder etwas über sie zu wissen. Eindringlich erzählt Lukas Bärfuss eine ebenso packende wie verstörende Geschichte, in der der Leser herausgefordert wird mit dem Helden Schritt zu halten.

(c) Luchterhand Literaturverlag

7. Karl Ove Knausgård (11 Punkte) NEU

"Kämpfen", Luchterhand

Mit "Kämpfen" schließt der norwegische Bestsellerautor Karl Ove Knausgård seine sechsteilige autobiographische Romansaga ab, die im Original "Min Kamp", also „Mein Kampf“ heißt. Als "gigantisches Projekt der Selbsterforschung und Selbstenthüllung", als "Schriftstellertum, das sich radikal aufs Autobiographische wirft" wurde der Zyklus bezeichnet. (Die Zeit)
Mit fast 1300 Seiten ist der letzte Band der monumentalste, in dem der Autor die Auswirkungen seines wirklichkeitsnahen Schreibens auf sein Umfeld, vor allem auf seine Familie auslotet. Sein Credo "die Wirklichkeit schildern, wie sie war", habe immer wieder zu schmerzenden Sozialübertretungen geführt, wie Knausgård meint. "Kämpfen" erzählt aber nicht nur vom Konflikt mit dem Onkel, der gegen die Darstellung des alkoholkranken Bruders vor Gericht ziehen will, vom Familienalltag mit drei Kindern und der manisch-depressiven Erkrankung seiner Frau, der Autor streut auch essayistische Passagen ein, beschäftigt sich mit Hitlers Programmschrift "Mein Kampf", die zum Anlass wurde, dem eigenen Kampf nachzuspüren, setzt sich mit dem Holocaust und Fragen des Menschlichen und Unmenschlichen auseinander, und sucht Antworten bei Ernst Jünger, Martin Heidegger oder Giorgio Agamben.

(c) DVA

8. ex aequo: Johannes Bobrowski (10 Punkte) NEU

"Gesammelte Gedichte", DVA

Zum 100. Geburtstag sind nun die "Gesammelten Gedichte" des deutschen Lyrikers Johannes Bobrowski erschienen. Mehr als die Hälfte der Texte war bisher unveröffentlicht. Vom Arbeitsdienst zum Kriegsdienst geriet der aus dem Memelland stammende Dichter als Wehrmachtsoldat in russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Lektor in Ostberlin. Seine Erfahrungen als Deutscher in Osteuropa wurden zum wegweisenden Thema seiner Gedichte: Heimatlosigkeit, Fremde, die Schuld der Deutschen, begangen an den Völkern des Ostens und die Schönheit der nordosteuropäischen Landschaften – davon erzählen auch seine drei wichtigsten Gedichtbände "Sarmatische Zeit", "Schattenlandströme" und "Wetterzeichen", die nun mit Gedichten aus dem Nachlass und bereits zu Lebzeiten des Autors publizierten Gedichten, sowie einem umfangreichen Anhang zu einer Sammlung vereinigt wurden. Bobrowskis "symbolbeladene, kraftvolle, unverwechselbare Sprache" (FAZ), "sein spielerischer Umgang mit den Mitteln der Poesie" (Deutschlandkulturradio) und seine "Musikalität" (Berliner Zeitung) machen ihn zu einer der großen literarischen Ausnahmeerscheinung des 20. Jahrhunderts.

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(c) Berenberg

8. ex aequo: Claude Simon (10 Punkte)

"Das Pferd", Berenberg

Bereits 1958 erschien in der Zeitschrift "Les Lettres nouvelles" von Claude Simon die Erzählung, die jetzt zum ersten Mal in der Übersetzung von Eva Moldenhauer unter dem Titel "Das Pferd" auf Deutsch vorliegt. Auf nur 42 Seiten entfalten die Satzkaskaden des späteren Literaturnobelpreisträgers die ganze Monstrosität des Krieges. Die wichtigsten Motive und Handlungsstränge aller späteren Romane von Claude Simon sind bereits hier angelegt. Erzählt wird eine Nacht im Zweiten Weltkrieg: Ein französisches Dragonerregiment bezieht Quartier in einem nordfranzösischen Dorf und wird Zeuge des langsamen Sterbens eines verletzten Armeepferdes. Im Dahinsiechen des Tieres spiegeln sich Unheil, Verzweiflung und Verlorenheit, denen die Menschen ausgesetzt sind.

(c) Berenberg

8. ex aequo: Christine Wunnicke (10 Punkte)

"Katie", Berenberg

Die Helden ihrer Romane müsse sie nicht suchen, vielmehr fliegen sie ihr zu, so Christine Wunnicke. Vor zwei Jahren stand sie mit ihrem Roman "Der Fuchs und Doktor Shimamura" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Jetzt erscheint ihr neuer Roman "Katie", der die Leser tief ins Viktorianische England führt, wo spiritistische Séancen ebenso gefragt sind, wie materialisierte Geister. Im Zentrum stehen zwei historische Persönlichkeiten: der britische Physiker und Parapsychologe William Crookes und Florence Cook, ein Gespenst und Medium, das Katie - den Geist einer walisischen Seeräubertochter aus dem 17. Jahrhundert – herbeilocken kann. Pointiert und reduziert erzählt Wunnicke von zwei Leben, die sich schicksalhaft miteinander verbinden: jenes des verkannten Gelehrten und jenes der ruhmsüchtigen, in anderen Sphären schwebenden Florence. Katie dient dabei als Projektionsfläche – jeder sieht in ihr, was er sehen will und im eigenen Leben vermisst. Abermals präsentiert sich Christine Wunnicke als Meisterin im Aufspüren historischer Themen und beweist, dass Verknappung bei gleichzeitiger Verdichtung durchaus gelingen kann.

(c) Otto Müller Verlag

8. ex aequo: Birgit Müller-Wieland (10 Punkte) NEU

"Flugschnee", Otto Müller Verlag

Hamburg und Berlin sind die Schauplätze der Handlung im jüngsten Roman der österreichischen Autorin Birgit Müller-Wieland, die ihre Erzählfäden allerdings noch viel weiter, von Deutschland, über Österreich und Italien bis nach Osteuropa spannt. Ausgehend von Lucy, einer jungen Frau Mitte 20, die vom spurlosen Verschwinden ihres Bruders Simon überrascht wird, erzählt Müller-Wieland eine generationenübergreifende Familiengeschichte. Lucy glaubt dem Rätsel seines Verschwindens durch die Rekonstruktion eines Erlebnisses in ihrer Kindheit, 20 Jahre zurückliegend, auf die Spur zu kommen. Familiengeheimnisse, Verschwiegenes und Traumata der Vergangenheit werden dabei Stück für Stück ans Licht geführt. Im Zentrum steht die Frage: Was macht das Glück einer Familie aus? Müller-Wieland geht es um ein "Ringen um Wahrheiten, die in der Vergangenheit liegen, und die die Gegenwart mitbestimmen."

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