Die besten 10 im Mai 2017

(c) Matthes & Seitz

1. Brigitta Falkner (42 Punkte)

"Strategien der Wirtsfindung", Matthes & Seitz Berlin

Brigitta Falkner ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin und Zeichnerin. In ihren hybriden Text- und Bildwelten beschäftigt sich die Wienerin bereits seit längerem mit parasitären Lebensformen. Nun sind ihre künstlerischen Auseinandersetzungen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen auf über 200 Seiten in Buchform erschienen. In "Strategien der Wirtsfindung" geht es um Milben, Zecken, fleischfressende Pflanzen und andere Parasiten und ihr faszinierendes Spiel von Camouflage und Mimikry, das Falkner in poetische Sequenzen und Elemente der Graphic Novel verwandelt. "Eine hintersinnige, poetisch angewandte Naturkunde über die Welt der Schmarotzer." (Daniela Strigl)

(c) Zsolnay

2. Franz Schuh (22 Punkte)

"Fortuna", Zsolnay

Um das Glück in den unterschiedlichsten Spielarten und seine Kehrseiten geht es in Franz Schuhs neuem Buch "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks", das zum 70. Geburtstag des Autors, Essayisten und Philosophen erschienen ist. "Hier erfährt keiner, wie er glücklich wird, das muss ein jeder selber wissen. Und wer’s nicht weiß, kann’s eh vergessen" stellt Schuh darin fest. Von der Kindheit im Gemeindebau, Süchten und Sehnsüchten, der Alzheimererkrankung der Mutter, von Udo Jürgens und Oliver Hardy, aber auch von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, Bertold Brecht und Friedrich Nietzsche ist darin die Rede. Hoch- und Trivialkultur finden, wie immer bei Schuh, nebeneinander Platz. Als einer der "wirkmächtigsten zeitgenössischen Beobachter des österreichischen Alltags" (NZZ) changiert Schuh zwischen Selbstbefragungen, Beobachtungen und Gedichten, stets mit scharfsinnigem Blick und heiterem Ton.

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(c) Schöffling

3. Miljenko Jergović (15 Punkte)

"Die unerhörte Geschichte meiner Familie", Schöffling & Co.

Miljenko Jergović gilt als einer der renommiertesten und meistgelesenen Schriftsteller im ehemaligen Jugoslawien. Zugleich wurde der bosnisch-kroatische Autor und Journalist mit seiner unermüdlichen Kritik an nationalistischen Tendenzen in seiner Heimat auch immer wieder zur Zielscheibe von Medienkampagnen. Sein neuer Roman mit dem Titel "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" hat die kroatische Kritik begeistert: "auf diesen Roman hat man jahrzehntelang gewartet" und "ein großer, klassischer, geschichtlich-psychologischer kroatischer Roman" hieß es etwa. Und über die deutschsprachige Ausgabe schreibt der Falter "mehr als ein Roman", und der MDR urteilt "großartiges Erzählmaterial".
Die letzten Gespräche mit seiner Mutter am Sterbebett wurden zum Ausgangspunkt des über 1000-Seiten starken Mammutprojekts des Autors. "Ich hab sie nie so gut verstanden wie nach ihrem Tod, nach ihrer Beerdigung", schreibt Miljenko Jergović über seine Mutter. Jergović portraitiert nicht nur die eigenen Vorfahren bis in die vierte Generation zurück, sondern erzählt auch von den großen Katastrophen und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis zum Zerfall Jugoslawiens und darüber hinaus. Nicht klassisch chronologisch, sondern reflektierend episodenhaft ist der Roman strukturiert, der Zeit-, Literatur- und Lebensgeschichtliches kunstvoll zusammenfügt – eine, um mit den Worten des Autors zu enden: "Reportage gegen das Vergessen".

(c) Braumüller Verlag

4. Alfred Goubran (14 Punkte) NEU

"Herz. Eine Verfassung", Braumüller Verlag

"Solange mein Herz schlägt, ist auch die Erinnerung in mir lebendig, mag sie verschüttet oder mir der Zugang durch äußere Einflüsse oder traumatische Erlebnisse verwehrt sein, das Herz ist warm, jeder Herzschlag ist unumkehrbar," so der Theaterdisponent Muschg, der Held in Alfred Goubrans neuem Roman "Herz – Eine Verfassung". Immer wieder reflektiert Muschg über das Leben und das Theater. Immer wieder versucht er sich zu erinnern, was Ursache und Anlass für seinen Aufenthalt in der Psychiatrie sein könnte, doch das Personal schweigt – ebenso sein Gedächtnis. Theater und Psychiatrie – beides sind für Muschg geschlossene Anstalten, mit dem Unterschied, dass jede Theateraufführung Anfang und Ende hat. Seit wann und wie lange er noch in der Psychiatrie bleiben muss, bleibt jedoch offen. Herz ist ein fein durchkomponierter innerer Monolog, bestehend aus Reflexionen und Tiraden von Muschg, der gekonnt mit dem Erinnern und Vergessen spielt und mit souveräner Leichtigkeit existentielle Fragen unseres Daseins behandelt.

(c) Kiepenheuer & Witsch

5. Julian Barnes (13 Punkte)

"Der Lärm der Zeit", Kiepenheuer & Witsch

Die Faszination von Julian Barnes für große Künstler ist bekannt. Ob Gustave Flaubert, Théodore Géricault oder Arthur Conan Doyle – sie alle waren schon Inhalt seiner Romanstoffe. "Der Lärm der Zeit" heißt Barnes neuer Roman und handelt vom sowjetischen Komponisten und Pianisten Dmitri Schostakowitsch. Zudem erzählt Barnes eine russische Kulturgeschichte der Sowjetzeit, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren der Stalin-Herrschaft liegt. Dabei geht es Barnes weniger um die Genialität des Musikers, als vielmehr um den Menschen, der sowohl dank als auch trotz seines Könnens den Stalinismus überlebte. In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können? Julian Barnes ist mit "Der Lärm der Zeit" ein vielschichtiger Künstlerroman gelungen, der knapp und lakonisch die Frage der Integrität stellt.

(c) Wallstein

6. ex aequo: Lukas Bärfuss (12 Punkte) NEU

"Hagard", Wallstein

Mit seinem Stück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" ist der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss einem breiten Publikum bekannt geworden. Jetzt legt er mit "Hagard" seinen neuen Roman vor und inszeniert darin einen sehnsuchtsgetriebenen Weltuntergang in 36 Stunden. Mit "Hagard", so Bärfuss, bezeichne man in der Jägersprache abgerichtete Falken, die sich nie vollständig zähmen lassen. Und ein Wildling, der am Zustand unserer Gesellschaft leidet und in ein Jenseits der Zivilisation flüchten will, ist auch der Held seines neuen Romans. Dreh-und Angelpunkt ist darin obsessives Begehren, das gleichsam aus dem Nichts kommt und in kürzester Zeit dem wohlsituierten Immobilienmakler Philipp den Boden unter den Füßen entzieht. Eineinhalb Tage verfolgt er getrieben in einer namenlosen Stadt eine namen- und gesichtslose Frau. Er ist ihr rettungslos verfallen, ohne sie zu kennen oder etwas über sie zu wissen. Eindringlich erzählt Lukas Bärfuss eine ebenso packende wie verstörende Geschichte, in der der Leser herausgefordert wird mit dem Helden Schritt zu halten.

(c) Rowohlt

6. ex aequo: Natascha Wodin (12 Punkte)

"Sie kam aus Mariupol", Rowohlt

In ihrem neuen Roman spürt Natascha Wodin dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als Ostarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. Als junge Frau hat sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebt, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff besteigen musste. 1956, mit 36 Jahren, beging sie Selbstmord, die Tochter war gerade einmal zehn Jahre alt. Ebenso beklemmend wie bewegend erzählt Wodin von der Zwangsarbeit im Dritten Reich und schreibt, indem sie über ihre Mutter schreibt, ebenso über das unbekannte Schicksal Millionen Betroffener. "Sie kam aus Mariupol" ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte und ein eindringlicher Roman über scheinbar in Vergessenheit geratene Lebensläufe.

(c) C.H. Beck

8. ex aequo: Adolf Muschg (11 Punkte) NEU

"Der weiße Freitag", C.H. Beck

Ein Treppensturz ist für Adolf Muschg der Ausgangspunkt für sein neues Buch Der weiße Freitag. Ins Spital nimmt er eine alte Goethe-Ausgabe mit, in der auch Goethes zweite Reise in die Schweiz enthalten ist. "Der weiße Freitag", das ist der 12. November 1779, als Goethe im Gotthard-Gebiet ein Abenteuer erlebt: gemeinsam mit seinem Dienstherrn und Freund Herzog Carl August überquert er im hohen Neuschnee den Furkapass – allen Warnungen der Einheimischen zum Trotz. Diese Reise wird mitten im Winter zum Abenteuer auf Leben und Tod. Der Schweizer Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg rekonstruiert die Ereignisse des Jahres 1779 und verknüpft sie mit seiner eigenen Geschichte als alternder Autor, der sich erneut mit einer Krebsdiagnose und damit verbunden mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert sieht.

(c) Berenberg

8. ex aequo: Christine Wunnicke (11 Punkte) NEU

"Katie", Berenberg

Die Helden ihrer Romane müsse sie nicht suchen, vielmehr fliegen sie ihr zu, so Christine Wunnicke. Vor zwei Jahren stand sie mit ihrem Roman "Der Fuchs und Doktor Shimamura" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Jetzt erscheint ihr neuer Roman "Katie", der die Leser tief ins Viktorianische England führt, wo spiritistische Séancen ebenso gefragt sind, wie materialisierte Geister. Im Zentrum stehen zwei historische Persönlichkeiten: der britische Physiker und Parapsychologe William Crookes und Florence Cook, ein Gespenst und Medium, das Katie - den Geist einer walisischen Seeräubertochter aus dem 17. Jahrhundert – herbeilocken kann. Pointiert und reduziert erzählt Wunnicke von zwei Leben, die sich schicksalhaft miteinander verbinden: jenes des verkannten Gelehrten und jenes der ruhmsüchtigen, in anderen Sphären schwebenden Florence. Katie dient dabei als Projektionsfläche – jeder sieht in ihr, was er sehen will und im eigenen Leben vermisst. Abermals präsentiert sich Christine Wunnicke als Meisterin im Aufspüren historischer Themen und beweist, dass Verknappung bei gleichzeitiger Verdichtung durchaus gelingen kann.

(c) Berenberg

10. Claude Simon (8 Punkte) NEU

"Das Pferd", Berenberg

Bereits 1958 erschien in der Zeitschrift "Les Lettres nouvelles" von Claude Simon die Erzählung, die jetzt zum ersten Mal in der Übersetzung von Eva Moldenhauer unter dem Titel "Das Pferd" auf Deutsch vorliegt. Auf nur 42 Seiten entfalten die Satzkaskaden des späteren Literaturnobelpreisträgers die ganze Monstrosität des Krieges. Die wichtigsten Motive und Handlungsstränge aller späteren Romane von Claude Simon sind bereits hier angelegt. Erzählt wird eine Nacht im Zweiten Weltkrieg: Ein französisches Dragonerregiment bezieht Quartier in einem nordfranzösischen Dorf und wird Zeuge des langsamen Sterbens eines verletzten Armeepferdes. Im Dahinsiechen des Tieres spiegeln sich Unheil, Verzweiflung und Verlorenheit, denen die Menschen ausgesetzt sind.