Die besten 10 im Jänner 2017

(c) Luchterhand

1. Terézia Mora (29 Punkte)

"Die Liebe unter Aliens", Luchterhand

Entwurzelung und Verlust, Fremdheit und Identität, die Verfasstheit einer Gesellschaft, die mehr und mehr aus Einzelgängern besteht – diese Themen prägen Terézia Moras Schreiben. Auch ihr jüngster Erzählband "Die Liebe unter Aliens" handelt von einsamen, rastlosen Menschen, die aus ihrem Leben fliehen, dem Glück hinterher laufen, oder jenen, die sie verlassen haben. Da ist etwa Tim, der Protagonist der Titelgeschichte, ein junger Hilfskoch, dem nach dem Tod seiner Mutter auch noch die Freundin abhanden kommt. "Ich habe nicht gewusst, dass ich nicht weiß, wie man ohne sie lebt", heißt es einmal lapidar, einem Satz, der für Moras leichtfüßige, aber schwerwiegende Sprache bezeichnend ist. In einer anderen Erzählung, mit dem Titel "Fisch schwimmt, Vogel fliegt", verirrt sich ein gealterter Marathonläufer in einen ihm unbekannten Stadtteil, auf der Suche nach dem Taschendieb, der sein Leben durcheinander gebracht hat. Monologe und Dialoge wechseln einander ab, die Erzählperspektiven sind nicht immer leicht auszumachen. Der Spiegel lobt die Deutsche Buchpreisträgerin 2013, bezugnehmend auf ihr jüngsten Buch als "Psychologin und Ästhetin des Allzumenschlichen, als geheime Strickerin, die Geschichten der Einsamkeit zu einem Ganzen verwebt. Ohne ins Pauschale zu münden".

(c) S. Fischer

2. Christoph Ransmayr (19 Punkte)

"Cox oder Der Lauf der Zeit", S. Fischer

Mit dem Roman "Die letzte Welt" ist Christoph Ransmayr Ende der 1980er Jahre der Durchbruch gelungen, inzwischen ist sein Werk in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Der gebürtige Oberösterreicher zählt heute zu den profiliertesten europäischen Autoren der Gegenwart. "Cox oder Der Lauf der Zeit" heißt sein neuer Roman, der schon jetzt zu den herausragendsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt wird. Erzählt wird die Geschichte von Qiánlóng, dem Kaiser von China und dem englischen Uhrmacher Alister Cox. Ihn lädt der Kaiser an seinen Hof, denn er hat für ihn einen großen Auftrag: der Meister aus London soll Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Zur größten Aufgabe wird aber für Cox der Auftrag, eine Uhr zu erfinden, die die Dauer der Unendlichkeit misst. Wie Scheherazade setzt Ransmayr auf die Kraft des Erzählens, nur sie kann letztlich über die Vergänglichkeit triumphieren.

(c) Kiepenheuer & Witsch

3. Kathrin Schmidt (15 Punkte) NEU

"Kapoks Schwestern", Kiepenheuer & Witsch

Es sind zwei Nachbarsfamilien - die Kapoks und die Schaechters – anhand derer Kathrin Schmidt ein Stück deutscher Geschichte aufrollt und von Krieg, Flucht, Bespitzelung und neuer Freiheit erzählt. Jahrzehntelang hat Werner Kapok sein Elternhaus gemieden, bis es ihn eines Tages doch wieder dorthin verschlägt und er von der eigenen Vergangenheit eingeholt wird. Im Haus gegenüber – einst direkt an der Berliner Mauer gelegen – leben noch immer die Schaechter-Schwestern, die ihn, jede für sich, einst in die Liebe einführten. Von großen Gefühlen und schwelenden Konflikten, von vergangenen Zeiten und deutsch-europäischer Gegenwart erzählt Kathrin Schmidt in ihrem neuen Roman und legt virtuos, Schicht um Schicht, deutsche Geschichte frei.

(c) Hanser

4. Raoul Schrott (14 Punkte) NEU

"Erste Erde Epos", Hanser

"Nie zuvor gab es so viel an Wissen über den Menschen und das Universum – doch je mehr Daten und Details angehäuft werden, desto weniger verstehen wir im Grunde", so Raoul Schrott. Sein neues Buch ist der Versuch eines modernen Epos, das acht Bücher umfasst und nichts weniger will, als die Entstehung des Menschen und der Erde zu erklären. Vom Urknall bis ins Heute unternimmt Raoul Schrott in seinem Erste Erde Epos den Versuch unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse literarisch umzusetzen und sie an einzelnen Lebensgeschichten anschaulich zu machen. Dabei verbindet er kunstvoll Schöpfungsgeschichte und Kosmologie, abstraktes Wissen mit Erfahrung und Poesie. Das, was die Wissenschaft nur in abstrakten Begriffen zu erklären vermag, gelingt oftmals der Dichtung anschaulich und emotional erfahrbar zu machen.

(c) Matthes & Seitz

5. Anna Weidenholzer (13 Punkte)

"Weshalb die Herren Seesterne tragen", Matthes & Seitz

Als eine "provokant unspektakuläre Geschichte" (OÖN) wurde der neue Roman der Linzer Schriftstellerin Anna Weidenholzer rezensiert, der es auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat. Gerade das Zurückhaltende der Geschichte, die subtile Zusammenführung von Tragischem und Komischen und die schlichte, elegante Sprache haben die Kritiker überzeugt. Zum Inhalt: Ein pensionierter Lehrer entschließt sich in einem zufällig gewählten Skiort in den Alpen Glücksforschung zu betreiben. Der Wintertourismus bleibt wegen Schneemangel aus, und Karl Hellmann, so der Name des Protagonisten, genügend Zeit, den Bewohnern des Dorfes näher zu kommen. Zu Hause wartet eine konfliktbeladene Ehe auf ihn, vor der er, ohne es zu merken, geflüchtet ist. Für sein Vorhaben orientiert sich Karl an einem Fragebogen, den das Königreich Bhutan zur Ermittlung des Bruttonationalglücks erstellt hat - doch bald schon ist er derjenige, der sich den Fragen der anderen stellen muss. "Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen, und wir müssen viele sein", heißt es einmal im Buch, das weit mehr als Glücksforschung ist.

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(c) Kiepenheuer & Witsch

6. Jonathan Safran Foer (12 Punkte)

"Hier bin ich", Kiepenheuer & Witsch

Elf Jahre lang hat der US-amerikanische Bestsellerautor Jonathan Safran Foer an seinem neuen Roman gearbeitet, nun ist "Hier bin ich" auch in deutscher Übersetzung erschienen und "fegt alle Vorbehalte weg", die man möglicherweise nach der Lektüre der ersten beiden Romanen Foers haben könnte, wie die FAZ urteilt. Einerseits wird von der Trennung zweier Menschen erzählt, die es sich in ihrer Mittelschichtsexistenz gut eingerichtet haben. Jacob, Anfang vierzig, schreibt für eine Fernsehshow, seine Frau Julia ist Architektin, und beide leben sie mit ihren drei Söhnen in einer guten Wohngegend in Washington, D.C. Andererseits geht es um Jacobs Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität. Als Israel von einem schweren Erdbeben erschüttert wird und die muslimischen Nachbarn zum Angriff auf den jüdischen Staat übergehen, beschließt Jacob in den Krieg zu ziehen. Foer versteht es, mit Wortwitz und Sprachgewalt von den Erschütterungen gleichermaßen im Kleinen wie im Großen zu erzählen.

(c) Klett-Cotta

7. ex aequo Cynthia D'Aprix Sweeney (10 Punkte) NEU

"Das Nest", Klett-Cotta

In ihrem Debütroman "Das Nest" skizziert Cynthia D’Aprix Sweeney ein tragikomisches Gesellschaftsporträt unserer Zeit und schafft es damit auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerlisten in den USA und in Kanada.
Abgesehen von Geldsorgen verbindet die Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo nicht viel. Sie hoffen auf ihr gemeinsames Erbe, "das Nest", das jedem - zumindest in finanzieller Hinsicht - ein besseres Leben garantiert. Festgefahren in den Problemen ihres Alltags und beschäftigt mit ihren Mittelschichtsneurosen ist jeder der vier Geschwister sich selbst am nächsten. Doch als die Erbschaft endlich ausbezahlt werden soll und der langersehnte Tag vor der Tür steht, kommt alles anders als geplant. Gekonnt wechselt Cynthia D’Aprix Sweeney die Perspektiven ohne dabei die Handlungsfäden zu verlieren. Was bleibt ist eine bitterböser Satire, eine Familiensaga unserer postkapitalistischen Zeit, die am Ende ihren Lesern noch so etwas wie ein Happy-End beschert.

(c) Hanser

7. ex aequo: Mathias Enard (10 Punkte) NEU

"Kompass", Hanser

Für seinen Roman "Boussole", zu Deutsch "Kompass", wurde Mathias Enard vor einem Jahr mit dem Prix Goncourt, dem wohl bekanntesten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Mittlerweile ist sein Roman auch auf Deutsch erschienen und begeistert Leser wie Kritiker gleichermaßen. Erzählt wird eine Nacht im Leben von Franz Ritter. Der Musikwissenschaftler ist schwer krank, kämpft gegen Schmerzen und Fieber an und versucht vergeblich in seiner Wiener Wohnung Schlaf zu finden. Immer wieder gleiten seine Gedanken zu einst erlebten Forschungsreisen in den Mittleren und Nahen Osten. Immer wieder liest er Emails von Sarah, einer französischen Orientalistin, die ihn seit seiner ersten Begegnung vor fast 17 Jahren fasziniert und ihn nach Istanbul, Aleppo, Palmyra und Damaskus begleitet hat. In seiner Erinnerung verschmelzen Vision und Wirklichkeit, was bleibt ist ein atemberaubender Ritt in die Vergangenheit, gespeist aus Fakten, Anekdoten und Geschichten, die alle von dem entscheidenden Beitrag des Orients zur westlichen Kultur und Identität zeugen.

(c) C.H. Beck

7. ex aequo: Klaus Nüchtern (10 Punkte)

"Kontinent Doderer. Eine Durchquerung", C.H. Beck

Mit seinen großen Romanen "Die Strudlhofstiege" und "Die Dämonen" avancierte Heimito von Doderer im Österreich der Nachkriegszeit vom unbekannten Schriftsteller zum Staatsdichter. Kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts hat die heimische Literatur so geprägt wie er. Sein Geburtstag hat sich am 5. September zum 120. Mal gejährt, seines 50. Todestages wird am 23. Dezember diesen Jahres gedacht werden. Anlässe genug für den Literaturkritiker Klaus Nüchtern dem Autor, der bereits zu Lebzeiten als Klassiker galt, ein Buch zu widmen. "Kontinent Doderer – eine Durchquerung" ist eine eigenwillige Annäherung an Werk und Leben des Schriftstellers ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Nüchtern beleuchtet darin neue und bisher wenig beachtete Aspekte seines Schreibens, darunter Doderer als literarisches Hitchcock-Pendant, Doderer als Schönwetterromancier(,) und Doderer als Feinmechaniker der Komik.

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(c) Jung und Jung

7. ex aequo: Birgit Birnbacher (10 Punkte)

"Wir ohne Wal", Jung und Jung

In ihrem Debütroman "Wir ohne Wal" verbindet die junge Salzburger Autorin Birgit Birnbacher unterschiedlichste Schicksale junger Menschen Mitte zwanzig, die in einer österreichischen Kleinstadt einem Leben im "Dilemma der vielen Wahlmöglichkeiten" (FALTER) ausgesetzt sind. Die Ahnung, einer verlorenen Generation anzugehören, prägt das Lebensgefühl der Figuren. Aus zehn verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt die studierte Soziologin von Drogenkonsum, gescheiterten Beziehungen und dem Versuch, mit Hilfe von Therapien wieder Fuß zu fassen. Den Eltern soll bewiesen werden, dass man mehr kann als sich "peinliche Tätowierungen stechen zu lassen", wie es einmal heißt. Birnbacher beweist mit ihrem Roman, dass sie eine feine Beobachtungsgabe und die Fähigkeit hat, ihre Sprache an den jeweiligen Umgangston der Figuren anzupassen. "Durch sie wird deutlich, wie verletzlich die jungen Leute im Grunde sind, wie hoffnungslos sie sich fühlen und wie unbehütet sie groß geworden sind". (Tiroler Tageszeitung)