Die besten 10 im Dezember 2016

(c) S. Fischer

1. Christoph Ransmayr (42 Punkte)

"Cox oder Der Lauf der Zeit", S. Fischer

Mit dem Roman "Die letzte Welt" ist Christoph Ransmayr Ende der 1980er Jahre der Durchbruch gelungen, inzwischen ist sein Werk in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Der gebürtige Oberösterreicher zählt heute zu den profiliertesten europäischen Autoren der Gegenwart. "Cox oder Der Lauf der Zeit" heißt sein neuer Roman, der schon jetzt zu den herausragendsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt wird. Erzählt wird die Geschichte von Qiánlóng, dem Kaiser von China und dem englischen Uhrmacher Alister Cox. Ihn lädt der Kaiser an seinen Hof, denn er hat für ihn einen großen Auftrag: der Meister aus London soll Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Zur größten Aufgabe wird aber für Cox der Auftrag, eine Uhr zu erfinden, die die Dauer der Unendlichkeit misst. Wie Scheherazade setzt Ransmayr auf die Kraft des Erzählens, nur sie kann letztlich über die Vergänglichkeit triumphieren.

(c) Deuticke

2. ex aequo: Peter Henisch: (19 Punkte)

"Suchbild mit Katze", Deuticke

"So etwas wie eine Autobiographie" nennt Peter Henisch sein neues Buch. In "Suchbild mit Katze" wirft der renommierte Autor, der sich von literarischen Moden stets ferngehalten hat, einen Blick zurück auf die eigene Kindheit, erzählt von den ersten Nachkriegsjahren, dem ersten Schultag, der ersten Liebe – und natürlich auch von seiner innigen Beziehung zu den titelgebenden Tieren. Kunstvoll verbindet Peter Henisch die persönliche Geschichte mit der Zeitgeschichte – stetes Bindeglied bleibt die Freude am Beobachten. "Suchbild mit Katze" ist eine selbstironische, niemals sentimentale Rückschau, die auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist.

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(c) Zsolnay

2. ex aequo: Evelyn Schlag: (19 Punkte)

"Yemen Café", Zsolnay

Seit Jahren ist der Jemen Schauplatz blutiger Konflikte. Erst kürzlich war das Land wegen eines Selbstmordanschlags mit mehr als 70 Toten wieder in den Schlagzeilen. Die österreichische Schriftstellerin Evelyn Schlag hat die Krisenregion zum Handlungsort ihres neuen Romans "Yemen Café" gemacht. Jonathan, die Hauptfigur, ist ein österreichischer Arzt, der im Jemen eine chirurgische Station aufbauen soll. In der Gefahrenzone bewegt er sich "entlang der ständigen Nachbarschaft von Leben und Tod", wie es heißt. Das Zusammenprallen traditioneller Lebensformen mit westlichen Vorstellungen, verwebt Evelyn Schlag mit existenziellen Fragen und aktuellen Entwicklungen in Nahost.

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(c) Luchterhand

4. Terézia Mora: (15 Punkte) NEU

"Die Liebe unter Aliens", Luchterhand

Entwurzelung und Verlust, Fremdheit und Identität, die Verfasstheit einer Gesellschaft, die mehr und mehr aus Einzelgängern besteht – diese Themen prägen Terézia Moras Schreiben. Auch ihr jüngster Erzählband "Die Liebe unter Aliens" handelt von einsamen, rastlosen Menschen, die aus ihrem Leben fliehen, dem Glück hinterher laufen, oder jenen, die sie verlassen haben. Da ist etwa Tim, der Protagonist der Titelgeschichte, ein junger Hilfskoch, dem nach dem Tod seiner Mutter auch noch die Freundin abhanden kommt. "Ich habe nicht gewusst, dass ich nicht weiß, wie man ohne sie lebt", heißt es einmal lapidar, einem Satz, der für Moras leichtfüßige, aber schwerwiegende Sprache bezeichnend ist. In einer anderen Erzählung, mit dem Titel "Fisch schwimmt, Vogel fliegt", verirrt sich ein gealterter Marathonläufer in einen ihm unbekannten Stadtteil, auf der Suche nach dem Taschendieb, der sein Leben durcheinander gebracht hat. Monologe und Dialoge wechseln einander ab, die Erzählperspektiven sind nicht immer leicht auszumachen. Der Spiegel lobt die Deutsche Buchpreisträgerin 2013, bezugnehmend auf ihr jüngsten Buch als "Psychologin und Ästhetin des Allzumenschlichen, als geheime Strickerin, die Geschichten der Einsamkeit zu einem Ganzen verwebt. Ohne ins Pauschale zu münden".

(c) Wallstein

5. Christine Lavant: (14 Punkte)

"Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus", Wallstein

Thomas Bernhard zählte zu ihren Verehrern. Ihr Werk hat er einmal beschrieben als "das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen". Die Rede ist von der österreichischen Schriftstellerin Christine Lavant. Seit einigen Jahren wird im deutschen Wallstein Verlag die gesamte Werkausgabe der gebürtigen Kärntnerin herausgegeben. Vor kurzem ist Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus erschienen. Darin verarbeitet Christine Lavant ihren freiwilligen Aufenthalt in der Psychiatrie literarisch. Sechs Wochen verbrachte sie als Zwanzigjährige in der "Landes-Irrenanstalt" Klagenfurt, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Elf Jahre später, im Herbst 1946, schrieb sie über diese Erlebnisse mit Patienten, Pflegern und Ärzten – und über ihre Selbstwahrnehmungen, die Zustände des eigenen Bewusstseins und Unterbewusstseins in dieser existenziellen Situation. Zu Lebzeiten wurde der Text auf Deutsch nie veröffentlicht, erstmals publiziert wurde er 2001. Jetzt liegt der Text neu editiert vor.

(c) Kiepenheuer & Witsch

6. ex aequo: Jonathan Safran Foer (13 Punkte) NEU

"Hier bin ich", Kiepenheuer&Witsch

Elf Jahre lang hat der US-amerikanische Bestsellerautor Jonathan Safran Foer an seinem neuen Roman gearbeitet, nun ist "Hier bin ich" auch in deutscher Übersetzung erschienen und "fegt alle Vorbehalte weg", die man möglicherweise nach der Lektüre der ersten beiden Romanen Foers haben könnte, wie die FAZ urteilt. Einerseits wird von der Trennung zweier Menschen erzählt, die es sich in ihrer Mittelschichtsexistenz gut eingerichtet haben. Jacob, Anfang vierzig, schreibt für eine Fernsehshow, seine Frau Julia ist Architektin, und beide leben sie mit ihren drei Söhnen in einer guten Wohngegend in Washington, D.C. Andererseits geht es um Jacobs Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität. Als Israel von einem schweren Erdbeben erschüttert wird und die muslimischen Nachbarn zum Angriff auf den jüdischen Staat übergehen, beschließt Jacob in den Krieg zu ziehen. Foer versteht es, mit Wortwitz und Sprachgewalt von den Erschütterungen gleichermaßen im Kleinen wie im Großen zu erzählen.

(c) Wallstein

6. ex aequo: Teresa Präauer: (13 Punkte)

"Oh Schimmi", Wallstein

Eine Phrase erweist sich als Ausgangspunkt des jüngsten Romans der mehrfach ausgezeichneten Autorin Teresa Präauer, einer fantastischen Verwandlungsgeschichte. Weil ihm seine Angebetete Ninni die Türe vor der Nase mit den Worten "Verschwinde, bevor du dich zum Affen machst" zuschlägt beschließt Schimmi, der Protagonist des Romans, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Mit Affenkostüm, Schokobananen und tierischem Verhalten versucht er daraufhin die Dame seines Herzens zu erobern. Schimmi ist ein sich selbst überschätzender, zuckersüchtiger und liebessehnsüchtiger Antiheld, ein Aufschneider und Angeber, der, durch einen Unfall in der Kindheit behindert, bei seiner Mutter lebt. Lustvoll und ideenreich führt Präauer ihren „Menschenaffen“ vor. Dabei hat sie sich vor allem dem sprachlichen Vergnügen verschrieben, das sich, so der Hinweis des Verlags, erst beim lauten Lesen mit Kaugummi voll entfalten soll. "Rhythmisch, rasant und raffiniert" urteilt das Kulturjournal/Ö1 über "Oh Schimmi" von Teresa Präauer. Und die Autorin selbst meint dazu: "Es ist sicher das schrillste meiner Bücher."

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(c) Jung und Jung

8. Birgit Birnbacher (11 Punkte) NEU

"Wir ohne Wal", Jung und Jung

In ihrem Debütroman "Wir ohne Wal" verbindet die junge Salzburger Autorin Birgit Birnbacher unterschiedlichste Schicksale junger Menschen Mitte zwanzig, die in einer österreichischen Kleinstadt einem Leben im "Dilemma der vielen Wahlmöglichkeiten" (FALTER) ausgesetzt sind. Die Ahnung, einer verlorenen Generation anzugehören, prägt das Lebensgefühl der Figuren. Aus zehn verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt die studierte Soziologin von Drogenkonsum, gescheiterten Beziehungen und dem Versuch, mit Hilfe von Therapien wieder Fuß zu fassen. Den Eltern soll bewiesen werden, dass man mehr kann als sich "peinliche Tätowierungen stechen zu lassen", wie es einmal heißt. Birnbacher beweist mit ihrem Roman, dass sie eine feine Beobachtungsgabe und die Fähigkeit hat, ihre Sprache an den jeweiligen Umgangston der Figuren anzupassen. "Durch sie wird deutlich, wie verletzlich die jungen Leute im Grunde sind, wie hoffnungslos sie sich fühlen und wie unbehütet sie groß geworden sind". (Tiroler Tageszeitung)

(c) Kiepenheuer & Witsch

9. ex aequo: Don DeLillo: (10 Punkte)

"Null K", Kiepenheuer&Witsch

"Wir werden geboren, ohne eine Wahl zu haben. Müssen wir deswegen auf gleiche Art sterben? Macht es den Menschen nicht gerade aus, dass er sich weigern kann, sein Schicksal zu akzeptieren?" Diese und ähnliche Fragen beschäftigen den Milliardär Ross Lockhart, dessen viel jüngere Frau schwer erkrankt ist. Er ist Großinvestor eines geheimen Unternehmens, das kein geringeres Ziel verfolgt, als den Tod auszuschalten. Menschliche Körper sollen so lange konserviert werden, bis Medizin und Technik dem Menschen ein Leben ohne Krankheiten und zeitliche Begrenzungen ermöglichen können. Mit "Null K" hat der bald 80-jährige, amerikanische Schriftsteller Don DeLillo, der neben Thomas Pynchon und Philip Roth zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der USA zählt, einen vielschichtigen Science-Fiction Roman geschrieben, der scharfsinnig an den Kern unserer Existenz rührt.

(c) Matthes & Seitz

9. ex aequo: Anna Weidenholzer (10 Punkte)

"Weshalb die Herren Seesterne tragen", Matthes & Seitz

Als eine "provokant unspektakuläre Geschichte" (OÖN) wurde der neue Roman der Linzer Schriftstellerin Anna Weidenholzer rezensiert, der es auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat. Gerade das Zurückhaltende der Geschichte, die subtile Zusammenführung von Tragischem und Komischen und die schlichte, elegante Sprache haben die Kritiker überzeugt. Zum Inhalt: Ein pensionierter Lehrer entschließt sich in einem zufällig gewählten Skiort in den Alpen Glücksforschung zu betreiben. Der Wintertourismus bleibt wegen Schneemangel aus, und Karl Hellmann, so der Name des Protagonisten, genügend Zeit, den Bewohnern des Dorfes näher zu kommen. Zu Hause wartet eine konfliktbeladene Ehe auf ihn, vor der er, ohne es zu merken, geflüchtet ist. Für sein Vorhaben orientiert sich Karl an einem Fragebogen, den das Königreich Bhutan zur Ermittlung des Bruttonationalglücks erstellt hat - doch bald schon ist er derjenige, der sich den Fragen der anderen stellen muss. "Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen, und wir müssen viele sein", heißt es einmal im Buch, das weit mehr als Glücksforschung ist.

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