Die besten 10 im November 2016

(c) Wallstein

1. Teresa Präauer (20 Punkte)

"Oh Schimmi", Wallstein

Eine Phrase erweist sich als Ausgangspunkt des jüngsten Romans der mehrfach ausgezeichneten Autorin Teresa Präauer, einer fantastischen Verwandlungsgeschichte. Weil ihm seine Angebetete Ninni die Türe vor der Nase mit den Worten „Verschwinde, bevor du dich zum Affen machst“ zuschlägt beschließt Schimmi, der Protagonist des Romans, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Mit Affenkostüm, Schokobananen und tierischem Verhalten versucht er daraufhin die Dame seines Herzens zu erobern. Schimmi ist ein sich selbst überschätzender, zuckersüchtiger und liebessehnsüchtiger Antiheld, ein Aufschneider und Angeber, der, durch einen Unfall in der Kindheit behindert, bei seiner Mutter lebt. Lustvoll und ideenreich führt Präauer ihren „Menschenaffen“ vor. Dabei hat sie sich vor allem dem sprachlichen Vergnügen verschrieben, das sich, so der Hinweis des Verlags, erst beim lauten Lesen mit Kaugummi voll entfalten soll. "Rhythmisch, rasant und raffiniert" urteilt das Kulturjournal/Ö1 über "Oh Schimmi" von Teresa Präauer. Und die Autorin selbst meint dazu: "Es ist sicher das schrillste meiner Bücher."

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(c) Zsolnay

2. Evelyn Schlag (19 Punkte)

"Yemen Café", Zsolnay

Seit Jahren ist der Jemen Schauplatz blutiger Konflikte. Erst kürzlich war das Land wegen eines Selbstmordanschlags mit mehr als 70 Toten wieder in den Schlagzeilen. Die österreichische Schriftstellerin Evelyn Schlag hat die Krisenregion zum Handlungsort ihres neuen Romans "Yemen Café" gemacht. Jonathan, die Hauptfigur, ist ein österreichischer Arzt, der im Jemen eine chirurgische Station aufbauen soll. In der Gefahrenzone bewegt er sich "entlang der ständigen Nachbarschaft von Leben und Tod", wie es heißt. Das Zusammenprallen traditioneller Lebensformen mit westlichen Vorstellungen, verwebt Evelyn Schlag mit existenziellen Fragen und aktuellen Entwicklungen in Nahost.

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(c) Kiepenheuer & Witsch

3. ex aequo: Don DeLillo (17 Punkte) NEU

"Null K", Kiepenheuer&Witsch

"Wir werden geboren, ohne eine Wahl zu haben. Müssen wir deswegen auf gleiche Art sterben? Macht es den Menschen nicht gerade aus, dass er sich weigern kann, sein Schicksal zu akzeptieren?" Diese und ähnliche Fragen beschäftigen den Milliardär Ross Lockhart, dessen viel jüngere Frau schwer erkrankt ist. Er ist Großinvestor eines geheimen Unternehmens, das kein geringeres Ziel verfolgt, als den Tod auszuschalten. Menschliche Körper sollen so lange konserviert werden, bis Medizin und Technik dem Menschen ein Leben ohne Krankheiten und zeitliche Begrenzungen ermöglichen können. Mit "Null K" hat der bald 80-jährige, amerikanische Schriftsteller Don DeLillo, der neben Thomas Pynchon und Philip Roth zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der USA zählt, einen vielschichtigen Science-Fiction Roman geschrieben, der scharfsinnig an den Kern unserer Existenz rührt.

(c) S. Fischer

3. ex aequo: Christoph Ransmayr (17 Punkte) NEU

"Cox oder Der Lauf der Zeit", S. Fischer

Mit dem Roman "Die letzte Welt" ist Christoph Ransmayr Ende der 1980er Jahre der Durchbruch gelungen, inzwischen ist sein Werk in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Der gebürtige Oberösterreicher zählt heute zu den profiliertesten europäischen Autoren der Gegenwart. "Cox oder Der Lauf der Zeit" heißt sein neuer Roman, der schon jetzt zu den herausragendsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt wird. Erzählt wird die Geschichte von Qiánlóng, dem Kaiser von China und dem englischen Uhrmacher Alister Cox. Ihn lädt der Kaiser an seinen Hof, denn er hat für ihn einen großen Auftrag: der Meister aus London soll Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Zur größten Aufgabe wird aber für Cox der Auftrag, eine Uhr zu erfinden, die die Dauer der Unendlichkeit misst. Wie Scheherazade setzt Ransmayr auf die Kraft des Erzählens, nur sie kann letztlich über die Vergänglichkeit triumphieren.

(c) Deuticke

5. Peter Henisch (13 Punkte) NEU

"Suchbild mit Katze", Deuticke

"So etwas wie eine Autobiographie" nennt Peter Henisch sein neues Buch. In "Suchbild mit Katze" wirft der renommierte Autor, der sich von literarischen Moden stets ferngehalten hat, einen Blick zurück auf die eigene Kindheit, erzählt von den ersten Nachkriegsjahren, dem ersten Schultag, der ersten Liebe – und natürlich auch von seiner innigen Beziehung zu den titelgebenden Tieren. Kunstvoll verbindet Peter Henisch die persönliche Geschichte mit der Zeitgeschichte – stetes Bindeglied bleibt die Freude am Beobachten. "Suchbild mit Katze" ist eine selbstironische, niemals sentimentale Rückschau, die auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist.

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(c) Wallstein

6. ex aequo: Christine Lavant (12 Punkte) NEU

"Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus", Wallstein

Thomas Bernhard zählte zu ihren Verehrern. Ihr Werk hat er einmal beschrieben als "das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen". Die Rede ist von der österreichischen Schriftstellerin Christine Lavant. Seit einigen Jahren wird im deutschen Wallstein Verlag die gesamte Werkausgabe der gebürtigen Kärntnerin herausgegeben. Vor kurzem ist Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus erschienen. Darin verarbeitet Christine Lavant ihren freiwilligen Aufenthalt in der Psychiatrie literarisch. Sechs Wochen verbrachte sie als Zwanzigjährige in der "Landes-Irrenanstalt" Klagenfurt, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Elf Jahre später, im Herbst 1946, schrieb sie über diese Erlebnisse mit Patienten, Pflegern und Ärzten – und über ihre Selbstwahrnehmungen, die Zustände des eigenen Bewusstseins und Unterbewusstseins in dieser existenziellen Situation. Zu Lebzeiten wurde der Text auf Deutsch nie veröffentlicht, erstmals publiziert wurde er 2001. Jetzt liegt der Text neu editiert vor.

(c) Suhrkamp

6. ex aequo: Elena Ferrante (12 Punkte) NEU

"Meine geniale Freundin", Suhrkamp

Ob in Europa oder in den USA: kaum ein Roman hat seine Leser so gepackt wie die vierbändige neapolitanische Saga von Elena Ferrante. Platz eins in Israel, Norwegen und Australien. Alle Welt liest sie und diskutiert in den sozialen Medien auch darüber, wer sich hinter dem Pseudonym verbergen könnte. Jetzt erscheint im Suhrkamp Verlag der erste Band der Tetralogie auch auf Deutsch. Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch unzertrennlich sind: Lila und Elena. Schon früh sind sie beste Freundinnen und werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen. Mit souveräner Leichtigkeit erzählt Elena Ferrante über Freundschaft, Aufbruch und die Zerbrechlichkeit weiblicher Selbstentwürfe.

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(c) Droschl

6. ex aequo: Tomer Gardi (12 Punkte)

"Broken German", Droschl

Mit einem Ausschnitt aus seinem soeben erschienenen Buch "Broken German" hat der Israeli Tomer Gardi beim diesjährigen Bachmann Preis für Aufsehen gesorgt, denn der Titel ist Programm. Gardis in kunstvoll gebrochenem Deutsch verfasster Text entfachte nicht nur eine literaturästhetische, sondern auch politische Diskussion: Wie viel Migrantendeutsch ist in der deutschen Literatur tatsächlich zulässig? Tomer Gardi, der in seinem Text selbst als Erzähler auftaucht, setzt sein broken German bewusst, konsequent und weitgehend logisch als Stilmittel ein. Erzählt wird die Migrationsgeschichte von einer Mutter aus Israel und ihrem erwachsenen Sohn, die auf dem Flughafen in Berlin landen. Als ihre Koffer nicht ankommen, greifen sie kurzerhand nach fremden Gepäckstücken, die ebenfalls Migranten gehören. Was folgt ist ein unerschrockenes Verwechslungsspiel, dessen Hauptakteur stets die Sprache bleibt.

(c) Rowohlt

9. ex aequo: Peter Rühmkorf (10 Puntke) NEU

"Sämtliche Gedichte", Rowohlt

Er war einer der bedeutendsten, deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart: der 2008 verstorbene Peter Rühmkorf. Jetzt erscheint im Rowohlt Verlag eine Gesamtausgabe all seiner Gedichte aus den Jahren 1956 bis 2008, herausgegeben von Bernd Rauschenbach. Liebeslyrik und Todesahnungen, politische Agitation und Naturbilder, Ironie und Schwärmerei, Selbstzweifel und Größenwahn, freie Rhythmen und Gereimtes – Peter Rühmkorfs Gedichte hatten sowohl formal als auch inhaltlich eine große Breite. Sie zeigen den 1929 in Dortmund geborenen Lyriker, Essayisten und Pamphletisten als scharfen Beobachter des privaten sowie des politischen Lebens und als poetischen, wortmächtigen Sprachartisten.

(c) S. Fischer

9. ex aequo: Marlene Streeruwitz (10 Punkte)

"Yseut", S. Fischer

Wieder schickt Marlene Streeruwitz eine Frau auf eine Abenteuerreise: diese Reise ist das Leben und das Leben ist schweres Gepäck, wenn man, wie die Hauptfigur namens Yseut, im Nachkriegs-Wien aufwächst und damit in einer großen Sprachlosigkeit, einem alles umfassenden Schweigen. Das gängigster aller Denk-, Verhaltens- und Beziehungsmuster: Unterdrückung. Als pensionierte Sprachwissenschafterin macht sich diese Yseut schließlich auf in die Landschaft des Films "Der Schrei" von Michelangelo Antonioni, in die Po-Ebene. Es ist dieser Film, der die narrative Folie abgibt für diesen dystopischen Roman, der auf schmerzhafte wie spannungsreiche Weise unsere Gegenwart seziert. Angesiedelt ist er in einer nahen Zukunft, der heute vieler Orten befürchtete Rückschritt statt Fortschritt ist darin Zukunft geworden: die EU gibt es nicht mehr, es herrscht totale Kontrolle, das Sagen haben Menschenhändler, die Mafia, rechte politische Kräfte. Flüchtlinge sind zum Schattendasein verurteilt. Und doch: Marlene Streeruwitz setzt in diese gewaltvolle Szenerie eine Protagonistin, die nicht aufhört, um ein unabhängiges, gerechtes Leben zu ringen. Eine, die im Alter erst zu jenen Kräften zu kommen scheint, die ihr in der Jugend der gesellschaftliche Normierungsdruck genommen hat. Eine, die sieht, wahrnimmt, aber nicht verzagt, vielmehr handelt, weitergeht, ausgestattet mit dem Verständnis für all jene, die verzagen und nicht weitergehen können. Ein Roman, der nicht zuletzt auf eindringliche Weise zeigt, dass eine gerechte Gesellschaft nur möglich ist, wenn die historisch gewachsene Dynamik der Täter-Opfer-Umkehr endgültig unterbrochen wird und der Handlungsspielraum zwischen "richtig" und "falsch", "gut" und "böse" als Freiheit entdeckt wird.

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