Die besten 10 im August 2016

(c) C.H. Beck

1. Sabine Gruber (36 Punkte) NEU

"Daldossi oder Das Leben des Augenblicks", C.H. Beck

Das Thema Kriegsreportage hat die Südtiroler Autorin Sabine Gruber seit dem Tod ihres Freundes Gabriel Grüner, der als Kriegsreporter 1999 im Kosovo erschossen wurde, nicht mehr losgelassen. In ihrem neuen Roman "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" erzählt sie vom fiktiven Kriegsfotografen Bruno Daldossi, der sich, Anfang sechzig, aus dem Beruf zurückzieht, von seiner langjährigen Freundin verlassen wird und direkt in eine Lebenskrise schlittert. Immer wieder holen ihn die traumtischen Erinnerungen an seine Aufträge in Tschetschenien, dem Sudan, dem Irak und Afghanistan ein. Das Dilemma zwischen Voyeurismus und Menschlichkeit, zwischen Dokumentieren und Helfen macht die mehrfach ausgezeichnete Autorin Sabine Gruber in ihrem Roman auf überzeugende Weise zu unserem.

(c) Zsolnay Verlag

2. Fiston Mwanya Mujila (35 Punkte) NEU

"Tram 83", Zsolnay

"Tram 83" heißt der erste Roman des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila, der hauptsächlich auf Französisch schreibt, und Österreich zu seiner Wahlheimat gemacht hat. Für den Man Booker International Prize nominiert, mehrfach mit Preisen bedacht und von der Zeitung "Le Monde" unter die besten zehn Romane des Jahres gewählt, begeisterte das Buch international die Kritik. Ein heruntergekommener Nachtclub in einer fiktiven afrikanischen Großstadt, mit dem Namen "Tram 83", ist der Treffpunkt für das bizarre Romanpersonal. Minenarbeiter, Prostituierte, Waffenhändler, Schuhputzer, Geschäftsleute und Touristen beherrschen die Szene. Ein junger Schriftsteller, einst politisch verfolgt, verirrt sich die die Spelunke. Fiston Mwanza Mujila, der seine Texte wie Musikstücke komponiert, macht den vielstimmigen Mikrokosmos mit einer eigenen rhythmisierten Sprache in seinem Buch hörbar. "Tram 83 ist ein wilder, poetischer, grausiger, wunderschöner Roman", so der Falter. Gängige Afrikasujets werden demontiert und neu erzählt.

(c) Hanser Berlin

3. Péter Esterházy (19 Punkte)

"Die Markus-Version", Hanser Berlin

In Péter Esterházys jüngstem Roman Die Markus-Version geht es um nichts weniger als Gott, den Glauben und den Tod. Das Markus-Evangelium zieht sich wie ein roter Faden durch eine ungarische Familiengeschichte. Hauptfigur ist der junge Ich-Erzähler, der nicht redet, aber umso mehr betet. Seiner Familie – bestehend aus seinem Halbbruder, seinem verzweifelten Vater, seiner wortkargen Mutter, seiner frommen Großmutter und dem Kindermädchen Mári - gibt er zu verstehen, taubstumm zu sein, zugleich befindet er sich in intensivem Austausch mit Gott. Als "Vaterlandsfeinde" wurde die Familie im kommunistischen Ungarn der Nachkriegszeit aus Budapest ausgesiedelt und muss jetzt in einem kleinen Dorf bei einem Großbauern ihre Arbeitseinsätze leisten. Das Leben hat bei jedem einzelnen tiefe Spuren hinterlassen. Das bemerkt auch der junge Ich-Erzähler, er stellt sich und den Lesern große Gottesfragen und kämpft zusehends mit dem Zweifel. Wie lässt sich Gottes Macht mit dem Leid der Menschen vereinbaren? Wie so oft treibt Esterházy ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen der Leser und erzählt auf knapp 100 Seiten eine Geschichte, die einen staunen, lachen und frösteln lässt.

(c) Matthes & Seitz

4. Robert Macfarlane (14 Punkte) NEU

"Alte Wege", Matthes & Seitz

"Dieses Buch hätte nicht im Sitzen geschrieben werden können" so das Deutschlandradio über den 2012 erschienenen, und nun auf Deutsch übersetzten Roman "Alte Wege" von Robert Macfarlane. Der renommierte britische Naturschriftsteller und Literaturwissenschaftler, Star des "landscapism", der unberührte Flecken der Erde erkundet, und Naturbegriffe vor dem Verschwinden bewahrt, hat mit seinen literarischen Reisereportagen bereits Bestseller gelandet. In "Alte Wege" folgt er halbvergessenen Pfaden, Hohlstraßen und Feldwegen, die ihn bis in die Antike zurückführen: von den englischen Kreidefelsen, zu den Kulturlandschaften Spaniens, bis in den Himalaya. Nicht die Suche nach dem inneren Ich ist der Antrieb für Macfarlanes literarische Wanderschaft, vielmehr findet er sich selbst dabei neu: "Gehen enthüllt nichts, aber es verändert."

(c) edition suhrkamp

5. ex aequo: Ann Cotton (12 Punkte)

"Verbannt!", edition suhrkamp

Spätestens seit ihrem lyrischen Erstling "Fremdwörterbuchsonette" ist Ann Cotten in der deutschen Lyrikszene keine Unbekannte mehr. Als "klügste und schwierigste Dichterin deutscher Sprache" wird die in Iowa geborene und in Wien aufgewachsene Schriftstellerin von Kritikern beschrieben. "Verbannt" heißt ihr neues Buch, das – wie zu erwarten - anders ist, als alles, was es momentan in der deutschsprachigen Literatur gibt. Ann Cotten geht zurück in die Geschichte des Dichtens, um ganz im Heute anzukommen. In der bei Byron, Shelley und Keats beliebten Spenserstrophe ist ihr jüngstes Versepos erzählt. Die Heldin ist eine Fernsehmoderatorin, die sich in die Tochter einer Kollegin verliebt hat, und dafür auf eine einsame Insel verbannt wird. Drei Dinge darf die Verbannte auf die Insel mitnehmen. Sie entscheidet sich für ein Messer, einen Schleifstein und ausgerechnet für Meyers Konversationslexikon von 1910, einundzwanzig Bände. In 399 Neo-Spenser-Strophen erzählt Ann Cotten provokant und experimentierfreudig von Mythen und vom Internet, stellt raffinierte Querverweise und Rückbezüge zwischen einst und heute her, verwebt mit souveräner Leichtigkeit das klassische Versschema mit der modernen Welt und sprengt damit in vielerlei Hinsicht die Erwartungen an Literatur.

(c) Aufbau Verlag

5. ex aequo: Hans Fallada (12 Punkte)

"Kleiner Mann - was nun?", Aufbau

Mehr als 80 Jahren nach Veröffentlichung von Hans Falladas Erfolgsroman "Kleiner Mann – was nun?" erscheint jetzt im Aufbau Verlag zum ersten Mal die ungekürzte Originalversion. Da der Roman 1932 kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten veröffentlicht wurde, musste bereits zwei Jahre später eine redigierte Fassung erscheinen, weitere Kürzungen folgten nach dem Krieg in den 50-er Jahren. So durfte beispielsweise eine schlagfreudige Nebenfigur ab 1935 kein Nazi mehr sein und auch das Buchcover von George Grosz wurde durch eine Illustration ersetzt, die vom Arbeitslosenschicksal nichts erahnen ließ. Und dennoch wurde der Roman auf Anhieb ein großer Erfolg. "Dies ist so rührend, so lustig in seiner bitteren Lebenswahrheit, dass ihm der Erfolg nur so zufliegen müsste" schwärmte einst Thomas Mann über das Buch. Mitten in der Wirtschaftskrise erzählt Fallada vom sympathischen jungen Paar Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma, genannt Lämmchen, und ihrem Kampf ums nackte finanzielle Überleben. Das traf den Nerv der Zeit. In seiner Originalfassung ist das Buch jetzt noch konkreter geworden und wirkt deutlich authentischer in seiner Zeit verankert.

(c) Folio Verlag

7. Goran Vojnović (11 Punkte)

"Vaters Land", Folio
Übersetzung: Klaus Detlef Olof

Auf eine "unsentimentale und dennoch berührende Identitätssuche ins ehemalige Jugoslawien"" (Wiener Zeitung) führt der junge slowenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Goran Vojnović in seinem zweiten Roman "Vaters Land". Darin erfährt der Ich-Erzähler Vladan, Sohn einer Slowenin und eines Serben, dass sein Vater, den er 16 Jahre lang für tot gehalten hat, für ein Massaker im kroatischen Slawonien verantwortlich sein soll und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er bricht auf, zu einer Reise durch das ehemalige Jugoslawien, auf der Suche nach dem Vater und der Frage, wie viel ihn selbst mit einem Mörder verbindet. Was Vladan vorfindet, ist ein von Misstrauen und Nationalismus geprägtes Land.
In seiner Heimat Slowenien gilt Goran Vojnović als einer der renommiertesten und erfolgreichsten Autoren seiner Generation, mit seinem Debütroman "Čefurji raus!" 2008 gelang ihm der Durchbruch: mit dem Buch sorgte er für heftige politische Debatten im Land.

(c) Hanser

8. ex aequo: Emily Brontë (8 Punkte)

"Sturmhöhe", Hanser
Übersetzung: Wolfgang Schlüter

Die windigen Hochmoore von Yorkshire sind der Schauplatz des Romans "Sturmhöhe", mit dem der britischen Schriftstellerin Emily Brontë unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell 1847 ein Welterfolg gelang. 1850 wurde der Klassiker der englischen Literatur erstmals ins Deutsche übersetzt, nun ist die "zwölfte und mit Abstand beste" Übersetzung erschienen. (Wiener Zeitung)
Mit der Erzähltechnik des Romans war Brontë ihrer Zeit voraus: Aus zwei verschiedenen Beobachter-Perspektiven wird die dramatisch symbiotische Liebe zwischen dem Findelkind Heathcliff und seiner Stiefschwester Catherine geschildert. Dass Catherine den Sohn des benachbarten Gutsbesitzers heiratet, kann Heathcliff nicht verschmerzen. Nach seiner Rückkehr als erwachsener Mann auf das Gut nimmt er Rache. Doch auch nach ihrem Tod kommt er von Catherine nicht los, und die Geliebte erscheint ihm als Geist.
In ihrem Schauerroman lässt Brontë tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken.

(c) Dörlemann

8. ex aequo: David Garnett (8 Punkte)

"Dame zu Fuchs", Dörlemann

1922 publizierte der britische Autor und Verleger David Garnett seinen zweiten Roman, "Dame zu Fuchs", der erst 1952 auf Deutsch und nun in neuer Ausgabe erschienen ist. Darin konstruiert Garnett, Bohemien und Mitglied der Bloomsbury Group, dem legendären Londoner Zirkel junger Künstler, Intellektueller und Wissenschaftler rund um Virginia Woolf, eine ungewöhnliche und dennoch herzzerreißende Liebesgeschichte, der eine kafkaeske Verwandlung vorausgeht. Schauplatz der Handlung ist die englische Provinz des Jahres 1880. Das frischvermählte Ehepaar Tebrick ist auf einem Spaziergang unterwegs, als die junge Frau Silvia plötzlich die Gestalt einer Füchsin annimmt. Zu Beginn noch um menschliche Verhaltensweisen bemüht, kommen mit der Zeit mehr und mehr ihre animalischen Wünsche zum Vorschein. Sie isst rohes Fleisch, schämt sich ihrer Nacktheit nicht mehr, und verschwindet schließlich im Wald. Der Ehemann folgt ihr dorthin, denn er hat beschlossen, sie aller Widrigkeiten zum Trotz weiter zu lieben.
Einerseits gelingt Garnett mit seinem Roman eine "in fein ironischem Ton verfasste Spottschrift auf soziale und sexuelle Konventionen", andererseits "eine anrührende und pathetische Geschichte einer unmöglichen und dauerhaften Liebe". (Kulturradio)