Die besten 10 im Juli 2016

(c) Suhrkamp

1. Ann Cotten (28 Punkte) NEU

"Verbannt!", Suhrkamp

Spätestens seit ihrem lyrischen Erstling "Fremdwörterbuchsonette" ist Ann Cotten in der deutschen Lyrikszene keine Unbekannte mehr. Als "klügste und schwierigste Dichterin deutscher Sprache" wird die in Iowa geborene und in Wien aufgewachsene Schriftstellerin von Kritikern beschrieben. "Verbannt" heißt ihr neues Buch, das – wie zu erwarten - anders ist, als alles, was es momentan in der deutschsprachigen Literatur gibt. Ann Cotten geht zurück in die Geschichte des Dichtens, um ganz im Heute anzukommen. In der bei Byron, Shelley und Keats beliebten Spenserstrophe ist ihr jüngstes Versepos erzählt. Die Heldin ist eine Fernsehmoderatorin, die sich in die Tochter einer Kollegin verliebt hat, und dafür auf eine einsame Insel verbannt wird. Drei Dinge darf die Verbannte auf die Insel mitnehmen. Sie entscheidet sich für ein Messer, einen Schleifstein und ausgerechnet für Meyers Konversationslexikon von 1910, einundzwanzig Bände. In 399 Neo-Spenser-Strophen erzählt Ann Cotten provokant und experimentierfreudig von Mythen und vom Internet, stellt raffinierte Querverweise und Rückbezüge zwischen einst und heute her, verwebt mit souveräner Leichtigkeit das klassische Versschema mit der modernen Welt und sprengt damit in vielerlei Hinsicht die Erwartungen an Literatur.

(c) Hanser Berlin

2. Péter Esterházy (26 Punkte)

"Die Markus-Version", Hanser Berlin

In Péter Esterházys jüngstem Roman Die Markus-Version geht es um nichts weniger als Gott, den Glauben und den Tod. Das Markus-Evangelium zieht sich wie ein roter Faden durch eine ungarische Familiengeschichte. Hauptfigur ist der junge Ich-Erzähler, der nicht redet, aber umso mehr betet. Seiner Familie – bestehend aus seinem Halbbruder, seinem verzweifelten Vater, seiner wortkargen Mutter, seiner frommen Großmutter und dem Kindermädchen Mári - gibt er zu verstehen, taubstumm zu sein, zugleich befindet er sich in intensivem Austausch mit Gott. Als "Vaterlandsfeinde" wurde die Familie im kommunistischen Ungarn der Nachkriegszeit aus Budapest ausgesiedelt und muss jetzt in einem kleinen Dorf bei einem Großbauern ihre Arbeitseinsätze leisten. Das Leben hat bei jedem einzelnen tiefe Spuren hinterlassen. Das bemerkt auch der junge Ich-Erzähler, er stellt sich und den Lesern große Gottesfragen und kämpft zusehends mit dem Zweifel. Wie lässt sich Gottes Macht mit dem Leid der Menschen vereinbaren? Wie so oft treibt Esterházy ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen der Leser und erzählt auf knapp 100 Seiten eine Geschichte, die einen staunen, lachen und frösteln lässt.

(c) Hanser

3. Emily Brontë (19 Punkte)

"Sturmhöhe", Hanser
Übersetzung: Wolfgang Schlüter

Die windigen Hochmoore von Yorkshire sind der Schauplatz des Romans "Sturmhöhe", mit dem der britischen Schriftstellerin Emily Brontë unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell 1847 ein Welterfolg gelang. 1850 wurde der Klassiker der englischen Literatur erstmals ins Deutsche übersetzt, nun ist die "zwölfte und mit Abstand beste" Übersetzung erschienen. (Wiener Zeitung)
Mit der Erzähltechnik des Romans war Brontë ihrer Zeit voraus: Aus zwei verschiedenen Beobachter-Perspektiven wird die dramatisch symbiotische Liebe zwischen dem Findelkind Heathcliff und seiner Stiefschwester Catherine geschildert. Dass Catherine den Sohn des benachbarten Gutsbesitzers heiratet, kann Heathcliff nicht verschmerzen. Nach seiner Rückkehr als erwachsener Mann auf das Gut nimmt er Rache. Doch auch nach ihrem Tod kommt er von Catherine nicht los, und die Geliebte erscheint ihm als Geist.
In ihrem Schauerroman lässt Brontë tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken.

(c) Luchterhand

4. Saša Stanišić (16 Punkte)

"Fallensteller", Luchterhand Literaturverlag

Selbstbespiegelung ist seine Sache nicht – der junge deutsche Schriftsteller bosnischer Herkunft Saša Stanišić wird als "literarischer Ethnologe" bezeichnet (Deutschlandradio), der "Menschen durchschauen und beschreiben" kann, und "viele Wirklichkeiten in sich trägt" (Die Zeit).
Seine vielstimmige Provinzgeschichte "Vor dem Fest" wurde von der Kritik hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. In der Titelgeschichte seines neuen Erzählbands "Fallensteller" schließt Stanišić inhaltlich und erzähltechnisch an sein Vorgängerwerk an. Ein Erzähler-Wir schildert die Geschichte, die sich im fiktiven Dorf Fürstenfelde in der Uckermark zuträgt. Dort taucht eines Tages ein geheimnisvoller Fallensteller auf, ein moderner Rattenfänger von Hameln, der mit den Ängsten und Sehnsüchten der Dorfbewohner spielt, und sie in seine Falle lockt. Das gekonnte Changieren zwischen Realität und Illusion, zwischen Wahrheit und Lüge, seine Fabulierkunst und seine Komik – all das zeichnet den Schriftsteller Saša Stanišić und sein Werk aus.

(c) Folio Verlag

5. Goran Vojnović (11 Punkte)

"Vaters Land", Folio
Übersetzung: Klaus Detlef Olof

Auf eine "unsentimentale und dennoch berührende Identitätssuche ins ehemalige Jugoslawien"" (Wiener Zeitung) führt der junge slowenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Goran Vojnović in seinem zweiten Roman "Vaters Land". Darin erfährt der Ich-Erzähler Vladan, Sohn einer Slowenin und eines Serben, dass sein Vater, den er 16 Jahre lang für tot gehalten hat, für ein Massaker im kroatischen Slawonien verantwortlich sein soll und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er bricht auf, zu einer Reise durch das ehemalige Jugoslawien, auf der Suche nach dem Vater und der Frage, wie viel ihn selbst mit einem Mörder verbindet. Was Vladan vorfindet, ist ein von Misstrauen und Nationalismus geprägtes Land.
In seiner Heimat Slowenien gilt Goran Vojnović als einer der renommiertesten und erfolgreichsten Autoren seiner Generation, mit seinem Debütroman "Čefurji raus!" 2008 gelang ihm der Durchbruch: mit dem Buch sorgte er für heftige politische Debatten im Land.

(c) Luchterhand

6. ex aequo: Jonas Karlsson (10 Punkte) NEU

"Das Zimmer", Luchterhand

Die New York Times bezeichnet Jonas Karlssons neuen Roman als "meisterhaft", für die Financial Times ist er schlichtweg "brillant". Mit "Das Zimmer" gelingt dem schwedischen Schriftsteller und angesehenen Schauspieler Jonas Karlsson der internationale Durchbruch. Im Zentrum des Romans, der fast vollständig in der vierten Etage eines Bürogebäudes spielt, steht Björn, der eines Tages eine folgenschwere Entdeckung macht. Zwischen der Toilette und dem Aufzug des Bürogebäudes, befindet sich eine Tür, die in ein kleines, fensterloses Büro führt. Björn, von unausstehlichen Kollegen umgeben und in ein Großraumbüro gepresst, kann sein Glück kaum fassen. Hier drinnen sind das Chaos und die Enge der Bürowelt vergessen. Alles wäre gut, gäbe es da nicht seine Kollegen, für die der Raum nicht existiert und lediglich ein Hirngespinst von Björn ist. Immer wieder steht der Leser vor der Frage, wem er nun trauen soll, immer wieder verschieben sich die Grenzen von Wahn und Realität. "Das Zimmer" ist ein eindringlicher und fesselnder Roman, der sich scharfsinnig mit der Konformität der modernen Arbeitswelt beschäftigt und mit der Frage, wie man als kleines Rädchen im großen Getriebe glücklich werden kann.

(c) dtv

6. ex aequo: Graham Swift (10 Punkte) NEU

"England und andere Stories", dtv

Mit Verfilmungen seiner Romane "Waterland" und "Letzte Runde" wurde der englische Schriftsteller und Booker Prize Träger Graham Swift auch hierzulande einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In seiner Heimat zählt er längst schon zu den renommiertesten zeitgenössischen Schriftstellern und wird in einem Atemzug mit Ian McEwan oder Julian Barnes genannt. Mit Kurzgeschichten hat Swift begonnen und diese konzentrierte Form der Literatur zur Perfektion entwickelt. Soeben ist sein neues Buch "England und andere Stories" auf Deutsch erschienen und abermals erweist sich Swift als präziser Beobachter des Alltäglichen, fragiler Augenblicke und Gefühle. Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Ereignisse und Veränderungen sind es die scheinbar unbedeutenden, fast beiläufigen Begebenheiten, die Lebenswege in eine neue Richtung lenken und seine Protagonisten vor neue Herausforderungen stellen. Scharfsichtig und eindringlich spürt Swift in 25 Erzählungen der Frage nach, was ein Menschenleben vor dem Zerbrechen bewahrt und was es zusammenhält.

(c) Aufbau

8. ex aequo: Hans Fallada (8 Punkte) NEU

"Kleiner Mann - was nun?", Aufbau

Mehr als 80 Jahren nach Veröffentlichung von Hans Falladas Erfolgsroman "Kleiner Mann – was nun?" erscheint jetzt im Aufbau Verlag zum ersten Mal die ungekürzte Originalversion. Da der Roman 1932 kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten veröffentlicht wurde, musste bereits zwei Jahre später eine redigierte Fassung erscheinen, weitere Kürzungen folgten nach dem Krieg in den 50-er Jahren. So durfte beispielsweise eine schlagfreudige Nebenfigur ab 1935 kein Nazi mehr sein und auch das Buchcover von George Grosz wurde durch eine Illustration ersetzt, die vom Arbeitslosenschicksal nichts erahnen ließ. Und dennoch wurde der Roman auf Anhieb ein großer Erfolg. "Dies ist so rührend, so lustig in seiner bitteren Lebenswahrheit, dass ihm der Erfolg nur so zufliegen müsste" schwärmte einst Thomas Mann über das Buch. Mitten in der Wirtschaftskrise erzählt Fallada vom sympathischen jungen Paar Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma, genannt Lämmchen, und ihrem Kampf ums nackte finanzielle Überleben. Das traf den Nerv der Zeit. In seiner Originalfassung ist das Buch jetzt noch konkreter geworden und wirkt deutlich authentischer in seiner Zeit verankert.

(c) Braumüller

8. ex aequo: Alfred Goubran (8 Punkte)

"Das letzte Journal", Braumüller

In dunkle Kapitel der Vergangenheit führt der neue Roman von Alfred Goubran: Das letzte Journal befasst sich mit dem Prager Pogrom im Jahr 1389, bei dem über 3000 Juden getötet wurden, mit der Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus 1415 und mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei 1945. Im Zentrum des Romans steht jedoch der Schriftsteller Aumeier, der nach 41 Jahren seiner Jugendliebe Terése begegnet und zu ihr auf ihr Anwesen zieht. Dort beginnt er sein Journal zu schreiben, verwebt darin seine eigene Lebensgeschichte mit historischen Ereignissen und zieht Bilanz über sein Leben: "Habe ich erreicht, was ich wollte – was wollte ich? Was sind das für Spiele, die man mit sich selbst spielt? – Wetten gegen das Schicksal, gegen die Wahrscheinlichkeit, Schwüre, die man sich als Kind gibt, Versprechen und kleine Gegengeschäfte mit Gott." Scharfsinnig und eindringlich zugleich schreibt Alfred Goubran über das Zusammenspiel von Individuum und Geschichte, über Politik und das, wofür es sich zu leben lohnt.

(c) S. Fischer

8. ex aequo: Judith Hermann (8 Punkte) NEU

"Lettipark", S. Fischer

Mit dem Erzählband "Sommerhaus, später" wurde Judith Hermann kurz vor der Jahrtausendwende zum gefeierten Literaturstar und ihr elegisch-lakonischer Stil von den Kritikern wie Lesern gleichermaßen gelobt. Nach zwei weiteren Erzählbänden und einem Roman erscheint jetzt ihr neues Buch "Lettipark". Darin spürt Hermann in kurzen Geschichten jenen Begegnungen und Momenten nach, die alles verändern können. Waren es in ihrem ersten Erzählband noch die Sehnsüchte und Wünsche von Zwanzigjährigen, die Hermann beschrieb, so sind in ihrem neuen Buch die Figuren mit der Autorin älter geworden. Sie sind verheiratet oder geschieden, haben Kinder oder aber den Wunsch danach längst aufgegeben. Aus der unbestimmten Sehnsucht der Jungen ist eine abgeklärte Melancholie von Mittvierzigern geworden. Abermals erweist sich Hermann als Meisterin der Verknappung, Verkürzung und Reduktion. Auf wenig Seiten wird viel erzählt, indem vieles nur angedeutet und unausgesprochen bleibt. Ausgang und Ende der Erzählungen sind stets offen, bei aller Ausweglosigkeit bleibt ein vages Hoffen.