Die besten 10 im September 2015

(c) Wallstein

1. ex aequo: Anna Baar (27 Punkte)

"Die Farbe des Granatapfels", Wallstein

Mit "Die Farbe des Granatapfels" gelingt der in Klagenfurt lebenden, 1974 in Zagreb geborenen österreichisch-kroatischen Autorin Anna Baar ein erster großer literarischer Wurf. Alles dreht sich darin um das Heranwachsen eines Mädchens zwischen einer aus westeuropäischer Sicht archaisch anmutenden Inselwelt Kroatiens und einer behüteten österreichischen Provinzhauptstadt. Es wird darin anhand der Familiengeschichte der Autorin unter anderem der Frage, was Fremd-Sein, was Zugehörigkeit bedeutet, mit großem Willen zur Überwindung narrativer Moden, zu eigener Sprachfindung und ohne Angst vor Pathos nachgegangen. Das Selbst-Durchlittene, das Selbst-Erlebte sei das Fundament ihres Schreibens, hat Anna Baar einmal gesagt. Ihr Roman-Debüt ist das gelungene Beispiel für Literatur, die weiß, dass Autobiographisches nur eine Zwischenstation sein kann auf dem Weg zu einem literarischen Text, der hält.

(c) Suhrkamp

1. ex aequo: Ralf Rothmann (27 Punkte)

"Im Frühling sterben", Suhrkamp

Der Autor Ralf Rothmann, der seine Romane meist im Ruhrgebiet und in Berlin spielen lässt, im Arbeitermilieu, sucht sich diesmal ein historisch prominentes, von der Literatur bereits von vielen Seiten durchleuchtetes Sujet. In "Im Frühling sterben" erzählt der vielen als weit unterschätzter Autor geltende die Geschichte zweier siebzehnjähriger Melker aus Norddeutschland – Walter und Friedrich – die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich reden lässt, steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund. In eindringlichen Bildern taucht man lesend ein ins letzte Kriegsfrühjahr in Ungarn und die ersten Wochen des Friedens, der für jene, die im Krieg waren, kein Friede sein kann. "Im Frühling sterben" ist ein präziser und schonungsloser Antikriegsroman, der durch Krieg beschädigten Menschen ein Denkmal setzt. Die Grundlage des Textes bildet die Biographie von Ralf Rothmanns Vater.

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(c) Wallstein

3. Christine Lavant (21 Punkte)

"Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte", Wallstein

Dieser Sammelband, der alle zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte Christine Lavants zwischen zwei Buchdeckeln beherbergt, macht eines deutlich: Jahrzehnte wurde dieser radikal-kompromisslosen Weltliteratin aus der Kärntner Provinz in der Rezeption Unrecht getan. Sie zeigen eine an keinerlei 'common sense' orientierte, anti-hierarchische Weltdurchdringerin, die ihre Unabhängigkeit vom vorgegebenen Blick trotz oder gerade der traditionellen lyrischen Muster wegen, derer sie sich häufig bedient, in so manchem ihrer Texte geradezu zelebriert. Christine Lavant wird in diesem Buch für bisher Nicht-Eingeweihte erfahrbar als eine, die die Sprache im Griff hat und sich zugleich dieser Sprache aussetzt, als eine, deren Literatur getragen ist von der Notwendigkeit, sich literarisch zur Welt zu verhalten. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass Christine Lavant nicht zuletzt unter Autoren, die sich der Avantgarde verpflichtet fühlen, ihre Schüler und Schülerinnen gefunden hat.
Das Buch versammelt neben drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben, auch das Frühwerk, sowie verstreut publizierte Gedichte, die in diesem Band erstmals zugänglich gemacht werden.

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(c) Zsolnay

4. Karl-Markus Gauß (17 Punkte) NEU

"Der Alltag der Welt", Zsolnay

Das pointierte Formulieren ist sein Markenzeichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört der scharfzüngige Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik", Karl-Markus Gauß, zu den herausragenden Vertretern des europäischen Geisteslebens. Als wachsamer Chronist seiner Zeit hält er seine Welt- und Selbstbeobachtungen in Journalen fest. Soeben ist "Der Alltag der Welt", der fünfte Band seiner Journal-Reihe, erschienen. Darin blickt Gauß auf die Jahre 2011 bis 2013 zurück und reflektiert in autobiografischen Entwürfen, philosophischen Anmerkungen, politischen Widerreden und erzählerischen Miniaturen über Griechenland, die Heilige Inquisition, Georg Kreisler oder Twitter. "Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten", so Gauß. Entstanden ist ein persönliches Tagebuch zur Zeitgeschichte.

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(c) S. Fischer

5. Ulrich Peltzer (13 Punkte) NEU

"Das bessere Leben", S. Fischer

Was hält unsere undurchschaubare Welt zusammen? Was ist aus unseren Utopien, Sehnsüchten und Träumen von einst geworden? Was wäre das bessere Leben?
Auch in seinem neuen Roman zeigt Ulrich Peltzer Menschen auf der vergeblichen Suche nach dem inneren Zusammenhang der Welt. "Das bessere Leben" ist angesiedelt im Jahr 2006, reicht aber, durch eingestreute Rückblenden, bis weit in die 1930er Jahre zurück. Im Zentrum stehen Sylvester Lee Fleming und Jochen Brockmann. Beide sind etwa Mitte 50, beide verdienen ihr Geld im Bereich der globalen Wirtschaft. Um sie herum sind eine Vielzahl von Nebenfiguren angesiedelt: Freunde, alte Weggefährten, Geliebte und Ex-Frauen. Sie alle kommen zu Wort, persönlich oder in Gedanken anderer. Alle spielen sie direkt oder indirekt eine Rolle. Vielstimmig und hochpolitisch schreibt Peltzer von Kommunisten und Risk-Managern und zeigt dabei empfindsame Innenansichten der Globalisierung.
Mit "Das bessere Leben" steht Ulrich Peltzer auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

(c) Schöffling

6. Margit Schreiner (12 Punkte) NEU

"Das menschliche Gleichgewicht", Schöffling & Co.

Auf einer einsamen Insel, nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet, wollen zwei Ehepaare – erstmals ohne ihre Kinder – den Urlaub genießen und sich auf das Wesentliche besinnen. Doch kurz vor der Abreise beschließt Sarah, eine junge Frau, die befreundeten Familien zu begleiten. In "Das menschliche Gleichgewicht" beschreibt Margit Schreiner, wie schnell sich der herbeigesehnte Urlaub zur persönlichen Herausforderung jedes Einzelnen entpuppen kann. Denn als Sarah der Erzählerin überraschend ihr Tagebuch anvertraut, muss sich diese mit dem Schicksal von Sarahs deutsch-israelischer Familie auseinandersetzen, die sie von früher kennt. Knapp und präzise erzählt Margit Schreiner vom vermeintlichen Urlaubsidyll zweier befreundeter Familien und vom unerwarteten Familienzuwachs, der das Gleichgewicht der eingespielten Gruppe bald ins Wanken geraten lässt.

(c) Suhrkamp

7. Serhij Zhadan (11 Punkte) NEU

"Mesopotamien", Suhrkamp

Serhij Zhadan gehört zu den herausragendsten Autoren der Ukraine und zählt nach Juri Andruchowytsch zu den bekanntesten Schriftsteller seiner Heimat. In seinem neuen Roman "Mesopotamien" porträtiert Zhadan ein modernes Babylon: seine Heimatstadt Charkiw. Als er seinen Roman beendet hatte, war an den Maidan noch nicht zu denken. Kaum war er auf Lesereise, hatte der Krieg schon begonnen. "Meine Bücher sind unpolitisch, haben aber irgendwie das Pech, ständig von der Politik eingeholt zu werden", so Serhij Zhadan. Jetzt liegt der Roman auch in deutscher Übersetzung vor. Erzählt wird die Geschichte von unterschiedlichsten Menschen, die im "Zweistromland" leben: zwischen dem ukrainischen Dnjepr im Westen und dem russischen Don im Osten. Aus den Lebensgeschichten seiner Helden, die aus allen Ecken der untergegangenen Sowjetunion stammen, erschafft Zhadan das Abbild seiner Stadt. Jede Geschichte liefert am Ende einen anderen Blick auf das gleiche Geschehen. Mit "Mesopotamien" hat Zhadan seinen bisher poetischsten Roman geschrieben.

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(c) Droschl

8. ex aequo: Monique Schwitter (10 Punkte) NEU

"Eins im Andern", Droschl

Was ist das, die Liebe? Wie verändert sie uns? Wieso kann sie kommen und gehen? In Monique Schwitters neuem Roman "Eins im Andern" geht es um große Gefühle und deren Verflüchtigung, um den Traum von ewiger Verbundenheit und die nüchterne Realität. Die Protagonistin des Romans, eine namenlose Ich-Erzählerin, handelt ihre Liebesbiographie an zwölf Männern ab, die weitaus mehr als nur die Namen mit den zwölf Aposteln gemein haben. Es sind beinahe mythische Umrisse von Männern, die sie schreibend mit Leben und Geschichten füllt. Der Roman spielt zeitweise in der erinnerten Vergangenheit, dann wieder in der Gegenwart der Erzählerin, vieles wird bloß angedeutet, um dann später ausführlich analysiert zu werden. Spielerisch und virtuos zugleich verbindet Schwitters Vergangenheit und Gegenwart, lässt damit die Gefühle an längst Verflossene wieder auferstehen und hinterfragt Entscheidungen und Verhaltensweisen von einst mit dem Erkenntnisstand von heute.
Mit "Eins im Andern" steht Monique Schwitters auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

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(c) S. Fischer

8. ex aequo: Ilija Trojanow (10 Punkte) NEU

"Macht und Widerstand", S. Fischer

Ilija Trojanows Literatur steht für eine Mischung aus gesellschaftspolitischem Engagement und literarischem Anspruch. Seit Jahren verfolgt der vielgereiste Schriftsteller, Verleger und Übersetzer die Geschichte seines Geburtslandes Bulgarien. Jetzt hat er sein vielleicht wichtigstes Buch "Macht und Widerstand" geschrieben.
Der Roman basiert auf Gesprächen, die Ilija Trojanow seit den 1990-er Jahren mit bulgarischen Zeitzeugen geführt hat. Er hat einstige Offiziere der Staatssicherheit ebenso getroffen, wie ehemalige politische Häftlinge, die den Großteil ihres Lebens im Gulag verbracht haben. Anhand von Gesprächsprotokollen und historischen Dokumenten, die Trojanow raffiniert in einen fiktionalen Kontext setzt, erzählt er abwechselnd aus der Sicht vom Widerstandskämpfer Konstantin und dem Opportunisten Metodi 50 Jahre bulgarische Zeitgeschichte. Mit "Macht und Widerstand" steht Ilija Trojanow auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

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(c) C.H. Beck

10. ex aequo: Lily King (8 Punkte) NEU

"Euphoria", C.H. Beck

Von der New York Times wurde "Euphoria" unter die fünf besten literarischen Bücher des Jahres gewählt, eine Verfilmung wird gerade vorbereitet und seit kurzem liegt der neue Roman von Lily King auch in einer deutschen Übersetzung vor. Die Geschichte spielt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und beruht auf einer wahren Begebenheit im Leben von Margret Mead, der berühmten Ethnologin und Sexualforscherin. In Kings Roman heißt sie Nell Stone. Nach Jahren einsamer Feldforschung in Neuguinea, trifft sie gemeinsam mit ihrem Mann auf den Briten Andrew Bankson. Erschöpft von den Versuchen, relevante Erkenntnisse über die Stämme am Sepikfluss herauszufinden, gelangen die drei Forscher zu den Tam, einem weiblich dominierten Stamm mit ungewohnten Ritualen. Während sie immer tiefer in das Leben der Tam eindringen, wird auch die erotische Anziehung zwischen Nell Stone und Andrew Bankson zusehends intensiver. Lily King spinnt aus einer historisch belegten Begegnung ein mitreißendes Kammerspiel über Macht und Missbrauch, über Freundschaft und Liebe.

(c) Ritter

10. ex aequo: Walter Pilar (8 Punkte) NEU

"Lebenssee – Wandelalter", Ritter

Walter Pilar hat für die österreichische Literaturgeschichte das Genre der Heimatromanesque erfunden. Seit mehr als 30 Jahren schreibt der oberösterreichische Schriftsteller, Graphiker und bildende Künstler an seinem autobiographischen Lebenssee-Projekt. Im Frühjahr ist der dritte und letzte Teil erschienen: "Lebenssee – Wandelalter". Maßgeblich von der Wiener Gruppe und Ernst Jandl beeinflusst, versammelt auch der neue Band die für Pilar charakteristischen Bild- und Lautgedichte, schwankhafte bis chronikartige Geschichten, autobiographische Erzählungen sowie den Abdruck von Originaldokumenten aus privaten und öffentlichen Archiven.