Die besten 10 im August 2015

(c) Wallstein

1. Anna Baar (34 Punkte) NEU

"Die Farbe des Granatapfels", Wallstein

Mit "Die Farbe des Granatapfels" gelingt der in Klagenfurt lebenden, 1974 in Zagreb geborenen österreichisch-kroatischen Autorin Anna Baar ein erster großer literarischer Wurf. Alles dreht sich darin um das Heranwachsen eines Mädchens zwischen einer aus westeuropäischer Sicht archaisch anmutenden Inselwelt Kroatiens und einer behüteten österreichischen Provinzhauptstadt. Es wird darin anhand der Familiengeschichte der Autorin unter anderem der Frage, was Fremd-Sein, was Zugehörigkeit bedeutet, mit großem Willen zur Überwindung narrativer Moden, zu eigener Sprachfindung und ohne Angst vor Pathos nachgegangen. Das Selbst-Durchlittene, das Selbst-Erlebte sei das Fundament ihres Schreibens, hat Anna Baar einmal gesagt. Ihr Roman-Debüt ist das gelungene Beispiel für Literatur, die weiß, dass Autobiographisches nur eine Zwischenstation sein kann auf dem Weg zu einem literarischen Text, der hält.

(c) Wallstein

2. Christine Lavant (15 Punkte)

"Das Kind", Wallstein Verlag

Für Thomas Bernhard zählten ihre Gedichte zu den "Höhepunkten der deutschen Lyrik", sie selbst sah ihre Kunst als "verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar". Christine Lavant zählt zweifellos zu den großen Dichterinnen der deutschen Sprache. Anlässlich ihres 100. Geburtstages am vierten Juli 2015 erscheint jetzt im Wallstein-Verlag eine vierteilige Werkausgabe.
Die 1945/46 entstandene Erzählung "Das Kind" ist das Debüt von Christine Lavant. Darin erzählt sie vom Leben eines Kindes in einer Heilanstalt. Viele der späteren Themen werden schon hier eindrucksvoll angeschlagen: Krankheit, körperliche Beeinträchtigung und die damit einhergehende Diskriminierung seitens der Gesellschaft. Seit früher Kindheit war die Schriftstellerin von verschiedenen, schweren Krankheiten gezeichnet. Nicht Mitleid ist, was aus den Texten spricht, sondern genaues Wahrnehmen und Ernstnehmen aus wirklicher Nähe.

(c) S.Fischer

3. László Krasznahorkai (14 Punkte)

"Die Welt voran", S. Fischer

Spätestens seit seinem Roman die "Die Melancholie des Widerstands" Ende der 1980er Jahre zählt László Krasznahorkai zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellern der Gegenwart. In den letzten Jahren erlebt sein Werk auch eine verspätete, begeisterte Rezeption in England und den USA und wurde dieses Jahr mit dem "Man Booker International Prize" ausgezeichnet. Fünf Jahre nach seinem Buch "Seiobo auf Erden" legt der ungarische Schriftsteller seinen neuen Erzählband vor: "Die Welt voran". Darin erzählt Krasznahorkai in 21 Prosastücken und einem Epilog von Irrfahrten ins Ungewisse und der Orientierungslosigkeit all seiner Protagonisten. Krasznahorkai ist ein Meister der Abstraktion und benutzt für seine Erzählungen eine Vielfalt an Formen. Manchmal verzichtet er auch gänzlich auf Worte, wie in seiner Erzählung "Der Schwan von Istanbul", die, laut Untertitel, aus "79 Absätzen auf weißen Seiten" besteht. Wer Krasznahorkai kennt, weiß, dass seine Bücher kein leicht konsumierbares Lesevergnügen sind, aber in jeder Hinsicht eine Herausforderung, die sich lohnt.

(c) Wallstein

3. ex aequo: Christine Lavant (14 Punkte) NEU

"Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte", Wallstein

Dieser Sammelband, der alle zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte Christine Lavants zwischen zwei Buchdeckeln beherbergt, macht eines deutlich: Jahrzehnte wurde dieser radikal-kompromisslosen Weltliteratin aus der Kärntner Provinz in der Rezeption Unrecht getan. Sie zeigen eine an keinerlei 'common sense' orientierte, anti-hierarchische Weltdurchdringerin, die ihre Unabhängigkeit vom vorgegebenen Blick trotz oder gerade der traditionellen lyrischen Muster wegen, derer sie sich häufig bedient, in so manchem ihrer Texte geradezu zelebriert. Christine Lavant wird in diesem Buch für bisher Nicht-Eingeweihte erfahrbar als eine, die die Sprache im Griff hat und sich zugleich dieser Sprache aussetzt, als eine, deren Literatur getragen ist von der Notwendigkeit, sich literarisch zur Welt zu verhalten. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass Christine Lavant nicht zuletzt unter Autoren, die sich der Avantgarde verpflichtet fühlen, ihre Schüler und Schülerinnen gefunden hat.
Das Buch versammelt neben drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben, auch das Frühwerk, sowie verstreut publizierte Gedichte, die in diesem Band erstmals zugänglich gemacht werden.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Der gesunde Menschenversand

5. Michael Fehr (12 Punkte) NEU

"Simeliberg", Der gesunde Menschenversand

Mit einem Auszug aus seinem Roman "Simeliberg" gewann der Schweizer Autor Michael Fehr beim Bachmann-Wettbewerb 2014 den Kelag-Preis. "Sehr originell, gerade weil es mit Klischees hantiert" (Daniela Strigl ) und "Ein sehr beeindruckender Text" dessen Poetik im performativen Vortrag stark über die Phonetik laufe (Arno Dusi), so die Stellungnahmen der Jury. Nun liegt der ganze Roman vor, eine Kriminalgeschichte, die zugleich ein dunkles Sittenbild der Schweiz mitliefert.
Simeliberg, ein Ort dessen Name auf ein Volkslied referiert, ist die Heimat des Bauern Schwarz, der den Behörden Rätsel aufgibt. Seine Frau ist verschwunden, er phantasiert davon die Menschheit zum Mars zu führen, und Männer in schwarzen Uniformen versammelt sich an diesem Ort. Der Gemeindsverwalter Griese soll den Mann im Auftrag der Sozialhilfebehörde in die Stadt bringen. Fehr kratzt gehörig an der Oberfläche einer scheinbaren Normalität, und bringt eine beeindruckende Geschichte über Schuld, Vereinsamung und Sinnsuche zum Vorschein.

(c) Nischen Verlag

5. ex aequo: Krisztina Tóth (12 Punkte) NEU

"Aquarium", Nischen Verlag

In Ungarn mehrfach preisgekrönt wurde Krisztina Tóth durch die Übersetzung ihres Erzählbands "Pixel" 2013 auch einer deutschsprachigen Leserschaft zugeführt. Nach "Pixel", das vom Feuilleton gefeiert wurde, und Platz 1 der ORF-Bestenliste belegt hat, hat es nun ein weiteres Buch der Autorin unter die besten zehn geschafft.
Wie die Fische eines Aquariums sind auch die Figuren im neuen Roman der ungarischen Autorin Gefangene äußerer Umstände. Mit Liebe zum Detail schildert Tóth den erdrückenden Alltag einer verarmten jüdischen Familie im sozialistischen Nachkriegs-Ungarn. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs, die Ära des Stalinisten Rákosi, der Ungarn-Aufstand 1956 – diese Ereignisse bilden den historischen Hintergrund für die Familiensaga, deren Ausgangspunkt die schrullige Klari-Oma ist, die wechselnde Liebhaber hat, und Künstler in der Küche ihrer Budapester Souterrain-Wohnung einquartiert. Unsentimental und nicht ohne Komik ist der Blick auf die Protagonisten, plastisch sind die Alltagsbeschreibungen der Autorin, die in ihrer Heimat vor allem für ihre Lyrik bekannt ist und als Bildhauerin gearbeitet hat.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Suhrkamp

7. Ralf Rothmann (11 Punkte) NEU

"Im Frühling sterben", Suhrkamp

Der Autor Ralf Rothmann, der seine Roman meist im Ruhrgebiet und in Berlin spielen lässt, im Arbeitermilieu, sucht sich diesmal ein historisch prominentes, von der Literatur bereits von vielen Seiten durchleuchtetes Sujet. In "Im Frühling sterben" erzählt der vielen als weit unterschätzter Autor geltende die Geschichte zweier siebzehnjähriger Melker aus Norddeutschland – Walter und Friedrich – die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich reden lässt, steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund. In eindringlichen Bildern taucht man lesend ein ins letzte Kriegsfrühjahr in Ungarn und die ersten Wochen des Friedens, der für jene, die im Krieg waren, kein Friede sein kann. "Im Frühling sterben" ist ein präziser und schonungsloser Antikriegsroman, der durch Krieg beschädigten Menschen ein Denkmal setzt. Die Grundlage des Textes bildet die Biographie von Ralf Rothmanns Vater.


Mehr in OE1.orf.at

(c) Die Andere Bibliothek

7. ex aequo: Michael Glawogger (11 Punkte)

"69 Hotelzimmer", Die Andere Bibliothek

Mit seinen Dokumentationen wie "Megacities", "Workingmen's Death" oder "Whore`s Glory" war Michael Glawogger Stammgast auf internationalen Filmfestivals. Immer wieder hat der österreichische Regisseur die sozialen Aspekte der Globalisierung eindrücklich auf den Punkt gebracht. Im April letzten Jahres ist der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher verstorben – jetzt erscheint posthum im Verlag "Die Andere Bibliothek" sein Roman "69 Hotelzimmer". In insgesamt 95 Episoden erzählt Glawogger von skurrilen Begebenheiten und alltäglichen Ereignissen in der Fremde – gewohnt scharfsinnig und komisch zugleich.

(c) Deuticke

7. ex aequo: Martin Amanshauser (11 Punkte) NEU

"Der Fisch in der Streichholzschachtel", Deuticke

Der Sohn des legendären österreichischen Schriftstellers Gerhard Amanshauser, 2006 verstorben, schreibt selbst, seit er denken kann. Nun legt der Reisejournalist, Übersetzer und Autor seinen bisher umfangreichsten Roman vor: "Der Fisch in der Streichholzschachtel" ist ein launiger Urlaubswälzer, mit einigen überraschenden Wendungen. Familienvater Fred, der kurz vor der Insolvenz steht, schenkt seiner Frau Tamara zum 40. Geburtstag eine Kreuzfahrt in die Karibik. Die pubertierenden Kinder müssen mit, und zu allem Überfluss ist auch noch zufällig Freds Ex-Freundin am Schiff - keine idealen Voraussetzungen für Erholung, wie der Ich-Erzähler findet. Der zweite Handlungsstrang führt zurück ins Jahr 1730 und wird aus dem Blickwinkel des Geographen Salvino an Bord eines Piratenschiffs geschildert. Nach einem heftigen Sturm geraten beide Schiffe in Seenot, und begegnen einander, bedingt durch eine unerklärliche Zeitreise, auf offenem Meer.
Aus diesem äußerst spannenden Gedankenexperiment entwickelt Amanshauser einen unterhaltsamen Reiseroman, der im rasanten Perspektivenwechsel zwischen Fiktion und Weltreflexion changiert.

(c) Schöffling & Co.

7. ex aequo: Miljenko Jergovic (11 Punkte) NEU

"Vater", Schöffling & Co.

Miljenko Jergovic legt mit dem Buch "Vater" eine wilde Mischung aus politischem Essay und fragmentarischer Autobiographie vor. Indem er darin von seinen Vorfahren erzählt, erzählt er auch von sich selbst - und von der historischen Versehrtheit seiner Herkunftslandschaft. Dreh- und Angelpunkt ist der Umstand, dass Teile seiner Verwandtschaft väterlicherseits Ustascha-Anhänger gewesen sind und damit Befürworter Ante Pavelics und dessen 'Unabhängigen Staat Kroatien', der zwischen 1941 und 1945 existiert hat. Was bedeutet diese Geschichte für die Gegenwart? Jergovic stellt klar: er lehnt die Idee der 'kollektiven Schuld' ab, plädiert aber für das Bewusstsein der 'kollektiven Verantwortung'. Dass Miljenko Jergovic dieses Buches wegen heftige Kritik unter seinen Landsleuten zuteil wurde, ist nach der Lektüre mehr als nachvollziehbar.

Mehr in OE1.orf.at