Bestenliste: Die besten 10 im September 2014

Nachkommen © S. Fischer

1. Marlene Streeruwitz (27 Punkte)

"Nachkommen.", S. Fischer

Der neue Roman von Marlene Streeruwitz führt in die Untiefen des Literaturbetriebs: die fiktive Jungautorin Nelia Fehn hat es mit ihrem Debütroman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis geschafft. Auf der Frankfurter Buchmesse wird sie von ihrem Verleger als "bestes Pferd im Stall" vorgeführt, geht bei der Preisverleihung jedoch leer aus. Streeruwitzs Hauptfigur entlarvt das Literaturspektakel Frankfurt als Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Branche als schwer angeschlagen und die Belletristik an ihrem Ende.
Nichts weniger als der Zustand unserer Welt wird anhand des siechenden Literaturbetriebs scharf beleuchtet. Der Kommerz hat längst auch in die geistigen Sphären Einzug gehalten, doch Nelia Fehn steht für die Generation jener titelgebenden Nachkommen, die bei der Selbstvermarktung nicht mehr mitspielen wollen. Marlene Streeruwitz hat mit "Nachkommen" "den Literaturbetriebsroman des Jahres geschrieben", so Anne-Dore Krohn (kulturradio), in einer Sprache, die "das jeweilige Romansujet stets mitreflektiert." (Profil)

Mehr in OE1.orf.at und 3sat.de

Ein ganzes Leben ©  Hanser Berlin

2. Robert Seethaler (23 Punkte)

"Ein ganzes Leben", Hanser Berlin

"Mit dem Schreiben bin ich mehr bei mir. Ich kann offener sein.", sagt der Schauspieler, Drehbuchautor und Romancier, der erst über Umwege - einer Karriere am Theater und beim Film - zur Literatur gekommen ist. Im Mittelpunkt seiner Texte stehen Außenseiter, die sich, auf der Suche nach Freiheit und Glück, auf die Reise machen. Der Aufbruch als ein Grundmotiv bei Seethaler, begegnet uns auch im neuen Roman, in den der Autor "Ein ganzes Leben" auf knapp 160 Seiten verpackt.
Andreas Egger ist vier Jahre alt, als er zum Großbauern Kranzstocker in das Alpental kommt. Seine Mutter ist verstorben, den Vater kennt er nicht. Als Hausknecht muss er schwere Züchtigungen über sich ergehen lassen und kann den Hof erst mit 18 verlassen, um im Tal zu arbeiten. Dort begegnet er seiner großen Liebe Marie, doch eine Lawine entzweit die beiden. Einfühlsam, sprachschöpferisch und leichtfüssig (NZZ) erzählt Robert Seethaler vom Schicksal, vom Glück und von der Katastrophe, die angesichts "eines ganzen Lebens" ihren Schrecken verliert.

Theater. Band 1 © Steidl

3. George Tabori (19 Punkte)

"Theater. Band 1", Steidl

George Tabori sagte einmal: "Ich mache Theater nur aus einem Grund: es ist die schwierigste Sache der Welt." Im Mai wäre der "ungekrönte Theaterkönig", wie er von vielen seiner Zeitgenossen betitelt wurde, 100 Jahre alt geworden.
Dieses Jubiläum zum Anlass nehmend brachte der Steidl Verlag nun den Sammelband "Theater" heraus, dessen zweiter Teil im Herbst erscheinen soll. Er umfasst sämtliche Dramentexte von George Tabori – entstanden zwischen 1952 und 2007. Erstmals sind auch seine Frühwerke wie "Flucht nach Ägypten" und "Des Kaisers Kleider" in deutscher Sprache erhältlich. Aber auch Taboris Klassiker "Mein Kampf" und "Die Goldberg-Variationen" bis hin zur "Brecht-Akte" finden sich in der Edition, die das dramatische Oeuvre des "Spielmachers" nun wieder zugänglich macht.

Das Salz der Erde © S. Fischer

ex aequo: Joseph Wittlin (19 Punkte)

"Das Salz der Erde", S. Fischer

"Das Salz der Erde" gilt als Hauptwerk des 1976 verstorbenen Autors Joseph Wittlin und als Klassiker der polnischen Literatur. 1935 erschienen und erst mit 34jähriger Verspätung ins Deutsche übersetzt, wurde der Roman nun mit einem Nachwort von Martin Pollack neu aufgelegt. Ein kleines Dorf in Ostgalizien zu Beginn des Ersten Weltkriegs bildet den Ausgangspunkt des Romans. Hier arbeitet der Analphabet Niewiadomski als Bahnwärter, für den der Krieg aus der sicheren Distanz zunächst nur Anlass zum Staunen gibt. Durch den Kriegsausbruch wird er befördert, seine Einberufung erhebt ihn in den Soldatenstand. Obwohl als Antikriegsroman rezipiert, liegen die Kampfschauplätze in "Das Salz der Erde" fernab der Handlung.
Der Krieg ist vielmehr in der expressionistischen Sprache präsent: "Sieg, Niederlage, Gefangenschaft, Gefangene, Angriff, Heldentod. Diese längst verwitterten Ausdrücke, in Dunkelheiten eingeschlafen wie Fledermäuse – wurden in der frischen Luft rot und farbig und erstanden in den Mündern aller zu neuem Leben."

Grundriss eines Rätsels © S. Fischer

5. Gerhard Roth (14 Punkte) NEU

"Grundriss eines Rätsels", S. Fischer

In seinem neuen Roman lässt Roth sein Alter Ego, den Schriftsteller Philipp Artner von der Bildfläche verschwinden, und mehr noch: Artner stirbt durch eine Explosion in einem Wiener Zinshaus, und mit ihm verbrennt sein gesamtes Werk. Aus unterschiedlichen Figuren-Perspektiven lässt Roth Artners ausgelöschte Lebenswelt nacherzählen und somit wieder auferstehen. "Grundriss eines Rätsels" widmet sich dem Verfall, der Erinnerung, der Schönheit und der Religion. Die literarische Reise auf den Spuren des Autors führt bis nach Japan und ist reich an Mythen und Symbolen. Roth richtet den Blick jedoch gleichzeitig auf ganz reale, dunkle Flecken der Gesellschaft und des Menschseins: drei Tschetschenen werden zu Todesopfern einer Dorfintrige.
"Der Österreicher Gerhard Roth ist einer der erstaunlichsten Schriftsteller unserer Zeit", schreibt Die Zeit, und weist damit auf die weitreichende Bedeutung des Autors, der mit seinen beiden Romanzyklen "Orkus" und "Die Archive des Schweigens", mit seinen Essays und Fotobänden auf ein umfassendes Werk zurückblicken kann.

Johnny und Jean © Wallstein

6. Teresa Präauer (12 Punkte) NEU

"Johnny und Jean", Wallstein
Über die Kunst ist die gebürtige Linzerin Teresa Präauer zur Literatur gekommen. Sie studierte Malerei und Germanistik, trat 2010 erstmals als Illustratorin von Wolf Haas "Die Gans im Gegenteil" in Erscheinung und landete zwei Jahre später mit ihrem Prosadebüt "Für den Herrscher aus Übersee" einen überraschenden Erfolg.
Kunst und Schreiben hängen in Präauers bildreicher Sprache nach wie vor eng zusammen, und so begibt sie sich mit ihrem neuen Roman "Johnny und Jean" in das Künstlermilieu. Die titelgebenden Protagonisten sind beide Kunststudenten, kommen aus der Provinz, und können dennoch unterschiedlicher nicht sein. Während der unscheinbare Johnny ausschließlich Fische zeichnet und beim Aktzeichnen mit Genitalpanik zu kämpfen hat, ist der schillernde Jean bereits selbst ein großer Fisch in der Szene und feiert seine erste Ausstellung. "Es geht in dem Buch auch um die Beobachtung einer Existenz, bei der scheinbar alles funktioniert" sagt Präauer über ihren neuen Roman.

Mehr in fm4.orf.at

Georg Trakl - Dichter im Jahrzehnt der Extreme © Zsolnay

7. Rüdiger Görner (10 Punkte) NEU

"Georg Trakl - Dichter im Jahrzehnt der Extreme", Zsolnay

"Trakl lebte nur, wenn er schrieb. Und er schrieb nur, wenn er Gedichte verfasste.", schreibt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner in seinem kürzlich erschienenen Buch über Georg Trakl. Er nähert sich darin der spärlich überlieferten Biographie des expressionistischen Dichters über sein Werk an.

1887 in Salzburg geboren und am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Krakauer Garnisonsspital an einer Überdosis Kokain gestorben, jährt sich Trakls Todestag im November zum 100. Mal. Nur 27jährig hinterließ der Dichter ein bedeutendes Oeuvre der frühen Moderne, das Görner akribisch aufarbeitet. Sein Aufwachsen in einem lieb- und sprachlosen Elternhaus, seine eingeschlagene bürgerliche Karriere als Apotheker, seine Experimente mit Rauschgift – das Buch zeigt Georg Trakl als Einsamen, der seine Heimat in seiner Poesie fand. Das Rätselhafte und Magische, das Obsessive und Dunkle seiner Gedichte findet bei Görner eine eingehende Analyse. Görner, heißt es in Die Welt, zeige dabei "ein genaues Gespür für jeglichen Subtext der Poesie."

Der Circle © Kiepenheuer&Witsch

ex aequo: Dave Eggers (10 Punkte) NEU

"Der Circle", Kiepenheuer&Witsch

In den USA bereits ein großer Erfolg, schnellte der Roman des US-amerikanischen Autors Dave Eggers auch in der deutschen Übersetzung an die Spitze der Bestsellerlisten. Eggers löste kontroverse Reaktionen bei der Literaturkritik aus und initiierte im Feuilleton eine erneute Debatte über die Schattenseiten und Negativentwicklungen der Digitalisierung. Der Autor entwirft in "Der Circle" eine voll digitalisierte Überwachungswelt, in der gilt: "Alles Private ist Diebstahl". Die fiktive Online-Plattform "TrueYou" des Internet-Konzerns "Circle" vernetzt sämtliche Informationen der Menschen, von der individuellen Krankengeschichte bis zu den Kreditkartendaten, und generiert dadurch einen modernen, globalisierten Totalitarismus. "Circle" weist unverkennbar Parallelen mit Internet-Riesen unseres Jahrhunderts auf. Für die einen führt Eggers Internet-Dystopie am Kern des Problems vorbei. So meint Internet-Blogger Sascha Lobo in der FAS "Wir brauchen Kritik, keine Dämonisierung." Für die anderen leistet er mit seinem Buch einen "großen, wichtigen Beitrag" zu einer der relevantesten gesellschaftspolitischen Diskussionen unserer Zeit (Juli Zeh).

langer transit © Wallstein

ex aequo: Maja Haderlap (10 Punkte) NEU

"langer transit", Wallstein

Für ihren Text "Engel des Vergessens" wurde sie 2011 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet, eine gleichnamige Romanveröffentlichung folgte. Nun ist die Kärntner Slowenin Maja Haderlap, die bereits Anfang der Achtzigerjahre slowenische Lyrik publizierte, zu ihren literarischen Wurzeln zurückgekehrt: "langer transit" versammelt 60 Gedichte, die die Autorin und Übersetzerin diesmal auf Deutsch geschrieben hat. Die Sprache selbst ist eine Hauptakteurin ihrer Lyrik, sie ist stets mit dem Politischen verwoben. "Die Sprache ist für mich das ständig Unerreichte, Herbeigesehnte, ein Sehnsuchtsort, eine Bühne der Wirklichkeit und ihr Spielleiter", betonte Haderlap in ihrer "Klagenfurter Rede zur Literatur". Identitätssuche - auf öffentlicher und privater Ebene - Reflexionen über das Schreiben, Liebeserfahrungen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft – all das sind die bestimmenden Themen in ihrem Werk.

Bei Regen im Saal © Carl Hanser

ex aequo: Wilhelm Genazino (10 Punkte) NEU

"Bei Regen im Saal", Carl Hanser

Der 1945 geborene Georg-Büchner-Preisträger hat eine Vorliebe für Anti-Helden. Seine Protagonisten sind Realitätsflüchtlinge, Fortschrittsverweigerer und Lebensverhinderer, und damit ein provozierender Gegenentwurf für eine erfolgsorientierte, optimierte Gesellschaft. So treibt es auch Reinhard in "Bei Regen im Saal", einen promovierten Philosophen mit Gelegenheitsjobs als Barkeeper, Hotelrezeptionist und Redakteur, ziellos durchs Leben. Als ihm seine Freundin Sonja eröffnet, dass sie einen anderen heiratet, gerät dann doch einiges aus den Fugen.
Sein selbstironischer und zugleich melancholischer Schreibgestus hat Genazino den Beinamen "hessischer Woody Allen" eingebracht. "Man liest Genazinos Bücher ungefähr so, wie man sich Woody-Allen-Filme anschaut. Man hofft nicht auf die große epische Schilderung, nicht auf eine stringente Story, sondern man wartet auf die kurzen Momente, da die alltäglichen Dinge zu schillern beginnen (…)" (Die Welt)

Der persönliche Tipp von Klaus Zeyringer, Université Catholique de l’Ouest, Angers

Leonardo Padura: "Ketzer“ , Unionsverlag 2014, München
Ein packender, tiefgreifender Roman des kubanischen Autors, der mit seinen Havanna-Krimis auch hierzulande bekannt wurde.
"Ketzer" beginnt 1939, als Kuba und dann die USA die MS St. Louis mit 937 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland nicht einreisen ließen und in den wahrscheinlichen Tod zurückschickten. Padura führt weiter in die Zeit, zurück bis zu Rembrandt 1648 und seinem jüdischen Schüler in Amsterdam und nach vor auch bis 2007, als in London ein Rembrandt-Bild versteigert werden soll, das auf der MS St. Louis war. Die Recherchen in Havanna macht Paduras Detektivfigur Mario Conde. Ein vielschichtiges Buch, großartige Beschreibungen der Arbeitsweise von Rembrandt und vor allem - vor dem Hintergrund Kubas! - Hochinteressantes zum Thema Freiheit.