Bestenliste: Die besten Bücher im Juli 2014

Drei tränenlose Geschichten © Diogenes

1. Erich Hackl (31 Punkte)

"Drei tränenlose Geschichten ", Diogenes

"Ein Stammbaum fehlt, deshalb müssen wir uns dringend an das Foto halten, auf dem sie uns, aus der Entfernung eines Jahrhunderts, betrachten", mit diesem Satz beginnt Erich Hackl die erste seiner "Drei tränenlosen Geschichten". Mit nüchtern-akribischer Liebe zum Detail schildert er, ausgehend von einer Aufnahme aus dem Jahr 1904, Aufstieg, Enteignung, Flucht und Widerstand der jüdischen Familie Klagsbrunn und verfolgt ihre Spur über vier Generationen.
Fotografien stehen auch im Mittelpunkt von Hackls anderen beiden Erzählungen: So schildert er die Begegnung mit Wilhelm Brasse, der als „Fotograf von Ausschwitz“ bekannt wurde und auf abertausenden Fotos das Grauen im Konzentrationslager festhielt. Und ausgehend von einem unscheinbaren Straßenschild macht sich der Autor auf die Spurensuche nach der österreichischen Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig, die ihre Hochzeit in Dachau feiern musste.
Ohne Sentimentalität entwirft Hackl in gekonnter Manier ergreifende Schicksalsprotokolle und macht die auf den Fotos Abgebildeten mit seiner präzisen und zurückhaltenden Sprache wieder lebendig.

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Americanah © S. Fischer

2. Chimamanda Ngozi Adichie (21 Punkte) NEU

"Americanah", S. Fischer

"Ich bin Nigerianerin, nicht schwarz" - dieser Satz der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie könnte von der Hauptfigur in ihrem Roman "Americanah" stammen. Eine junge Nigerianerin, die fast in den USA ihr Glück findet, schlussendlich aber wieder in ihre Heimat zurückkehrt. Alles dreht sich um die vielschichtigen Identitäten junger Afrikaner, die im Ausland leben und doch das kulturelle Gepäck ihrer oft schwierigen Herkünfte mit sich tragen.
In ihrem Roman, der von der New York Times auf die Liste der "Best Books of 2013" gewählt wurde, seziert Adichie scharfsichtig und schonungslos die Konstruktion "Afropolitan" und zeigt auf: Rassismus ist nicht selten dort gehäuft zu finden, wo er im vermeintlich Verborgenen sein Unwesen treibt. Er sitzt in den tiefen Schichten, die Oberflächen lassen sich gut und schnell auf politisch korrekten Hochglanz polieren.

Kindheitswald © Müry Salzmann

3. Elke Laznia (14 Punkte)

"Kindheitswald", Müry Salzmann

"Kindheitswald" heißt das neue Buch von Elke Laznia und das Thema, das sie darin umkreist, ist keineswegs neu. Die Auseinandersetzung mit der familiären, gesellschaftlichen und geografischen Herkunft zählt zu den Grundmotiven in der österreichischen Literatur nach 1945. Und dennoch hebt sich ihr Roman von vielen anderen ab. Weniger der Erzählinhalt, als die Sprache vermag es, den Leser von Beginn an zu fesseln.
Schreiben spielt für die 40jährige, in Salzburg lebende Kärntnerin, beruflich wie privat eine wichtige Rolle. "Es hält mich die Schrift der Hand, die Handschrift [...] verfasst mir Kontur, und ich zerfalle nicht", so Laznia.
In ihrem neuen Roman geht es um Befreiung und Bewältigung verschiedener Ängste und Traumata, um Männer, heulende Wölfe und unheimliche Ratten. Mit "Kindheitswald" gelingt Laznia ein ebenso schonungsloses, wie kompromissloses, vor allem aber sprachlich bewegendes Debüt.

Als nur die Tiere lebten © Suhrkamp

4. Zsófia Bán (12 Punkte)

"Als nur die Tiere lebten", Suhrkamp

Zsófia Báns 15 Erzählungen, die in dem Band "Als nur die Tiere lebten" zusammengefasst sind, handeln von der Vergangenheit. Von intimen Augenblicken des Erinnerns, die sich mit dem Jetzt verweben.
Mit Empathie und Spannung, aber ohne Pathos, erzählt Zsófia Bán von Liebe, Krankheit, Geburt, Emigration, Trauma und Tod. Ihre Figuren werden von der Vergangenheit eingeholt. Das Ineinanderfallen von Gegenwart und Vergangenheit zwingt die unterschiedlichen Protagonisten über getätigte Entscheidungen, Trauer oder Verluste nachzudenken.
Bán lässt Erzähl- und Zeitebenen miteinander verschwimmen, spielt mit dem Sprachrhythmus und beschreibt in unterschiedlichen Tonlagen, denen allesamt eine traurig-schönen Melancholie gemein ist, dass das Vergangene immer präsent ist.

Theater. Band 1© Steidl

ex aequo: George Tabori (12 Punkte) NEU

"Theater. Band 1", Steidl

George Tabori sagte einmal: "Ich mache Theater nur aus einem Grund: es ist die schwierigste Sache der Welt." Im Mai wäre der "ungekrönte Theaterkönig", wie er von vielen seiner Zeitgenossen betitelt wurde, 100 Jahre alt geworden.
Dieses Jubiläum zum Anlass nehmend brachte der Steidl Verlag nun den Sammelband "Theater" heraus, dessen zweiter Teil im Herbst erscheinen soll. Er umfasst sämtliche Dramentexte von George Tabori – entstanden zwischen 1952 und 2007. Erstmals sind auch seine Frühwerke wie "Flucht nach Ägypten" und "Des Kaisers Kleider" in deutscher Sprache erhältlich. Aber auch Taboris Klassiker "Mein Kampf" und "Die Goldberg-Variationen" bis hin zur "Brecht-Akte" finden sich in der Edition, die das dramatische Oeuvre des "Spielmachers" nun wieder zugänglich macht.

Sieben Sprünge vom Rand der Welt © Luchterhand

6. Ulrike Draesner (10 Punkte) NEU

"Sieben Sprünge vom Rand der Welt", Luchterhand

In ihrem neuen Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" verwebt Ulrike Draesner authentische Dokumente und reale Ereignisse mit den fiktiven, vier Generationen übergreifenden, Familiengeschichten ihrer Protagonisten. Draesner skizziert die innere Zerrissenheit der Kriegs- und Nachkriegskinder-Generation, die geprägt ist von Flucht und Vertreibung und dem Gefühl nur halb dahin zu gehören, wo man aufgewachsen ist. Ängste, Erinnerungen und Kriegstraumata werden, wie eine Art Virus, von Generation zu Generation weitergegeben und lassen für die Betroffenen die Frage nach Heimat offen.
Wie die Autorin selbst, ist auch die Heldin ihres Romans, Simone Grolman, in einer Familie von Heimatvertriebenen aufgewachsen. Diese ist, dem Vorbild ihres Vaters Eustachius folgend, Affenforscherin und geht - wie er - der Frage nach, wieviel Mensch im Affen und wieviel Affe im Menschen steckt.

Washington Square © Manesse

7. Henry James (8 Punkte) NEU

"Washington Square", Manesse
"Washington Square" zählt zu den beliebtesten und bekanntesten Werken des oftmals als Meister des psychologischen Erzählens bezeichneten New Yorker Schriftstellers Henry James. Bettina Blumenberg hat den Gesellschaftsroman nun, knapp 130 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, für den Manesse Verlag neu übersetzt.
Es ist eine Analyse der menschlichen Abgründe und der gesellschaftlichen Verhältnisse der USA Mitte des 19. Jahrhunderts, die James anstellt. Gefühllosigkeit, Rache, Gier, Scheinmoral und Narzissmus sind unter anderem die Motive mit denen er seine durchwegs nicht gerade sympathisch wirkenden Hauptfiguren spitzzüngig skizziert. Diese pointierten Charakterisierungen sind es auch, die einen beim Lesen dieses literarischen Alter Egos von Thomas Manns "Buddenbrooks" faszinieren.

Spuk & Geflunker © Ritter

ex aequo: Dominik Steiger (8 Punkte)

"Spuk & Geflunker", Ritter

Wenige Monate nach Dominik Steigers Tod im Jänner 2014, erschien sein letztes Buch "Spuk & Geflunker". Es wirkt wie ein Memorandum, das auf die Essenz der poetischen Sprachkunst des vielseitigen Künstlers hinweist, der sich Zeit seines Lebens nie auf eine Rolle festlegen ließ.
Seine knappen, konzentrierten Texte entführen den Leser in eine traumhaft-surreale Welt. In den Grenzbereich von Traum, Vision, Mythologie und Alltag. Steiger schafft in seinen Geschichten Mikro-Kosmen, in denen er durch lautliche oder bildliche Assoziationen die Handlung konstruiert. Mit einfach anmutenden Sätzen erzählt er kunstvoll rätselhafte Geschichten – still, aufmüpfig, nachdenklich. Sein experimenteller und spielerischer Umgang mit der Sprache ist geprägt von unterschwelliger Ironie aber auch bestürzender Heiterkeit – Merkmale die sich auch in all den anderen Sparten des umfassenden künstlerischen Werks von Dominik Steiger wiederfinden.

Der persönliche Tipp von Daniela Strigl, Der Standard, Ö1

Margret Kreidl: "Einfache Erklärung. Alphabet der Träume", Edition Korrespondenzen 2014

Das ist ein Buch für Feinspitze, vielleicht sogar noch mehr: für Feinspitzinnen. Mit dem ihr eigenen Witz, der ihrer Gründlichkeit um nichts nachsteht, nimmt sich Margret Kreidl des ungreifbaren Phänomens Traum an und der mannigfachen volksmythischen, banalen oder tiefenpsychologischen Anstrengungen zu seiner Deutung. Für jeden Tag des Jahres böte das Alphabet ein Stück, das, ob Szene, Dialog, Anekdote, Sinnspruch oder Gedicht, stets mit einer "einfachen Erklärung" endet: "ARBEITSTIER / Oh, edles Tier in Blau! / Darf ich vorstellen: meine Frau. / Einfache Erklärung: Ein Mann macht viel Arbeit." Die "einfache Erklärung" erklärt eben nichts, sie gibt vielmehr neue Rätsel auf und bewirkt eine heilsame Verunsicherung. Kreidls traumhaft pointierter Parcours durch unsere Innen- und Außenwelten zielt auf das Fragwürdige unserer Gesellschaft wie auf die unausrottbaren Reize des Körpers, zu dem hier im Handumdrehen auch die Sprache wird. Eine Kampfansage gegen das Geschwätz genauso wie gegen die falsche Bündigkeit. Der Eros des Klangs bedarf keiner Erklärung, und manches erklärt sich ohnehin durch sich selbst: "TRAUM / Traum. / Einfache Erklärung: Ich kann mich an nichts erinnern."