Bestenliste: Die besten 10 im Juni 2014

Wir Erben © Jung und Jung

1. Angelika Reitzer (19 Punkte)

"Wir Erben", Jung und Jung

"Die Herausforderung war, das Geschehen konstant voranzutreiben – und den Figuren so gut wie kein Innenleben zuzuschreiben, das sie denken, handeln und schließlich etwas sagen lässt, wobei das Gesagte sich vom Gedachten unterscheiden müsste" so Angelika Reitzer über ihren neuen Roman "Wir Erben".
Es ist ihr viertes Buch in zehn Jahren und nach "Taghelle Gegend" und "Unter uns" der dritte Roman der in Wien lebenden Grazerin. Lektüre zum schnellen Leseverzehr liegt Reitzer – die sich innerhalb der heimischen Literaturszene dezent im Hintergrund hält – fern. Sie misstraut den konventionellen Erzählmustern. Statt klar auszuformulieren, deutet sie lieber nur an, wechselt Zeit und Perspektiven. Dass sich Biografien sauber auf einen Lebensfaden fädeln lassen, daran glaubt Reitzer nicht. Klar, präzise und dabei mit voller Intensität erzählt "Wir Erben" anhand von Fakten, Wahrnehmungen und Erinnerungen die Geschichte zweier Frauen und ihrer Familien, ohne dabei ein Familienroman im herkömmlichen Sinn zu sein.

Der Thronfolger  © Paul Zsolnay Verlag

ex aequo: Ludwig Winder (19 Punkte)

"Der Thronfolger", Zsolnay

"Wie kann jemand so gute Romane schreiben und doch so gründlich vergessen werden?" fragt Karl-Markus Gauß in der ZEIT. Seiner Meinung nach hat der vergessene Schriftsteller Ludwig Winder einen der besten historischen Romane der deutschen Literatur geschrieben. "Der Thronfolger" heißt Winders Romanbiografie über den ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand, die bereits 1937 im Schweizer Humanitas Verlag erschienen ist, die aber weder in Deutschland noch in Österreich verkauft werden durfte, weil ihr Verfasser ein Jude war. 1984 wurde sie erneut in Ost-Berlin verlegt und jetzt – hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo - vom Wiener Zsolnay Verlag wiederentdeckt.
Im Zentrum steht der 28. Juni 1914, Schauplatz ist Sarajevo, Ecke Franz-Joseph-Straße/Appelkai. Mit zwei Pistolenschüssen tötet der 19-jährige Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Einen Monat später erklärt Österreich dem Königreich Serbien jenen Krieg, der den Ersten Weltkrieg zur Folge hat. Laut Karl-Markus Gauß gelingt Winder mit diesem Buch "im Charakterbild einer zugleich abstoßenden und in ihrer grimmigen Unrast doch bemitleidenswerten Tyrannennatur das Porträt einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, die ihrem Untergang entgegenzaudert."

Vor dem Fest © Luchterhand

3. Saša Stanišić (18 Punkte)

"Vor dem Fest", Luchterhand

Die Sprache sei seine Gespielin, so Saša Stanišić. Sie sei eine Modelliermasse, so wie Lehm oder Plastilin, die er bearbeitet, knetet und formt. Dass der aus Bosnien und Herzegowina stammende deutschsprachige Schriftsteller sein Handwerk beherrscht, hat er bereits 2006 bewiesen, als ihm mit seinem Romandebüt "Wie der Soldat das Grammofon reparierte" ein in dreißig Sprachen übersetzter Weltbestseller gelang. Nun ist sein neuer Roman erschienen, mit dem Stanišić nicht minder erfolgreich ist. "Vor dem Fest" hat nicht nur auf Anhieb das deutsche Feuilleton begeistert, sondern auch den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Schon die erste Auflage war am Tag der offiziellen Präsentation ausverkauft.
Dreh-und Angelpunkt ist ein ostdeutsches Dorf: Fürstenfelde. Stanišić beschreibt die Vorbereitungen zum jährlichen Annenfest, mischt sich dabei unter die letzten Überlebenden und erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben. Für "DIE ZEIT ist dieser Roman "ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, "Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV", über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. (...) Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück."

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Drei tränenlose Geschichten © Diogenes

4. Erich Hackl (17 Punkte) NEU

"Drei tränenlose Geschichten", Diogenes

"Ein Stammbaum fehlt, deshalb müssen wir uns dringend an das Foto halten, auf dem sie uns, aus der Entfernung eines Jahrhunderts, betrachten", mit diesem Satz beginnt Erich Hackl die erste seiner "Drei tränenlosen Geschichten". Mit nüchtern-akribischer Liebe zum Detail schildert er, ausgehend von einer Aufnahme aus dem Jahr 1904, Aufstieg, Enteignung, Flucht und Widerstand der jüdischen Familie Klagsbrunn und verfolgt ihre Spur über vier Generationen.
Fotografien stehen auch im Mittelpunkt von Hackls anderen beiden Erzählungen: So schildert er die Begegnung mit Wilhelm Brasse, der als „Fotograf von Ausschwitz“ bekannt wurde und auf abertausenden Fotos das Grauen im Konzentrationslager festhielt. Und ausgehend von einem unscheinbaren Straßenschild macht sich der Autor auf die Spurensuche nach der österreichischen Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig, die ihre Hochzeit in Dachau feiern musste.
Ohne Sentimentalität entwirft Hackl in gekonnter Manier ergreifende Schicksalsprotokolle und macht die auf den Fotos Abgebildeten mit seiner präzisen und zurückhaltenden Sprache wieder lebendig.

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Später Ruhm © Zsolnay

ex aequo: Arthur Schnitzler (17 Punkte) NEU

"Später Ruhm", Zsolnay

"Später Ruhm" erzählt die Geschichte des greisen und wenig produktiven Dichters Eduard Saxberger, dessen Jugendwerk eine Gruppe aufstrebender Schriftsteller begeistert. Mit seiner Novelle zeichnete der noch junge Arthur Schnitzler ein Porträt der literarischen Boheme des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Begleitet mit selbstironischen Seitenhieben auf das Künstlertum zeigte er, ein Jahr vor seinem Durchbruch mit "Liebelei", seine eigenen Ängste und Zweifel als aufstrebender Literat.
Der Text ist, wie große Teile des Schnitzler-Nachlasses, auf abenteuerliche Weise vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten nach England gerettet worden. Der Verlag bezeichnet die Wiederentdeckung der Novelle als "Sensationsfund", einige Fachleute sprechen jedoch von einem "alten Hut". Fakt ist, dass Arthur Schnitzler jetzt, 82 Jahre nach seinem Tod, wieder für Aufsehen und heftige Debatten in der Literaturwelt sorgt.

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Der Distelfink © Goldmann Verlag

6. Donna Tartt (14 Punkte)

"Der Distelfink", Goldmann

Ob in den USA, in Deutschland oder in Österreich - Donna Tartts neuer Roman "Der Distelfink", an dem sie ein Jahrzehnt gearbeitet hat, sorgt für große Aufmerksamkeit. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Welt" sprechen von einem "Meisterwerk" - Donna Tartt wird mit weltliterarischen Größen wie Proust und Dickens verglichen. Vor kurzem ist die zurückgezogen lebende Autorin für ihren jüngsten Wurf mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden.
Der Ich-Erzähler, Theo Decker, ist dreizehn Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert. Im Zuge der darauf folgenden Wirren entwendet er das Bild "der Distelfinken": gemalt wurde es von Carel Fabritius, der Schüler Rembrandts und Lehrer Vermeers war. Es ist ein Lieblingsbild seiner Mutter: fortan dient es ihm als Erinnerung an sie.
Mit diesem Zusammenfall von Verlust und Raub beginnt der Roman, der in Rückblenden erzählt wird. Auf mehr als 1000 Seiten entwirft Tartt ausgefallene Charaktere und Lebensläufe, schreibt von Kindern und ihren Eltern, dem Tod und dem Versuch, Verlust zu überwinden, von Freundschaft, Verrat und Liebe. Ein Buch, das davon zeugt, dass hier jemand jenseits aller Denkmoden, versucht, das Leben schreibend zu durchdringen.

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Vielleicht Esther © Suhrkamp Verlag

7. Katja Petrowskaja (13 Punkte)

"Vielleicht Esther", Suhrkamp

"Vielleicht Esther" heißt Katja Petrowskajas Debütroman, der auszugsweise schon im Sommer letzten Jahres mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist und zuletzt auch für den Leipziger Buchpreis nominiert war.
Petrowskaja erzählt darin ihre Familiengeschichte, die von Kiew über Warschau, Moskau und Odessa führt und schließlich in der Suche nach der eigenen Identität mündet. Dabei webt sie ein dichtes Netz aus Erinnerungen, Dokumenten und Bezügen; entwirrt es, knüpft es anders wieder zusammen und fügt neue Fäden hinzu: entstanden ist ein großartig erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert des Massenmords, der Deportationen und Kriege, in dem nationale Grenzen und Zuschreibungen von Volkszugehörigkeit über Leben und Tod entscheiden. Laut SPIEGEL schafft Katja Petrowskaja mit diesem Roman ein Kunstwerk, wie man es in der deutschsprachigen Literatur selten findet: eine Familiengeschichte, die weder von den literarischen Konventionen, noch von der historischen Last des erzählten Stoffes erdrückt wird.

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Als nur die Tiere lebten © Suhrkamp

8. Zsófia Bán (12 Punkte) NEU

"Als nur die Tiere lebten", Suhrkamp

Zsófia Báns 15 Erzählungen, die in dem Band "Als nur die Tiere lebten" zusammengefasst sind, handeln von der Vergangenheit. Von intimen Augenblicken des Erinnerns, die sich mit dem Jetzt verweben.
Mit Empathie und Spannung, aber ohne Pathos, erzählt Zsófia Bán von Liebe, Krankheit, Geburt, Emigration, Trauma und Tod. Ihre Figuren werden von der Vergangenheit eingeholt. Das Ineinanderfallen von Gegenwart und Vergangenheit zwingt die unterschiedlichen Protagonisten über getätigte Entscheidungen, Trauer oder Verluste nachzudenken.
Bán lässt Erzähl- und Zeitebenen miteinander verschwimmen, spielt mit dem Sprachrhythmus und beschreibt in unterschiedlichen Tonlagen, denen allesamt eine traurig-schönen Melancholie gemein ist, dass das Vergangene immer präsent ist.

Spuk & Geflunker © Ritter

ex aequo: Dominik Steiger (12 Punkte) NEU

"Spuk & Geflunker", Ritter

Wenige Monate nach Dominik Steigers Tod im Jänner 2014, erschien sein letztes Buch "Spuk & Geflunker". Es wirkt wie ein Memorandum, das auf die Essenz der poetischen Sprachkunst des vielseitigen Künstlers hinweist, der sich Zeit seines Lebens nie auf eine Rolle festlegen ließ.
Seine knappen, konzentrierten Texte entführen den Leser in eine traumhaft-surreale Welt. In den Grenzbereich von Traum, Vision, Mythologie und Alltag. Steiger schafft in seinen Geschichten Mikro-Kosmen, in denen er durch lautliche oder bildliche Assoziationen die Handlung konstruiert. Mit einfach anmutenden Sätzen erzählt er kunstvoll rätselhafte Geschichten – still, aufmüpfig, nachdenklich. Sein experimenteller und spielerischer Umgang mit der Sprache ist geprägt von unterschwelliger Ironie aber auch bestürzender Heiterkeit – Merkmale die sich auch in all den anderen Sparten des umfassenden künstlerischen Werks von Dominik Steiger wiederfinden.

Transatlantik © Rowohlt

10. Colum McCann (11 Punkte)

"Transatlantik", Rowohlt

Zwei Länder liegen Colum McCann besonders am Herzen: Irland und die USA. In Dublin wurde der 49-jährige Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor geboren, in New York lebt er seit 1986 mit seiner Familie. "Transatlantik" heißt sein neues Buch und es ist nicht weiter verwunderlich, dass er darin zwischen dem alten und dem neuen Kontinenten eine Brücke schlägt. Indem er wichtige Momente der amerikanischen und irischen Geschichte mit dem Schicksal dreier Frauen verwebt, gelingt es ihm einen ganz ungewöhnlichen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit zu werfen. So geht es etwa um den Kampf gegen die Sklaverei in den USA, den ersten Nonstop-Transatlantikflug im Jahre 1919 und die langwierigen Friedensverhandlungen im Nordirland-Konflikt. Anhand vier verschiedener Zeitebenen, die gekonnt miteinander verbunden sind, erzählt McCann einen ebenso kraftvollen wie vielschichten Roman, der laut New York Times Magazine "aus allen übrigen Neuerscheinungen klar hervorsticht."