DIE BESTEN 10 IM OKTOBER 2012

(c) Suhrkamp

1. Clemens J. Setz (45 Punkte) NEU

"Indigo", Suhrkamp

Wie ein Vexierspiel hat der aus Graz stammende Autor Clemens Setz seinen neuen Roman angelegt. Erzählt wird unter anderem von eigentümlichen gesundheitlichen Symptomen, die Menschen befällt, wenn sie mit Kinder mit dem Indigo-Symptom begegnen. Lebendig und verstörend erzählt Setz aus unterschiedlichen Perspektiven - auch aus der eines gewissen "Clemens Setz": "Man könnte sich kaputtgoogeln und käme doch nicht hinter dieses Erzählgeheimnis", so die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

(c) Hanser

2. Richard Ford (19 Punkte) NEU

"Kanada", Hanser Berlin

Alles beginnt in Montana, nahe der US-kanadischen Grenze. Die Eltern des Protagonisten haben eine Bank überfallen. Er selbst flieht als Teenager über die Grenze in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft - eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen soll. Mit Mitte sechzig setzt er sich nun mit seinem Leben auseinander. "Die Stimmung, die über dem Roman liegt, von Richard Ford meisterhaft inszeniert, ist die einer allumfassenden Machtlosigkeit gegenüber den Launen des Schicksals. Hier spricht einer, der versucht, sich im Kleinen zu sortieren, weil er gegenüber dem Großen kapitulieren musste.", lobt "Die Zeit".

(c) Residenz

3. Anna Weidenholzer (18 Punkte) NEU

"Der Winter tut den Fischen gut", Residenz Verlag

Eine Frau Ende vierzig, die ihren Job in einem Modegeschäft verloren hat, steht im Mittelpunkt des Romans der 28jährigen, aus Linz stammende Autorin. Mit sich, ihrer existentiellen und finanziellen Situation und ihren Nöten allein gelassen, reflektiert diese Maria, auf einer Parkbank sitzend, über ihr Leben - von der Gegenwart ausgehend bis zurück zu den Jugendjahren. Ein eindrucksvolles Porträt und zugleich eine Zustandsbeschreibung einer auf Arbeit, Erfolg und Jugendlichkeit ausgerichteten Gesellschaft.

(c) Hanser

4. A. L. Kennedy (17 Punkte)

"Das blaue Buch", Hanser

Eigenwillige Menschen, kuriose Biographien, seltsame Zusammentreffen – auf amüsante und tiefgründige Weise versteht die schottische Autorin, zu verwirren, zu überraschen und zu verzaubern. Sie entführt die Leser gemeinsam mit den Protagonisten auf eine Atlantik-Schifffahrt, während der es jede Menge private und übersinnliche Verwirrungen gibt.

(c) Wallstein

5. ex aequo: Teresa Präauer (13 Punkte)

"Für den Herrscher aus Übersee", Wallstein

Um das Fliegen geht es in dem Debutroman der erfolgreichen Illustratorin ("Die Gans im Gegenteil"): Zwei Kinder erhalten von ihrem Großvater Flugunterricht und lernen dabei viel mehr als nur das Fliegen. Leichtfüßig, aber mit zielgenauer Prägnanz verwebt Präauer Phantasie und Realität und beweist, dass das Spiel mit Sprache nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz erfreuen kann.

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(c) Hoffmann & Campe

5. ex aequo: Wolf Haas (13) NEU

"Verteidigung der Missionarsstellung", Hoffmann und Campe

Bereits die Kriminalromane, die den Österreicher Wolf Haas bekannt machten, wurden wegen ihrer literarischen Qualität gelobt. In seinem zweiten Roman zeigt sich einmal mehr seine Spielfreude, wenn er seinen jungen Protagonisten erst durch London auf die Suche nach einer Frau, dann quer durch die Welt schickt. Dazu lässt er sich selbst als Schreibender zu Wort kommen, unterbricht immer wieder die Handlung, experimentiert mit dem Schriftbild und beweist sich so als raffiniert-ungewöhnlicher Erzähler.

(c) Zsolnay

5. ex aequo: Olga Flor (13 Punkte)

"Die Königin ist tot", Zsolnay

Der in Graz lebende Autorin gelingt hier eine überzeugende Neuinterpretation von Shakespeares "Macbeth": Duncan ist ein US-Medienmogul, der Lady Macbeth entsprich die Figur der Europäerin Lilly, die mit vollem Körpereinsatz nach oben kommen will, und in ihrer schließlich gesellschaftlich etablierten Stellung den Königsmord mitinitiiert.

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(c) Aufbau Verlag

8. Barbara Frischmuth (11Punke)

"Woher wir kommen", Aufbau

Drei Lebensläufe, drei Schauplätze, drei Schicksalsschläge. Mit souveräner Leichtigkeit erzählt die österreichische Autorin von drei Frauen, die durch einschneidende Erlebnisse zu einem Neuanfang gezwungen sind. Vergangenes wird in Frage gestellt, Verschwiegenes zum Thema gemacht. Fazit: Erst wenn wir wissen woher wir kommen, können wir vielleicht verstehen, wie wir wurden und wer wir sind.

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(c) Galiani

8. ex aequo: Michail Bulgakow (11 Punkte) NEU

"Meister und Margarita", Galiani

Ende der sechziger Jahren erschien diese inzwischen berühmte phantasiereiche Satire auf den Stalinismus. Mehr als ein Jahrzehnt hatte Bulgakow an ihr gearbeitet, das Buch konnte in der Sowjetunion allerdings erst nach seinem Tod und nur zensiert erscheinen. Der Übersetzer Alexander Nitzberg hat nun die an Anspielungen und Merkwürdigkeiten pralle und lebendige Geschichte neu übersetzt und ihre sprachlichen Finessen behutsam herausgearbeitet.

(c) Jung & Jung

10. Ursula Krechl: (9 Punkte) NEU

"Landgericht", Jung und Jung

Zurück in die Nachkriegszeit geht die deutsche Autorin Ursula Krechel in diesem Buch, der sich wie ihr erster Roman mit den Folgen der NS-Zeit beschäftigt . Der Patentrichter Kornitzer musste als Jude im kubanischen Exil flüchten, nun ist er wieder in seiner Heimat und versucht in einem Landesgericht Fuß zu fassen. Unaufgeregt, mit großer Intensität und historischen Genauigkeit beschreibt Krechel die Abwehrhaltung eines politischen und gesellschaftlichen Systems gegenüber Veränderungen und der Aufarbeitung der NS-Zeit.

(c) Langen Müller Verlag

Der persönliche Tipp von Wolfgang Paterno (Falter, Profil)

Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende, Langen Müller

Es ist ein Moment des Unsagbaren. Eines Morgens findet ein Universitätslehrer seinen 17-jährigen Sohn mit toten Augen im Bett. Der Vater verständigt die Rettung, wie unbeteiligt nimmt der Geschockte das Geschehen wahr. Das Jaulen des Folgetonhorns ertönt, blaues Licht zuckt an Häuserwänden, ein Notarzt und zwei Sanitäter kümmern sich vergebens um den Jungen.

Wolfgang Hermanns neuer Roman "Abschied ohne Ende" berichtet von der aussichtslosen Anstrengung des Erzählers, Tod und Trauer zu verarbeiten – und sucht, thematisch mit Peter Handkes "Wunschloses Unglück" verwandt, die Tragik eines jähen Lebensendes in große Literatur zu verwandeln. Der Autor vermeidet jede Larmoyanz, erzählt schonungslos offen, und er lässt seinen Protagonisten der klaren Sprache des Romans zum Trotz an einem möglichen Verständnis der Katastrophe scheitern: die Erfahrung des Todes als ein Stieren ins Bodenlose. Das narrative Gerüst von "Abschied ohne Ende" orientiert sich lose an der Chronologie der Ereignisse, die Identität des Vaters bleibt – um Ich- und Sinnverlust zu zeigen – weitestgehend im Vagen. Manisch und mit unaufhörlichen Variationen wird der Schmerz umkreist und erkundet: "Seit Fabius’ Tod hatte ich keinen tiefen Atemzug mehr getan", protokolliert der Zurückgelassene: "Mein Rücken fühlte sich wund an, und wie ich mich im Bett auch drehte, ich lag darin wie ohne Haut. Die im Zimmer gefangene Nacht war aus festem Material. Zu einem Klumpen gefroren, bewegungslos lag sie auf meiner Brust".

Einerseits sind hier Tod und Trauer in Literatur transformiert. Andererseits verdankt der Ich-Erzähler die Bewältigung seiner existenziellen Not letztlich der Literatur. Er vertieft sich in Robert Walsers Prosaminiatur "Der Spaziergang". Walser, der Apologet des Allerkleinsten, der Virtuose der verzweifelten Leichtigkeit, lehrt die von Tod und Trauer Betroffenen, dass trotz allem das "Leben noch hier war, um uns, in uns".