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DIE BESTEN 10 IM FEBRUAR

 
1. Julian Barnes (26 Punkte)
(c) Kiepenheuer & Witsch
"Vom Ende einer Geschichte", Kiepenheuer & Witsch

Wie wir unser Leben per Erinnerung so zurechtbiegen, dass alles einigermaßen nett aussieht und vor allem wir selbst nie als Bösewicht dastehen: Julian Barnes hat darüber mit "Vom Ende einer Geschichte" einen klugen und gleichermaßen melancholischen wie bitterbösen Roman geschrieben.
Im Zentrum steht eine Person, deren Ziel es ist, ohne allzu viel Schmerzen und Störfälle sein Leben bestreiten zu können: Hochzeit, Kind, Scheidung, das komplette Programm. Der 65-jährige Booker-Preisträger Barnes lässt seinen Ich-Erzähler die Geschichte einer Jugendbeziehung aus zwei zeitlich unterschiedlichen Perspektiven erzählen. "Vom Ende einer Geschichte" ist ein literarischer Rückblick, ein Verwirrspiel mit Sprache, Ort und Zeit.
2. Stewart O'Nan (19 Punkte) NEU
(c) Rowohlt
"Emily allein", Rowohlt

Die knapp achtzigjährige Witwe Emily Maxwell, die in ihrem Haus Pittsburgh lebt, steht im Mittelpunkt dieses Romans. Autor Stewart O´Nan schildert hier zwar auch die Unannehmlichkeiten des Alters und die zunehmende Einsamkeit, mehr aber geht es ihm darum, wie seine Protagonistin den Widrigkeiten begegnet: nämlich mit Erinnerungen an früher, aber auch mit Heiterkeit und Unternehmungslust. "Kaum jemand hat die Ödnis des Alltags, das Nachlassen der Kräfte und den gleichzeitigen Lebenswillen eines alten Menschen mit solcher Klarheit und solchem Gleichmut beschrieben", so Ulrich Rüdenauer in "Die Zeit".
3. Josef Bierbichler (17 Punkte) NEU
(c) Suhrkamp
"Mittelreich", Suhrkamp

Der deutsche Film- und Theaterschauspieler geht in seinem Debutroman in die Vergangenheit zurück und der Geschichte seiner Vorfahren nach. "Wie die Axt im Walde" schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", wütet er "gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus". Ungeschönt und kunstvoll beschreibt er zudem mit einer wuchtigen, teils literarischen, teils lakonisch-bäurischen Sprache Krieg und Kunstfeindlichkeit, pervertierte Lüsternheit und Bigotterie.

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4. Judith Schalansky (15 Punkte)
(c) Suhrkamp
"Der Hals der Giraffe", Suhrkamp

Sie heißt Inge Lohmark, lehrt an einer DDR-Schule Biologie und kennt die unbarmherzigen Gesetze der Natur. Und unbarmherzig ist sie auch den Schülern und sich selbst gegenüber - meint sie doch, dass der Darwinismus auch das menschliche Leben und Handel zu bestimmen habe. Judith Schalansky, die als Kind die DDR noch erlebte, zeichnet die oft grotesk-verstiegenen Gedankengänge der Hauptfigur trocken und präzise auf – und hat so die überzeugende Studie eines Menschen geschaffen, der sich, besessen von der Wissenschaft, von der Welt zunehmend entfernt.
5. ex aequo: Sherwood Anderson (12 Punkte) NEU
(c) Manesse
"Winesburg, Ohio", Manesse

Mit diesen neu übersetzten Kurzgeschichten über eine fiktive Kleinstadt, die von seinem eigenen Heimatort inspiriert wurden, wird der große amerikanische Dichter Sherwood Anderson (1876–1912) für die deutschsprachigen Leser wiederentdeckt. Geschrieben sind sie aus der Perspektive eines jungen Lokalreporters, der den Menschen, die sich "im Schatten der Mauer des Lebens" bewegen, begegnet. Voll Feingefühl schildert Anderson die Figuren und macht zugleich Stimmungen und Orte auf besondere Weise plastisch.
5. ex aequo: Daniil Charms (12 Punkte) NEU
(c) Galiani
"Du siehst mich im Fenster" (Werke, Bd.4), Galiani

Aus Autobiographischem besteht der vierte und letzte Band der Werkausgabe des russischen Dichters (1905 – 1942), der mit seinem grotesken Sprachwitz und seinen absurden Geschichten seiner Zeit weit voraus war. Tagebuchaufzeichnungen und Notizen, Briefe und Essays zeigen ihn als verspielt-kreativen, immer wieder aneckenden, selbstironischen Querkopf und Querdenker, der auch immer wieder über die Zeit und seine eigenen Existenzsorgen sinniert hat.
7. ex aequo: Thomas Bernhard/ Nicolas Mahler (11 Punkte)
(c) Suhrkamp
"Alte Meister – gezeichnet von Mahler", Suhrkamp

Drei Männer im Kunsthistorischen Museum: der eine ist Museumswächter, die anderen beiden sind Freunde. Das Treffen vor dem Gemälde von Tintoretto artet in einen typischen Thomas Bernhard´schen Rundumschlag aus – auf die Philosophie und das Theater, die Kunst und die Menschen schlechthin. Der in Wien lebende Zeichner Nicolas Mahler hat den Text komprimiert und eine originell-amüsante Graphic Novel daraus gemacht.

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7. ex aequo: Hans Joachim Schädlich (11 Punkte) NEU
(c) Rowohlt
"Sire, ich eile", Rowohlt

Der 1935 geborenen Schriftsteller lässt zwei große historische Figuren aufeinander treffen: Friedrich II. und den Philosophen Voltaire. Erst brieflich, später auch persönlich setzen sie sich mit Macht, Machtanspruch und der Aufklärung auseinander, wobei gegenseitige Bewunderung das Verhältnis der beiden zu einander ebenso prägt wie der Versuch, Vorteile aus der Bekanntschaft zu ziehen. "Ein Text", so die FAZ, "dessen Bedeutung sich wieder einmal in einem höchst präzisen Umgang mit der Sprache, in dem bewusst gewählten Wort und, in diesem besonderen Fall, auch in den sinnstiftend gegeneinander gesetzten historischen Fakten eröffnet."
9. ex aequo: Ilja Ilf/ Jewgeni Petrow (10 Punkte) NEU
(c) Eichborn
"Das eingeschossige Amerika", Eichborn

Quer durch die USA sind Mitte der 1930er Jahre die beiden Autoren Ilja Ilf und Jewgeni Petrow im Auftrag der "Prawda" gereist, um für ihr Blatt das Leben in diesen Land minutiös zu dokumentieren. Fast nichts entgeht ihnen, weder die Eigenheiten des American Way of Life noch das Gefälle zwischen Arm und Reich, auch nicht die Mainstream-Unterhaltung und der Konsumwahn. Satirische Töne, ein scharfer Blick und die während des Umherfahrens aufgenommenen Fotos machen das Ganze zu einem Reisebericht der besonderen Art.

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9. ex aequo: Howard Jacobson (10 Punkte) NEU
(c) DVA
"Die Finkler-Frage", DVA

Das erste und bisher einzige auf Deutsch übersetzte Buch des britischen Booker-Preisträgers widmet sich klug und pointiert einem in wichtigen Dingen des Lebens gescheiterten Mann, dessen größter Traum ist, endlich als Jude zu gelten. Als er bei einem Überfall als "Jude" beschimpft wird, wähnt er sich endlich als einer von ihnen – und übertreibt es zwangsläufig ein wenig zu sehr mit der Zughörigkeit. Mit beißendem Humor, ohne das Tragische zu kurz kommen zu lassen, schildert Jacobson diese Identitätssuche und –findung, aber auch die ambivalenten Haltung, die viele Juden ihrem eigenen Jude-Sein und dem Thema Israel entgegenbringen.
9. ex aequo: Nadeschda Mandelstam (10 Punkte) NEU
(c) Suhrkamp
"Erinnerungen an Anna Achmatowa", Suhrkamp

Sie war eine Gefeierte und Verfehemte, Verehrte und Verhaßte: die 1889 geborene und 1966 verstorbene Anna Achmatowa, eine der größten Schriftstellerinnen ihrer Zeit und zugleich eine der intellektuellen Feind-Figuren des stalinistischen Russland. Ihre Freundin Nadescha Mandelstam, die Frau des Schriftstellers Ossip Mandelstam, der auch Achmatowas Geliebter war, hat ihr in diesem posthum veröffentlichten Text voll Bewunderung ein Denkmal gesetzt, das die charakterlichen Schattenseiten dennoch nicht ausspart.
9. ex aequo: Kurt Palm NEU (10 Punkte)
(c) Residenz
"Die Besucher", Residenz

In "Die Besucher" schildert der Autor und Regisseur Kurt Palm einen Albtraum im klassischen Stil der amerikanischen Mystery-Romane mit beängstigendem Szenario: ein erfolgreicher Journalist mit gut funktionierendem Umfeld verliert von einem Moment auf den anderen den Boden unter den Füßen. Plötzlich tauchen unheimliche Fremde im Keller und auf dem Dachboden auf, die Mutter liegt im Sterben, dazu kommen ein Beziehungskrise und die Überforderung im Job. Kurt Palm hat in seinem neuen Roman einen düsteren Gegenentwurf zur Provinz-Krimi-Groteske "Bad Fucking" gewagt, mit viel Ironie zwischen den Zeilen. Eine Horrorgeschichte mit bizarren Details, äußerst spannend und subtil humorvoll.
Der persönliche Tipp von Erich Klein
Warlam Schalamow: Erzählungen aus Kolyma in vier Bänden: "Durch den Schnee", "Linkes Ufer", "Künstler der Schaufel", "Die Auferweckung der Lärche" sowie der Band "Über Prosa" sind bei Matthes & Seitz erschienen.


Warlam Schalamow (1907-1982) ist in Russland synonym mit "Gulag". Mitte der 1930er Jahre wegen "Trotzkismus" und der Verbreitung von Lenins "Testament" (in dem dieser vor Stalin gewarnt hatte) verhaftet, verbringt Schalamow insgesamt siebzehn Jahre in diversen Lagern. Vor allem in Kolyma, dem Kältepol des Gulag der äußerste Nordosten Russlands, wo bei winterlichen Temperaturen bis minus 60 Grad zwischen 70.000 und 100.000 Häftlinge Gold abbauen. Als Schalamow 1937, zur Zeit des "Großen Terrors", nach Kolyma kommt, werden 12.000 Gefangene hingerichtet. Er arbeitet in Kohlengruben, beim Straßenbau, als Waldarbeiter. Nach diversen Aufenthalten im Lagerkrankenhaus wird er schließlich "privilegierter" Arzthelfer. Ende der 1950er-Jahre nach Moskau zurückgekehrt, macht sich Schalamow an die Verfassung der "Erzählungen aus Kolyma". Der spätere Nobelpreisträger Solschenizyn attestierte dem Verfasser der im Samisdat kursierenden Erzählungen - "viel schlimmere" Lager selbst er- und überlebt zu haben. Die Aufforderung, gemeinsam eine Abrechnung mit dem kommunistischen Terror zu verfassen, lehnte Schalamow ab. Die ästhetischen Auffassungen über den "Versuch einer künstlerischen Verarbeitung" der 20 Millionen Toten des Stalin-Regimes, wie sie Solschenizyn mit dem "Archipel Gulag" unternahm, sind zu divergent. "Wer aus der Hölle zurückkehrt", schreibt Schalamow in einem seiner philosophisch-poetologischen Fragmente später, "bringt nichts mit". Nichts, was für die Menschheit von Nutzen sein könnte.

Schalamows bezeichnet seine Texte als "Anti-Erzählungen". Vor allem ist er von der Idee besessen, traditionelles realistisches Erzählen müsste überwunden werden, weil es der "humanistischen Literatur" nicht gelang, die Schrecken des 20. Jahrhunderts zu verhindern. Es sind nicht Sätze wie "Wir verstanden, dass der Tod kein bisschen schlimmer ist, als das Leben, und fürchteten weder das eine noch das andere" oder politische Überlegungen über die nie erfüllbaren Arbeitsbedingungen und -normen, was die Essenz der meist fünf, sechs Seiten langen Geschichten ausmacht. Vor allem die kleinen Gesten und geringen Vorkommnisse des Lagerlebens werden monumental geschildert: Wie etwa ein Heringskopf oder -schwanz verzehrt, dessen Gräten gekaut werden, ein Essgeschirr bis zum Boden ausgeleckt oder ein Stück Brot so lange im Mund herumgedreht wird, bis es sich in ein Bonbon verwandelt. Schalamow scheut aber auch nicht den "großen" Vergleich: "An den Toren der deutschen Lager steht ein Nietzsche-Zitat: 'Jedem das Seine.' Berija ahmte Hitler nach und übertraf ihn an Zynismus." An wen sich die Provokation richtet ist dabei klar. Weit entfernt von allen metaphysischen Spekulationen über die Einzigartigkeit von Konzentrationslagern besteht Schalamows Kunst darauf, in und von der Hölle zu erzählen, als handle es sich um eine bekannte Welt: Grobheit, Misstrauen, jeder ist sich selbst der Nächste, alle Abstufungen an Verschlagenheit und Niedertracht, Verrat und Gewalt bis zu Mord und Totschlag. Schalamow erzeugt dabei weder einfach erzählerische Spannung noch befriedigt er bloßen Voyeurismus. Eine seiner Formeln für diesen Zustand lautet: "Jeder Moment des Lagerlebens ist ein vergifteter Moment". Und die bitterste Einsicht lautet: "Wenn wir überleben, werden wir einander ungern wiedersehen".

Schalamow gelingt Literatur nach dem Gulag, weil er erzählt, als wäre ein Autor wie Tschechow dorthin geraten, der davon berichtet, dass die ganze Welt nur noch aus einem Lager besteht. Gäbe es einen Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts, stünde Warlam Schalamow in unmittelbarer Nähe von wie Kafka oder Beckett.
bar
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