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DIE BESTEN 10 IM SEPTEMBER

 
1. Karl-Markus Gauß (63 Punkte)
(c) Zsolnay
"Im Wald der Metropolen", Zsolnay

Er gilt als einer der kritischsten Intellektuellen Österreichs: Karl-Markus Gauß, der mit seinem genauen Blick auf die Welt eine Vielzahl von literarischen Genres speist. Für seine "brillanten Essays und Journale" hat der Salzburger Autor gerade den "Johann-Heinrich-Merck-Preis" bekommen. In seinem neuen Buch "Im Wald der Metropolen" verbindet er geschickt Versatzstücke von Reiseerzählung, Reportage, Bildungsroman und Autobiographie und spannt so einen weiten Bogen von Frankreich nach Rumänien, von Thüringen bis zur Metropole Istanbul. Kaleidoskopartig werden die Aspekte der weit verzweigten europäischen Kulturgeschichte widergespiegelt. Als roter Faden dienen dabei das Motiv der Reise und ein "erzählendes Ich", das - ganz gegen sonstige Konventionen - über weite Strecken mit dem Autor Karl-Markus Gauß gleichgesetzt werden darf. So verschmelzen Reiseerinnerungen vom Niemandsland in der Slowakei und Großstädten wie Bukarest und Belgrad mit zufälligen Begegnungen und daraus resultierende Assoziationen zu einer europäischen Entwicklungsgeschichte, die gleichzeitig auch viel über Karl-Markus Gauß und seine bisherige Arbeit preisgibt.

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2. Erich Hackl (21 Punkte) NEU
(c) Diogenes
"Familie Salzmann", Diogenes

Im Dezember des Jahres 1944 kommt im Konzentrationslager Ravensbrück die gebürtige Steirerin Juliana Salzmann ums Leben. Ein halbes Jahrhundert später wird ihrem Enkel der Satz "Meine Oma ist in einem KZ umgekommen" zum Verhängnis: an seinem Arbeitsplatz, der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz, wird er Opfer eine antisemitischen Mobbing-Kampagne. "Eine Erzählung aus unserer Mitte" nennt der österreichische Autor diese ebenso verstörende wie empörende Geschichte, mit der er einmal mehr beweist, dass in den so genannten "großen Zeiten“ die so genannten "kleinen Leute“ sehr leicht unters Rad geraten. "Familie Salzmann“ ist eine beeindruckende Geschichte, mit der Erich Hackl an Bücher wie "Abschied von Sidonie“ und "Die Hochzeit von Auschwitz“ anschließt.

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3. Herman Charles Bosman (15 Punkte)
(c) Edition Büchergilde
"Mafeking Road", Edition Büchergilde

Hermann Charles Bosman (1905-1951) gilt zwar als der bedeutendste südafrikanische Autor von Kurzgeschichten, doch bislang war er im deutschen Sprachraum unbekannt. Michael Kleeberg hat nun erstmals eine Sammlung seiner kurzen Erzählungen übersetzt und ein euphorisches, aber auch informatives Nachwort hinzugefügt. Erschienen ist der Band in der Reihe "Weltlese", die von Ilija Trojanow herausgegeben wird. Bosmans Geschichten spielen alle im Norden Südafrikas wo jemand, der ein Taschentuch benutzt schon als Engländer erkannt wird. Es leben raue Menschen dort, die Bosman in einfachen, mitunter drastischen Geschichten zu Wort kommen lässt. Sie sind aber nur auf den ersten Blick locker erzählt, denn Bosman arbeitet sehr genau und weiß mit dem Spannungsbogen umzugehen, wie auch eine Pointe zu setzen. So entsteht ein kleiner Kosmos, der von höchst eigenwilligen Typen besetzt ist und jetzt entdeckt werden kann.
4. Angelika Reitzer (13 Punkte) NEU
(c) Residenz Verlag
"unter uns", Residenz

"unter uns" ist ein Familienroman, der eigentlich keiner sein sollte und es dann doch wurde – so die Autorin Angelika Reitzer. Bekannt ist die Grazerin für ihre Sprachexperimente. Auch in ihrem neuesten Buch werden lineare Erzählstränge nur bedingt eingehalten, verschiedenste Zeitebenen überlagern sich, die Erzählperspektiven ändern sich permanent. In "unter uns" gibt es keine Geschichten, nur Textfragmente, der Roman beginnt und endet nicht wirklich.
Im Zentrum des Geschehens stehen familiäre Gemeinschaften, lose Beziehungen und lockere Netzwerke, Menschen, die von einer prekären Arbeitssituation in die nächste stolpern. Der Roman handelt von Versagensängsten geplagten Figuren, die mitten im Leben stehen, sich aber immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg befinden.
Clarissa, die Hauptperson im Roman, versucht dem Druck der Gesellschaft durch Verschwinden zu entkommen. Mit ihr inszeniert Angelika Reitzer eine scheinbar nicht lebensfähige Figur, die ihren gut bezahlten Job und ihr teures Loft aufgibt, um bei Freunden im Keller unterzukommen.
"Ich versuche mich hier in einem Bach, der nicht mal einen halben Meter tief ist, zu ersäufen. Die Leute zahlen mit ihrem Leben für die allgemeinen Niederlagen."
5. ex aequo: Ferdinand von Schirach (12 Punkte) NEU
(c) Piper Verlag
"Schuld", Piper

Es sind fünfzehn Fälle aus der Praxis, die der Autor und Anwalt Ferdinand von Schirach in Literatur verwandelt hat. Gekonnt und spannend werden grausame, schockierende Geschichten, die man von den Schlagzeilen der Zeitungen kennt, in Erzählungen verpackt.
Ein Beispiel: Eine junge Ehefrau wird von ihrem Mann jahrelang misshandelt. Lange Zeit hält sie durch und das nur wegen ihrer kleinen Tochter und der Illusion von Familie. Irgendwann geht es nicht mehr und es kommt zum Eklat mit Totschlag.
2009 hat der in München geborene Autor mit seinem ersten Erzählband "Verbrechen" einen gewaltigen Erfolg erzielt. In seinem neuesten Buch wachsen die einzelnen Berichte noch mehr zu einem verstörenden Zyklus zusammen, in dem nichts gilt: Täter bleiben unbestraft, Opfer werden übergangen, Schuldlose schuldig gesprochen.
Wo befindet sich die Grenze? Wann wird der Gedanke zur Tat? Ferdinand von Schirach blickt in die Untiefen der menschlichen Seele, ohne zu verurteilen und sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
5. ex aequo: Laurence Sterne (12 Punkte)
(c) Galiani Berlin
"Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick", Galiani Berlin

Nur zwei Bücher hat der aus England stammende Autor Laurence Sterne (1713-1768) geschrieben, aber beide erlangten Weltruhm: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy Gentleman" und "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick". Letzteres liegt nun, unter Weglassung aller bisherigen Übertragungen, in einer neuen deutschen Übersetzung von Michael Walters vor. Laurence Sterne gilt als Urvater des modernen Romans, einige Literaturwissenschaftler behaupten sogar, ohne sein Werk "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien", also ohne diese im Vorhinein geleistete "Demokratisierung" der Wahrnehmung, wären "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe nicht denkbar.
Reverend Yorick, Ich-Erzähler und Alter Ego Sterns, macht sich seiner angeschlagenen Gesundheit wegen auf die Reise nach Frankreich und Italien. Höchst unterhaltsam schildert Yorick von seinen Eindrücken, Erlebnissen sowie auch erotischen Begegnungen. Anders als etablierte Reiseberichte jener Zeit, ging es dem Autor vor allem um subjektive Erfahrungen, um das Innenleben der Hauptfigur.
5. ex aequo: Christa Wolf (12 Punkte)
(c) Suhrkamp
"Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", Suhrkamp

Die literarische Laufbahn von Christa Wolf ist eng verwoben mit der Entwicklung und dem Ende der DDR. Mit großer Offenheit beschreibt sie in ihrem neuesten Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" sowohl ihre kurzfristige Zusammenarbeit mit der Stasi Ende der 1950er Jahre, die ihr viel Kritik eingebracht hat, als auch die jahrzehntelange Bespitzelung in der DDR, deren Opfer sie war. Ihre so genannte "Täterakte" ist ein schmales Heftchen, ihre "Opferakte" umfasst 43 Ordner.
Den Rahmen des Romans mit autobiographischen Details der Autorin bildet ein Aufenthalt Wolfs Anfang der Neunziger Jahre als Stipendiatin der Getty-Foundation in Los Angeles – der Stadt der Engel. Ihr Forschungsobjekt sind die Briefe einer gewissen L. aus dem Nachlass einer verstorbenen Freundin, deren Schicksal sie nachspürt – eine Frau, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA emigrierte. Wolf beobachtet die amerikanische Lebensweise, taucht ein in die Vergangenheit des "New Weimar unter Palmen", wie Los Angeles als deutschsprachige Emigrantenkolonie während des Zweiten Weltkriegs genannt wurde.
Im Buch "Stadt der Engel", das eine Mischung aus Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungspassagen, Traumerzählungen und fiktiven Passagen ist, durchwandert man als Leser noch einmal das fatale 20. Jahrhundert.

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8. José Saramago: (11 Punkte) NEU
(c) Hoffmann und Campe
"Die Reise des Elefanten", Hoffmann und Campe

Eine sinnlose Demonstration der Macht, eine Qual für Mensch und Tier steht im Mittelpunkt des Romans des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers, den er, bereits schwer krank, zwei Jahre vor seinem Tod fertig stellte: König Johann von Portugal lässt im Jahr 1551 den Elefanten Salomon mit seinem Begleiter als Geschenk zu Erzherzog Maximillian von Österreich bringen. Das Aufsehen und der Aufwand sind gewaltig: Der Elefant wird zur Projektionsfigur von Gut und (vor allem) Böse. Saramago spart nicht mit leichtfüßigem Spott gegenüber den Machthabern und geißelt sarkastisch die Angst vor Fremden und Fremdem und auch das zerstörerische Wirken der heutigen Gesellschaft. "Ein heiteres, wenn auch melancholisches Divertimento, in dem der Autor spielerisch seine erzählerischen Mittel und Möglichkeiten vorführt, um sie gleichzeitig zu dekonstruieren", so die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
9. ex aequo: Michael Köhlmeier (10 Punkte) NEU
(c) Hanser Verlag
"Madalyn", Hanser

Plötzlich steht Madalyn vor der Tür des Wiener Schriftstellers Sebastian Lukasser. Madalyn, das 14-jährige, einsame Mädchen mit dem wirr gelockten Haaren aus der Nachbarswohnung, zieht den nicht weniger einsamen 60-jährigen Mann Hals über Kopf in ihr höchst kompliziertes Teenager-Leben. Sie ist verliebt, zum ersten Mal und es ist nicht leicht, denn der Auserwählte ist ein kleinkrimineller Junge aus ihrer Schule namens Moritz.
Der Vorarlberger Michael Köhlmeier gehört zu den meist gelesenen deutschsprachigen Autoren. Seit jeher setzt er sich damit auseinander, aus welcher Perspektive berichtet werden soll. In diesem Buch geht der renommierte Geschichtenerzähler ein literarisches Wagnis ein, indem er sein Alter Ego Sebastian Lukasser die Geschichte des jungen, verknallten Mädchens erzählen lässt. Erfolgreich – wie Fachkritiker behaupten. Michael Köhlmeier ist mit diesem schmalen Band ein großes Buch über die Wirrnisse der ersten großen Liebe gelungen.

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9. ex aequo: Elizabeth Strout (10 Punkte) NEU
(c) Luchterhand
"Mit Blick aufs Meer", Luchterhand

Zwanzig Jahre Kleinstadtleben im amerikanischen Maine, gesehen aus der Perspektive einer mit einem Apotheker verheirateten, scharfzüngigen und scharf denkenden Mathematiklehrerin, die ihr großes Herz und Mitgefühl für Menschen aller Altersklassen gekonnt hinter ihrer Ruppigkeit verbirgt. Doch nicht nur um ihr Leben geht es. Die 1956 geborene hierzulande wenig bekannte und selbst aus Maine stammende amerikanische Erfolgsautorin erschafft einen ganzen Kosmos an Einzelschicksalen, beschreibt Glück und Freude, Trauer und Schmerz der Bewohner des properen Städtchens. Dabei hält sie behutsam das Gleichgewicht zwischen dem Banalen und dem Allgemeingültigen. "Wer im Roman nicht nur die Kunst sucht, sondern auch ein Abbild des Lebens", begeisterte sich "Die Zeit" für das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Werk, "wird in diesem Buch klassisches Leseglück finden."
Der persönliche Tipp von von Klaus Amann, Universität Klagenfurt
(c) Wieser Verlag
Florjan Lipuš: "Boštjans Flug". Aus dem Slowenischen v. Johann Strutz, Wieser-Verlag

Was Thomas Bernhard einst über das Werk der aus Kärnten stammenden Christine Lavant gesagt hat, gilt heute für den bedeutendsten Dichter unter den Kärntner Slowenen, für Florjan Lipuš. Sein Prosawerk ist "große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist". Lipuš erzählt seit seinem ersten Roman "Der Zögling Tjaž", den Peter Handke 1981 (zusammen mit Helga Mračnikar) ins Deutsche übersetzte, vom Leben und Sterben der Menschen aus den zweisprachigen Tälern und Gräben Südkärntens, das den Einzelnen zwischen den Mächten der Kirche, der Sprache, des Besitzes und der Politik verwüstet und zerstört. Aber er erzählt auch von den (wenigen) Glücklichen, denen der Ausbruch oder die Selbstrettung gelingt. Im Roman "Boštjans Flug" ist dies ein in Einsamkeit und Trauer versunkener Knabe, dessen Kindheit und Jugend von Verlusten unauslöschlich geprägt sind: von der Deportation der Mutter und ihrer Ermordung in Ravensbrück, wo so viele Kärntner Sloweninnen gestorben sind, während ihre Männer, wie auch der Vater Boštjans, für Hitler in den Krieg ziehen mussten, vom Tod der geliebten Großmutter, des letzten Menschen, den der Bub in seiner Verlassenheit noch hatte und vom Verlust des Mutter- und Großmutterhauses. Die rettende Begegnung mit Lina, seiner ersten Liebe, lässt ihn nicht nur ‚fliegen’, sie bedeutet auch die Rückgewinnung der Erinnerung und damit die Hoffnung auf Aussöhnung mit seinen Verlusten. In seiner sprachlichen und ästhetischen Form braucht der Roman den Vergleich mit den großen Beispielen der europäischen Gegenwartsliteratur nicht zu scheuen. "Boštjans Flug" von Florjan Lipuš ist ein Leuchtturm für die Literatur im Meer des gefällig Geläufigen.
bar
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