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DIE BESTEN 10 IM JUNI

 
1. Anna Mitgutsch (31 Punkte)
(c) Luchterhand
"Wenn du wiederkommst", Luchterhand

Die österreichische Autorin Anna Mitgutsch beindruckt einmal mehr mit einem Roman über Menschen am Wendepunkt. "Wenn Du wiederkommst" ist aus der Warte einer Frau geschrieben, die mit dem plötzlichen Tod ihres amerikanischen Ex-Mannes konfrontiert wird. Doch in dem, in Boston spielenden Roman geht nicht nur um Trauerarbeit, Abschiedsrituale und das mitunter unangemessene Verhalten von Freunden und Verwandten. Die Ich-Erzählerin lässt auch Ausschnitte aus dem einstigen Beziehungsalltag Revue passieren - samt Trennungen, Freuden und Zweifel. Trotz des Themas keineswegs ein deprimierendes Buch, sondern ein lebensnaher Bericht über einen Prozess des Loslassen, Ordnens und Versöhnens.
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2. Mark Twain (21 Punkte)
(c) Hanser Verlag
"Tom Sawyer & Huckleberry Finn", Neuübersetzung: Andreas Nohl, Hanser

Ich bin kein Amerikaner, ich bin DER Amerikaner", so der Jahrhundertschriftsteller Mark Twain, dessen Werk die amerikanische Literatur maßgebend geprägt hat. Seine Romane "Tom Sawyers Abenteuer" und "Huckleberry Finns Abenteuer" wurden zu Klassikern der Weltliteratur und sind jetzt, anlässlich des 100. Todestages des US-Romanciers, in einer Neuübersetzung von Andreas Nohl erschienen. Im Unterschied zu früheren Übertragungen ins Deutsche, wird hier - gleich dem Original - auf alles Artifizielle verzichtet. Eine besondere Herausforderung, denn Mark Twain hat mit Perspektivenwahl und Sprachduktus nicht nur neue literarische Maßstäbe gesetzt. Er hat Werke für Jung und Alt geschaffen, deren Vielschichtigkeit oftmals durch Kürzungen - in Hinsicht auf kindgerechte Versionen - beschnitten wurde.
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3. Friederike Mayröcker (19 Punkte) NEU
(c) Suhrkamp
"ich bin in der anstalt", Suhrkamp

Dass sie eine der größten deutschsprachigen Dichterinnen der Gegenwart ist, beweist Friederike Mayröcker auch mit diesem, lange erwarteten, neuen Prosa-Band, der eine Hommage an den von der Autorin bewunderten Jacques Derrida ist. Auch dieser Prosa-Text hat, wie stets bei Mayröcker, mehr mit Poesie zu tun denn mit narrativer Literatur im herkömmlichen Sinne. Es ist nichts Geringeres als das Geheimnis der eigenen Identität und damit der eigenen Existenz im Angesicht des Todes, dem hier, entsprechend der Fußnotenform, akribisch und mit der Lust am Ausschweifen nachgegangen wird. Wie immer bei Mayröcker sind es Realitäts- und Traumfragmente, Alltagsblitzlichter und Lektürebruchstücke, die zu einem poetischen Universum voller Leichtsinn, Schwer- und Sanftmut verwoben werden. Auch aus diesem radikal-aufrichtigen Alterswerk Friederike Mayröckers spricht eine Lebensbejahung, die ihre eigene Verneinung und den Schmerz ob des ungefragten Geworfenseins in die Welt stets mitdenkt. Die letzte Fußnote lautet: "Ich bin die geprügelte Seele eines Hundes, sage ich zu IHM, die Stunden die Wochen die Jahre seien so rasch vergangen als säsze man im Zug und die Landschaft flöge vorbei und das Ende der Reise sei nahe".

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4. Iris Hanika (18 Punkte)
(c) Droschl
"Das Eigentliche", Droschl

Im weitesten Sinne geht es um Erinnerung, um das Gedenken an den Holocaust. Aber eben nur im weitesten Sinne, denn für den Protagonisten Hans Frambach ist die Shoa die Sinnstiftung, um die sein Leben kreist. Frambach ist Archivar im "Institut für Vergangenheitsbewältigung", einem Ort, wo "die Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem Eigentlichen erklärt" wird. Frambachs zentrale Frage ist die nach der Schuld und dem Unglück, dem er sich verpflichtet fühlt. Die deutsche Autorin Iris Hanika, 2008 mit ihrem Debütwerk "Treffen sich zwei" für den Deutschen Buchpreis nominiert, gelang mit "Das Eigentliche" ein intelligent gemachter Roman über die jüngste Vergangenheit und wie sie sich im Privaten wie Politischen der Gegenwart auswirkt.
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5. ex aequo: Ingeborg Bachmann (16 Punkte)
(c) Suhrkamp
"Kriegstagebuch", Suhrkamp

Dass eine widerständige Haltung auch in einer ideologisch vom Nationalsozialismus verblendeten Familie während des Zweiten Weltkriegs möglich war, beweist nicht zuletzt Ingeborg Bachmann. Ihr soeben erstmals vollständig aus dem Nachlass publiziertes Kriegstagebuch vom Spätsommer 1944 bis zum Juni 1945 macht deutlich, dass diese Autorin, die nach wie vor zu den beeindruckendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zählt, von frühester Jugend an getragen war von einer Grundskepsis allen totalitären Ansprüchen gegenüber und einer Liebe zum geschriebenen Wort, die über die Liebe zum Leben hinausging. Unmittelbar nach Kriegsende, Ingeborg Bachmann war 18 Jahre alt, begegnet sie dem britischen Besatzungssoldaten Jack Hamesh, einem Wiener Juden, dem 1938 die Emigration gelang: eine enge Freundschaft entsteht. Dass dieses junge Mädchen, das den Krieg in Kärnten miterlebt hat, Bücher gelesen hat, die während des Nationalsozialismus verboten waren, beeindruckt Hamesh zutiefst – den Tod vor Augen las Ingeborg Bachmann Rilkes "Stundenbuch" ebenso wie Baudelaires "Les Fleurs du Mal". Hamseh, der sich in Ingeborg Bachmann verliebt, wandert 1946 in das damalige Palästina aus – seine Briefe an Ingeborg Bachmann sind Teil dieses feinen, erkenntnisreichen Buches, das nicht zuletzt erschütternde Einblicke in den Dialog zwischen Kindern der Opfer und der Täter gewährt.
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5. ex aequo: Bettina Balàka (16 Punkte) NEU
(c) Haymon Verlag
"Auf offenem Meer", Haymon

Einmal mehr erweist sich Bettina Balàka als Spezialistin für historische Stoffe. Ihre Erzählungen führen in einen stalinistischen Kerker, in dem angebliche "Volksfeinde" auf ihre Hinrichtung warten; auf ein britisches Schiff zur Zeit Sir Isaac Newtons; und nach Tirol während der nationalsozialistischen Diktatur. Wie schon im Roman "Eisflüstern" besticht die österreichische Autorin auch in ihrem neuen Buch durch die gelungene Kombination von fiktiver Handlung und genau recherchiertem historischen Hintergrund. "Auf offenem Meer" erzählt von kleinen Helden und großen Feiglingen, von der vernichtenden Wirkung totalitärer Ideologien und von der absurden Logik der Geschichte.
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7. ex aequo: Max Frisch (15 Punkte) NEU
(c) Suhrkamp
"Entwürfe zu einem dritten Tagebuch", Suhrkamp

In den Jahren 1982 und 1983 sind in den USA diese Tagebuchentwürfe des Schweizer Autors entstanden. Erhalten haben sie sich als Abschrift seiner einstigen Sekretärin, gefunden wurden sie erst im vergangenen Jahr. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat sie nun herausgegeben und kommentiert. Einmal mehr geht es Frisch in seinen Aufzeichnungen um die Beziehung zu Frauen - das Verhältnis mit seiner jüngeren Geliebten Alice Locke-Carey, das ihn zu "Montauk" inspirierte, endete zu dieser Zeit -, aber auch um die Unzufriedenheit mit seiner eigenen Literatur und dem Schreiben an sich. Zudem setzt er sich in den zum Teil bewusst literarischen Notizen, Skizzen und Textentwürfen aus Anlass des Ablebens seines Freundes Peter Noll mit dem Tod auseinander und mit der politischen Atmosphäre in den USA: Diese war Anfang der achtziger Jahre deutlich von den Möglichkeiten eines Atomkriegs gezeichnet - und Frisch gehörte zu jenen, die damals im Central Park für den Frieden demonstrierten.
7. ex aequo: Andrea Grill (15 Punkte) NEU
(c) Otto Müller Verlag
"Das Schöne und das Notwendige", Otto Müller

Ein moderner Schelmenroman, der immer wieder ins Surreale kippt: Finzens und Fiat, zwei wenig zielstrebige Vertreter des männlichen Geschlechts, planen das große Geschäft: mittels einer indonesischen Schleichkatze wollen sie Kaffeebohnen veredeln und teuer verkaufen. Die österreichische Autorin kann ihr Biologie-Studium hier perfekt nutzen: in der Schilderung des Dschungel-Tieres ebenso wie bei der Beschreibung von vierzig verschiedenen Kaffee-Sorten. Weniger Zoologie-getreu ist allerdings jenes Pferd, das man aufblasen kann – das gehört eher zu den zahlreichen kuriosen Einfällen, die Grills Buch unterhaltsam und lesenswert machen.
9. ex aequo: Tom Drury (14 Punkte)NEU
(c) Klett-Cotta
"Das Ende des Vandalismus", Klett-Cotta

Drurys neuer Roman ist eine ebenso realistische wie humorvolle Schilderung der amerikanischen Provinz. Im Mittelpunkt steht die Dreiecksbeziehung zwischen dem Gelegenheitsdieb Tiny Darling, seiner Frau Louise und dem Sheriff des verschlafenen Ortes. Rund um diese menage à trois entwirft Drury ein Panorama der amerikanischen Gesellschaft, mit viel Liebe für seine Figuren,
mit Sinn für absurde Komik und mit einer geradezu verschwenderischen Vielfalt an Geschichten. "Das Ende des Vandalismus" ist ein Heimatroman der ganz anderen Art.
9. ex aequo: Alice Munro (14 Punkte) NEU
(c) Dörlemann Verlag
"Tanz der seligen Geister", Dörlemann

Seit Jahren wird die auch im deutschen Sprachraum gefeierte Kanadierin 79jährige Alice Munro als Literaturnobelpreisträgerin gehandelt. Jetzt ist ihr Debutband aus dem Jahr 1968 erstmals auf Deutsch erschienen. Der Titel bezieht sich auf eine der fünfzehn Kurzgeschichte, in der es um eine gealterte Klavierlehrerin geht, der über die Jahre die Schüler immer mehr abhanden gekommen sind. So wie hier stehen auch in den anderen Texten Frauen im Mittelpunkt - mitsamt ihrem kleinstädtischen oder ländlichen Lebenskosmos, ihren Nöten und nicht immer glücklichen Beziehungen. Ohne großes Aufheben zu machen und mit einem genauen Blick für Minderprivilegierte und Außenseiter gibt Munro den alltäglichen Tragödien auf subtile Weise Raum.
Der persönliche Tipp von Klaus Zeyringer, Université Catholique de l'Ouest, Angers
(c) Hanser Verlag
Patrick MODIANO: Place de l'Étoile. Aus d. Französischen v. Elisabeth Edl (Hanser 2010)

Als Patrick Modiano, der in Frankreich als einer der ganz großen Schriftsteller gilt, 1968 sein erstes Buch veröffentlichte, wurde es sofort zum literarischen Ereignis. Weshalb sich die Kritik zutiefst beeindruckt zeigte und warum "La Place de l'Étoile" bislang nicht auf Deutsch vorlag, führt die kongeniale Übersetzerin Elisabeth Edl nun im Nachwort aus (man sollte es zuerst lesen!). Dieser ungemein starke Roman werde einem "ins Gesicht springen", hatte ein Pariser Journalist gemeint. Die Identitäts-Rollenspiele des Raphael Schlemilovitch, die insbesonders auch das Frankreich der Kollaboration ergründen, sind der Grundstein des imposanten Gesamtwerks von Patrick Modiano.
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