Kategorien
Film Serie Show Kinder Sport Kultur Doku Magazin Information

 

DIE BESTEN 10 IM MÄRZ

 
1. Arno Geiger (85 Punkte)
(c) Hanser
"Alles über Sally", Hanser

Man stelle sich vor: ein ganz normales, etwas in die Jahre gekommene Paar, drei Kinder, allesamt schon mehr oder minder auf eigenen Beinen stehend und dann bricht jemand in das Familienhaus in Wien ein und es kommt ans Tageslicht, was sich subkutan ohnehin schon angekündigt hat: die Beziehung zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter, also zwischen Sally und Alfred, ist nicht mehr das, was sie einmal war. Eine herkömmliche Ordnung zerfällt zusehends in Chaos und dieses sorgt schließlich dafür, dass wieder alles in Ordnung kommt, wenn auch in eine andere. So in etwa lässt sich Arno Geigers erster Roman seit seinem großen Erfolgsbuch "Es geht uns gut" im Jahr 2005 zusammenfassen. Es ist ein mit den Mitteln des Realismus erzählter Roman über Liebe und Verrat, ein Text, der nicht zuletzt deutlich macht, dass häufig Menschen, die glauben, einander besonders nahe und vertraut zu sein, wenig voneinander wissen, beziehungsweise irgend einmal aufgehört haben, einander über den Alltag hinaus als autonome, mit Sehnsüchten und Wünschen ausgestattete Menschen wahrzunehmen. Mehr in OE1.orf.at ...
2. Paulus Hochgatterer (51 Punkte)
(c) Deuticke
"Das Matratzenhaus", Deuticke

Krimi und Sozialdrama, Unterhaltung und Gesellschaftskritik, massentauglich und dennoch literarisch anspruchsvoll – der gleichermaßen als Kinder- und Jugendpsychiater wie Autor tätige Österreicher Paulus Hochgatterer entzieht sich auch mit seinem neuen Buch "Das Matratzenhaus" jeglicher genremäßiger Festlegung, changiert der Text doch gekonnt zwischen den Genres. Mit den bereits aus "Die Süße des Lebens" bekannten Figuren, dem Kinderpsychiater Raffael Horn und dem Kriminalkommissar Ludwig Kovacs wird aus unterschiedlichen Perspektiven eine Rachegeschichte der besonderen Art erzählt, die das oft tabuisierte Thema Kindesmissbrauch aufrüttelnd zur Sprache bringt. Als Leitmotiv fungiert - wie so oft bei Hochgatterer - die Musik, deren kunstvolle Verwebung in den facettenreichen Text eine weitere Interpretationsebene eröffnet. Mehr in OE1.orf.at ...
3. Andrea Winkler (24 Punkte) NEU
Ausschnitt Cover (c) Zsolnay
"Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe.", Zsolnay

Wenn man Literatur als eine spezifische Form betrachtet, die Welt zu sagen, nicht zu bestätigen, die Welt zu durchdringen, nicht zu besiegeln, dann gehören Andrea Winklers Texte zum Herausragendsten, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zur Zeit zu bieten hat. In den Texten der in Wien lebenden gebürtigen Oberösterreicherin werden Welt und Sprache zusammengedacht: Es gibt darin kein Außerhalb der Sprache, kein Außerhalb der Welt. In ihrem jüngsten Buch "Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe" beweist Andrea Winkler abermals, dass in ihrer Literatur Entschiedenheit und Fragilität untrennbar miteinander verwoben sind, dass darin nichts gilt, was sich selbst in seiner Gültigkeit nicht beständig befragt. In "Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe" steht ein Ich im Zentrum, dessen Glauben an eine Begegnung mit einem Du von eben diesem nicht geteilt wird und das sich trotz aller Missverständnisse und Zerrüttungen von der Behauptung der eigenen Sprache und damit von der Behauptung einer eigenen Erinnerung, vom eigenen Leben nicht (mehr) abbringen lässt. Es heißt darin an einer Stelle programmatisch auch an den Leser gerichtet: "Haben Sie Nachsicht, ich bitte Sie, mein Freund, kommen Sie näher und teilen Sie meine Verwirrung, die Lust auf ein Leben, das sich noch verspielen lässt, das Verlangen nach etwas Rätselhaftem." Mehr in OE1.orf.at ...
4. Ulrike Draesner (21 Punkte)
(c) Luchterhand
"Vorliebe", Luchterhand

Vorliebe ist hier ein doppeldeutiges Wort: Die Astrophysikerin Harriet, die mit ihrem Partner und dessen Sohn glücklich lebt, hat eine Vorliebe für Mathematik und auch eine Vor-Liebe namens Peter. So heißt ihr einstiger, inzwischen längst verheirateter Schwarm, mit dem sie zufällig wieder zusammentrifft. Es ist der Beginn einer wundersamen Beziehung samt Romantik, Erwartungen und Ehebruch, die dazu führt, dass das Leben der beiden - erwartungsgemäß - aus den Fugen gerät. Eine Alltagsgeschichte vielleicht, aber so wie Draesner sie erzählt, keineswegs eine banale: Denn allein die fallenreiche Sprache lenkt ab vom allzutiefen Schwelgen in Gefühlen.
5. Gabi Kreslehner (15 Punkte) NEU
Ausschnitt Cover (c) Picus
"In meinem Spanienland", Picus

Carmen heißt die Hauptfigur, ein sich alleingelassen fühlendes Mädchen, deshalb, weil ihr inzwischen längst verschwundener Vater möglicherweise ein Spanier war. Mit ihrer Mutter lebt sie in einer Kleinstadt, das Verhältnis zwischen beiden ist angespannt und kompliziert. Die junge Frau, der die mütterliche Liebe fehlt, scheint oft im Weg zu stehen, wird sexuell mißbraucht und flieht immer wieder in ihr imaginiertes Spanienland. Autorin Kreslehner hat zuletzt mit mehrfach preisgekrönter Jugendliteratur auf sich aufmerksam gemacht - jetzt beindruckt sie mit diesem Romandebüt.
6. Martin Walser (13 Punkte) NEU
Ausschnitt Cover (c) Berlin University Press
"Mein Jenseits. Novelle", Berlin University Press

Martin Walser meldet sich mit diesem schmalen Buch als hochkarätiger Literat zurück: Mit seiner Novelle "Mein Jenseits" - seine erste Novelle seit seinem großen Erfolg "Das fliehende Pferd" Ende der 1970er Jahre - antwortet er, will man den Text politisch verorten, einer Gesellschaft, die sich vor allem in ihrem Rationalismus gefällt. Der Kern, um den das Buch kreist, ist die Behauptung: Wir alle sind in den wichtigsten Lebensmomenten vielmehr Gläubige als Wissende. Anhand der Geschichte von Augustin Feinlein, seines Zeichens Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, erzählt Martin Walser in einer fast durchsichtigen, sich selbst an keiner Stelle im Weg stehenden Sprache davon, dass sowohl Kunst als auch Religion in einem Mangel-Empfinden ihren Grund haben. Und weil diesen Mangel - auf die eine oder andere Art - alle Menschen in sich tragen, es immer Religion und Kunst geben wird, der Mensch in seiner existenziellen Grundstruktur also immer Gläubiger bleiben und nie ganz Wissender wird werden können. "Ich weiß, wie kräfteverzehrend es ist, etwas zu glauben", sagt Augustin Feinlein in "Mein Jenseits" einmal, "andererseits: die Bedingung, die allein den Glauben produziert, heißt Aussichtslosigkeit. So lange noch ewas möglich ist, glaubt man nicht. Unmöglichkeit kann man nur mit dem Glauben beantworten. Not lehrt Glauben." Mehr in OE1.orf.at ...
7. ex aequo: Thomas Bernhard/Siegfried Unseld(12 Punkte)
(c) Suhrkamp
"Der Briefwechsel", Suhrkamp

Der Patriarch und der Dichter - ein Zweckbündnis, eine Männerfreundschaft (und gelegentliche -feindschaft), eine Geschäftspartnerschaft und gegenseitige Abhängigkeit. Wie sich diese Beziehung zwischen dem Chef des Suhrkamp-Verlags und dem österreichischen Schriftsteller entwickelt hat, wie beide miteinander spielten oder einander auch subtil bis unerbittlich erpressten, illustriert der einzigartige Briefwechsel auf bewegende bis amüsante Weise. Denn hier demonstrieren zwei große Persönlichkeiten des literarischen Lebens auch, dass für sie prosaische Dinge wie Geld und Ruhm mindest genauso wichtig waren wie die Literatur.
7. ex aequo: J.M. Coetzee (12 Punkte) NEU
Ausschnitt Cover (c) S.Fischer
"Sommer des Lebens", S.Fischer

Im Februar feierte J.M. Coetzee seinen siebzigsten Geburtstag. Fast zeitgleich ist der dritte Teil seiner literarischen Autobiografie erschienen, in der er trickreich auf Distanz zu sich selbst geht. Er erfindet einen jungen Biografen, der Freunde, Freundinnen und eine Verwandte eines verstorbenen Dichters namens John Coetzee nach dessen Leben befragt. Geschickt spielt Coetzee dabei mit biografisch Wahrem und mit falschen Fährten, läßt die Frauen intime Details über ihren verklemmten Ex-Freund enthüllen und balanciert irritierend zwischen Selbstironie und Mystifikation. Mehr in OE1.orf.at ...
9. ex aequo: Richard Obermayr (10 Punkte) NEU
Ausschnitt Cover (c) Jung und Jung
"Das Fenster", Jung und Jung
Zwölf Jahre hat es gedauert, bis der Oberösterreicher Richard Obermayr nach seinem verstörenden wie begeisternden Debütroman "Der gefälschte Himmel" jetzt sein lange erwartetes neues Buch vorgelegt hat. Und genau um dieses Vergehen der Zeit, um die unwiederbringliche Vergangenheit, geht es in "Das Fenster". Auch der neue Roman ist keine Lektüre für zwischendurch. Zu dicht ist Obermayrs Sprache, zu viel Aufmerksamkeit verlangt sie dem Leser ab. Obermayr erzählt keine Geschichte. Er hinterlässt literarische Puzzelstücke, die es zusammenzufügen gilt. Erinnerungen an die Kindheit des Autors blitzen wie in Worte gefasste Fotografien auf. Immer wieder regt Obermayrs bildhafte Sprache dazu an, beim Lesen innezuhalten und die eigene Vergangenheit hervorzukramen.
9. ex aequo: Bernhard Strobel Punkte NEU
Ausschnitt Cover (c) Droschl
"Nichts, nichts", Droschl (10)

Bereits vor drei Jahren hat der 1982 in Wien geborene Autor Bernhard Strobel mit seinem Erzählband "Sackgasse" begeisterte Kritiken geerntet. Sein neuer Band mit Erzählungen dreht sich wieder um gescheiterte Existenzen und um Menschen, die festgefahren erscheinen. Und wieder ist alles aus der Perspektive von Männern erzählt. Diese Männer sind nicht mehr jung, sind ernüchtert oder haben resigniert, werden gedemütigt oder demütigen sich selbst. Nüchtern ist auch Strobels Sprache, mit der er problematische familiäre Verflechtungen, Alltagskatastrophen und die Ausweglosigkeit beschreibt, mit all ihrer Trostlosigkeit und ihren - wenn auch seltenen - tragikomischen Zügen.
Der persönliche Tipp von Uwe Schütte, Aston University, England:
(c) dtv
"Die Kalendergeschichten. Sämtliche Erzählungen aus dem 'Rheinländischen Hausfreund' von Johann Peter Hebel, Cotta & dtv

Nicht selten wird er mit Friedrich Hebbel verwechselt, dem 1863 in Wien verstorbenen Dramatiker. Johann Peter Hebel (1760-1826) aber war ein eher sanfter, bescheidener Schriftsteller, eigentlich ein Theologe und Pädagoge, der sich der kleinen Form verschrieben hatte. Seine von 1803 bis 1819 entstandenen Erzählungen und kurzen Prosastückchen verfasste er hauptsächlich als Kalendergeschichten für den "Rheinländischen Hausfreund". Dass diese nicht selten anrührenden überhaupt gesammelt in Buchform erschienen, ist dem Druck des Verlegers Cotta zu verdanken. Dem dtv Verlag wiederum zu danken ist für die hervorragende Neuausgabe, die zum wohlfeilen Preis von 15 Euro sämtliche Texte samt hilfreichen Anmerkungen und aufschlussreichen Nachwort präsentiert. Eine Einladung, Hebel (neu) zu entdecken, die man nicht ablehnen sollte.
bar
ORF eins ORF 2 ORF III Kultur und Information ORF Sport+