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1. Thomas Bernhard/Siegfried Unseld (41 Punkte)
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 "Der Briefwechsel", Suhrkamp
Der Patriarch und der Dichter - ein Zweckbündnis, eine Männerfreundschaft (und gelegentliche -feindschaft), eine Geschäftspartnerschaft und gegenseitige Abhängigkeit. Wie sich diese Beziehung zwischen dem Chef des Suhrkamp-Verlags und dem österreichischen Schriftsteller entwickelt hat, wie beide miteinander spielten oder einander auch subtil bis unerbittlich erpressten, illustriert der einzigartige Briefwechsel auf bewegende bis amüsante Weise. Denn hier demonstrieren zwei große Persönlichkeiten des literarischen Lebens auch, dass für sie prosaische Dinge wie Geld und Ruhm mindest genauso wichtig waren wie die Literatur. |
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2. Ulrich Becher (26 Punkte)
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 "Murmeljagd", Schöffling & Co
Hierzulande ist der Berliner, von den Nazis verfolgte Autor Ulrich Becher (1910 - 1990) vor allem als Co-Autor des Theaterstücks "Der Bockerer" bekannt, das 1948 in Wien uraufgeführt wurde. Mit "Murmeljagd" hat der Schöffling-Verlag seinen Roman aus dem Jahr 1969 wiederentdeckt, in dem er auf rund 700 Seiten Flucht und Bedrohung, Wahn und Witz, groteske Situationen und eigenwillige Figuren und Biografien schildert. Im Mittelpunkt steht ein aus österreichischem Adel stammender Sozialist, verheiratet mit der Tochter eines Clowns. Das Ehepaar flieht vor den Nazis in die Schweizer Berge. Doch der Protagonist fühlt sich auch dort nicht sicher: Seine Paranoia und merkwürdige Begebenheiten machen ihm das Leben zur Hölle. Dennoch begegnen Becher (und seine Hauptfigur) den größten Schrecken und politischen wie privaten Hiobsbotschaften sentimentalitätsfrei und auf sehr spezielle Art: "Dafür aber, dass der Leser den Parcours durch die Geisterbahn dieser finsteren Epoche zwar atemlos, aber dennoch mit gefasster Heiterkeit absolviert, sorgen der eminente Sprachwitz, die bodenlose Selbstironie und der tintenschwarze Humor dieses Erzählers, für den die Tragödie seiner Zeit von einer Groteske nicht zu unterscheiden war." (Ernst Osterkamp, Frankfurt Allgemeine Zeitung) |
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3. Alissa Walser (21 Punkte) NEU
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 "Am Anfang war die Nacht Musik", Piper
Dieser Roman kann auf den zweiten Blick mehr, als er auf den ersten verspricht: Alles dreht sich in "Am Anfang war die Nacht Musik" um die Beziehung zwischen dem umstrittenen Heiler und Arzt, Begründer der Lehre des "animalischen Magnetismus" Franz Anton Mesmer und der blinden Pianistin und Sängerin Maria Theresia von Paradis - deren Blindheit soll Mesmer, so behaupten manche Quellen, kurzfristig geheilt haben. Davon geht auch Alissa Walser in ihrem Roman aus. Ort und Zeit des Geschehens: Wien und Paris im 18. Jahrhundert. Und doch hat man beim Lesen das Gefühl, dass sich all das, in anderen Kleidern, auch heute ereignen könnte: Die Sprache des Textes hebt den Stoff in die Gegenwart. Was Alissa Walser hier interessiert, ist nicht das Erzählen von großen historischen Errungenschaften, vielmehr das literarische Bearbeiten von Begebenheiten und Erfahrungen, die nicht zu einer anerkannten Sprache gefunden haben und aus diesem Grund kaum in unserem Bewusstsein verankert sind, ohne deshalb weniger gültig zu sein. "Am Anfang war die Nacht Musik" ist nicht zuletzt ein Plädoyer für die Möglichkeit von Begegnung zwischen Menschen, sei sie noch so kurz und flüchtig und ein engagiertes Stück Literatur insofern, als darin das literarisch gestärkt wird, was sich in der Geschichte nicht durchsetzen konnte.
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4. Paulus Hochgatterer (20 Punkte) NEU
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 "Das Matratzenhaus", Deuticke
Krimi und Sozialdrama, Unterhaltung und Gesellschaftskritik, massentauglich und dennoch literarisch anspruchsvoll – der gleichermaßen als Kinder- und Jugendpsychiater wie Autor tätige Österreicher Paulus Hochgatterer entzieht sich auch mit seinem neuen Buch "Das Matratzenhaus" jeglicher genremäßiger Festlegung, changiert der Text doch gekonnt zwischen den Genres. Mit den bereits aus "Die Süße des Lebens" bekannten Figuren, dem Kinderpsychiater Raffael Horn und dem Kriminalkommissar Ludwig Kovacs wird aus unterschiedlichen Perspektiven eine Rachegeschichte der besonderen Art erzählt, die das oft tabuisierte Thema Kindesmissbrauch aufrüttelnd zur Sprache bringt. Als Leitmotiv fungiert - wie so oft bei Hochgatterer - die Musik, deren kunstvolle Verwebung in den facettenreichen Text eine weitere Interpretationsebene eröffnet. |
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5. Arno Geiger (19 Punkte) NEU
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 "Alles über Sally", Hanser
Man stelle sich vor: ein ganz normales, etwas in die Jahre gekommene Paar, 3 Kinder, allesamt schon mehr oder minder auf eigenen Beinen stehend und dann bricht jemand in das Familienhaus in Wien ein und es kommt ans Tageslicht, was sich subkutan ohnehin schon angekündigt hat: die Beziehung zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter, also zwischen Sally und Alfred, ist nicht mehr das, was sie einmal war. Eine herkömmliche Ordnung zerfällt zusehends in Chaos und dieses sorgt schließlich dafür, dass wieder alles in Ordnung kommt, wenn auch in eine andere. So in etwa lässt sich Arno Geigers erster Roman seit seinem großen Erfolgsbuch "Es geht uns gut" im Jahr 2005 zusammenfassen. Es ist ein mit den Mitteln des Realismus erzählter Roman über Liebe und Verrat, ein Text, der nicht zuletzt deutlich macht, dass häufig Menschen, die glauben, einander besonders nahe und vertraut zu sein, wenig voneinander wissen, beziehungsweise irgend einmal aufgehört haben, einander über den Alltag hinaus als autonome, mit Sehnsüchten und Wünschen ausgestattete Menschen wahrzunehmen.
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6. A.L. Kennedy (16 Punkte)
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 "Was wird", Wagenbach
"Kunst ist eine gefährliche Sache", hat A.L. Kennedy einmal gesagt, "sie macht Menschen lebendig". Das gilt auch für ihren jüngsten Erzählband, in dem sie Momentaufnahmen aus dem Leben von Menschen versammelt, die sich mit gebrochenem Herzen und verletzter Seele durch die Welt zu schlagen versuchen. A.L. Kennedy arbeitet sich einmal mehr an Themen wie scheiternde Liebesbeziehungen und körperliche Gebrechen ab und macht mit psychologischer Subtilität deutlich, dass die Protagonisten ihrer Texte und damit auch wir alle mit der Welt, in der sie/wir leben, untrennbar verwoben sind. Dem Scheitern kommt im literarischen Kosmos Kennedys nicht ein Ausnahmerang zu, vielmehr wird es als existenzielle Konstante verstanden. Und trotzdem oder gerade deshalb spricht aus diesen Texten so etwas wie Hoffnung: sie gründen auf und werden angetrieben von einer Sehnsucht, deren Bestimmung die Unerfüllbarkeit ist. Dass die schottische Schriftstellerin, Filmemacherin und Dramatikerin A.L.Kennedy gegenwärtig zu den lesenswertesten jungen europäischen Autoren zählt: das beweist sie auch mit diesem Erzählband.
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7. Kathrin Schmidt (14 Punkte)
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 "Du stirbst nicht", Kiepenheuer&Witsch
Ein Roman voller Offenheit über das Überleben einer Krankheit. Nach einer Hirnblutung lag die Protagonistin Helene zwei Wochen im Koma. Jetzt heißt es, langsam zum Gewohnten zurückkehren, ärztlich verordnete Übungen und Therapien zu absolvieren, sich an Früheres zu erinnern und Vergessenes wieder zu lernen. Reminiszenzen an vergangene lustvoll-irritierende Beziehungen und die Probleme in der Ehe tauchen auf. Verständnis und Verständigung fallen schwer, dazwischen aber gibt es für Helene auch Fröhlichkeit und Zuversicht. "Es dauert, bis sie jemand versteht. Wahrscheinlich beläuft sich die Verständnisscheide auf wenige Sekunden, aber sie rechnet sie noch nicht ein, ist jedes Mal entsetzt über das gähnende Loch zwischen dem Moment des Aussprechens und dem Verstehen". Eindrucksvoll beschreibt Kathrin Schmidt das Heil-Werden und den Umgang mit nicht nur körperlichen Verletzungen. |
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8. ex aequo: Georges Perec (12 Punkte) NEU
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 "Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten", Klett-Cotta
Nein, das ist kein Ratgeber, vielmehr ein gewitzter kafkaesker Hürdenlauf quer durch Büros, Chefzimmer und Sekretariate. Der 1936 geborene französische Autor Gerges Perec, der mit 46 Jahren an Lungenkrebs starb, erzählt in diesem, im Nachlass wiederentdeckten Text eine skurrile, formal durchkomponierte Alltaggeschichte - ohne Punkt, Komma und Großbuchstaben: In der Hoffnung auf höheres Salär pilgert ein Angestellter Richtung Chefbüro. Dass er mit seinem Vorhaben scheitert, ist quasi vorprogrammiert. Ein Organigramm, ausgetüftelt von einem Freund von Perec, der in einem Rechenzentrum arbeitete, verdeutlicht die umständlichen und unerquicklichen Wege. "Das Ganze ist ein Dokument der Vergeblichkeit und der Sinnlosigkeit allen Ehrgeizes", so die "Süddeutsche Zeitung", "dabei im Ton so heiter wie melancholisch, ein bisschen so, als würde Jacques Tati Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" verfilmen." |
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8. ex aequo: Lew Tolstoi (12 Punkte) NEU
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 "Anna Karenina", Neuübersetzung: Rosemarie Tietze, Hanser
Zwanzig Mal wurde Leo Tolstois berühmter Roman über die, wegen ihrer außerehelichen Liebe unglücklich endende Anna Karenina bereits ins Deutsche übertragen, zuletzt vor fünfzig Jahren. Rosemarie Tietze beeindruckt nun mit einer neuen Übersetzung, für die sie intensive Recherchen über das Leben im Russland des späten 19. Jahrhunderts angestellt hat. Sie hat Briefwechsel und Sekundärliteratur durchforstet, Museen besucht und Historiker befragt, um ein möglichst plastisches Bild der damaligen Zeit zu erhalten. Statt, wie es in früheren Übersetzungen oft üblich war, Sätze sprachlich zu glätten oder zu vervollständigen, gelingt es ihr, den Sprachduktus des Dichters originalgetreu wiederzugeben. "Wer Anna Karenina vollständig liest und sich nicht mit Zitat oder Erinnerungen an eine tragisch-pikante Ehebruchsgeschichte begnügt, wird ein größeres Werk antreffen: ein Epos des russischen Lebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.", so Hannelore Schlaffer in der "Süddeutschen Zeitung". |
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10. ex aequo: Siri Hustvedt (11 Punkte) NEU
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 "Die zitternde Frau", Rowohlt
Ein irritierendes autobiografisches Ereignis als Ausgangs- und Angelpunkt einer literarischen Forschungsreise. Nach dem Tod ihres Vaters, während einer Gedenkrede in der Universität, in der er lehrte, beginnt Hustvedt aus unerklärlichen Gründen zu zittern. Auch wenn sie ihren Körper nicht in Griff bekommt - ihre Rede setzt sie ungehindert fort. Der Vorfall wiederholt sich und Hustvedt begibt sich mit Hilfe von Psychoanalytikern und Neurowissenschaftern, historischer Literatur, Fachpublikationen und Erinnerungen an ihre Kindheit auf die Suche nach dem Ursprung dieses Phänomens. Dazu hinterfragt sie mögliche Zusammenhänge zwischen zerebralen Störungen und künstlerischem Schaffen. Ein einzigartiges, sehr persönliches Buch voll intellektueller Schärfe ist in Folge dieser Recherchen entstanden, die auch Hustvedt selbst geholfen haben, die rätselhafte Störung zu akzeptieren.
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10. ex aequo: Ulrike Draesner (11 Punkte) NEU
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 "Vorliebe", Luchterhand
Vorliebe ist hier ein doppeldeutiges Wort: Die Astrophysikerin Harriet, die mit ihrem Partner und dessen Sohn glücklich lebt, hat eine Vorliebe für Mathematik und auch eine Vor-Liebe namens Peter. So heißt ihr einstiger, inzwischen längst verheirateter Schwarm, mit dem sie zufällig wieder zusammentrifft. Es ist der Beginn einer wundersamen Beziehung samt Romantik, Erwartungen und Ehebruch, die dazu führt, dass das Leben der beiden - erwartungsgemäß - aus den Fugen gerät. Eine Alltagsgeschichte vielleicht, aber so wie Draesner sie erzählt, keineswegs eine banale: Denn allein die fallenreiche Sprache lenkt ab vom allzutiefen Schwelgen in Gefühlen. |
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Der persönliche Tipp von Brigitte Schwens-Harrant, Die Furche:
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 "Menschenkind" von Toni Morrison, Rowohlt
Der Roman der afroamerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Morrison spielt 1873, zur Zeit der Reconstruction, der Zeit nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Abschaffung der Sklaverei. Jahre zuvor richtete die mit ihren Kindern flüchtende Sethe, als sie aufgegriffen wurde, die Säge gegen die eigene Tochter, um sie nicht den Weißen zu überlassen. Nun kommt das tote Kind als fleischgewordene Erinnerung, als "Menschenkind" zurück.
Ein Roman über Traumata und Schmerz, über Verdrängung und Gedächtnis, über Schuld – den Mord des eigenen Kindes – und die Schwierigkeit, Freiheit zu erlangen, das heißt auch: eine eigene Identität zu finden, nachdem man jahrzehntelang wie ein Tier behandelt und vermessen worden war, definiert von weißen Männern. Deren Definitionen haben sich ins Innere eingeschrieben – wie kann man sich selbst da je als Mensch begreifen, "Ich" sagen – und lieben lernen?
In Morrisons Roman trifft die afrikanische Tradition der Geistergeschichten und Zaubermärchen, Mythen und Legenden auf das Wissen um das psychische und physische Zerstörungspotenzial von Traumata und findet eine beeindruckende literarische Form: Die Erfahrungen überfallen die Figuren und Leser als plötzliche Rückblenden. Die kollektive Geschichte der Sklaven wird als "flash backs" vergegenwärtigt: Bruchstückhaft und mit vielen Leerstellen tauchen Erinnerungsfetzen an die sogenannte "Middle Passage" auf, jene grauenhaften Sklaventransporte von Afrika über den Atlantik nach Amerika, die Wochen und Monate dauerten.
Es ist eine gefährliche Erinnerung: Sie frisst die Überlebenden auf. Die Anwesenheit Menschenkinds saugt Sethe das Leben aus, lässt sie fast zugrunde gehen. Tochter Denver aber sieht das Kleinwerden ihrer Mutter. Es ist die nächste Generation, die keine Erinnerungen mehr an die Sklaverei hat, die nun "die ausgetretenen Pfade der Geschichte, die vor ihr lagen" betritt und handelt. Die versteht, dass die Vergangenheit präsent ist, aber nicht das Leben der Mutter kosten darf. |
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