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DIE BESTEN 10 IM DEZEMBER

 
1. David Grossman: (22 Punkte)
(c) Hanser
"Eine Frau flieht vor einer Nachricht", Hanser

Ein ganz gewöhnliche Familie als Spiegel der Situation eines Landes. David Grossmann, einer der großen Romanciers Israels, konfrontiert seine Protagonistin mit dem Entschluss ihres Sohnes, freiwillig als Soldat ins Westjordanland zu gehen. Aus Angst vor den womöglich unausweichlichen tödlichen Folgen dieser Unternehmung flieht sie nicht ins innere Exil, sondern geht sie mit ihrem früheren Freund auf Wanderung: In den gemeinsamen Gesprächen und Selbstreflexionen entfalten sich Lebensbilder und Psychogramme von Menschen, in deren Biografien das Private und das Politische eng verschränkt sind. Grossmann, dessen Sohn während des Schreibens des Buches selbst in einem militärischen Manöver getötet wurde, erweist sich einmal mehr als subtiler Psychologe wie als mitreißender und mitfühlender Erzähler über die Allgegenwart von Liebe und Angst und über die Kraft des (gesprochenen) Wortes.
2. ex aequo: Alois Hotschnig: (18 Punkte)
(c) Kiepenheuer & Witsch
"Im Sitzen läuft es sich besser davon", Kiepenheuer&Witsch

Er gehört zweifellos zu den interessantesten, weil unbestechlichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart: der in Innsbruck lebende gebürtige Kärntner Alois Hotschnig. Mit seinem soeben erschienenen Erzählband beweist er abermals, dass es nur mit sprachlicher Präzision möglich ist, der Absurdität und Vergeblichkeit der Existenz literarisch gültig beizukommen. Anhand von Themen wie Alter, Tod und Gebrechlichkeit macht Hotschnig in diesem Erzählband mit viel groteskem Witz und ganz ohne erhobenen Zeigefinger deutlich: das Leben ist verworren, brüchig, umso mehr gilt es Klarheit, nicht Eindeutigkeit zu schaffen – nur so lässt sich der eigenen Wahrheit ein Stück näher kommen. Alois Hotschnig schreibt auch mit diesem Band gegen die bequeme Unmündigkeit an und das in einer entschlackten Sprache, die stets auf der Hut vor sich selbst ist.
2. ex aequo: Colum McCann: (18 Punkte)
(c) Rowohlt
"Die große Welt", Rowohlt

"Die Welt ist böse, darauf läuft es hinaus, und Hoffnung ist nicht mehr und nicht weniger als das, was man mit eigenen Augen sehen kann," heißt es in Colum McCanns neuem Roman "Die große Welt". Zwischen Hoffnung und Abgrund entwickelt sich auch dieser Text, der rund um Philip Petits Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers im Jahr 1974 gebaut ist, im Grunde aber von der 9/11-Katastrophe erzählt, ohne diese je explizit zu erwähnen. Es ist nicht Philip Petit und dessen Geschichte, die Colum McCann hier literarisch auslotet, ebenso wenig wie der Terrorakt im Jahr 2001, vielmehr interessieren McCann auch in diesem Buch wieder die Geschichten unterprivilegierter Durchschnittsmenschen, die inmitten von großen Weltereignissen mit ihrem eigenen, kleinen Leben zu Rande zu kommen versuchen. Zerstörung und Schönheit gehen hier Hand in Hand, ebenso wie Zuversicht und Verzweiflung – wie im Leben selbst. "Wir haben alle Angst", sagt Corrigan, einer der Protagonisten im Buch an einer Stelle, "sie steht uns ins Gesicht geschrieben, liegt uns auf der Zunge. Wenn wir sie uns bewusstmachen würden, müssten wir verzweifeln. Aber wir können nicht einfach aufhören. Wir müssen immer weitermachen".
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4. Ilma Rakusa: (15 Punkte) NEU
(c) Droschl
"Mehr Meer", Droschl

Es ist ein großes, zartes Erinnerungsbuch, das Ilma Rakusa mit "Mehr Meer" vorlegt: Kindheit und Jugend in Mitteleuropa, als dieses Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg seine politischen und kulturellen Konturen neu eingeschrieben bekam. Ilma Rakusa geht ihrer eigenen Vergangenheit auf den Grund und lässt sie in Blitzlichtern auferstehen: sie, Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter, mit mehreren Sprachen und viel Welt im Gepäck. Ihre Lebensstationen reichen von einer slowakischen Kleinstadt über Budapest, Ljubljana, Triest nach Zürich. Es ist das Gefühl der Fremdheit in der Welt, das Gefühl des Nie-ganz-Dazugehörens, das hier literarisch umkreist wird und ein Beschwören dessen, was von all den Orten und Begegnungen bleibt, die einem das Leben beschert. Und immer wieder, und von Anbeginn an die Liebe zur Musik und Literatur: sie hat in einer tief empfundenen existenziellen Obdachlosigkeit ihre Wurzeln. "Ich war ein Unterwegskind", schreibt Ilma Rakusa, "in der Zugluft des Fahrens entdeckte ich die Welt, und wie sie verweht. Ich fuhr weg, um anzukommen, und kam an, um wegzufahren".
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5. ex aequo: Rainald Goetz: (12 Punkte) NEU
(c) Suhrkamp
"loslabern", Suhrkamp

Ein wilder Abgesang auf den Beginn des zweiten Jahrtausends im Allgemeinen und auf den deutschen Kulturbetrieb im Speziellen: Vom Buchmessen-Small-Talk bis zum F.A.Z.-Empfang reichen die Momentaufnahmen aus der Welt der Reichen, Schönen und (Ohn)Mächtigen des Feuilletons und Literaturbetriebs. Unermüdlich hat sich Goetz in den letzen Jahren Gespräche notiert, Zeitungsmeldungen und Zitate gesammelt und Menschen betrachtet, die zu Gefallen glauben oder durch den Börsencrash gefallen sind. Entstanden ist ein episodenhaftes, schnoddriges und pointiertes Kompendium aus charakteristisch gestalteten Sätzen, die - so die deutsche "taz"- oft "funkeln wie polierte Juwelen".
5. ex aequo: Ferdinand von Schirach: (12 Punkte) NEU
(c) Piper
"Verbrechen", Piper

Als Strafverteidiger hat Ferdinand von Schirach Spione, Industrielle und auch Unprominente vor Gericht vertreten. Seine Kurzgeschichten haben mit diesem Alltag nicht zu tun. Vielmehr spürt er den persönlichen Geschichten der Menschen nach, die eine Straftat begangen haben - vom Mord bis zur Zerstörung eines antiken Kunstwerkes -, verlässt dabei die Position des Anwalts und der Amtssprache und wechselt in die des Schriftstellers. Behutsam geht er dabei den Gedanken der Beteiligten und ihren familiären Situationen nach und zeigt auf, wie es nach der Verurteilung mit den Menschen weiterging. Damit ist ihm ein großes stilles Buch über die ganz normalen menschlichen Abgründe gelungen.
7. Reinhard Kaiser-Mühlecker: (11 Punkte)
(c) Hoffmann und Campe
"Magdalenaberg", Hoffmann und Campe

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem Tod seines Bruders ganz neu über sein Leben, seine Vergangenheit und sich selbst nachdenken muss. Behutsam entwickelt sich auch die Geschichte mit Katharina, einer Frau, die kommt und wieder geht – mehr nicht. Und dies alles eingebettet in die oberösterreichische Landschaft, der Heimat des preisgekrönten Schriftstellers. Der titelgebende Magdalenaberg ist ein Bergrücken südlich von Pettenbach, jenem Ort, aus dem der Ich-Erzähler des Romans stammt, in unmittelbarer Nähe von Eberstalzell, wo Kaiser-Mühlecker aufgewachsen ist. Der literarische Stil gleicht einem Versuch, sich der übertriebenen Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft durch extreme Langsamkeit zu entziehen. "Magdalenaberg" ist weder Anti-Heimatliteratur, noch eine Romantisierung ländlicher Idylle, sondern eine Geschichte über Abschied nehmen, Verlust und Sprachlosigkeit.
8. ex aequo: Walter Kohl: (10 Punkte) NEU
(c)  Zsolnay
"Wie riecht Leben?", Zsolnay

Durch einen schweren Fahrradunfall vor vierzehn Jahren hat der Journalist Walter Kohl seinen Geruchsinn verloren. Detailliert und persönlich beschreibt er die medizinischen und vor allem psychischen Folgen dieses Unglücks. Die Diagnosen und Therapien, die Veränderung im Alltag und in den Beziehungen zu anderen Menschen. Kohl schildert das Auftauchen von Phantomgerüchen, sein verändertes erotisches Begehren, Kindheitserinnerungen und Krankenhausleid - unsentimental, trocken und manchmal verzweifelt.
8. ex aequo: Hanns-Josef Ortheil: (10 Punkte) NEU
(c) Luchterhand
"Die Erfindung des Lebens", Luchterhand

Eine Reise in eine stille Kindheit: Die Mutter ist nach dem Tod ihrer ersten vier Kinder verstummt; die meiste Zeit verbringt sie lesend. Von ihrem Sohn wird sie abgöttisch geliebt - auch er spricht kein einziges Wort. Schweigend isoliert er sich von der Umwelt, bis ihm die Musik, die Natur und die Zuversicht seines Vaters schließlich aus seiner Einsamkeit helfen. Der deutsche Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat hier seine eigene Kindheit zum Thema gemacht - und ein sprachlich wie inhaltlich tief beeindruckendes Buch über Stillstand und Veränderung geschaffen. Mehr in OE1.orf.at ...
8. ex aequo: Philip Roth: (10 Punkte) NEU
(c) Hanser
"Portnoys Beschwerden", Hanser

Ein Kultbuch und einstmals ein Skandal: Philip Roth lässt in diesem frühen Erfolgsroman den dreiunddreißigjährigen Alexander Portnoy lamentieren und räsonieren - über sein Sexualleben und seine Schuldgefühle, über sein verzweifeltes Bemühen, sich mittels mitunter recht eigenwilligen sexueller Aktivitäten aus der Abhängigkeit seiner Familie zu befreien, aber auch über das Selbstverständnis eines in den USA lebenden Juden. Vierzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches gibt es die hintergründigen Stadtneurotiker-Bekenntnisse in der neuen Übersetzung von Werner Schmitz nun wieder auf Deutsch.
Die persönliche Empfehlung von Christian Schacherreiter, OÖ Nachrichten
(c) Sonderzahl
Rudolf Burger - "Jenseits der Linie". Ausgewählte philosophische Erzählungen. "

Den Essay halte ich für die Königsdisziplin der Moderne. Es gibt aber nur wenige, die ihn auch königlich beherrschen, gebildet, kritisch, sprachgewandt. Rudolf Burger ist einer von ihnen. Dass er auch zu Einspruch und Widerspruch herausfordert, unterstützt mein Urteil eher, als es zu widerlegen. Denn der Essayist, wie ihn Burger selbst im Anschluss an Michel de Montaigne definiert, verschafft sich bewusst angreifbare Spielräume der Subjektivität, die ultimative Wahrheiten von vornherein ausschließen. Dass Burger selbst seine Texte als "philosophische Erzählungen" bezeichnet, unterstreicht den Anspruch auf Offenheit, auf die ambivalente Grenzexistenz zwischen Wissenschaft und Ästhetik. Bei Sonderzahl ist 2009 eine Sammlung von Burger-Essays erschienen, die sich hoffentlich kein Leser mit Freude an gehobenen Denkoperationen entgehen lässt. Von seiner wunderbar ironischen Kritik der Postmoderne über traditionelle Themen der Philosophie bis zu politischen Reflexionen spannt Burger den weiten Bogen seiner provozierenden Denkkraft.
bar
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